Schlagwort-Archiv: nazis

Wir fliehen doch – Leni bloggt (4)

Heute vor 70 Jahren brach Leni mit ihren Kindern vom Gut in Mecklenburg in Richtung Hamburg auf. Eine Entscheidung, die ihr Leben verändert hat. Was die Alternative zweifelsohne auch getan hätte.

15 km westlich von uns lagen die Amerikaner, die Russen 34 km östlich von uns. Dann die Nachricht, dass die Amis sich zurückziehen, die Russen rücken nach.

Nächtelang diskutiere ich mit meiner Schwägerin Elfi, was wir tun sollen. Sie spürt, dass der Krieg so gut wie vorbei ist. Jetzt zu fliehen sei gefährlicher als zu bleiben, meint sie. Gegen alle habe ich dieses Gut verteidigt. Die Nazis wollten es uns für eine lächerliche Summe abkaufen. Dann hat sich die Wehrmacht hier einquartiert. Auf unserem eigenen Grund wurde ein KZ errichtet. Können die Russen denn so viel schlimmer sein als all das?

Die durchziehenden Flüchtlinge sagen, wir sollen fliehen. Sie haben alles hinter sich gelassen und glauben trotzdem, dass sie die richtige Wahl getroffen haben.

Gestern haben wir drei Fahrzeuge gepackt. Alles, das sich verladen ließ, ist darauf gelandet. Heute früh wollen wir los, natürlich verzögert sich die Abfahrt. Elfi bleibt mit ihren drei Kindern zurück. Wenn sie doch noch fliehen will, bleibt ihr nur ein Fahrrad, aber das kann ich nun auch nicht mehr ändern. Sie wird sich durchschlagen.

Mit mir kommen die Gärtnerin und Paulina, meine illegale litauische Hausgehilfin. Die Kinder sind sehr aufgeregt, oftmals springen sie um die Gefährte herum, wenn wir wieder stehenbleiben. Also eigentlich die ganze Zeit. Meter um Meter kommen wir voran, überall Menschen, Menschen, Menschen. Heruntergekommene Frauen und Kinder.

Als die Kinder die erste Leiche im Straßengraben finden, zwinge ich sie, sich wieder auf die Wagen zu setzen. Habe ich wirklich das Richtige getan? Können die Russen denn schlimmer sein als das hier? Auf dem Gut hatte ich noch Würde, hier bin ich nur eine von vielen Müttern, die ihre Kinder verkrampft anlächeln.

Gottseidank haben wir es nicht so weit, auch in diesem Tempo sollten wir in einer Woche in Hamburg sein.

 

13.08.1946: Ansichten über Aussichten (Kurt)

Kurt hat wieder aus der Kriegsgefangenschaft in Italien geschrieben.

13. August 1946

Lieber Friedrich.

Mit Interesse habe ich Deine Ansichten über die Aussichten, “Geld” zu verdienen oder besser den Mangel an solchen, gelesen. Absolut hieb und stichfeste Übersetzungen in Fremdsprachen könnte ich einstweilen nicht machen, werde auch immer älter. [Er war 40.] Aus denselben aber wohl mit einiger Übung aus ziemlich sämtlichen bedeutenderen Europäischen. Das ist viel leichter. Ich glaube, die Nazis wird man bald wider zulassen, jedenfalls die Kleinen; wer früher meistens mit dem Maule gearbeitet hat, kann jetzt schlecht nur mit der Hand.

Die neue Generation wird wohl mit Englisch aufwachsen, der Rest von Deutschland kann die Hilfe fremder Truppen bei den Ernährungsverhältnissen, der Liebe zum Kriege der politischen Einsichtslosigkeit, der eingerissenen und vielleicht noch mehr um sich greifenden Religionslosigkeit kaum entbehren. Hoffentlich lernen wir von den politisch so viel reiferen Völkern etwas!

Mir geht es sehr gut. Gute Arbeitsverhältnisse, korrekte Behandlung, sehr gutes Essen. Sorge mich aber um Euch. Grüße alle K.