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Frohes neues Jahr?!

Stürmisch geht es zu im neuen Jahr. In jeder Hinsicht. Ich muss Euch nicht erzählen, was los ist, Ihr seid informiert und genau so (also auf die gleiche Art) betroffen wie ich. Das ist schön zu wissen, denn es wird einem ja hier und da durchaus das Gefühl vermittelt, dass die Allgemeinheit anders betroffen ist.

Pegida ist keine Alternative für Deutschland, aber es ist auch nicht nicht die Alternative für Deutschland, wie man weiß. Leute behaupten, “das Volk” zu sein und widerwillig stimme ich zu, denn die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ist Kriegsschar. Volk ist mit viel verwandt und das wiederum mit voll. Ich schweige zu der Assoziationskette, das die Etymologie in mir auslöst. “Jeder kehre vor seiner eigenen Tür”, denke ich jedenfalls schon länger nicht mehr, zu viele kehren woanders und wollen dabei andere bekehren. Vor meiner eigenen Tür weht der Müll meines Nachbarn vorbei, er sammelt sich im Eingang, es stürmt und hagelt, das entspricht ziemlich genau meiner Stimmung.  Auch in mir drin stürmt und hagelt es, nein, eigentlich schneit es mehr, es ist eine beißende Kälte, manchmal mit Hagel. Das soll so nicht sein. Meine stürmischen Hände kann ich ins Krankenhaus bringen, all die stürmenden Leute nicht. Schade.

 

 

 

Schiffsbriefpapier

21.12.1933: Niemand reelles an Bord (Rudu)

Statt Brief 19 gibt es heute Brief 20, weil 19 ja neulich schon aus Versehen dran war. :)

Schiffsbriefpapier

Schiffsbriefpapier

[Briefpapier: Norddeutscher Lloyd Bremen]

D. „Bremen“ [vorgedruckt] 21.12.1933

Liebe Leni und lieber Albrecht!

Euch beiden möchte ich sehr viele herzliche Wünsche zum Neuen Jahr senden. Ich werde mit meinen Gedanken wohl sehr viel bei Euch sein und mich, wenn auch nur für Stunden, unter Euch wünschen. Wie Ihr wohl die Ferientage verbringt, ob Ihr Gäste dorthabt in N.? Ich danke Euch noch herzlichst für die rührende Hülfe bei der Abfahrt. Morgen früh sind wir schon in New-York, die Fahrt ging unglaublich rasch. Außer Viktors Mutter mit ihrem Mann war niemand reelles an Bord, lauter Engländer oder Amerikaner. Heute hat man 2 Weihnachtsbäume aufgestellt, gut verankert, damit sie das Schaukeln vertragen. Papa ist munter und guter Dinge, wir haben beide viel gelesen und geschlafen.
Ihr müßt mir erzählen, wie Ihr die Ferientage verbracht habt und wer dort war. Schreibt mir nach La U., nicht nach Mexico.
Papa und ich haben festgestellt, daß wir die Poleinas nicht mithaben, ich glaube aber, daß sie in V. sind. Hoffentlich!
Ich schicke Euch eine Aufnahme von Papa und mir, wie wir in Bremerhaven an Bord gehen. „Im gleichen Schritt und Tritt“ – hoffen wir’s!
Grüßt alle die dort sind, Hausgenossen und Gäste, und seid vor allem selbst innigst umarmt von
Eurem Rudu,
der mit sehr viel Liebe an Euch denkt.

Mit Poleinas sind offenbar Polainas gemeint, das sind Stulpen.

07.12.1932: Wirklich wahnsinnig wirkende Mittel (Rudu)

Rudu ist nach Amerika geflogen, wohl um die Ländereien von Papa und Guatemala im Allgemeinen zu besichtigen. Stattdessen wird er erstmal krank.

El B., 7. Dez. 32.

Liebe Leni –

hoffentlich nicht zu spät sende ich Dir meine herzlichsten Weihnachtsgrüße mit dem Wunsch, daß Du die Tage so vergnügt und munter, wie irgend möglich verbringst. Du bist ja Dein eigener Herr, man kann sich die Tage dann schon sehr nett gestalten.

