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Beerdigungen – Leni bloggt (8)

Die Waffen schweigen. Der Krieg ist vorbei. Aber ich kann mich nicht richtig freuen. Helene geht es noch immer nicht gut, sie liegt in dem überfüllten Krankenhaussaal und wir können nicht nach Hamburg weiter. Klaus geht es besser, aber auch er ist geschwächt.

Ich möchte endlich meinen kleinen Hans holen und Christian beerdigen. Ich lasse die verzweifelten großen Kinder zurück und schlage mich nach Osten durch. Überall finden Aufräumarbeiten statt, Leichen werden begraben. Ich muss mich beeilen. Irgendwo muss das kaputte Auto doch zu finden sein. Das Auto, in dem Christian liegt.

Und ich finde es.

Ich trage den kleinen Menschen auf ein Feld und begrabe ihn abseits der Massengräber. Ich präge mir den Ort genau ein. Doch als ich mich zum Gehen wende und die Straße erreiche, kommen mir Zweifel. Noch einmal zurück. Da ist das Grab.

Nun muss ich weiter nach Osten, immer gegen den Strom, der deutlich abnimmt. Ich will zu meinem Jüngsten, der seit über einer Woche auf mich wartet. Von einem amerikanischen Soldaten habe ich einen Passierschein bekommen, doch wieder scheitere ich am Russen. Hier stehe ich und kann nicht zu meinem Sohn. Zwei Kinder auf der einen, eins auf der anderen Seite. Das Risiko ist zu groß. Ich kehre nach Schwerin zurück.

Auf dem Weg noch einmal zu Christians Grab. Doch das Autowrack ist fort, alle Felder sehen gleich aus. Ich finde ihn nicht.

So sah Lenis Kriegsende aus. Ihr Mann Friedrich ist unterdessen aus der russischen Gefangenschsft geflohen und unterwegs nach Norden, zum Gut.

Tagsüber verstecken, nachts zu Fuß durch den Wald. Ich orientiere mich am Nordstern. Der Hunger ist übermächtig, aber ich muss weiter. Noch in der Dunkelheit grabe ich mich im Laub ein, damit mich niemand entdeckt. Dann, eines morgens höre ich Gelächter.

Das Unfassbare ist geschehen.

Ich habe mich mitten in einem russischen Biwak versteckt. Mongolisch aussehende Soldaten stehen um mich herum, fuchteln mit Pistolen. Ich lache mit ihnen, was bleibt mir übrig? Man wirft mir ein Stück Brot zu, dann stutzt der eine und deutet auf meine Hand. Den goldenen Ehering wollen sie haben.

“Der geht nicht ab”, sage ich und ziehe mir am Ringfinger. Mein Gegenüber zückt einen Dolch. Auf wundersame Weise lässt sich der Ring nun doch vom Finger ziehen.

Und dann stehen wir da. Pistolengefuchtel.

Ich bin ganz ruhig.

Das Gefuchtel wird stärker und schließlich begreife ich, was der Mann von mir will: Ich soll abhauen.

Ich haue ab. An diesem Tag ist an Schlaf nicht zu denken.

Und dann, endlich, erreiche ich den kleinen Ort am Gut.

“Wissen Sie etwas über meine Familie?”, frage ich die Erstbeste. “Die vom Gut? Die sind alle tot”, lautet die Antwort.

Es ist nicht mehr weit, durchhalten, es kann nicht stimmen, was die Frau gesagt hat. Ich erreiche das Gut nach insgesamt mehr als 100 km zu Fuß.

Menschen mit durchgeschnittenen Kehlen. Das Herrenhaus ist vollkommen verwüstet. Nach und nach erfahre ich, was passiert ist.

Der Besitzer habe seine Familie erschossen. Nein, das kann nicht sein. Das wäre ja ich gewesen. Oder Albrecht. Dann war es der Verwalter. Sich und seine Frau wollte er auch töten, doch beide haben überlebt. Und die wahren Besitzer? Wo ist Leni, wo ist meine Schwägerin Elfi? Wo die Kinder?

Schulterzucken. Vielleicht sind sie noch rechtzeitig geflohen. Nein, von hier aus kommen Sie jetzt nicht mehr nach Westen.

Im Bootshaus finde ich eine Angel. Ich begrabe herumliegende Leichen, meine Familie ist nicht dabei.

Ich brate mir Fisch.

Der furchtbarste Tag – Leni bloggt (5)

Mit jedem Meter werden die Straßen voller. Nicht, dass das möglich wäre. Von rechts und links drängen sich weitere Fahrzeuge in den Treck, genau so, wie wir es gestern fluchend und schubsend getan haben.

Diese Fahrt ist die Hölle. Wir sind für den Nieselregen und die niedrigen Temperaturen dankbar, der Gestank ist so schon schlimm genug. Die Kinder schlafen auf dem Wagen, wir “Großen” haben uns die Nacht über wachgehalten, um voranzukommen. Es ist entwürdigend, an den Straßenrand zu machen, aber man muss sein Hab und Gut im Auge behalten. Ich zähle die Stunden, die wir noch auf dieser Straße verbringen müssen. Doch das Tempo wird immer langsamer und so vervielfachen sich die Stunden, statt sich zu verringern.

Von allen Seiten kursieren Gerüchte. Hitler soll tot sein. Tiefflieger würden die Trecks angreifen.

“Warum tun die so was?”, höre ich eine Frau fragen. “Wir haben ihnen doch nichts getan!” Ich mustere sie. Sie wendet sich ab und stimmt mit ihrem Sohn das Panzerlied an. Ob Hitler wirklich tot ist? Wir sehen Kinder, die ohne Eltern unterwegs sind. Es heißt, ihre Mutter habe sich umgebracht. Meine Kinder sind vier, sechs, sieben und gerade mal ein Jahr alt. Um mehr kann ich mich nicht kümmern. Ich weiß ja auch gar nichts über sie.

Meine Großen schieben Hans im Kinderwagen neben dem Fuhrwerk her, so sind sie beschäftigt. Ein Kind schiebt, die beiden anderen heben den Wagen über die Hindernisse. So haben alle vier Spaß und sind abgelenkt.

