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Kriegskinder-Cover

Texttreff-Blogwichteln 2014

Jedes Jahr veranstaltet der Texttreff das Blogwichteln: Jede Textine, die mitmachen möchte, wirft ihr Blog in einen Lostopf und schreibt für eine andere. Dieses Jahr schreibt meine Kollegin Sandra Schindler für mich. Ein lustiger Zufall, denn auch sie beschäftigt sich mit alten Briefen.  Aber lassen wir sie selbst zu Wort kommen:

Hallo, mein Name ist Sandra Schindler, ich bin, wie Gesa, Lektorin – und habe das große Vergnügen, sie dieses Jahr im Rahmen der Texttreff-Wichtelaktion mit einem Blogbeitrag beschenken zu dürfen.

Als ich Gesa kennenlernte und einige „ihrer“ Briefe las, bearbeitete ich selbst gerade ein rührendes Zeitdokument: „Kriegskinder: Erinnerungen aus der Verwandtschaft von Joachim Schepke“ von Hans-Otto Farfsing.

Zum Inhalt des Buchs: Hans-Otto Farfsing hatte während des Zweiten Weltkriegs ein ganz gewöhnliches Schicksal. Er war nicht Mitglied der Weißen Rose, er hinterfragte nichts, sondern er folgte, wie so viele andere auch. Gerade dieser blinde Gehorsam und die Erklärungsversuche für das damalige Verhalten Jahrzehnte nach Ende des Hitlerregimes machen das Buch so authentisch.

Kriegskinder-Cover

Der zweite Teil des Buchs besteht aus einer Sammlung von Briefen aus der damaligen Zeit: Eine Mutter versucht den Kontakt mit ihrem Mann zu halten, während sie mit ihren Kindern an wechselnde Orte flüchten muss. Währenddessen bleibt der Mann in Ludwigshafen, dem alten Wohnort, und muss mit ansehen, wie alles, was er erreicht hat, immer wieder wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Die Trennung von der Familie, der ganze Schmerz, das Elend des Krieges, aber auch die kleinen Freuden des Lebens (wenn z. B. ein Brief sehnlichst erwartet und zum größten Geschenk wird, weil man den Sender bereits tot geglaubt hat), all das schildern die Farfsings, Verwandte des berühmten U-Boot-Kapitäns Joachim Schepke, in ihren lesenswerten Memoiren.

Ich habe mir mit der Erlaubnis der Farfsings einen Brief ausgesucht, der die damalige Lage ganz gut beschreibt. Es handelt sich um einen Weihnachtsbrief, den die auf das Land geflüchtete Frau ihrem Mann am Abend vor Weihnachten schreibt.

Dazu Tochter Hildegard Farfsing etliche Jahrzehnte später: „Dann kamen die traurigsten Weihnachtstage, die ich je erlebt habe. Bei wildfremden Menschen, die uns nicht mochten, ohne unseren Vater, von dem wir Kinder nur wenig wussten. Ob es Weihnachtsgeschenke gab und was es zur letzten Kriegsweihnacht zu essen gab, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Nur was aus den Briefen unserer Mutter hervorgeht, zeigt, welche Mühe sie sich gab, um den Kindern die Weihnachtstage einigermaßen schön zu machen.“ (S. 171)

Und hier nun der Brief:

23.12.44
Mein lieber Fritz!
Am Christvorabend mit großer Sehnsucht Deiner gedenkend schreibe ich diese Zeilen. Wie im Vorjahr werden wir auch dieses Jahr das Weihnachtsfest ohne unseren lieben Vati verbringen müssen. Wie hart dies ist, läßt sich nicht sagen. Bis heute hoffte ich noch im Geheimen, daß Du doch noch kommen könntest, nun glaube ich nicht mehr daran. Ein Trost, wir sind nicht die Einzigen, welche unter dem Weihnachtsbaum ihres lieben Vatis draußen in der Fremde in Liebe gedenken.

