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20.08.1946: Meinen Wagen habe ich längst verzehrt. (Rudu)

Ein ausführlicher Brief von Rudu, der in Guatemala vom Gemüseanbau (und dem Verzehr von Autos) lebt. 

[handschriftlich von Leni: bea[ntwortet] im Okt. 46]

Guatemala, 20. August 1946

Liebe Leni, lieber Friedrich,

kürzlich erreichten mich Deine Zeilen vom 23.6., lieber Friedrich, und Du glaubst nicht wie sehnlich wir darauf gewartet hatten, Eure Erlebnisse im Zusammenhang zu hören. Bis dahin waren es immer nur Bruchstücke, die uns hier in Guatemala erreicht hatten, die sich zum Teil widersprachen. Man möchte noch so unendlich viel fragen! Trotz aller Berichte, die von drüben jetzt eintreffen, ein Bild von Eurem Leben kann man sich doch nicht machen.

Unser sehnlicher Wunsch ist, Euch irgendwie zu helfen, soweit es in unseren Kräften steht. Wir haben Pakete aus der Schweiz in Auftrag gegeben, es heisst jedoch, dass nur ein ganz geringer Teil dieser Pakete ihren Bestimmungsort erreichen. Als neuestes ist uns empfohlen: Cooperative for American Remittances to Europe, abgekürzt CARE, durch die man 49 lbs. Pakete enthaltend 30 lbs. Esswaren, an Euch schicken kann. (40.000 calories). Per Flugpost geht morgen der Auftrag nach New-York, Euch und Maria B. je eins von diesen Paketen auszuhändigen. Ich hoffe von Herzen, dass sie Euch gut und schnell erreichen und bitte um umgehende Bestätigung nach Erhalt. Ich will mich mit Hertha noch in Verbindung setzen, damit das Absenden von Paketen in geregelter Weise vor sich geht.

Ehe ich auf Deine Zeilen eingehe, möchte ich Dir kurz von hier einiges berichten. Gemessen an den Schwierigkeiten, die Ihr zu überwinden habt, sind wir hier natürlich in Abrahams Schoss. Jedoch alles ist relativ und wenn ich Dir erzähle, dass ich seit langem nicht mehr weiss, was ruhiger Schlaf ist, so wirst Du vielleicht lächeln. Denn trotz vorzüglichen Gewissens fehlt dieser ganz, verscheucht durch die Sorgen, was die nächsten Ereignisse bringen. Erinnerst Du Dr. Edgar W.‘s Besuch in Mecklenburg im Jahre 1938? So wie er damals fühlen wir uns heute mit genau derselben Perspektive: dies Auf und Ab zwischen Hoffnung und Verzweiflung dauert seit 41. Man hat das Gefühl, momentan dem Endspurt beizuwohnen und es ist wenig Hoffnung auf ein gutes Ende. Auf dem Eckchen neben Lisi B. können wir uns alle zusammenfinden und beraten, soweit noch etwas zu beraten ist. Unsere Mittel sind sehr beschränkt und die Teuerung ist beträchtlich. Ich gebe z. B. für Milch über $ 20.- im Monat aus. Bei Achim und Hertha soll das noch schlimmer sein, nur dass ich glaube, dass er mit sehr viel grösseren Reserven anfing, denn er hat noch seinen Wagen, den ich schon vor Jahren verkaufte und längst verzehrte.

Gesehen habe ich Achim nicht seit der Taufe meines Jungen Okt. 41 und korrespondiert haben wir höchstens alle halbe Jahre mal, wenn sich zufällig mal eine Gelegenheit bot. Auch jetzt noch höre ich von den Vorgängen dort meistens nur durch Hörensagen, genaues weiss ich nicht. Wenn Du übrigens Gelegenheit haben solltest mit dem Bruder von Carl-Ludwig, nämlich Johannes, zu sprechen, so wird der Dir übrigens sicher noch manches von hier erzählen können.

Meiner Familie geht es gut. Bea ist schon ein grosses Mädchen, die sehr gut in der Schule voran kommt und alles spielend erledigt. Sie wird, denke ich mir stets sehr ihren eigenen Weg gehen und alles unangenehme wie damals auf dem Gut mit den Worten „nein heute abend“ von sich weisen. Der Junge, den wir jetzt englisch ausgesprochen Michael nennen (in der englisch geleiteten Schule nannte man ihn so) lernt die Anfangsgründe im Schreiben und Lesen und ist im allgemeinen sehr viel mehr anlehnungsbedürftig als seine Schwester und damit der Verzug seiner Eltern. „Consentido“ (Verwöhnter) sagt die Bea sehr oft verächtlich, da die beiden unter sich meistens spanisch sprechen. Michael beendet jeden abend sein Gebet mit: „und schenk mir bald ein kleines Baby“, einen Wunsch von dessen Erfüllung wir den lieben Gotte gebeten haben einstweilen abzusehen ehe er nicht weiss, wo er uns wieder einsetzen will.

Gemüsebau ist ganz erfreulich, ich hoffe jedoch, es wird nicht zu lange noch meine einzige vernünftige Beschäftigung bleiben. Auf einem Nachbargrundstück wohnt ein alter Herr aus Güstrow, Herr B., der viel bebaubares unbenutztes Land hatte. Nach meiner Krankheit fing ich an das umzugraben und jetzt ist jedes Eckchen bepflanzt. Wir im Hause essen fast ausschliesslich dort gebautes Gemüse und das übrige wird verkauft, die Einnahmen gehen an Herrn B., der über Geldmittel kaum verfügt. Er ist 74 Jahre und hatte vor einiger Zeit von seinem Enkel einen Bericht über den Einzug der Russen in Güstrow. Sein Schwiegersohn, Oberst, ist eine Art Komissar für den Güstrower Bezirk.