Es wird Abend. Nach zwei Tagen sind wir nicht einmal 50 km von zu Hause entfernt, es ist wirklich unerhört. Ich berate mich mit Paulina und der Gärtnerin, ob wir versuchen sollen, für die Nacht auf dem Gut von Dr. Paul unterzukommen.

“Wir sind erst zwei Tage unterwegs, wir können uns morgen ausruhen”, sagt Paulina. “Es ist nicht gut, hierzubleiben.” Wir verladen die Kinder wieder, sie sollen ein bisschen schlafen. Ich halte Ausschau nach Dr. Paul, als wir auf Höhe des Gutes sind, doch in dem Gedränge kann ich niemanden entdecken.

Dröhnen. Schüsse, Schreie. Tiefflieger!

Aus den Wagen! Alles strömt zu den Gebäuden, in die Gräben, an die Häuserwände. Ich stürze mit meinen drei großen Kindern in den Pferdestall, Hans bleibt im Kinderwagen auf dem Wagen liegen, ich kann ihn nicht mitnehmen. Noch über das Geschrei der Großen höre ich ihn brüllen.

Nach kurzer Zeit ist der Spuk vorbei und wir wagen uns aus der Deckung.

Wir drängeln uns in Richtung Treck, ich will zu Hans! Am Gutstor treffen wir unsere Gärtnerin, Paulina ist schon am Treck. Im selben Moment kommen die Flieger zurück.  ”Schnell, wir bleiben hier und stellen uns unter den Baum an der Mauer”, ruft die Gärtnerin. Und da sitzen wir zusammengeduckt aneinander und lassen uns abknallen. Ich spüre, wie die Gärtnerin lautlos neben mir zusammensackt, während mich ein scharfer Schmerz in den rechten Arm beißt. Die Kinder schreien wie am Spieß, ich sehe überall Blut. Sie schreien, also leben sie! “Steht auf!”, brülle ich, doch nur der sechsjährige Klaus kann noch gehen, Helene und Christian schleppe ich unter die Wagenremise.

Ich schreie Menschen an, dass sie die Gärtnerin auch zu mir bringen und fange die Militärärzte ab, die ohnehin hier ihr Quartier haben. Sie verbinden uns und wir werden ins Haus gebracht. Wo ist Hans, wo ist Paulina? Leben sie noch?

“Sie wird höchstens noch eine Stunde leben”, höre ich es neben mir sagen. Es ist der Arzt, der die Gärtnerin untersucht hat, die besinnungslos neben mir auf dem Boden liegt. “Aber retten Sie Ihren Sohn!” Den wimmernden Christian halte ich im Arm, er ist an Kopf, Lunge und Hand verletzt. “Bringen Sie ihn nach Schwerin”, sagt der Arzt. “Beeilen Sie sich!”

Irgendwie bekomme ich einen Wagen organisiert, da taucht Paulina mit Hans im Arm auf. “Lassen Sie ihn mit dem Kinderwagen hier und fahren Sie weiter”, rufe ich ihr zu. ”Ich kann ihn doch mitnehmen”, sagt sie, aber ich möchte ihn nicht so lang alleine lassen, von Schwerin aus kann ich ihn hier in ein paar Stunden holen und dann fahren wir zusammen weiter nach Hamburg. Wenn er mit Paulina irgendwo vor uns im Treck ist, treffe ich ihn erst in Hamburg wieder.

“Der Wagen ist bereit, steigen Sie ein!”, werde ich ermahnt. Die Gärtnerin darf nicht mit, “es ist hoffnungslos”, und so gebe ich dem brüllenden Hans einen Kuss und quetsche mich mit den drei heulenden großen Kindern in den Militärwagen.

Die Straße ist natürlich nach wie vor verstopft, überall brennen Wagen, es ist stockfinstere Nacht, keiner darf mit Licht fahren, wegen der dauernden Flieger. Auch im Wagen ist es dunkel, neben mir stöhnt Christian, dem ich nicht die geringste Hilfestellung geben kann, da mein rechter Arm durch die Verwundung vollkommen unbeweglich und sehr schmerzhaft ist.

Dann stöhnt er nicht mehr.

Mein Kind stirbt neben mir, ohne dass ich es sehen, noch ihm helfen kann.

Dann hat der Wagen eine Panne und wir liegen die ganze Nacht auf der Chaussee. Bei jedem Fliegergeräusch bekommen die Kinder wieder Angst. Wie soll ich sie beruhigen, wenn ihr toter Bruder neben uns liegt?

Dieser Text ist teilweise wörtlich aus den Briefen von Leni und Friedrich erstellt, den Rest habe ich mir zusammengereimt. Doch auch Friedrich hatte es an diesem Tag nicht leicht. Nach monatelangen Nah- und Straßenkämpfen bei Arnswalde liegt seine Truppe zum Zeitpunkt der Kapitulation am 1.5. in Fehrbellin und Friedrich gerät in russische Gefangenschaft.

 

Wir fliehen doch – Leni bloggt (4)

Heute vor 70 Jahren brach Leni mit ihren Kindern vom Gut in Mecklenburg in Richtung Hamburg auf. Eine Entscheidung, die ihr Leben verändert hat. Was die Alternative zweifelsohne auch getan hätte.

15 km westlich von uns lagen die Amerikaner, die Russen 34 km östlich von uns. Dann die Nachricht, dass die Amis sich zurückziehen, die Russen rücken nach.

Nächtelang diskutiere ich mit meiner Schwägerin Elfi, was wir tun sollen. Sie spürt, dass der Krieg so gut wie vorbei ist. Jetzt zu fliehen sei gefährlicher als zu bleiben, meint sie. Gegen alle habe ich dieses Gut verteidigt. Die Nazis wollten es uns für eine lächerliche Summe abkaufen. Dann hat sich die Wehrmacht hier einquartiert. Auf unserem eigenen Grund wurde ein KZ errichtet. Können die Russen denn so viel schlimmer sein als all das?

Die durchziehenden Flüchtlinge sagen, wir sollen fliehen. Sie haben alles hinter sich gelassen und glauben trotzdem, dass sie die richtige Wahl getroffen haben.