Hoffen wir, die nächste Weihnacht im Frieden wieder gemeinsam verbringen zu dürfen. Die Kinder freuen sich ja so auf den Beschertag, obwohl alle drei wissen, daß das Christkind in diesem Jahr besonders arm ist. Dir, mein liebster Mann, kann ich nichts schenken als meine Liebe und Treue. Wenn Du vielleicht nach Weihnachten kommst, wirst Du noch Dein Gebäck bekommen, welches ich extra für Dich aufhebe. Mein Leckermäulchen von früher muß doch heute alles entbehren.

So Gott will, dürfen wir nach diesen harten Kriegsjahren auch noch eine Reihe glücklicher Jahre zusammen mit den Kindern verleben. Hildegard weinte sehr, als ich ihr vorlas, daß Du von einem Tiefflieger beschossen worden bist. Wo konntest Du so rasch Deckung nehmen? Sei vorsichtig. Wenn Du nicht kommst, heben wir unseren Christbaum bis zu Deinem Kommen auf? Ich stelle denselben auf den Speicher, da wir wohnlich jetzt sehr eingeschränkt sind, wie Du ja schon weißt. Hildegard und Horst kaufen mir gerade noch in Straßkirchen ein. Helmut ist unten bei seinen Freunden (den Schweizers). Die Kinder haben Ferien bis zum 8. Januar.

Gestern kam der Mann von Frau Meier (evakuiert aus Zweibrücken) schon seit sie hier ist zum zweiten Mal auf Urlaub. Ich bin ja so traurig, daß Du nicht kommst auf Weihnachten. Bei uns ist es jetzt kalt geworden. Seit 8 Tagen ist die Erde steinhart gefroren. Gottlob, daß der Matsch weg ist. Morgens sind unsere Fenster mit den schönsten Eisblumen bemalt. Die Phantasie unserer Kinder ist so groß, daß sie alles Mögliche in den Eisgebilden erblicken. Fast täglich überfliegen uns die Feindflieger, in Straubing fielen über hundert Bomben, meistens ins freie Feld. Hildegard und Helmut haben nicht die geringste Angst vor den Fliegern. Nur Horst und ich sind ängstlich. Ich nehme mich zusammen. Jetzt wo die vielen Flüchtlinge auf dem Lande leben, müßte doch etwas für den Luftschutz gesorgt sein, aber dies ist nicht der Fall. Am besten wär‘s hier im freien Felde. Bedauerlich, daß überhaupt kein Wald in der Nähe ist – nichts als Flachland. Auch keine Bäume rechts und links der Landstraßen. Ich wäre viel lieber im Bayerischen Wald. Wenn Du an Weihnachten bei Deinen Kameraden weilst, bist Du nicht allein, denn Deine Kinder und ich weilen im Geiste bei Dir. Stets auf ein baldiges Wiedersehen hoffend umarmt und küßt Dich Deine ganze Familie, insbesondere Deine Dich liebende Frau.

Zwar hat sich der Ort des Geschehens verlagert, doch ist die Problematik bedauerlicherweise immer noch hochaktuell. Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern eine schöne, ruhige Weihnachtszeit und hoffe, dass jeder Einzelne in diesen Tagen an diejenigen Lebewesen denkt, denen es nicht so gut geht – und seinen Teil dazu beiträgt, das diesjährige Weihnachtsfest auf seine eigene Weise ein ganz klein wenig friedlicher zu gestalten.

Sandra Schindler
Diplom-Übersetzerin Sandra Schindler arbeitet hauptberuflich als Lektorin. Sie hat nicht nur Hans-Otto Farfsing bei der Verlagssuche unterstützt, sondern auch anderen Autoren geholfen, einen seriösen Verlag zu finden. Im Ehrenamt lektoriert sie das VEBU-Mitgliedermagazin natürlich vegetarisch. Sie fungiert außerdem für eine ihrer Kundinnen, die Autorin Sandra McKee, als Agentin, Marketingchefin und PR-Frau.
Sandra Schindler bloggt über Übersetzen, Sprache, Marketing, gesunde/vegane Ernährung und Ökologie.