Seit Monaten will ich Achim besuchen, freundlichst eingeladen von Hertha, die mir die Reise aus den Verkaufserlösen ihrer Ölbilder schenken will, doch immer wieder muss ich es aufgeben und fürs erste verschieben.

Gestern kam ein Brief von Hertha mit einer Copie des Briefes von Albrecht vom 21. Febr., so verspätet ist der eingetroffen! Er schreibt: „ich plane im Herbst rüber zu kommen nach Mex, Gtla oder USA“, „rechne auf Eure Hilfe“, ebenso gut könnte er schreiben, er plane eine Reise zum Mond.

Du schreibst in Deinem Brief, Friedrich, nichts über Deine Mutter, wo sie wohnt etc., ich hoffe es geht ihr wie auch Deinen Brüdern gut. Ich wäre Euch dankbar, wenn Ihr mir über das Ergehen folgender Personen, soweit möglich, berichtet: [es folgt eine auführliche Personenliste] Von Klaus U. hörte ich aus Chicago kürzlich, wir mussten den Briefverkehr während des Krieges abbrechen und haben erst jetzt wieder voneinander gehört.

Achim und Hertha werden Euch sicher berichten. Ingrid und ich sind in Gedanken so oft bei Euch und Euren Kindern, nehmen innigen Anteil an Eurem Kummer und Euren Erlebnissen. Wir hoffen sehr, dass sich [Brief bricht ab]

Was es mit Edgar W. und seinem Schicksal auf sich hat, weiß ich leider nicht. Um Euch die Weihnachtsstimmung nicht zu versauern, werde ich vor Weihnachten noch ein paar schöne Briefe einstellen. Freut Euch drauf!

16.02.1938: Süße Bilder von Tirili (Ingrid)

Gemein – die Bilder sind natürlich nicht mehr vorhanden. ”Tirili” oder “Tirilibi” bezeichnet ein Baby oder eine Schwangerschaft. Leña ist Holz, chicharras sind Zikaden. “Mutti” ist Ingrids, “Mama” Rudus Mutter. Wer mir bei den Gardinen helfen kann, ist dazu hiermit herzlich aufgefordert. [Edit wenige Minuten nach Veröffentlichung: Das Rätsel wurde gelöst. Danke an Angela, Heike und Katja!]

V., 16.II.38

Meine liebe Leni,

Wenn ich Dir jetzt nicht schreibe, wird es vor unserer Abreise nach Dtschld. bestimmt nichts mehr! Zweimal schon wurde die erste Seite eines Bogens beschrieben, zuletzt fing ich einen Brief an Dich im schönen Tapachula Hotel an, woraus Du schliessen kannst, wie sehr mir ein Brief an Dich auf der Seele liegt. Es ist aber kaum wieder gut zu machen, dass Du weder zur Geburt Eurer Kleinen noch zu Weihnachten oder sonst etwas von mir vernommen hast, obgleich ich schon Zeit genug gehabt hätte zu schreiben. Und Leni, wie sehr haben wir in großer Mitfreude an Friedrich und Dich gedacht als Tirilibi zur Welt kam und haben uns so gefreut über alle guten Nachrichten über sie und Euch. Sei mir nicht böse, daß ich Dir das nie einmal sagte, es gibt keinerlei Entschuldigung für diese träge Schreibfaulheit.

Mutti und Hertha haben uns natürlich viel von Euch Dreien erzählen müssen, ich kann mir Tirili so gut vorstellen[,] Eure Seligkeit über sie, Eure nette Wohnung. Du schilderst Euer Leben so anschaulich in dem rührend langen Brief an Rudu u. mich und dann hast Du uns so lieb zu Weihnachten geschrieben, Auch las ich Deinen letzten Brief an Achim und Hertha – Leni, Du mußt wissen, wie mich das alles gefreut hat und wie oft meine Gedanken bei Euch waren. Ich freue mich unendlich auf den Augenblick, wo wir uns alle wiedersehen und male mir mit Rudu oft aus, wie schön es zusammen mit Euch in N. wird.

Jetzt aber erstmal innigen Dank für das ganz wonnige Dirndlkleidchen für Beate! Ich bin ganz glücklich, dass es noch zu groß ist, so ist die Vorfreude lang, und Du kannst sie später so recht darin erleben. So lieb ausgesucht hast Du es, der Stoff ist zu niedlich! Und dann, Leni, die süßen Bilder von Tirili, die uns eine große Freude gemacht haben. Ja, wie sieht sie Friedrich ähnlich und ist ja ein schnuckliges baby, urgesund und fidel! Wenn wir kommen, läuft sie uns vielleicht schon entgegen; diesem Quecksilber ist derartiges mit 9 Monaten ja durchaus zuzutrauen.

Seit Sonnabend (12.II.) sind Mama, Rudu u. ich hier in V., nachdem wir eine herrliche Autofahrt von der Finca durchs Hochland nach Guatem. gemacht hatten. 3 Jahre bin ich nicht in diesen Gefilden gewesen, deshalb wollte Rudu mich auch so gerne mithaben und so bleibt Mutti diese 14 Tage mit Beate in B., wo sie bei B.s ja gut aufgehoben ist und vor allem Beate ganz für sich hat, worüber sie glücklich ist. Ende Februar treffen wir uns alle in U. wieder, dann haben wir dort noch ca. 5 Wochen, bis es los geht. Den beiden Müttern haben wir mit unserer schlanken Linie keinen gelinden Schrecken eingejagt, so drangen beide sehr auf diese Reise, die von uns garnicht so „ersehnt“ war, d. h. wir freuen uns natürlich, aber Du weißt, wie gern wir hier sind.