Gestern haben wir drei Fahrzeuge gepackt. Alles, das sich verladen ließ, ist darauf gelandet. Heute früh wollen wir los, natürlich verzögert sich die Abfahrt. Elfi bleibt mit ihren drei Kindern zurück. Wenn sie doch noch fliehen will, bleibt ihr nur ein Fahrrad, aber das kann ich nun auch nicht mehr ändern. Sie wird sich durchschlagen.

Mit mir kommen die Gärtnerin und Paulina, meine illegale litauische Hausgehilfin. Die Kinder sind sehr aufgeregt, oftmals springen sie um die Gefährte herum, wenn wir wieder stehenbleiben. Also eigentlich die ganze Zeit. Meter um Meter kommen wir voran, überall Menschen, Menschen, Menschen. Heruntergekommene Frauen und Kinder.

Als die Kinder die erste Leiche im Straßengraben finden, zwinge ich sie, sich wieder auf die Wagen zu setzen. Habe ich wirklich das Richtige getan? Können die Russen denn schlimmer sein als das hier? Auf dem Gut hatte ich noch Würde, hier bin ich nur eine von vielen Müttern, die ihre Kinder verkrampft anlächeln.

Gottseidank haben wir es nicht so weit, auch in diesem Tempo sollten wir in einer Woche in Hamburg sein.

 

MeckPomm

Zurück zum Alltag

Seit Mai hat sich viel getan in meinem Berufsalltag. Erst kam Mustafa und stellte alles ein bisschen auf den Kopf, den Rest erledigten meine Kinder in den Sommerferien. Seit dieser Woche sollte alles wieder seinen gewohnten Gang gehen, aber ich finde mich nicht so recht hinein.

Beruflich hat sich einiges verändert, ich lektoriere weniger und schreibe mehr, was mich sehr freut. Nun habe ich auch wieder Zeit für mein Buchprojekt. Das mit den Briefen. Ich habe das Konzept im Kopf, schwimme noch etwas ob der Verwirklichung und vor allen Dingen merke ich, dass es mich sehr viel mehr Kraft kosten wird, als ich gedacht hätte.

Außerdem muss ich dringend wieder zu dem Gut meiner Großmutter fahren, dahin, wo sich im Krieg alles abgespielt hat. Der Kurztrip im Januar hat mir viel gebracht. Die Kinder fragen auch schon, wann wir endlich mal wieder hinfahren. Dabei fanden sie den Wald doch so unheimlich!

Vielleicht statt Buchmesse? Hübscher ist es da ja, vor allem trifft man aber viel weniger Leute. Ist das jetzt gut oder schlecht?

Also wenn DAS jetzt keine Lesefreude ist, dann weiß ich auch nicht

31.10.1939: Mein geliebtes Menschlein! (Leni)

Brief mit Buch

Brief mit Buch

Leni ist noch immer schwanger und wünscht sich das Ende des Krieges herbei.

Heute gibt es wieder ein Buch zu gewinnen, und zwar das Rezensionsexemplar von “Wenn die Wale an Land gehen” von Kathrin Aehnlich. (Meine Rezension dazu findet Ihr hier.) Ihr habt bis Montag (23.3.) um 12 Uhr Zeit, mir folgende Frage zu beantworten: Wem hat Leni noch immer nicht geschrieben?

Die letzte Frage nach der Gummihosengröße habt Ihr alle richtig beantwortet. Ich habe ausgemehlt (“Ene, mene, Miste …”) und KATJA hat gewonnen. Herzlichen Glückwunsch! 

Da Ihr sicher weiterhin fleißig mitmachen möchtet, verschicke ich die Bücher am Ende der Aktion.

N. den 31.10.39

Mein geliebtes Menschlein!

Du bist wieder ein ausgezeichneter Erlediger von allen Dingen und ein sehr guter Schreiber, hab sehr vielen Dank, mein Blättchen, für Deinen lieben Brief mit dem Kamm und Fahrplaneinlagen. Wie gräßlich benimmt sich die Krakower Bahn, konntest Du am Fahrkartenschalter keinen Krach machen? Die Mecklenburger sind eine besondere Sorte Menschen. –

An Herta habe ich einen langen Brief geschrieben und sie gebeten, wieder zu kommen, wenn sie nicht zu Hause bleiben muß, nehme ich fast an, daß sie zu uns kommen wird. Die Kisten kannst Du gern am Montag kommen lassen.

Ich werde wohl Freitag kommen. Edith ist heute wieder aus, es ist schon das 3. Mal seit ich hier bin, aber ich muß es so machen, da nachher nicht viel daraus wird. So bin ich noch nicht dazu gekommen, an Mutter einige Zeilen zu schreiben. Den ganzen Vormittag bin ich mit den Kindern draußen und wir (Dicki und ich) haben die beiden letzten Tage im Garten gearbeitet, in dem wir die Wurzeln mit ausgebuddelt haben. Gleich kommt der Gärtner, ich muß eilen. –

Es ist sehr süß, daß Du bei Helene warst, aber ich konnte mir ihre Antwort schon denken und glaube nur ja nicht, wenn andere Ärzte hinzugezogen werden, daß die meine Sache schlimm finden. Die denken nicht daran, etwas zu tun. Mein Menschlein, im Grunde ist es ja auch eine große Freude, nur hatten wir es uns etwas anders gedacht und wird die nächste Zeit und die ersten Jahre nicht ganz leicht sein. Hoffentlich geht der Krieg nur bald zu Ende. Weißt Du schon etwas wegen der Autobenutzung? Deine Reifen haben wir wieder. Der Gärtner ist da.

Geschenke, Geschenke!

Mehr Bücher!

1000 Liebes mein Blättchen, auch an Mutter Deine Tiris.

Also wenn DAS jetzt keine Lesefreude ist, dann weiß ich auch nicht

27.10.1939: Mein geliebtes Blättchen (Leni)

Geschenke, Geschenke!

Geschenke, Geschenke!

Leni war einen Monat mit Dicki (der zweijährigen Tochter) in Hamburg und hat Baby (ein Jahr alt) so lange auf dem Gut in Mecklenburg zurückgelassen. In der Zwischenzeit hat Baby oben vier neue Zähne bekommen und der Verwalter hat die Reservereifen der Autos verkauft. Nun wartet Leni auf Friedrich.

den 27.10.39

Mein geliebtes Blättchen!