Apfel, Nuss und Mandelkern: Blogstöckchen #apfelnussmandelkern

Wenke Bönisch von Garten2null stellte Fragen. Und weil das Fragen sind, die ich fast ausnahmslos mit einem Wort beantworten kann, habe ich das auch gleich getan. Der besseren Unterhaltung halber habe ich noch ein paar Schmuckwörter um das allumfassende eine Wort gelegt.

Wer auch etwas dazu schreiben möchte, möge das Blogstöckchen aufgreifen und dies tun. Ich denke da besonders an Mariella, die hat da bestimmt einiges zu sagen.

 wie gestalten Sie das Jahresende?
 welche lustigen Geschichten haben Sie zu Advent, Weihnachten oder Silvester erlebt?
 was bedeutet Ihnen der November oder der Dezember?
 was verbinden Sie mit der Lichterzeit?
 auf was freuen Sie sich jetzt besonders?
 was nervt Sie jetzt mehr als im übrigen Jahr?
 wie gestalten Sie Ihren Garten, Ihr Haus oder Ihre Wohnung? (gerne sehen wir uns Fotos, Fotos, Fotos an)
 welche Bücher lesen Sie jetzt oder haben sich vorgenommen zu lesen?
 und die Frage aller Fragen: kaufen Sie jetzt schon Weihnachtsgeschenke ein?

Macht warm und gemütlich: der Ofen. Kann man auch Pizza, Nachos mit Käse und Bratäpfel drin machen

Macht warm und gemütlich: der Ofen. Kann man auch Pizza, Nachos mit Käse und Bratäpfel drin machen

Wie gestalten Sie das Jahresende?
Gemütlich. Winter ist ja bekanntermaßen die Zeit, in der man ein bisschen näher zusammenrückt, die Hände schützend (oder vielmehr sich wärmend) um eine Tasse glühenden Getränks gelegt, gern auch am Kamin. Stress möchte man vermeiden, ist damit aber nicht immer erfolgreich. Schließlich sind um die Weihnachtszeit die meisten Altbekanntschaften in der Heimat, es besteht also die Chance, einen ganzen Haufen von ihnen zu treffen. Das muss organisiert und natürlich auch durchgeführt werden. Trotzdem verweigere ich mich recht erfolgreich jeglichem Stress.
Hilfreich für die Vorweihnachtszeit ist, dass der Bergedorfer Weihnachtsmarkt (der mit der schönen Schlosskulisse) bis Silvester geöffnet bleibt, sodass man nach den Feiertagen entspannt drüberschlendern kann bzw. können wird, es ist ja noch nicht so weit.

Welche lustigen Geschichten haben Sie zu Advent, Weihnachten oder Silverster erlebt?
Ich kann mich an viele schöne Silverster erinnern, verwüstete Häuser und ein windstilles und demzufolge vollkommen von Feuerwerk zugeräuchertes Berlin 1999/2000. Lustige Geschichten? Fehlanzeige.

Was bedeutet Ihnen der November oder der Dezember?
Der November ist grau, der Dezember meistens zwar auch, aber da er mit Weihnachtsbeleuchtung und dem ganz besonderen Weihnachtsflair angereichert ist, finde ich ihn wesentlich sympathischer. November heißt: Es wird kalt und windig, es ist dunkel und ungemütlich. Aber es ist auch die Zeit der Laternenumzüge.
Dezember heißt: Es ist zwar kalt und windig, aber die Dunkelheit ist mit Kerzen beleuchtet und es ist gemütlich.

Schlecht erkennbar, weil es ja gar nicht dunkel ist: Schwibbogen

Schlecht erkennbar, weil es ja gar nicht dunkel ist: Schwibbogen

Was verbinden Sie mit der Lichterzeit?
Gemütlichkeit! Falls meine Antworten noch nicht deutlich genug waren, hier noch einmal der Hinweis, dass ich Dunkelheit in Verbindung mit Kerzen sehr gemütlich finde. Ich sitze am Ofen und esse Plätzchen, draußen weht der Wind, es darf auch schneien, aber das passiert ja doch nur selten.
Lichter trägt natürlich auch Lucia am 13. Dezember auf dem Kopf, allerdings wohnt sie (obwohl Italienerin) in Schweden und ich hatte bisher keine Lust, mich zwischen die Menschenmassen auf dem Hamburger Luciafest zu quetschen. Vielleicht sind da auch gar keine Menschenmassen, ich traue mich aber nicht, das auszuprobieren.