Zu schön ist es hier wieder bei Achim und Hertha! Mama schläft oben im Haus, Rudu + ich bei F’s in dem wirklich wunderschönen kleinen Haus, dass mich [!] mit seinem hübschen roten Ziegeldach den selbstgefertigten Fliesen und schönen Hölzern sehr gefällt. Wie hat sich in der Zwischenzeit hier alles verändert! In den T.C. [?] Zimmern empfängt uns Ilschen mit Tüllscheibengardinen, kleinen Strickdeckchen/allüberall und einem „sehr strammen Sohn“ der einen immer ein bißchen verkniffen u. verärgert ansieht. Sie und er sind aber glückselig und das ist ja die Hauptsache. Furchtbar nett ist Frau F. mit dem netten holländischen Akzent, wie hat sie ihr Haus hübsch eingerichtet!

Rugi, Jörg, Harald das Prachtkleeblatt! Rugi und Jörg spielen chicharras-Jäger, sammeln diese quakenden Biester in ihren Hosentaschen, unter Kissen, in Tüten, fahren stets mit gleicher Begeisterung leña im camion und haben den ganzen Tag strahlende, blitzende Augen. Eigentlich wollten wir Bea mitnehmen, doch die Reise mit den Tausend dummen Formalitäten wäre zu umständlich mit ihr gewesen. –

Mama schlief in U. + B. mit ihr zusammen, war somit die „Nacht-Oma“, Mutti fütterte sie am Tag u. hieß „Ange“ (andre) Oma oder „Tagoma“. Beide wurden zuerst nur mit „Tante“ angeredet, aber Beate gewöhnte sich ziemlich schnell an beide. Sie spricht alles nach: Morgends begrüßt sie mich mit: „Morgen, Mama, slapen.“ (gut geschlafen) Ihr Schönstes ist das „Cafetrinken“ nach dem Mittagsschlaf, dann sitzt sie auf einem hohen Klavierbock zwischen Rudu u. mir, hält zierlich ihre kleine Mokkatasse in der dicken Patschhand, den kleinen Finger abgespreizt „wie Tante Dora“ sagt Rudu. Überhaupt isst sie schon ganz manierlich allein, in U. an ihrem kleinen Tisch und Stuhl. Vor ein paar Tagen sah ich hier zum ersten Mal den San Rafael Film und Beas ersten Schritte. Zu nett! Wie ist es sonderbar, sich selbst im Film zu sehen, man macht die komischsten Bewegungen, von denen man gar keine Ahnung hat. In der Zwischenzeit (zwischen Filmaufnahme und jetzt) hat sie viel dunklere Haare bekommen, auch die Augen dunkeln stark nach. Auf die kleine R. in Baluarte, die im selben Alter ist, ist sie nicht gut zu sprechen, die Beiden reißen sich das Spielzeug aus den Händen, retten sich in eine sichere Ecke, von wo aus sie das Errungene mit schubsen, beißen und kratzen verteidigen.

Mutti schwimmt, läuft mit spazieren u. schlachtet, wir sind viel mit ihr hier herumgefahren damit sie auch all die Fincas kennen lernt; zum Schluß fahren wir noch mit ihr durchs Hochland, sie ist ganz die Alte und genießt alles unendlich, besonders die süße Bea. Neulich machte sie Mutti ihren ersten Ritt. Meine Reithose passt famos.

Wie freuen wir uns auf N.!

Jetzt will ich aber schließen, gleich geht’s nach Nicó zu Frau M., die ich im August mit der neugeborenen Kleinen zuerst begrüßte in Guatemala. Süss ist die kleine Tochter von Kurt u. Vera N., ein ganz besonders nettes Ehepaar , ich war viel mit ihr zusammen und mag sie zu gern.

Leni, ich weiß nicht, ob Dich dieser Brief etwas versöhnt hat, aber ich glaube, es wird herrlich mit untern [unseren] beiden Bugis später, in Deutschld, und ich werde Nichtgeschriebenes mündlich ordentlich nachholen.

Grüsse an Friedrich, viele herzliche auch von Rudu, Eurem Tirilibi einen dicken Bubben und Dir viel liebe Gedanken von Deiner Ingrid.

Kryptisches Wort Teil 1

Kryptisches Wort Teil 1

Kryptisches Wort Teil 2

Kryptisches Wort Teil 2

Typisch für Ingrid, ist auch dieser Brief wieder etwas atemlos zu Papier gebracht. Eine Kostprobe von der dynamischen Schrift habt Ihr auf den Fotos. Ich kannte Ingrid nicht, frage mich aber, ob sie “in echt” auch so überschwänglich war. [Edit 2: Verlässliche Quellen bestätigen meine Vermutung.]

08.06.1936: der Wunsch, Dich glücklich zu sehen (Rudu)

Die Antwort auf Lenis langen Brief. Auch Rudu hat Neuigkeiten!

El B., den 8. Juni 1936

Meine liebe Leni!