Morgen werde ich Dich ja einmal hier haben und 2. wohl auch noch Deine genaue Ankunft schriftlich hören. Ich freue mich schon sehr mein Blättchen, vor allem, daß Du auch Baby siehst. Ich habe noch einen Wunsch für ihn und bitte Dich, wenn irgendmöglich es zu besorgen, da es mir sehr fehlt. Es ist eine Gummihose Größe 3 für Baby. Man kann nämlich nicht gegen die nassen Betten an, sie trocknen jetzt so schlecht und mein Zimmer ist den ganzen Tag mit Matratzen, Bettüchern und sonstigen Kindersachen geschmückt. Also wenn irgendmöglich bring sie bitte mit, Möhring auf dem neuen Wall hat sie noch. Ferner wär es sehr schön, wenn Du die Illustrierten mitbringst und wichtig sind Zigaretten, da es hier keine gibt. –
Ich habe heiß gebadet, sogar sehr heiß und auch die Pillen genommen, die scheußlich schmecken, aber es hat bis jetzt nichts genützt. Wir müssen nun erstmal abwarten. –

Edith ist heute aus, sie ist vollkommen unbrauchbar, ich muß mich nachher in Hamburg gleich bemühen, jemand zu bekommen. Es ist natürlich sehr mühsam mit den Kindern, aber es geht beinahe besser, wenn sie aus ist. –

Mit W. hatte ich heute Krach wegen der fortgegebenen Reifen, wir haben uns in großem Ärger getrennt. Mama läßt Dich sehr grüßen, sie beschäftigt Dicki zur Zeit. Ich muß schließen, mein Mollchen, bis morgen. An Mutter habe ich noch nicht geschrieben, aber der Tag ist hin wie nichts. 1000 Bubben Deine Tiris

Das Wäschehaus Möhring gibt es noch immer. 

Nach eigenen Angaben wurde Leni sehr schnell schwanger – offenbar trug auch dieser Ausflug zu ihrem Mann in der Hinsicht Früchte. Da am 30.6.1940 Christian geboren wurde, haben die Pillen und das heiße Baden nichts Gegenteiliges bewirkt. 

Die Eisprinzessin und ihre Freunde

Die Eisprinzessin und ihre Freunde

Auch heute gibt es wieder im Rahmen von “Blogger schenken Lesefreude” ein Buch aus dem großen Stapel zu gewinnen: Passend zum Oktober, in dem die nassen Betten so schlecht trocknen, die Eisprinzessin von Lisa Graf-Riemann. Beantwortet mir dazu bis übermorgen (20.3.) um 12 folgende Frage: Welche Größe soll die Gummihose für Baby haben?

Der letzte Gewinn ging übrigens an Daniela D., die die Frage nach der Anzahl der Kosenamen richtig beantwortete. Es waren insgesamt vier, nämlich “mein Moll”, “Molltier”, “mein Blättchen” und “lieber Mensch”

09.08.1936: Mein Lieb! (Leni)

Leni verschickt Hochzeitsanzeigen. 

N., den 9. Aug. 36

Mein Lieb!

Es ist hier so bezaubernd schön, dass ich sehr traurig bin, dass Du nicht hier bist. Lieb, wie würden wir es geniessen, denn seit Wochen haben wir nicht mehr einen solchen Tag gehabt und dann die Ruhe, es fällt selbst mir auf nach alle dem Trubel in der Stadt.

Puck, ich war heute sehr fleissig und haben soeben 25 Anzeigen fertig gemacht, im ganzen mussten wir von uns aus doch 60 verschicken, es sind doch immer mehr Menschen, als man denkt. Jetzt habe ich keine mehr und möchte Dich bitten an Ilse L. und W. C. eine zu senden, denn ich kann es nicht mehr. Wenn Ihr noch einige Umschläge über habt, kann ich sie gut gebrauchen, vielleicht 4, sonst kann ich ja auch andere nehmen. Bis jetzt habe ich über 40 Gratulationen bekommen, abgesehen von Mamas Sachen natürlich und auf die jetzt verschickten Anzeigen werden noch ca. 60 einlaufen, die ich unmöglich alle mit der Hand beantworten kann. Ich bin sehr dafür, dass wir uns einige Karten drucken lassen, Mama meint es auch , eventuell nur mit unseren Namen oben, so macht man es sehr oft, oder mit Text, dann müssen die ausführlichen Schreiben natürlich mit der Hand beantwortet werden. Was meinst Du dazu? Ich könnte es am Donnerstag in Hamburg gleich aufgeben und zwar bei unserem Geschäftsdrucker, der nicht so teuer wie Kimmelstiel ist.

Meine Herfahrt gestern hat mir viel Spaß gemacht, weil das Wetter schon so gut war. 3 Stunden und 5 Minuten habe ich gebraucht und eigentlich alles aus dem Wagen rausgeholt, die Strassen über Ludwigslust-Plau sind so ausgezeichnet, dass ich zu meinem Kummer festgestellt habe, dass der Wagen für sie nicht schnell genug läuft, er liegt so gut auf der Strasse, dass er leicht 10-20 km. schneller sein könnte.

Eine komische kleine Begegnung, die ich hatte, muss ich Dir mündlich erzählen.

Wir geniessen die Ruhe heute unglaublich, ich bin wirklich froh, dass wir keine Gäste haben, ausser Dir mein Lieb natürlich, aber Du bist ja kein Gast mehr, sondern mein Mann. Seit heute morgen sitzen Mama und ich auf der Terrasse in der Sonne, ich bin schon ordentlich wieder gebräunt, jeder am Tisch für sich, da ich dauernd tippe. Morgen kommt Frieda S. und ich denke ich fahre erst Donnerstag früh, eventuell mit Mama. Mein Lieblingspuck, Du bist nicht bös, wenn ich jetzt schliesse, ich kann Dir doch nicht sagen, wie oft am Tag ich an Dich denke, Dich herbeisehen und rasend glücklich bin. Aber ich möchte noch kurz an Rudolf und Hertha schreiben, wenn ich es heute nicht tue, wird es wieder für Wochen nichts, ich bin dazu gezwungen, denn Rudu hat Geburtstag und Hertha wegen der Sachen.