Winterhaus

Winterhaus

Treppchen von innen, durch Karteikasten etwas herabgesetzt

Treppchen von innen, durch Karteikasten etwas herabgesetzt

Auf was freuen Sie sich jetzt besonders?
Auf Weihnachten an sich, wobei ich die Vorweihnachtszeit schon auch sehr genieße. Hatte ich die Gemütlichkeit erwähnt?

Was nervt Sie jetzt mehr als im übrigen Jahr?
Der Stress der anderen. Der nervt mich immer, aber nur kurz vor Weihnachten schreien einem alle (na gut, nicht alle, aber viele) ihren Stress ins Gesicht. Wenn man Menschen hat, die Geschenke verdienen, sollte man dafür doch eher dankbar sein als sich über den Stress des Geschenkekaufens aufzuregen.

Wie gestalten Sie Ihren Garten, Ihr Haus oder Ihre Wohnung?
Mit zwei Bastelkindern gibt es immer genug Deko, wenn man dann noch eine dekokaufwillige Schwiegermutter hat, gerät man fast in Platznot. Wobei sie zum Kaufen von untereinander hängenden Sternen/Engeln neigt, man braucht also nur genug Nägel in der Wand oder an der Decke.

Sterne ... über meiner Arbeitszimmertür ...

Sterne … über meiner Arbeitszimmertür …

... am Deckenbalken hinten ...

… am Deckenbalken hinten …

... und am Deckenbalken vorne

… und am Deckenbalken vorne

Farblich abgepasst: Engel im Klo

Farblich abgepasst: Engel im Klo

Oder im Bad, da hat man ja auch Haken.

Gern erbe ich aussortierte Deko aus den Altbeständen meiner Eltern und Schwiegereltern, wegen des Nostalgieeffekts. Auf Wunsch meines Mannes gibt es nun auch einen Schwibbogen in unserem Fenster. Ein bisschen schäme ich mich dafür, andererseits kann man einen gewissen Gemütlichkeitsfaktor nicht leugnen.

Zusätzlich erbten wir gestern ein Treppchen von der Omi meines Mannes. Ein Treppchen! Na gut, wer zur Weihnachtszeit mal in Schweden war, weiß, wie gemütlich … äh. Ich habe die verblassten Plastiktannennadelkerzenumrundungen entfernt und das Ding tatsächlich in mein Arbeitszimmer gestellt. Quasi als Warnung für die Autofahrer: Achtung, Hausecke!

Mein Garten ist ungestaltet. Ich werde mir keine Rentiere in den Garten stellen und mir auch keinen Weihnachtsmann aufs Dach werfen. Immerhin gibt es zwei Weihnachtssterne im Haus. Einen neuen, vorschriftsmäßig roten, und einen vom letzten Jahr, der sogar ein paar kleine, rote Blätter bekommen hat.

Rote Blätter trotz meiner Pflege

Rote Blätter trotz meiner Pflege

Welche Bücher lesen Sie jetzt oder haben sich vorgenommen zu lesen?
Ich lese, was auf meinem Tisch landet, egal, ob ich es selbst hingelegt habe oder es ein Rezensionsexemplar ist. Wobei ich mir auch die selbst aussuche. Nervös werde ich, wenn mir die Bücher ausgehen und ich mich ausschließlich an Altbeständen bedienen kann. Ab und zu was lesen, das ich schon kenne, ist zwar in Ordnung, aber kein akzeptabler Dauerzustand.