Ingrid und ich haben uns so gefreut von Dir zu hören, vor allem bin ich Dir dankbar für Deinen ausführlichen und traurigen Bericht über die letzten Monate. Es ist mir noch immer unvorstellbar, daß Papa nicht wieder zu uns kommt, es ist so vieles, was seines Rates noch bedarf, so manches wird sich noch einstellen, für das wir seine liebevolle väterliche Fürsorge entbehren.
Ich finde so gut, daß Du bei der lieben Mami bist, ich muß so oft an sie denken und stelle mir stets vor, wie schwer jetzt alles für sie ist. So gern würde ich mal bei Euch sein, bei Mami sein, um ihr zu helfen über das Schwere hinwegzukommen.
Deine ersten 3 Seiten sandte ich an Hertha, die sich sicher sehr freuen wird auch von Dir zu hören. Momentan ist sie in Mexiko City.
Deine Zeilen kamen Ende Mai, ich wollte sie gleich beantworten um noch rechtzeitig mit meinem Glückwünschen zu kommen. Liebe Muschi, ich wünsche Dir sehr viel Gutes, vor allem hoffe ich, daß Du im kommenden Jahr daran denken kannst zu heiraten, ein eigenes Heim hast und das Glück in dem Maße findest, wie wir es Dir alle von Herzen wünschen. In Gedanken sehe ich Dich schon in Deinem kleinen Haushalt, gelegentlich kommen wir dann von hier zu Euch nach Hamburg, wir können endlos klönen – die Männer natürlich über Politik, Ihr Frauen über Ungezogenheiten der Kinder – und abends berichtest Du uns und wir sitzen um einen kleinen runden Eßtisch. Na – diese Gedanken lassen sich so fortspinnen, ihnen zu Grunde liegt der Wunsch, Dich glücklich zu sehen, wenn wir uns den Wiedersehenskuß geben.
Zum Schreiben komme ich in letzter Zeit so schwer, da Ingrid noch im Bette liegt – nachdem sie schon ein paar Tage auf den Beinen war – und ich immer zwischen La U. und B. hin und herreite, um den Sonntag mit Ingrid zu verbringen. Sie wird leider noch länger recht behindert sein, sie darf für mehrere Wochen garnichts haben (Beate) und muß alles vermeiden, was sie anstrengen könnte. Augenblicklich ist noch Frau G. da, später muß die gute Pancha ganz für sie da sein. Dieses Liegen ist für Ingrid eine große Geduldsprobe, sie kann wenig lesen, da sie eigentlich so viel wie möglich auf dem Bauch liegen soll. Auch fehlt ihr jemand, der ihr hier mit Herzlichkeit entgegenkommt. Beate gedeiht ganz prächtig, sie sieht so wohl und gesund aus, ist immer freundlich und lacht. Kaum, daß man mal einen weinerlichen Ton von ihr hört. Mir kommt Beate auch immer besonders reizend vor, mit einem so ausdrucksvollen Gesicht – vielleicht recht hervorgehoben dadurch, daß hier im Hause noch ein Baby ist, das so über alles häßlich aussieht: die kleine R., die nebenbei „Ingrid“ getauft werden wird. –
Aus den Erzählungen von Achim und Hertha und auch aus Deinen Zeilen kann ich mir ein ganz gutes Bild machen von Albrecht, so wie er sich momentan gibt. Bei Gelegenheit kannst Du ihm mal ordentlich ins Gewissen reden, es muß ihm zum Bewußtsein kommen, daß die hohen Ansprüche durchaus fehl am Ort sind. Gerade für ihn muß doch noch eine Existenz geschaffen werden – und wer kann beurteilen, wie sich die Verhältnisse hier draußen noch entwickeln werden. Die Lage Mexikos, die politische Entwicklung dort ist noch ganz ungewiß und sieht für uns nicht rosig aus. – Diese leichte Verstimmung von ihm, wenn nicht alles so geht, wie er es sich denkt, erinnere ich recht gut und das ein Unglück wäre es, wenn er nicht einsichtig genug wird, um seinen Ansprüchen selbst ein vernünftiges Maß zu setzen.
Für heute laß mich schließen, morgen früh geht es sehr zeitig nach U. zurück. Ein Foto für Deinen Geburtstagstisch – der zwar sicher schon lange abgebaut ist, wenn Dich diese Zeilen erreichen – lege ich bei.
Ingrid läßt Dich von Herzen grüßen. Dich bubbt in Liebe
Dein Rudu.

Ich erzähle Dir ein anderers mMal mehr und mit Muße. Ich war heute ein bischen in Eile. S.o.

Grüß bitte Friedrich vielmals!

Oh ja, die Männer reden über Politik und die Frauen über Kinder. Kein Wunder, dass in dieser Korrespondenz nie Politik diskutiert wird – außer, dass die politische Lage in Mexiko erwähnt wird.  

31.05.1935: ein unerhörtes Glück (Ingrid)

Der erste Brief in lateinischer Schrift! Er ist von Ingrid, Rudus Frau. Sie schreibt offenbar recht schnell (sagt sie auch selbst), jedenfalls finden sich ein paar Wirrheiten. Wenn es das Lesen zu sehr erschwerte, habe ich ein paar Kommas ergänzt. Ingrid beschreibt das für sie ganz neue Leben in Guatemala, ihren Umgang mit dem Personal usw. sehr anschaulich, auch ihre eigene Ungeduld. Natürlich sind das recht herrschaftliche Probleme – herrschaftlich und mir sehr fremd. Daher eben auch interessant.

Hotel San Rafael, d. 31.5.35.