Ich wollte Dir schon eher schreiben, aber mir ging es schon lange nicht gut. Am 22. kamen wir hier auf der Finca an. Am 23. war Papas Geburtstag und am 24. ging ritt ich mit ihm nach San M. und seit unserer Rückkehr am 26. fühlte ich mich nicht auf dem Damm. Man vermutet ja gleich den Magen und still für mich nahm ich gut wirkende Mittel. Endlich hatte ich solch Fieber, daß ich im Bett bleiben mußte, worauf Papa die Sache in die Hand nahm und mir Ricinus gab. Als auch das nichts nützte – ich hatte über 39° – kam Dr. A., der es auch noch mit einem wirklich wahnsinnig wirkenden Mittel versuchte. Nachdem ich so fast eine ganze Woche Abführmittel bekommen hatte – bis fast nichts mehr von mir übrig blieb – wurde dann festgestellt, daß es wohl Malaria ist, ich bekam 2 Einspritzungen und die Sache ist gut. Ich bin jetzt wieder auf, nur noch ein bischen matt. Dr. A. war wirklich sehr nett und scheint sehr tüchtig zu sein. Morgen geht es nach U., wo Papa schon seit Tagen ist und traurig ist, daß ich nicht mitkonnte, und übermorgen geht es nach Tapachula.

In Guatemala City waren wir ein paar Tage und besuchten auch Dr. G. Der erzählte ulkige Dinge von Dir und wir schrieben Dir eine Karte. Sehr nett war auch der Tag in Antigua.

Hier gab es natürlich zuerst unglaublich viel zu sehen und durch meine Krankheit bin ich natürlich nicht genügend hinausgekommen. Ich werde es nachholen, wenn wir hier in den nächsten Monaten noch einmal herkommen werden. Von La V. aus werde ich Dir näheres berichten.

Wie Du wohl bei B. Dich fühlst?? Wie es wohl in R. mit Oma[,] Maria, Werner + dem Kuh Elend gehen mag?? Wir sind sehr gespannt von Dir zu hören.

Von Herzen wünsche ich Dir nochmals, liebe Leni, eine recht vorzügliche Weihnachtszeit und einen guten Rutsch ins Neue-Jahr.

Grüß alle, besonders Klaus, Günter, Ingrid wenn Du sie siehst.

Einen lieben O

von Deinem

Rudu.

Der Arme! Eine Woche unbehandelte Malaria und dann auch noch Abführmittel, das klingt nicht nach Spaß!

22.12.1930: … schade, daß Ihr Euch hier nicht mehr an die Gurgeln gehen könnt. (Rudu)

Späte Weihnachtspost von Rudu. Leni ist inzwischen in Malchow in der Landfrauenschule. Ist wohl nicht so prickelnd, rein gesellschaftlich betrachtet.

R., den 22. XII. [1930]

Meine liebe Leni,

vorerst einmal vielen Dank für Deinen lieben Brief, in Leipzig kam ich natürlich nicht dazu ihn zu beantworten. Mir will aus Deinen Zeilen so scheinen als ob Du es nicht gerade so glänzend da angetroffen, ich hoffte, daß es gesellschaftlich etwas bedeutender sein würde, aber ein Haus mit so viel Pensionären ist dafür ja nicht gerade so geeignet.  Im übrigen wirst Du recht viel sehen und erleben können!

Seit vorgestern bin ich wieder hier in R., hier geht alles seinen alten Gang. Leben in die Bude kommt natürlich durch Albrecht, schade, daß Ihr Euch hier nicht mehr an die Gurgeln gehen könnt. Ich fragte ihn, ob er Dir nicht zu Weihnachten schreiben wolle, er meinte, zu Neujahr sei früh genug.

Nach Weihnachten werde ich mit 3-4 Freunden nach N. gehen, das Wetter scheint dafür gut zu werden. Gestern war ich mit Klaus bummeln, wir trafen uns bei Hübner, wo Gert S. auf Andreas wartete. Gerd war wie immer ziemlich langweilig. Hinterher war ich mit Klaus auf dem Dom und dann in der Halali Bar. Wir endeten in der Libelle, wo ein recht ödes Programm uns vorgeführt wurde, trotz Sascha, der auch eigentlich nicht mein Schwarm ist.

In Leipzig war ich ziemlich fleißig, trotzdem fand ich Zeit, ein sehr nettes Mädchen aus Hamburg kennenzulernen, ein Frl. R. Wir gehen manchmal in schicke Tanztees. Tanzen tue ich jetzt überhaupt für mein Leben gern.

Liebe Leni, Dir ein frohes Weihnachtsfest zu wünschen ist wohl Ironie, doch hoffe ich, daß Du die Tage auch so recht fröhlich verlebst!

Einen herzlichen, lieben Buppen gibt Dir Dein

Rudolf

Mit ihrem jüngsten Bruder Albrecht scheint Leni weniger herzlich umzugehen als mit Rudu. Dessen Fleiß wiederum scheint sich eher in Unternehmungen auszuwirken. „Schicke Tanztees!“