Und die Frage aller Fragen: Kaufen Sie jetzt schon Weihnachtsgeschenke ein?
Ich kaufe das ganze Jahr über Geschenke, wenn sie meinen Weg kreuzen. Trotzdem bleiben immer ein paar übrig, die auf den letzten Drücker hermüssen. Auch das ist inzwischen aber restlos erledigt.

20.12.1935: Mein Lieb! (Leni)

Wir springen zurück ins Jahr 1935 – Leni ist in Friedrich verliebt. Übers Wochenende ist sie mit Mama aufs Gut gefahren – selbst gefahren, wohlbemerkt. Auf unserem Besuch dort vor Kurzem wurde uns erzählt, dass die Straße erst seit ein paar Jahren befestigt ist.  

N., den 20.XII.35

Mein Lieb!

Eigentlich habe ich zum Schreiben gar keine Zeit, denn der Tag ist mit Weihnachtsarbeiten voll ausgefüllt, deshalb wird es nur kurz, aber ein desto herzlicher Gruß zum Sonnabendnachmittag. Wie Du ihn wohl genießt, vor allem durch die Vorfreude auf die folgenden Festtage mein Puck, ich wünsche Dir so sehr, daß Du Dich dann etwas erholen und ausspannen kannst.

Unsere Fahrt gestern war furchtbar und ich werde so etwas niemals wieder machen. Ich konnte Mama und den Wagen zwar unversehrt abliefern, nachdem ich gute 6 Stunden auf der völlig vereisten Strasse in höchstens 30 km Tempo dauernd umherschlidderte. Geduld und rasende Vorsicht hat es möglich gemacht, daß wir hier unbeschadet ankamen. Denk Dir, es war spiegelblankes Eis, nur in den Städten und Dörfern nicht und nur sehr selten auf einigen Anhöhen gestreut. Wenn es am Sonntag nicht anders ist, kommen wir per Bahn.

Eben höre ich, daß keine Postgelegenheit mehr in den nächsten Ort ist, alle Leute sind eher als sonst fortgegangen, dabei ist es erst 4 Uhr.

Hier draußen ist es wunderhübsch, es hat den ganzen Tag geschneit und dann die schöne Luft.

Mein Lieb, am Montag müssen wir uns sehen, ich habe Dir noch garnicht von unserem Mann aus Japan erzählt, der bei Alice wohnt.

Es liebt Dich und gibt Dir einen innigen Kuß

Deine Leni.

Mann aus Japan? Darüber weiß ich gar nichts. Zwar wohnte einer von Friedrichs Brüdern in Japan, der kann aber kaum gemeint sein!

02.09.1936: Die alten Zeiten! (Ingrid)

Ingrid hat wieder viel zu erzählen – außerdem muss sie sich noch für die Weihnachtsgeschenke bedanken. Diesmal gibt es bei Leni Neuigkeiten!

La U., 2. Sept. 36.

Liebe Leni, lieber Friedrich,

Dieser Brief sollte schon lange bei Euch sein und es ist für seine Verzögerung nicht einmal eine Entschuldigung zu finden. Ist es doch schon mehr als 14 Tage her, daß Euer frohes Telegramm hier eintraf. Leni, wir haben soviel an Euch gedacht und von Euch Beiden gesprochen, uns so unendlich mit Euch gefreut; aber ich glaube, Du verstehst, wie es so geht wenn man all das in Worte fassen will – man wartete auf eine ruhige Stunde um mit allen Gedanken bei Euch zu sein. –

Wie schön, daß es nun soweit ist und wie gerne wären wir jetzt mit Euch zusammen um Euch so richtig sagen zu können wie sehr wir uns freuen! Ich kann mir ja vorstellen wie selig Ihr seid, wie Ihr Pläne schmiedet und anfangt Euer kleines Heim einzurichten und ich wünsche Euch, daß Ihr es bald verheiratet beziehen könnt. Mutti schrieb Du wärest eifrig auf Wohnungssuche und hättest erwas in der Geffkenstr. in Aussicht. Ich erinnere reizende rote Backsteinhäuser dort, und sehe Euch schon in einer wonnigen Etage mit den hübschen neuen Laden. Das Geschäft der Wohnungssuche hast Du ja genug betrieben in alten Zeiten, mit welch anderen Gefühlen wirst Du jetzt losziehen! Die alten Zeiten! Wie werden die dann versinken, wenn das neue Leben zu zweit begonnen hat – man kann es sich garnicht mehr vorstellen, daß man einmal allein war!