Meine liebe Leni,

Schon so lange hatte ich Dir schreiben wollen, Dir erzählen von unserem Haus, von unserem gemeinsamen Leben auf der Finca und sovielen anderen. Und nun muß erst Dein Geburtstag der Nachdruck verleihende Anlaß sein, aber gut daß er naht; denn sonst hätte ich diesen Brief vielleicht zu Weihnachten fertig gekriegt – Du ahnst nicht, was zu schreiben vorliegt, was noch nicht beantwortet seit Monaten wartet und wartet; und wie die Zeit der Ehefrau ausgefüllt!
Leider ist noch kein Mittel gefunden dem anderen auch ohne Brief die Gedanken und das Mitfühlen zu zeigen, was durch Deine beiden Briefe an Rudu noch in so besonderem Maße lebendig wurde. Leni wir waren in Gedanken so oft bei Dir, und wenn ich Dir jetzt sehr viel liebe Wünsche schicke, dann hoffe ich so von Herzen, daß jeder einzelne recht bald zur schönsten Wirklichkeit wird! Und wenn die Erfüllung der meisten auch noch in weiter Ferne liegen wird, so ist die Zwischenzeit durch den Gedanken an die Zukunft und an die Arbeit, die Dir Freude macht gewiß schön und leicht zu ertragen. Wie freuen wir uns alle zu hören, daß Du Dich so glücklich in München fühlst, ich kann mir Deine Seligkeit über das nette Zimmer, die anregende Stadt und die Arbeit mit schönen praktisch zu verwertenden Dingen so vorstellen! Man tut ja auch alles so viel ernsthafter wenn man weiß wofür. Ich kann es auch meiner Leipziger Zeit heraus so gut verstehen. Und Du hast es so verdient finde ich, weil Du in der Zeit vorher doch keine freie Minute für Deine eignen Dinge übrig hattest.
Wenn ich nur jetzt wüßte, ob Du Mama und Papa schon gesprochen hat, wenn dieser Brief Dich erreicht; vielleicht hörtest Du nun schon vieles mündlich was ich Dir schreibe, aber das macht ja auch nichts.
Du wirst Dich wundern, daß ich in San Rafael bin, nun schon 2 ½ Wochen um ein bißchen Blutarmut, die ich durch eine ganz blöde Darminfektion bekam, zu kurieren. Du erinnerst vielleicht, daß Hertha hier auch mal war, es ist ein sehr gemütliches , schönes Hotel von einem sympathischen Schweizer Ehepaar geführt oberhalb Guatemalas 2020 m hoch. Bisjetzt hatte ich nur Sonnentage, obgleich die Regenzeit beginnen sollte, also ein unerhörtes Glück. Ich nütze die Zeit mit den schönsten Touren aus auf die Höhenzüge von wo man die mächtigen Vulkane ganz dicht vor sich sieht, in die Brombeeren teils alleine teils mit der Schweizerin. Die letzten Tage verliefen jedoch garnicht kurgemäß, es kam viel Besuch, die N’s, E., E., Frau R. und Maegli teils um mich, Teils um Frau B.[,] eine Dame aus Honduras[,] sehr interessiert und nett, die auch hier oben ist, zu besuchen. Wir taten uns zu herrlichen Spaziergängen zusammen und spielten Poker am Abend[,] es waren alles so nette Menschen. Ich denke stets, dass Rudu daß doch miterleben könnte. In 2 Wochen aber sehen wir uns wieder, es ist doch eine schrecklich lange Trennungszeit! Und wie gut habe ich es noch gegen ihn; allein auf der Finca in dem Regen, allein abends in unserem Haus – Du kannst Dir nicht denken wie ich mich nach U. zurücksehne. Ich hoffe sehr daß ich das immer wiederkehrende Kolerinchen bis dahin beseitigt habe. Eine Darmsache in den Tropen soll das langwierigste sein was es gibt und man macht mit europäischer Einstellung lauter Fehler, die Erfahrung muß man erst selber machen. Ich bin bei einem Arzt der aus de repente Pillen verschreibt, die solange sie wirken einen zum gesündesten Menschen machen, der Rückfall kommt aber immer wieder. So jetzt Schluß von diesen Krankheitsgeschichten – Du mußt von U. hören, meinem geliebten U. unserm Häuschen, Leni, daß jetzt, dank Mamas emsiger Hilfe beim Gardinennähen und tatkräftigen Aussortieren für uns unter den B. Dingen, so unendlich gemütlich und hübsch ist; könntest Du sein rotes Dach in alle dem Grün leuchten sehen von A. U. aus oder das hübschgemaserte Holz der Innen- und Aussenwände bewundern! Es tront hoch über allem andern auf dem kleinen Hügel, den man bei Regen herunterglitscht, und der rückwärts in einem jung angepflanzten Kiefernwald verläuft. Auf halber Höhe liegt mein Gemüsegarten, der uns sehr ans Herz gewachsen ist. Allerdings verdanken wir eine Riesentomatenernte mehr dem Klima, daß alles 3 x so schnell wachsen läßt, als meinem noch sehr dem Glückszufall unterstehenden agriculturellen Können. Ich hatte den Samen dies Saln nicht rechtzeitig, man muß im Dez. Kor. pflanzen, meine Sämereien bekommen schon zu viel Regen. Herr B., der Verwalter ist mein einziger Berater, denn Candids der Gärtner, der ebenso faul ist wie sein Name den „Reinen“ wiedergibt, läßt die eben angekommenen Rosenstecklinge in unserer Abwesenheit verkommen und hat auf alle Schimpfwörter unseres noch sehr kleinen Repertoirs ein breites Lächeln. Ja das Spanisch! Rudu fehlt es besonders im Verkehr mit den Mogos. Man kann nicht gleich alles verlangen und muß Geduld haben, aber ich rede ja eigentlich nur mit Pancha und Polycarpa, einen Bruchteil des Tages die Gelegenheit zum sprechen ist so gering! Hier oben habe ich mich auf die Grammatik gestürzt, aber die Conversation fehlt.