Ich habe eine Liste gemacht, genau so wie Du es wünschtest, Gratulationsschreiben und Geschenke angeführt und fernen eine mit Namen, die Anzeigen erhalten haben und werden. Ist es so recht? Hoffentlich bin ich später immer so ordentlich. Oma meinte, wir müssten doch sicher ein Mädchen haben, ich hatte Mühe, ihr klar zu machen, wie unnütz das wäre. Von Mama soll ich sehr vielmals grüssen, besonders Deine Mutter, Du möchtest Mutter sehr vielmal für ihren lieben Brief danken, Mama hat sich sehr gefreut.

Puck, Liebes, ich umarm Dich sehr herzlich und freu mich sooo, dass wir uns bald wieder sehen. Deine Rosen sind wonnig, sie stehen in meinem Zimmer und ich freu mich darüber. –

Ich werde jetzt auch eine Liste machen an Sachen, die wir notwendig für die Wohnung brauchen, damit wir nicht die Hälfte vergessen und es so tropfenweise nachher geht. Es liebt Dich mehr denn je Deine

Lini.

Die oben erwähnte Ilse L. ist die Mutter meines Patenonkels – nach ihrer Abstammung eine Jüdin. Wie es ihr damals gegangen sein mag?

Besonders interessant finde ich die Reiseroute zum Gut über Ludwigslust. Habe soeben beschlossen, morgen die gleiche zu nehmen. 

18.05.1936: Mein lieber Puck! (Leni)

Am 7.4.36 starb Papa (hinten betont, ich kann es nicht oft genug sagen), Lenis Vater. Er wurde auf dem Gut beerdigt, das Grab findet man dort auch heute noch im Wald.

N., den 18. Mai 36

Mein lieber Puck!

Ich schäme mich sehr, dass ich Dir erst heute schreibe. Mein Puck darfst nicht böse sein, und glauben, dass ich nicht an Dich denke. Aber der Tag vergeht wie wenige Stunden, hinzu kommt, dass hier sehr viel zu tun ist, da wir noch beim gründlich rein machen sind, und das ist immer eine höchst ungemütliche Zeit. Dauernd wird von einem Haus ins andere gelaufen, da Maria [Lenis Schwester] jetzt umziehen soll und oben die neuen Zimmer auch bezogen werden. Gestern hätte ich zwar viel Zeit gehabt, Dir zu schreiben, aber leider hättest Du den Brief dann heute auch noch nicht gehabt, da Sonntags keine Postverbindung ist. Dafür hast Du mich mit sehr lieben Zeilen erfreut, mein Lieb, ich danke Dir sehr. Ob Du wieder ganz gesund bist? Und am Sonnabend auch noch nicht im Geschäft warst. Hoffentlich hast Du die beiden Tage ordentlich geniessen können, denn es ist so schön, mal nicht in dem dumpfen Geschäft zu sitzen und dauernd viel um die Ohren zu haben. —

Gestern habe ich große Radtouren gemacht und habe in folge dessen heute ganz nette Gliederschmerzen. Wie schnell ist der Körper doch von so kleinen sportlichen Sachen entwöhnt. Es war überall wunderschön, schon durch das Wetter und den Frühling, nur Du fehltest bei allem. Die übliche Tour um den langen See kam selbstredend als erste und Du glaubst nicht, was es auch alles zu sehen gab, an Tieren und sonstigen Neuigkeiten, die gemacht sind. Die kleinen Buchen, Lerchen und Birken sind so besonders reizend, Du musst bald kommen, dass Du es noch so siehst, wie es jetzt ist. Ich finde Deinen Ferien Vorschlag sehr gut, Du kannst hier natürlich sein so lange Du willst, ich freu mich schon unendlich, vielleicht können wir ja auch noch ein paar Tage fortfahren, wenn ich sage, ich ginge nach R. [also nach Hause zum Hauptwohnsitz]. Ich kann heute noch nicht so sehr viel darüber sagen, doch finde ich den Zeitpunkt, den Du gewählt hast, sehr gut. Vielleicht kann man schon baden. Im Moment sitze ich wunderschön in der Sonne mit Aussicht auf den See, der sehr blau mit kleinen Schaumköpfen ist.

Puck sonst kann ich Dir wenig schreiben. Sehr fröhlich sind wir gerade nicht, Mama ist zu unglücklich und hier besonders, was ja auch kein Wunder ist, ich könnte Dir so tausend Dinge aufzählen, durch die man dauernd an Papa erinnert wird, wodurch der Verlust immer schärfer hervor tritt, weil man eben zu Lebzeiten dies alles als selbstverständlich und nichts besonderes hin nahm, jetzt ist es alles anders.

Mit meiner zukünftigen Arbeit habe ich noch nicht begonnen, es ist im Augenblick noch zuviel anderes, vorläufig frage ich nur und versuche mich nach allen Seiten zu orientieren.

Puck bald hörst Du mehr, unserer Fahrt neulich war bezaubernd. Morgen geht es nach Güstrow.

Geht es Deiner Mutter wieder besser? Du musst sie sehr grüssen, wie war der Tag neulich, ist er zur Zufriedenheit verlaufen und hat es Deine Mutter nicht zu sehr angestrengt?

Puck ich liebe Dich sehr, schreibe Dir bald wieder, danke Dir 1000 mal für Deinen Brief, und hoffe dass Du bald kommst.

Deine Leni

Soso, Leni würde also behaupten, dass sie nach Hause fährt, und stattdessen ein paar Tage mit Friedrich verbringen. Unerhört! Bei dem Besuch auf dem Gut hatte ich gedacht, dass sie sich dort schrecklich gelangweilt haben muss, ich hatte aber nicht an die Möglichkeit der langen Radtouren gedacht. So hat sie also ihre Zeit verbracht! 

Was mir unabhängig vom Inhalt auffällt, ist die Angewohnheit, zusammengesetzte Substantive auseinander zu schreiben (“Ferien Vorschlag”) – heutzutage wird ja immer behauptet, das sei ein Anglizismus. Neu ist das Phänomen offenbar nicht.

20.08.1946: Meinen Wagen habe ich längst verzehrt. (Rudu)

Ein ausführlicher Brief von Rudu, der in Guatemala vom Gemüseanbau (und dem Verzehr von Autos) lebt. 