Wie schön, daß Friedrich seine Lehrlingszeit so schnell beendet hat und eine so gute Anstellung gefunden. Daß freut mich besonders für ihn. Eure Hochzeit, Leni werdet Ihr sicher sehr still und schön feiern. Wie schwer wird es uns nicht dabei zu sein und wie innig werden wir in Gedanken mit Euch und Mama verbunden sein an dem Tag, der auch vor allem Mama, trotz aller Freude an Eurem Glück, so schmerzlich stimmen wird. Ich sehe noch so deutlich Mamas und Papas glückliche Gesichter an unserem Hochzeitstag. Wie wird Mama sich allein fühlen. Und doch ist es ein trostreicher und schöner Gedanken daß Papa um Eure Zukunft gewußt hat und sich noch daran freuen konnte.

Liebe Leni es ist zwar reichlich spät, Dir jetzt erst für die Weihnachtsgeschenke zu danken; ich schrieb Mama schon, daß ich, als Rudu Dir zum Gebutstsag schrieb, im Bett lag. Ich muß Dir jetzt sehr danken für die beiden Wechselrahmen und das Inselbuch, es war so lieb von Dir an uns zu denken, wir haben uns so gefreut. Du kannst Dir vorstellen wie gut wir die Rahmen für unserre Postkarten gebrauchen können und wie hübsch sie in der schlichten Silberumrahmung aussehen.

Bea bekam zur Feier von Rudus Geburtstag zwei Zähne auf einmal und ist sonst die alte Vergnügte; groß wird sie und lernt jeden Tag mehr. Zu süß ist es, wie sie alles nachzumachen versucht, flöten, Kopfschütteln und zu Backe Backe Kuchen sagt sie schon bake, bake. Nur die Haare wachsen sehr bedächtig, ganz helle flaumige Krussellocken hat sie und sehr dunkelblaue Augen mit langen dunkleren Wimpern. Wir sind ja so glücklich, dass wir sie haben. Ihren Papa hat sie erst langsam wieder kennen lernen müssen, er war viel fort in der letzten Zeit auch an seinem Geburtstag; deshalb war ich so froh, ihn wenigstens an unserem 2 jährigen Hochzeitstag! hier zu haben.

Könntet Ihr nur einmal schnell hineinsehen in unser Häuschen und wir vier in der gemütlichen Wohnzimmerecke einen langen Klöhn veranstalten! All unsere Schätze müßtet Ihr betrachten und sehen wie schön es in U. ist.

An der Hinterseite des Hauses entsteht ein Zimmer für Bea “annexo Beate“ in dem ich unendlich hoffe Mutti und Mama unterzubringen. Ganz vielleicht wird Mutti uns besuchen. Ich male es mir so wundervoll aus, wenn Achim Mama und Mutti mitbringt! Leni, rede nur allen ordentlich zu!

Ich will schließen. Von Herzen wünschen wir Euch Beiden, daß sich alles so gestaltet wie Ihr es erhofft und senden Euch in großer Mitfreude viele liebe Gedanken.

Eure Ingrid.

./.

Ihr lieben Beiden!

Ingrids Wünschen schließe ich mich von Herzen an und möchte noch einmal betonen, wie gern ich bei Euch wäre in diesen Wochen.

Immer von neuem erleben wir hier draußen die Bedeutung eines glücklichen Zusammenseins von Mann und Frau und in dieser Erkenntnis möchte ich von einem gütigen Geschick für Euch alles das erbitten, was die Erfüllung eines solchen Glücks in sich birgt.

Von Herzen

Euer Rudu.