Pancha ist unendlich gefällig, Du glaubst nicht mit welcher ehrlichen Begeisterung und Anteilnahme sie die Fußböden bohnert! Sie macht Vignas aus den Füßen[,] serviert aufmerksam und ist richtig unentbehrlich. Mit Polycarpa ist schwer umzugehen. Ich war bisjetzt einmal in der Küche, sowie man sich dort blicken läßt, schießt sie heraus, blockiert den Eingang und nimmt mir wohlmöglich meine unvollkommene Ausdrucksweise übel. Sie kocht ja gut und appetitlich in diesem Loch von Küche, die gleichzeitig Aufbewahrungsort aller Vorräte ist! – aber wiederholt sich zu oft, sodaß ich mir jetzt allerhand Zutaten und Rezepte nennen lasse, die ich ihr aufzwingen werde. Im Ganzen bin ich ja dankbar, daß sie existiert, so konnte ich mich erstmal ganz auf unser Haus beschränken, aber es bedrückt mich etwas Und sie [das gehört da wohl nicht hin] den andern so wichtigen Hausfrauenpflichten so fern zu stehen und z. B. garnicht zu wissen was auf den Tisch kommt. Geduld, Geduld – es ist schon gut so. Ich muß an Hertha denken, wielange hat es gedauert bis sie selbstständig befehlen konnte! Jetzt nach 5 Jahren ist die Küche erst fertig geworden in V. Rudu und ich sind so selig auf der Finca und es kommt uns vor als ob wir immer dagewesen wären. Der schönste Moment des Tages ist der wenn Rudu’s Tramsschritt gegen 7 Uhr abds draußen zu hören ist, und er sich so richtig freut, in unserem Reich zu sein. Man freut sich auf einander als ob man sich den ganzen Tag nicht gesehen hätte, und es stimmt bis zum gewissen Grade denn zu den Essenszeiten ist Herr B. ja immer dabei. Ab ½ 9 Uhr sind wir dann ganz für uns, der Weg bei Sternenschein zusammen herauf, die tausend Glühwürmchen, der Blick auf die Berge, die im Mondschein so unwirklich schön daliegen, wie glücklich und dankbar sind wir, daß wir es so gut haben! Dann kommt noch eine gemütliche Runde im Wohnzimmer bei irgend einem Buch oder Ulles Beethoven Konzert. Im Eignen für sich, Leni es gibt nichts Schöneres! Um uns herum die selbstentworfenen Möbel, der Zedernholzschreibtisch, der Schlafzimmerschrank, die wir langsam entstehen sahen, z. T. mit poliert haben, man liebt das kleinste Bild, die kleinste Vase es gehört zu unserm Leben zu zweit. Ich schicke Dir Bilder von den Zimmern, am fertigsten und schönsten ist das Schlafzimmer und mit der bunten Bettüberdecke und den Gardinen die denselben Stoffstreifen tragen. Du wirst von Mama hören wie die Stoffreste, bis auf den Zentimeter auskamen, (aus B. bekamen wir die Reste) Für das Badezimmer kauften wir uns eine Wanne, 1 billigen Badeofen und ein Klo, es fehlt noch die Leitung, wir schöpfen noch aus der torna.
Du, ich trage Deine Reites viel! Sie passen so gut in die Umgebung! Nachdem ich 14 Tage in der Hauptstadt (bei W.s) gewohnt und so allerhand von den Menschen dort gehört und gesehen habe, preise ich mich glücklich nicht dort wohnen bleiben zu müssen, sondern zur Finca zurückzukommen. Dies Getratsche, diese Cafés, diese Nichtstadt Guatemala! Bei W.s sind Rudu und ich sehr freundlich und herzlich aufgenommen, ich kann sie jeder Zeit um etwas bitten, Sonntag besuchen sie mich. Frau W. ist unproblematisch aber die allersympathischste Dame aus Guatemala, jedenfalls treffen wir uns in gleichgesinnter Natürlichkeit.
In der ersten Zeit haben wir sehr viele Reittouren gemacht, ich meist auf Werner K.s Mula, die ihre Nervosität mit der Zeit verloren hat. Durch alle Cafetales („Camilla“ kommt prächtig, und erfüllt das ganze Blickfeld vom Schreibtisch aus gesehen) bindend, wie schön ist’s im Urwald! Ditmar, der ca 5 Wochen bei uns wohnte brachte uns das Autofahren bei, nur am Schalter haperts noch etwas. Aber von P. zur Finca komme ich ohne Zwischenfall.
Jetzt wird das alles etwas in den Hintergrund gedrängt, denn im Dezember, Leni, werden wir zu dreien dort oben hausen, Du hast es sicher schon gehört. Es ist mir selber noch ein so unvorstellbarer Gedanke, daß plötzlich ein kleines Wesen in unser Leben treten wird, ein sehr glückseliger heimlicher Gedanken, den wir noch tief in uns verschließen und über den ich Dich bitte auch noch ganz zu schweigen. Es ist ja nun so enorm wichtig, daß ich schnell wieder auf den Damm komme!
Was wirst Du zu Rugi gesagt haben, dem süßen Kerl als wir um Weihnachten in V. waren und ich soviel mit ihm zusammen war, habe ich mir zum ersten Mal ein Kind gewünscht. Hertha wirst Du ja auch begegnet sein. Ich halte doch sehr viel von ihr!
Leni hast Du Ski gelaufen? Und nette Menschen kennen gelernt? Was macht Richard nun eigentlich? In den Sommerferien kommst Du doch sicher nach N.? Ich denke so viel an den Frühling, in N. und R. Ostern war es gewiß nett dort!
Vor einem Jahr war unser Empfangstag, wir retteten uns aus dem Besuche machen zu Mamas Geburtstag nach N.! Jetzt bin ich in San Rafael!
Leni, ich will Schluß machen. Die vorgerückte Stunde zaubert diese Schrift aufs Papier, entschuldige, ich konnte durch die Fülle des Stoffs nicht rasch genug schreiben.
Ich wünsche Dir nochmals alles Gute, einen schönen Geburtstag, und schließe Rudus Wünsche hier mit dran, denn er kommt vielleicht nicht zum schreiben, obgleich ich ihn erinnerte, da er zuviel zu tun hat, er ist abends so totmüde. Grüße alle Lieben die gerade um Dich sind und auch Friedrich sehr herzlich. Ich hoffe so, daß seine er sich in seine Arbeit gefunden hat, und er schnell voran kommt.
Viel Liebes von
Deiner Ingrid.