[handschriftlich von Leni: bea[ntwortet] im Okt. 46]

Guatemala, 20. August 1946

Liebe Leni, lieber Friedrich,

kürzlich erreichten mich Deine Zeilen vom 23.6., lieber Friedrich, und Du glaubst nicht wie sehnlich wir darauf gewartet hatten, Eure Erlebnisse im Zusammenhang zu hören. Bis dahin waren es immer nur Bruchstücke, die uns hier in Guatemala erreicht hatten, die sich zum Teil widersprachen. Man möchte noch so unendlich viel fragen! Trotz aller Berichte, die von drüben jetzt eintreffen, ein Bild von Eurem Leben kann man sich doch nicht machen.

Unser sehnlicher Wunsch ist, Euch irgendwie zu helfen, soweit es in unseren Kräften steht. Wir haben Pakete aus der Schweiz in Auftrag gegeben, es heisst jedoch, dass nur ein ganz geringer Teil dieser Pakete ihren Bestimmungsort erreichen. Als neuestes ist uns empfohlen: Cooperative for American Remittances to Europe, abgekürzt CARE, durch die man 49 lbs. Pakete enthaltend 30 lbs. Esswaren, an Euch schicken kann. (40.000 calories). Per Flugpost geht morgen der Auftrag nach New-York, Euch und Maria B. je eins von diesen Paketen auszuhändigen. Ich hoffe von Herzen, dass sie Euch gut und schnell erreichen und bitte um umgehende Bestätigung nach Erhalt. Ich will mich mit Hertha noch in Verbindung setzen, damit das Absenden von Paketen in geregelter Weise vor sich geht.

Ehe ich auf Deine Zeilen eingehe, möchte ich Dir kurz von hier einiges berichten. Gemessen an den Schwierigkeiten, die Ihr zu überwinden habt, sind wir hier natürlich in Abrahams Schoss. Jedoch alles ist relativ und wenn ich Dir erzähle, dass ich seit langem nicht mehr weiss, was ruhiger Schlaf ist, so wirst Du vielleicht lächeln. Denn trotz vorzüglichen Gewissens fehlt dieser ganz, verscheucht durch die Sorgen, was die nächsten Ereignisse bringen. Erinnerst Du Dr. Edgar W.‘s Besuch in Mecklenburg im Jahre 1938? So wie er damals fühlen wir uns heute mit genau derselben Perspektive: dies Auf und Ab zwischen Hoffnung und Verzweiflung dauert seit 41. Man hat das Gefühl, momentan dem Endspurt beizuwohnen und es ist wenig Hoffnung auf ein gutes Ende. Auf dem Eckchen neben Lisi B. können wir uns alle zusammenfinden und beraten, soweit noch etwas zu beraten ist. Unsere Mittel sind sehr beschränkt und die Teuerung ist beträchtlich. Ich gebe z. B. für Milch über $ 20.- im Monat aus. Bei Achim und Hertha soll das noch schlimmer sein, nur dass ich glaube, dass er mit sehr viel grösseren Reserven anfing, denn er hat noch seinen Wagen, den ich schon vor Jahren verkaufte und längst verzehrte.

Gesehen habe ich Achim nicht seit der Taufe meines Jungen Okt. 41 und korrespondiert haben wir höchstens alle halbe Jahre mal, wenn sich zufällig mal eine Gelegenheit bot. Auch jetzt noch höre ich von den Vorgängen dort meistens nur durch Hörensagen, genaues weiss ich nicht. Wenn Du übrigens Gelegenheit haben solltest mit dem Bruder von Carl-Ludwig, nämlich Johannes, zu sprechen, so wird der Dir übrigens sicher noch manches von hier erzählen können.

Meiner Familie geht es gut. Bea ist schon ein grosses Mädchen, die sehr gut in der Schule voran kommt und alles spielend erledigt. Sie wird, denke ich mir stets sehr ihren eigenen Weg gehen und alles unangenehme wie damals auf dem Gut mit den Worten „nein heute abend“ von sich weisen. Der Junge, den wir jetzt englisch ausgesprochen Michael nennen (in der englisch geleiteten Schule nannte man ihn so) lernt die Anfangsgründe im Schreiben und Lesen und ist im allgemeinen sehr viel mehr anlehnungsbedürftig als seine Schwester und damit der Verzug seiner Eltern. „Consentido“ (Verwöhnter) sagt die Bea sehr oft verächtlich, da die beiden unter sich meistens spanisch sprechen. Michael beendet jeden abend sein Gebet mit: „und schenk mir bald ein kleines Baby“, einen Wunsch von dessen Erfüllung wir den lieben Gotte gebeten haben einstweilen abzusehen ehe er nicht weiss, wo er uns wieder einsetzen will.

Gemüsebau ist ganz erfreulich, ich hoffe jedoch, es wird nicht zu lange noch meine einzige vernünftige Beschäftigung bleiben. Auf einem Nachbargrundstück wohnt ein alter Herr aus Güstrow, Herr B., der viel bebaubares unbenutztes Land hatte. Nach meiner Krankheit fing ich an das umzugraben und jetzt ist jedes Eckchen bepflanzt. Wir im Hause essen fast ausschliesslich dort gebautes Gemüse und das übrige wird verkauft, die Einnahmen gehen an Herrn B., der über Geldmittel kaum verfügt. Er ist 74 Jahre und hatte vor einiger Zeit von seinem Enkel einen Bericht über den Einzug der Russen in Güstrow. Sein Schwiegersohn, Oberst, ist eine Art Komissar für den Güstrower Bezirk.

Seit Monaten will ich Achim besuchen, freundlichst eingeladen von Hertha, die mir die Reise aus den Verkaufserlösen ihrer Ölbilder schenken will, doch immer wieder muss ich es aufgeben und fürs erste verschieben.

Gestern kam ein Brief von Hertha mit einer Copie des Briefes von Albrecht vom 21. Febr., so verspätet ist der eingetroffen! Er schreibt: „ich plane im Herbst rüber zu kommen nach Mex, Gtla oder USA“, „rechne auf Eure Hilfe“, ebenso gut könnte er schreiben, er plane eine Reise zum Mond.