Leni heiratet! Na gut, das kam für mich jetzt nicht so überraschend. Ingrid und Rudu scheinen sich aufrichtig zu freuen und aus Ingrids (wieder recht atemlosen) Brief meine ich herauszulesen, dass auch sie glücklich ist. Bei dem Inselbuch handelt es sich ganz sicher um eins der hübschen Bücher aus dem Insel-Verlag. 

Schiffsbriefpapier

21.12.1933: Niemand reelles an Bord (Rudu)

Statt Brief 19 gibt es heute Brief 20, weil 19 ja neulich schon aus Versehen dran war. :)

Schiffsbriefpapier

Schiffsbriefpapier

[Briefpapier: Norddeutscher Lloyd Bremen]

D. „Bremen“ [vorgedruckt] 21.12.1933

Liebe Leni und lieber Albrecht!

Euch beiden möchte ich sehr viele herzliche Wünsche zum Neuen Jahr senden. Ich werde mit meinen Gedanken wohl sehr viel bei Euch sein und mich, wenn auch nur für Stunden, unter Euch wünschen. Wie Ihr wohl die Ferientage verbringt, ob Ihr Gäste dorthabt in N.? Ich danke Euch noch herzlichst für die rührende Hülfe bei der Abfahrt. Morgen früh sind wir schon in New-York, die Fahrt ging unglaublich rasch. Außer Viktors Mutter mit ihrem Mann war niemand reelles an Bord, lauter Engländer oder Amerikaner. Heute hat man 2 Weihnachtsbäume aufgestellt, gut verankert, damit sie das Schaukeln vertragen. Papa ist munter und guter Dinge, wir haben beide viel gelesen und geschlafen.
Ihr müßt mir erzählen, wie Ihr die Ferientage verbracht habt und wer dort war. Schreibt mir nach La U., nicht nach Mexico.
Papa und ich haben festgestellt, daß wir die Poleinas nicht mithaben, ich glaube aber, daß sie in V. sind. Hoffentlich!
Ich schicke Euch eine Aufnahme von Papa und mir, wie wir in Bremerhaven an Bord gehen. „Im gleichen Schritt und Tritt“ – hoffen wir’s!
Grüßt alle die dort sind, Hausgenossen und Gäste, und seid vor allem selbst innigst umarmt von
Eurem Rudu,
der mit sehr viel Liebe an Euch denkt.

Mit Poleinas sind offenbar Polainas gemeint, das sind Stulpen.

07.12.1932: Wirklich wahnsinnig wirkende Mittel (Rudu)

Rudu ist nach Amerika geflogen, wohl um die Ländereien von Papa und Guatemala im Allgemeinen zu besichtigen. Stattdessen wird er erstmal krank.

El B., 7. Dez. 32.

Liebe Leni –

hoffentlich nicht zu spät sende ich Dir meine herzlichsten Weihnachtsgrüße mit dem Wunsch, daß Du die Tage so vergnügt und munter, wie irgend möglich verbringst. Du bist ja Dein eigener Herr, man kann sich die Tage dann schon sehr nett gestalten.

Ich wollte Dir schon eher schreiben, aber mir ging es schon lange nicht gut. Am 22. kamen wir hier auf der Finca an. Am 23. war Papas Geburtstag und am 24. ging ritt ich mit ihm nach San M. und seit unserer Rückkehr am 26. fühlte ich mich nicht auf dem Damm. Man vermutet ja gleich den Magen und still für mich nahm ich gut wirkende Mittel. Endlich hatte ich solch Fieber, daß ich im Bett bleiben mußte, worauf Papa die Sache in die Hand nahm und mir Ricinus gab. Als auch das nichts nützte – ich hatte über 39° – kam Dr. A., der es auch noch mit einem wirklich wahnsinnig wirkenden Mittel versuchte. Nachdem ich so fast eine ganze Woche Abführmittel bekommen hatte – bis fast nichts mehr von mir übrig blieb – wurde dann festgestellt, daß es wohl Malaria ist, ich bekam 2 Einspritzungen und die Sache ist gut. Ich bin jetzt wieder auf, nur noch ein bischen matt. Dr. A. war wirklich sehr nett und scheint sehr tüchtig zu sein. Morgen geht es nach U., wo Papa schon seit Tagen ist und traurig ist, daß ich nicht mitkonnte, und übermorgen geht es nach Tapachula.