Ingrid ist, wie wir wissen, schwanger. Nebenbei plagt sie das “Kolerinchen”, der Durchfall also. Mir kommt sie in diesem Brief sehr atemlos vor, niedergestreckt von den ganzen neuen Eindrücken, die auf sie einprasseln. Schade, dass die Bilder von dem Haus nicht mehr vorhanden sind! 

“Camilla” dürfte eine Kaffeesorte sein.

28.03.1933: … etwas kränklich, aber sehr nett. (Rudu)

Rudu denkt sich, dass Leni nach Leipzig gehen will, und organisiert fröhlich los. Ein wenig überrumpelt wäre ich da ja schon an ihrer Stelle.

La V. den 28. März [1933 – von Leni mit Bleistift hinzugefügt]

Liebe Leni!

Eben habe ich an Herrn von B. geschrieben. Ich denke mir, daß Du Dich inzwischen entschlossen hast, nach Leipzig zu gehen und ich dachte es mir für Dich sehr nett, wenn B.s Dich evtl. bei sich aufnehmen. Raten möchte ich es Dir jedenfalls, denn das Essen in Leipziger Restaurants und das Mieten eines möblierten Zimmers hat große Schattenseiten. Deine Freiheit hast Du bei B.s sicher.
Ich habe an B. geschrieben, daß ich an ihn schreibe ohne mich vorher mit Dir in Verbindung gesetzt zu haben, daß es also vorbehaltlich Deiner Einwilligung sei. Ferner habe ich erwähnt, daß Du in der Schule die gewöhnlichen Sommerferien der staatl. Schulen hast und diese höchstwahrscheinlich noch auszudehnen gedenkst, sodaß eine Complikation mit der Sommerreise „derer von B.“ nicht in Frage kommt. Im übrigen habe ich ihm mitgeteilt, daß er, falls er + seine Frau gewillt sind, Dich aufzunehmen, sich mit Dir über das Hamburger Kontor in Verbindung setzen möchte.
Das beste ist, nun, Du setzt Dich nach Erhalt dieser Zeilen mit von B.s auseinander, d. h. Du schreibst ihm, Du hättest von mir gehört, daß ich an ihn über Deinen Leipziger Aufenthalt geschrieben hätte und Du sehr gern annimmst, wenn er ihnen recht wäre oder eben, daß Du dankend ablehnst. So wäre es wohl das beste. Von hier aus so etwas einzufädeln hat ja immer seine Schwierigkeiten.
Die Häuslichkeit bei B.s ist sympathisch. Die Frau ist Norddeutsche, aus Kiel, etwas kränklich, aber sehr nett. Ihn kennst Du ja. Übrigens fällt mir eben ein, daß Deine Schule ziemlich früh anfängt, Du müßtest ihnen vielleicht das noch schreiben.
Für Deinen lieben langen Brief hab herzlichen Dank. Näher darauf einzugehen hat jetzt wenig Sinn mehr, da wir uns in nicht allzulanger Zeit wiedersehen. Hoffentlich ist Dir Deine Sbgreise gut bekommen, hat Dein Fuß Dir keine Scherereien gemacht.
In einigen Tagen werden wir noch mal nach B. gehen und hier werden die Zelte endgültig abgebrochen. Von B. werden wir dann wahrscheinlich über Mexiko Hauptstadt – die Staaten nach Hamburg fahren, wo wir höchstwahrscheinlich Ende Mai ankommen.
Renate fährt am 18. April von Vera-Cruz.
Gehab Dich wohl meine Muschi, wappne Dich für Leipzig mit der nötigen Energie, wenn Du hingehst, denn es ist nicht durchaus leicht zu nennen in einer fremden Stadt, in einer Schule die allerlei verlangt.

Einen dicken Bubben
von
Deinem Rudu

Hertha hat in diesen Tagen Deinen langen Brief erhalten! Sie und Mama lassen grüßen.

Adresse in Leipzig: … [das Haus wurde offenbar im 2. Weltkrieg zerstört, die Adresse existiert nicht mehr]

Ich habe übrigens keine Ahnung, wo Sbg liegt. Es ist im Brief so abgekürzt. Über die Anrede “meine Muschi” lasse ich mich jetzt nicht aus. Verbuchen wir es unter “Bedeutungswandel”. Gut gefällt mir dafür die “sympathische Häuslichkeit”.

26.12.1932: Du scheinst Dich in Hamburg zu einem richtigen Sumpfhuhn auszubilden (Rudu)

Endlich findet Rudu Zeit, einen langen Brief über seinen Aufenthalt in Guatemala und Mexiko zu verfassen. 

La V. den 26. Dez. 1932.

Liebe Leni!