Du schreibst in Deinem Brief, Friedrich, nichts über Deine Mutter, wo sie wohnt etc., ich hoffe es geht ihr wie auch Deinen Brüdern gut. Ich wäre Euch dankbar, wenn Ihr mir über das Ergehen folgender Personen, soweit möglich, berichtet: [es folgt eine auführliche Personenliste] Von Klaus U. hörte ich aus Chicago kürzlich, wir mussten den Briefverkehr während des Krieges abbrechen und haben erst jetzt wieder voneinander gehört.

Achim und Hertha werden Euch sicher berichten. Ingrid und ich sind in Gedanken so oft bei Euch und Euren Kindern, nehmen innigen Anteil an Eurem Kummer und Euren Erlebnissen. Wir hoffen sehr, dass sich [Brief bricht ab]

Was es mit Edgar W. und seinem Schicksal auf sich hat, weiß ich leider nicht. Um Euch die Weihnachtsstimmung nicht zu versauern, werde ich vor Weihnachten noch ein paar schöne Briefe einstellen. Freut Euch drauf!

04.11.1945: Hans geht es 2- (Leni)

Leni ist in Berlin bei Hans und hat nun auch Friedrich wieder. Sie warten noch immer auf einen Transport zurück nach Hamburg.

den 4.11.45

Liebe Mutter! Leni [bis hier Friedrichs Schrift, dann Lenis] Wir sitzen hier noch immer und warten auf den regulären Transport, der angeblich am 1?.[an der Stelle gelocht]11. direkt nach Hamburg gehen soll. Das Warten ist gräßlich, zumal Friedrich und ich keine Lebensmittelkarten haben, wir bekommen sogenannte Flüchtlingskost für die wir täglich lange anstehen müssen, weil es so prima organisiert ist.

Hans geht es 2-, er hatte Brechdurchfall und bekam Tagelang nur Tee, jetzt ißt er um so mehr aber Gemüse ist fast garnicht zu beschaffen. Sein eines Ohr eitert wieder, aber er hat keine Schmerzen dabei. Im Ganzen ist er sehr süß, ich habe nur große Not mit seiner Bekleidung, da ich einmal fast nichts hier habe und das Wenige trocknet sehr langsam, denn an Heizen ist garnicht zu denken. Die Fenster sind nur verpappt und somit weht stets ein kalter Wind. Wir kommen alle von einer Erkältung in die andere. Friedrich wollte morgen nochmal in die Nähe vom Gut nach Mecklenburg fahren, um das Nötigste an Essen zu organisieren, doch sind die Zugverbindungen derartig miserabel, daß er bis Freitag nicht zurück sein kann. Wir schaffen es auch noch so bis dahin, wenn nur der Transport nicht wieder verschoben wird. Der Weg meiner Herfahrt ist unmöglich mit Hans zu machen, ohne ihn wären wir längst dort.

Das Gut war ein trauriges Bild. Tante Olga lebt und ist munter. Meine Gedanken sind viel bei Euch. Ob Paulina noch da ist und wie es vor allem den Kindern geht. Haben wir unser Holz bekommen? Konntest Du à persona 2 Zentner Kartoffeln bekommen?

Jetzt müssen wir für Hans und Friedrich auch noch je zwei haben. Ist es bei uns im Keller sehr feucht? Evtl. sind wir nächsten Sonntag dort. Friedrich muß nach seiner Gefangenschaft furchtbar ausgesehen haben, jetzt geht es schon wieder, er wurde entlassen, da er dicke Beine hatte, sein Herz war nicht in Ordnung.

Wenn ich nochmal zum Gut könnte, ist es möglich von Deinen Sachen was zu retten, denn alles vieles findet man bei unseren Leuten wieder. Als ich am 15.10. dort eintraf, wurden gerade alle Gutsbesitzer ausgewiesen und es war wie ein Wunder, daß man mich nicht auch irgendwo nach 30 km auf der Straße absetzte. Vorsichtshalber zog ich in den nächstgrößeren Ort. Wir sind sehr froh, daß wir bei Irmgard H. hier wohnen können, die Arme hat auch viel durchgemacht. Frau H. [wohl die Mutter] ist in Mönchen Gladbach, als ich kam war sie noch hier. Alle Nachbarn müssen fort.

Ob bei Euch schon Schule ist? Wie geht es bei O’s und hast Du von Kurt gehört? Hoffentlich sehen wir uns nächsten Sonntag, sonst frieren wir hier wohlmöglich noch ein.

Herzliche Grüße von uns dreien

Deine Leni.

10.10.1945: Inge sorgt für mich genau so rührend wie für den Jungen (Leni)

Leni hat es geschafft, sich nach Berlin durchzuschlagen. Sie hat den kleinen Hans wiedergefunden. Nun muss sie jedoch noch einmal nach Mecklenburg, um dort Friedrich zu treffen und zu versuchen, noch ein paar Dinge vom Gut zu retten. Der Rückweg muss über Berlin gehen, da sie mit Hans einen regulären Transport nehmen will. Sie lässt ihren Sohn also noch einmal für ein paar Tage zurück – wie schwer muss ihr das gefallen sein, aber wie froh wird sie auch gewesen sein, Friedrich wiederzusehen!

[Auf Papier „République Française, Paris, le ..... 193....“]

 Berlin 10. Okt. 45

Liebe Mutter! [Friedrichs Mutter]

Frau H. fährt heute mit einem Transport nach Köln und wird dieses hoffentlich befördern können. Ich hoffe nächste Woche mit Frau S. auf reguläre Weise fortzukommen oder mit einem Transport, der aber meistens von Woche zu Woche verschoben wird. Ich kann natürlich auch auf dieselbe Weise fahren wie mein Herweg war, doch ist dieses für Hans zu strapazierend, wir wären Tage unterwegs und die Züge sind so unbeschreiblich voll, wie man es sich bei Euch nicht vorstellen kann. – Inge P. hat unbeschreiblich rührend für Hans gesorgt. Er war so herunter, daß er von allen aufgegeben wurde und ich möchte nun nicht, da sie ihn jetzt wieder so weit hat, [ihn] einer stark strapaziösen Fahrt aussetzen. Andererseits möchte und muß ich schnell zurück, da ich keine Lebensmittelkarten habe und bekomme und meine mitgenommenen Vorräte zu Ende gehen. Inge sorgt für mich genau so rührend wie für den Jungen. – Ich will heute nach Mecklenburg fahren, jedoch weiß man nie wieviele Tage solche Fahrt dauert. Im nächsten Ort beim Gut hoffe ich Friedrich zu sehen, vielleicht ist es ja möglich daß er mit mir kommt. Frau H. hat mir ausführlich vom Gut erzählt, schriftlich kann ich das nicht wiedergeben. Martha S. will auch per Auto fahren, wenn ich an der Grenze abgesetzt werde, so wird sie jedenfalls das Kind mitnehmen. Schon wegen der Kälte müssen wir uns eilen, auch daß Hans aus Berlin kommt, denn Fensterscheiben gibt es in Inges Wohnung nicht.

