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Lügen der Anderen

“Die Lügen der Anderen” von Mark Billingham

Drei urlaubende Paare, ein Mord. Und alles, was der Leser weiß, ist: Einer der sechs Protagonisten war es. Bis zum Schluss werden Verdachtsmomente gestreut und wieder aufgekehrt, jedesmal, wenn die Lösung ganz nah scheint, zerfällt sie wieder in ihre Einzelteile.

Erzählt wird die Geschichte aus der jeweiligen Sicht der sechs Protagonisten plus dem Ermittler in Amerika, wo der Mord stattfand, und der Ermittlerin in England, wo die Protagonisten wohnen.

Nach dem Urlaub bleiben die drei Paare in Kontakt und laden sich gegenseitig zum Essen ein. Am letzten Urlaubsabend war das Mädchen verschwunden, was dazu führt, dass bei jedem Treffen die einigermaßen ausgelassene Stimmung von der Frage nach dem Mädchen überschattet wird.

Jede der sechs Personen lässt uns an ihren Gedanken teilhaben. Nach und nach lernen wir die Ansichten und Probleme jedes Protagonisten kennen und bilden uns eine Meinung zu seinem oder ihrem Verhalten. Meistens beinhaltet diese Meinung, dass etwas an der Person merkwürdig ist, dass sie sich anders verhält, als man es erwarten würde.

Und dann erhalten wir Einsicht in die Gedanken des Mörders. Wem sehen diese Gedanken ähnlich? Sie würden zu jedem passen. Mist. Da bekommt man die Gelegenheit, den Mörder zu enttarnen und versagt kläglich. Kein Wunder, dass der Ermittler in Florida deprimiert ist. Immerhin ist die englische Ermittlerin sehr gut bei der Sache und erkennt die Zusammenhänge in einer angenehmen Geschwindigkeit. Kein An-den-Kopf-Fassen, weil Verknüpfungen ignoriert werden. Sehr schön.

Aber wer war es denn nun?

412 Seiten und erst auf Seite 371 nähern wir uns der Lösung. Nun wissen die anderen Paare etwas, das wir nicht wissen, doch wird ihnen dieses Wissen helfen?

Natürlich nicht.

Ein unglaublich thrilliges, schnelllesiges Buch, bei dem sich die Frage „Stopfe ich es für unterwegs in die Handtasche, obwohl es dick und schwer ist?“ selbst beantwortet.

Natürlich.

 

Lügen der Anderen 2

“Die Lügen der Anderen” ist im Atrium Verlag erschienen und für € 19,99 im Buchhandel erhältlich.

rehragout

“Rehragout”: Interview mit Lisa Graf-Riemann

Was habe ich mich auf dieses Buch gefreut! Letztes Jahr erschien “Hirschgulasch” von Lisa Graf-Riemann und Ottmar Neuburger – der wahrscheinlich spannendste Krimi, den ich je gelesen habe. Selten habe ich so mitgefiebert! Insofern ist es nicht verwunderlich, dass ich das Erscheinen des Nachfolgebandes kaum erwarten konnte. Endlich war er da, ich habe ihn gelesen … und die Euphorie blieb aus. Darüber war ich selbst ein bisschen verwundert, denn das Buch ist keineswegs schlecht.

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Fremde Länder und Sprachen - genau mein Ding

“Hier, dort und anderswo” von Andrea Behnke

Fremde Länder und Sprachen - genau mein Ding

Fremde Länder und Sprachen – genau mein Ding

Ja, ich habe bereits ein Buch von Andrea Behnke rezensiert. In dem ging es ums Großwerden. Diesmal ist das Thema „Kindergeschichten rund um die Welt“. Da ich selbst viel Zeit im Ausland verbracht habe, versuche ich meinen Kindern ein Gefühl dafür zu vermitteln, dass die Welt nicht überall gleich aussieht. Da das Buch für 4- bis 8-Jährige konzipiert ist, habe ich meine Kinder gleich drauf angesetzt.