In Guatemala City waren wir ein paar Tage und besuchten auch Dr. G. Der erzählte ulkige Dinge von Dir und wir schrieben Dir eine Karte. Sehr nett war auch der Tag in Antigua.

Hier gab es natürlich zuerst unglaublich viel zu sehen und durch meine Krankheit bin ich natürlich nicht genügend hinausgekommen. Ich werde es nachholen, wenn wir hier in den nächsten Monaten noch einmal herkommen werden. Von La V. aus werde ich Dir näheres berichten.

Wie Du wohl bei B. Dich fühlst?? Wie es wohl in R. mit Oma[,] Maria, Werner + dem Kuh Elend gehen mag?? Wir sind sehr gespannt von Dir zu hören.

Von Herzen wünsche ich Dir nochmals, liebe Leni, eine recht vorzügliche Weihnachtszeit und einen guten Rutsch ins Neue-Jahr.

Grüß alle, besonders Klaus, Günter, Ingrid wenn Du sie siehst.

Einen lieben O

von Deinem

Rudu.

Der Arme! Eine Woche unbehandelte Malaria und dann auch noch Abführmittel, das klingt nicht nach Spaß!

22.12.1930: … schade, daß Ihr Euch hier nicht mehr an die Gurgeln gehen könnt. (Rudu)

Späte Weihnachtspost von Rudu. Leni ist inzwischen in Malchow in der Landfrauenschule. Ist wohl nicht so prickelnd, rein gesellschaftlich betrachtet.

R., den 22. XII. [1930]

Meine liebe Leni,

vorerst einmal vielen Dank für Deinen lieben Brief, in Leipzig kam ich natürlich nicht dazu ihn zu beantworten. Mir will aus Deinen Zeilen so scheinen als ob Du es nicht gerade so glänzend da angetroffen, ich hoffte, daß es gesellschaftlich etwas bedeutender sein würde, aber ein Haus mit so viel Pensionären ist dafür ja nicht gerade so geeignet.  Im übrigen wirst Du recht viel sehen und erleben können!

Seit vorgestern bin ich wieder hier in R., hier geht alles seinen alten Gang. Leben in die Bude kommt natürlich durch Albrecht, schade, daß Ihr Euch hier nicht mehr an die Gurgeln gehen könnt. Ich fragte ihn, ob er Dir nicht zu Weihnachten schreiben wolle, er meinte, zu Neujahr sei früh genug.

Nach Weihnachten werde ich mit 3-4 Freunden nach N. gehen, das Wetter scheint dafür gut zu werden. Gestern war ich mit Klaus bummeln, wir trafen uns bei Hübner, wo Gert S. auf Andreas wartete. Gerd war wie immer ziemlich langweilig. Hinterher war ich mit Klaus auf dem Dom und dann in der Halali Bar. Wir endeten in der Libelle, wo ein recht ödes Programm uns vorgeführt wurde, trotz Sascha, der auch eigentlich nicht mein Schwarm ist.

In Leipzig war ich ziemlich fleißig, trotzdem fand ich Zeit, ein sehr nettes Mädchen aus Hamburg kennenzulernen, ein Frl. R. Wir gehen manchmal in schicke Tanztees. Tanzen tue ich jetzt überhaupt für mein Leben gern.

Liebe Leni, Dir ein frohes Weihnachtsfest zu wünschen ist wohl Ironie, doch hoffe ich, daß Du die Tage auch so recht fröhlich verlebst!

Einen herzlichen, lieben Buppen gibt Dir Dein

Rudolf

Mit ihrem jüngsten Bruder Albrecht scheint Leni weniger herzlich umzugehen als mit Rudu. Dessen Fleiß wiederum scheint sich eher in Unternehmungen auszuwirken. „Schicke Tanztees!“