Endlich komme ich dazu, Dir mal wieder einiges zu berichten und Dir voll vor allem noch nachträglich meine herzlichsten Glückwünsche zum Neuen Jahr zu senden. Möge Dir Euch weiterhin Deine Beschäftigung Spaß machen und Du darin vorwärts kommen und auch sonst alles nach Wunsch vor sich gehen.
Weißt Du, zum Schreiben hier zu kommen ist wirklich nicht so einfach. Viel unterwegs, mittags ist man faul und es ist dann warm und abends ist es durch all die Herren recht bunt. In diesen Weihnachtstagen ist es etwas besser und ich benutzte diese Gelegenheit.
Zuletzt schrieb ich Dir vom Dampfer „Musa“ und schickte Dir M. 20.- (sie könnten ja unterwegs herausgenommen sein). Ein paar Tage waren wir in Guatemala City, besuchten Antigua, sahen M., W., Ns, G. etc. Dann nach B., wo ich ja leider ein paar Tage mit Malaria im Bett liegen mußte. B. finde ich in der Trockenzeit wunderschön – in der Regenzeit soll es ja außerordentlich feucht sein – und wir hatten es da wirklich sehr schön. Der Koch ist auf der Höhe, es war alles sehr nett gehalten. Ich schlief unten in Deinem Zimmer zuerst, bei der Krankheit oben in B. Mit Papa machte ich eine herrliche Reittour nach San M. und ich hatte ausgiebig Gelegenheit, Land und Leute kennenzulernen. In La U. war ich nur einen Tag, da durch die Krankheit schon zu viel Zeit verloren gegangen war, Papa und Achim waren schon vorgereist. Von dort dann über Mariscal nach Tapachula, wo, Du kennst ja den Rummel. Endlos Schwierigkeiten mit den Behörden, – sie wollten Mama und mich nicht ins Land lassen, wir mußten 1000 Pesos hinterlegen – und dann von Tapachula spät abends noch hinauf nach R. Unangesagt schneiten wir spät in die Geburtstagsfeier der T. hinein, es war uns komisch. Die Anlagen in R. fand ich wunderbar, es macht einen so geschlossenen, übersichtlichen Eindruck. Mama war auch angenehm überrascht über die Veränderungen im Haus, Olga scheint sich sehr viel Mühe gegeben zu haben. Im allgemeinen ist man hier ja ziemlich schlecht auf sie zu sprechen.
In Vio ist es ja einfach fabelhaft, hier kann man es wirklich aushalten. Herthas gemütliches Heim, die schöne O. C., die netten Herren, durch die immer etwas Betrieb in die Bude kommt, Rugi, der alle durch seine Lebendigkeit erfreut – kurz, man mag hier sein. Von den kleineren Fincas wie Ch., N. kann ich ja nicht gerade sagen, dass [ich] dort allzulange meine Zelte aufschlagen möchte. Man ist doch auf die Dauer zu allein, besonders als Junggeselle. Doch wenn man viel zu tun hat, wird man das ja wohl garnicht so merken.
Die Weihnachtsfeier [war] wirklich sehr nett. Ein fabelhaftes Essen, ein wunderhübsches Weihnachtsbäumchen ließen einen fast vergessen, daß man in den Tropen war und auf das schöne Winterwetter verzichten muss. Die Wärme kann ich sehr gut vertragen, mir ist es selten zu warm. Morgen früh mehr.
27. Dez.
Eben habe ich einen schicken Ritt hinter mir auf Richards Pferd, auf dem ich zu gern reite. Es ist so wunderbar flott unter anderen Vergnügen, das Getrotte des Mulas geht mir auf die Dauer gegen den Strich. Dabei habe ich in Ch. Grolli besucht, den ich sehr gern mag.
Kurz nach Neujahr gehen wir wahrscheinlich wieder nach B.; Achim muß wohl hierbleiben, da Richard nach Mexiko City fährt um ein paar Tage zu bummeln.
Rugi ist mir immer reizend. Neuerdings verschärft sich nur enorm sein Bock. Hertha wird noch manchen Tanz mit ihm haben. Mit Deiner Eisenbahn spielt er rührend.
Deine Briefe werden von den Eltern immer sehr erfreut aufgenommen und besonders interessierte u. a., was Du über R. schriebst, haben wir doch bis dahin keine einzige Zeile von dort. Es ist wirklich unerhört, daß Maria es nicht fertig bringt, an Mama zu schreiben. Wenn Mama mit ihr zusammen ist, kommt Maria doch mit jedem Dreck zu ihr gelaufen und ist noch gerekt [?], wenn man Werner nicht genügend besucht. Doch das alles ist ja ein Schwanz ohne Ende.
Na, Du scheinst Dich in Hbg. zu einem richtigen Sumpfhuhn auszubilden. Ich freue mich für Dich, daß Du mal ordentlich wie grad Leutchen triffst, Du allerlei mitmachst. Dein Brief an Hertha ist von mir gelesen, hoffentlich ist es Dir recht.
Mit Hertha hatte ich einen langen Klöhn über Dich. Näheres wollen wir mündlich mal besprechen, denn nach meinem Dafürhalten bist Du so vernünftig, daß man nicht in Sorge zu sein braucht. Es handelt sich nicht um Deine Gesundheit, wie ein bischen kurzer Schlaf etc., sondern darum, ob Du unter den vielen Möglichkeiten, die Dir dort in Hbg. geboten werden, immer die Richtige triffst, ob Du unter den vielen Menschen Dich an die richtigen anschließt. Es ist schwer, das alles brieflich auszudrücken. Jedenfalls must Du genügend Zeit und genügend Sammlung aufbringen um mit Menschen, die Dir etwas geben können und Dich weiterbringen[,] nette Theaterstücke, gute Vorträge anzuhören. Es ist für Dich nicht leicht, da immer selbst das Richtige auszusuchen – dazu gehört Übung und Erfahrung – man muß in diesen Dingen am Anfang angeleitet werden. Vorzüglich ist in diesen Dingen Klaus, der immer irgendetwas gutes weiß und ein sicheres Urteil hat. Doch, wie gesagt, ich glaube bestimmt, daß Du allein den richtigen Weg hierin findest und Du nicht jeden Abend mit affigen Hamburgern leeres Geschwätze machst. So, Schluß damit und für diesmal auch mit unserem Klöhn, ich will Dir bald wieder berichten.
Grüße von den Eltern und den sonstigen Familienmitgliedern. Grüß Du bitte Gerhard und Dittmar, nicht zu vergessen Clär und John.
Einen dicken sehr lieben Bubben, liebe Leni,
von Deinem Rudu

Die Sorge von Rudu, dass seine kleine Schwester ihre Zeit mit “affigen Hamburgen” vergeuden könnte, finde ich fast rührend, obwohl ich mich natürlich gleichzeitig für das mangelnde Vertrauen in mein Urteilsvermögen bedanken würde. Vor allem, wenn das dann auch noch mit der Schwägerin betratscht wird!