Ungefähr da ist Afghanistan

Ungefähr da ist Afghanistan

Vor Kurzem wohnte eine Afghanin in unserer Straße, mit der meine Tochter (5) in der Vorschule sofort Freundschaft schloss. Sie war mit der Herzbrücke nach Deutschland gekommen, ihre Zeit hier war also begrenzt. Das Interesse meiner Tochter an fremden Kulturen ist durch diese Begegnung stark gewachsen – obwohl der Abschied sehr schmerzhaft war und noch ist.
Den Sohn (4) interessiert vor allem, wo das jeweilige Land auf der Weltkarte zu finden ist. Praktischerweise gibt es eine im Buch, auf der die Länder verzeichnet sind, um die es geht (Deutschland eingeschlossen).

Das Buch besteht aus zwei Teilen mit je fünf kurzen Geschichten: In den „Geschichten von hier“ geht es um Kinder mit Migrationshintergrund, die in Deutschland leben. Kimons Opa sehnt sich nach Griechenland, Jamila hat eine andere Hautfarbe. Mit Hayet feiern wir das Ende des Ramadan.
Die „Geschichten von anderswo“ erzählen von Kindern in fernen Ländern. Wir erfahren, wie Naoki in Japan für seine Prüfung lernt, während Leandro in Brasilien am Straßenrand Maiskuchen verkauft. Wir gehen in einen hinduistischen Tempel und wir feiern das Kirschblüten- und das Zuckerfest.

"Ist das in Afrika?"

“Ist das in Afrika?”

Nach jeder Geschichte werden Fragen zum Text gestellt. Während die Kinder mit Ausmalbildern und Bastelarbeiten beschäftigt sind, liefern „Redeanlässe“ Impulse, um das gerade Gehörte zu vertiefen. So kann das Kind Vergleiche zu seinem eigenen Leben ziehen. Da wir uns in letzter Zeit viel mit der Situation in Afghanistan beschäftigt hatten, kamen die Geschichten aus Kenia und Brasilien besonders gut an. Die Tatsache, dass nicht jedes Kind automatisch zur Schule gehen kann, hat meine Kinder extrem schockiert. Da konnte selbst die Aussicht auf einen sehr langen Schulweg nicht mithalten – lieber lange zu Fuß gehen müssen, als nicht zur Schule gehen dürfen.

"Darf ich das Buch in deinem Arbeitszimmer lesen?"

“Darf ich das Buch in deinem Arbeitszimmer lesen?”

Die Geschichten greifen typische Klischees aus den jeweiligen Ländern auf. Das könnte man anprangern, aber für diesen Zweck ist es sinnvoll. Es geht darum, den Kindern ein Gefühl dafür zu vermitteln, dass es woanders eben anders aussieht (und dass es deswegen nicht unbedingt schlechter ist) – und dass die Kinder doch überall irgendwie gleich sind.
Ich höre jetzt öfter Fragen wie „Müssen die Kinder in Afrika auch ins Bett?“, „Essen die Japaner Sushi zum Frühstück?“ – die Geschichten haben also offenbar einen Nerv getroffen.

Mehr über die Autorin und ihre weiteren Bücher erfahrt Ihr hier, dort findet Ihr auch eine Leseprobe.

Das Buch in seinem natürlichen Umfeld

“Social Media für Gründer und Selbstständige” von Constanze Wolff und Roland Panter

Das Buch in seinem natürlichen Umfeld

Das Buch in seinem natürlichen Umfeld

Als Selbstständige bekommt man ständig zu hören, wie wichtig Social Media für das berufliche Vorankommen ist. Allein, wer zeigt einem denn, wie es geht? Ja, ich bin bei Facebook, Xing, LinkedIn, Google+ und Twitter, aber wen außer meinen Freunden interessiert das denn? Wie kann ich diese Netzwerke beruflich sinnvoll nutzen?

Constanze Wolff und Roland Panter zeigen den richtigen Umgang mit den diversen Plattformen. Nacheinander werden die oben genannten Netzwerke vorgestellt, wobei immer der Nutzen für den/die Selbstständige/n im Vordergrund steht (Also im Endeffekt immer: Wie gewinne ich Kunden?). Außerdem erhält man hilfreiche Tipps zum Thema „eigenes Blog“.

Die beiden Autoren machen deutlich, dass jede/r ein Recht auf eine Lieblingsplattform hat. Niemand wird genötigt, auf allen Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen. Anhand der herausgearbeiteten Unterschiede zwischen den Netzwerken fällt es leicht, die eigenen Vorlieben zu erkennen und dementsprechend zu handeln.

Ich habe das Buch einmal von vorne bis hinten durchgelesen und war begeistert. Seitdem hat es meinen Schreibtisch nicht verlassen, sondern liegt als ständiges Nachschlagewerk immer in erreichbarer Nähe. Kein Buch zum Pflegen, sondern zum Zerlesen. Da sich in der Netzwerkwelt ständig Dinge ändern, wird bis zum endgültigen Auseinanderfallen des Buches hoffentlich ein Nachfolgeband erschienen sein.

Kaufempfehlung für alle, die sich mit dem Thema beruflich beschäftigen (müssen). Es macht tatsächlich Spaß!

Die Eisprinzessin und ihre Freunde

“Eisprinzessin” von Lisa Graf-Riemann

Die Eisprinzessin und ihre Freunde

Die Eisprinzessin und ihre Freunde

Endlich wieder* hat Lisa Graf-Riemann einen Krimi geschrieben, den dritten um Hauptkommissar Stefan Meißner aus Ingolstadt. Es ist ein Regionalkrimi (Oberbayern), aber das ist für mich als Ingolstadt-Nichtkennerin nebensächlich. Andere werden die Straßennamen wissend lächeln wiedererkennen, das ist ein schöner Bonus, den ich aber keineswegs brauche: Die Geschichte an sich ist es ja, worauf es ankommt, und die ließ mich das Buch nur widerwillig aus der Hand legen. Aus erziehungstechnischen Gründen darf ich beim Essen nicht lesen. Selber schuld.

Ab und zu fielen mir im Text kleine Unstimmigkeiten auf, z. B. wenn es nach Fleisch und Zwiebelringen riechen soll und ich mich fragte, ob man die Schnittweise der Zwiebeln wohl riechen kann.** Für den Lesegenuss spielt das aber keine Rolle, denn keine Unstimmigkeit verdirbt mir diese weiterlesfreundliche Lektüre. Das Buch ist so frisch erschienen, dass die Druckerschwärze quasi noch feucht ist. Dementsprechend aktuell ist die Anspielung auf die Pferdefleischlasagne.

Das Innenleben der agierenden Personen ist überzeugend und authentisch beschrieben; sensationell ist die Darstellung von Moritz Eberl unter Drogeneinfluss. Da fragt man sich doch glatt, ob Frau G.-R. das selbst ausprobiert hat. Lieber verbuche ich die Szene aber als schriftstellerische Meisterleistung.

Insgesamt ein flüssiger, cleverer und spannender Krimi, dem man auch dann mühelos folgen kann, wenn man die ersten beiden Bände nicht kennt. Lesen sollte man sie dennoch. Zur Erinnerung: Sie heißen „Eine schöne Leich“ und „Donaugrab“. Dazu empfehle ich „Hirschgulasch“, das Lisa Graf-Riemann gemeinsam mit Ottmar Neuburger geschrieben hat. Furios!

*Man kann wirklich nicht sagen, dass die Autorin beim Schreiben trödelt! Ich warte aber so ungern, deshalb wird mir die Zeit so lang …

**Vielleicht ist das ja auch so ein Regionalding, dass man in Ingolstadt halt weiß, wenn die Art von Fleisch gebraten wird, gibt es Zwiebelringe dazu.