Ich hoffe Du hast meine verschiedenen Postkarten erhalten , sodaß du über meine Reise orientiert warst. Wie sind die Kinder, kommt Ihr zurecht? Ist Paulina noch da, mir wäre lieb wenn sie bliebe bis wir zurück sind.

Ich hoffe am 15 oder 16. dort zu sein, jedenfalls braucht Ihr Euch nicht sorgen wenn es später ist, dann ist es nur um einen bequemen Weg zu haben. Konntest Du mir Winterkartoffeln besorgen? Und ist die Sendung aus Lübeck da?

Herzliche Grüße an alle

Deine Leni

In Inges Wohnung muss es verdammt kalt gewesen sein ohne Fensterscheiben. Nach den Erzählungen war die Wohnung verwüstet und Hans spielte in den Trümmern. Leider gibt es keinerlei Angaben, wie er auf das Wiedersehen mit seiner Mutter reagiert hat.

Edit: Doch gibt es – Hans saß auf dem Topf und hat seine Mutter zu deren großen Entsetzen nicht erkannt.

Am Verfallen: die Wagenremise

17.01.1946: Es folgt dann die furchtbarste Fahrt meines Lebens. (Leni)

Leni schreibt an die Mutter der verstorbenen Gärtnerin. Dies ist nach allem, was ich bisher gefunden habe, der einzige Brief, der die Ereignisse des 1.5.45 im Detail schildert. Letzten Sonntag waren mein Vater (“das Baby”), meine Mutter und ich unterwegs auf Lenis Spuren und kamen auch an dem Gut vorbei, an dem der Beschuss stattfand. Über den Beschuss selbst konnten wir bisher nichts herausfinden (wer weiß etwas über Tieffliegerangriffe in Mecklenburg am 1.5.45?), wohl aber über das Gut. Herrenhaus und Wagenremise stehen noch, vom Pferdestall wissen wir, wo er stand. Wenn das Gutstor sich an der Straße befand (was ich annehme), betrug der Weg von dort zur Wagenremise etwa 80 Meter.

R., den 17.I.46

Sehr geehrte Frau G.!

Heute früh erhiehlt ich Ihren Brief vom 2.I. und will versuchen Ihnen nochmal genau zu schildern, was sich seiner Zeit an dem unglücklichen I. Mai zutrug. Am 30. April hatten wir unser Gut verlassen und befanden uns am I. Mai abends vor einem Gut W., als die Tiefflieger kamen. Wir verließen alle die Wagen und suchten Deckung in Gebäuden, Gräben, Häuserwänden u.s.w. Ihre Tocher [die Gärtnerin] blieb mit der Litauerin Paulina [einer weiteren Angestellten] zusammen und ich stand mit meinen drei ältesten Kindern in einem Pferdestall und hatte das Baby im Kinderwagen allein auf dem Treck zurücklassen müssen. Die Kinder weinten sehr und waren furchtbar ängstlich. Die Tiefflieger flogen nach einiger Zeit fort, sodaß wir uns aus der Deckung wagten.

Am Verfallen: die Wagenremise

Am Verfallen: die Wagenremise

Ich wollte mit den Kindern zum Treck zurückgehen um zu sehen, was aus dem Baby geworden war und traf am Gutstor mit Ihrer Tochter zusammen. In demselben Moment kamen die Flieger zurück, und Ihre Tochter meinte, wir könnten am Tor stehen bleiben und unter dem Baum und an der Mauer Schutz suchen. Wir saßen alle zusammen geduckt beieinander und wenige Minuten später waren wir alle verwundet. Ihre Tochter brach lautlos zusammen und ich schleppte meine beiden schwer verletzten Kinder unter eine Wagenremise, während mein einer Junge noch gehen konnte. Es war alles so fürchterlich, daß Worte diese schrecklichen Augenblicke nicht widergeben können. Ihre Tochter wurde ebenfalls auf meine Veranlassung hin zur Wagenremise gebracht und wir wurden dort von den im Quartier liegenden Militärärzten verbunden u. anschießend alle ins Haus gebracht. Ihre Tochter hatte eine Kopfverwundung, rechte Seite, ebenfalls das rechte Handgelenk. Ob sie mehr Verwundungen am Körper hatte, kann ich nicht sagen, die Militärärzte hielten sie für so schwer verwundet, daß sie sagten, daß sie höchstens noch eine Stunde leben würden. Sie hat die Besinnung solange ich bei ihr war nicht wieder bekommen. Mein drittes Kind, welches ich beim Angriff im Arm hatte, bekam einen Lungen-, Kopf- und Handschuß, und die Ärzte trieben mich zur Eile, wenn ich das Kind retten wollte, sofort nach Schwerin zu fahren. Ich bekam einen Wagen zur Verfügung gestellt und wollte Ihre Tochter mitnehmen, aber die Ärzte sagten nochmal, daß es hoffnungslos sei. Somit fuhr ich mit meinen dreien im Militärwagen Richtung Schwerin und ließ das Baby zurück, in der Annahme es in einigen Stunden oder am nächsten Tag holen zu können. Es folgt dann die furchtbarste Fahrt meines Lebens. Die Straßen verstopft, brennende Wagen auf der Straße und in Gräben, stockfinstere Nacht, keiner durfte mit Licht fahren, wegen der dauernden Flieger und im Wagen auch alles dunkel, neben mir das sterbende und stöhnende Kind, dem ich nicht die geringste Hilfestellung geben konnte, da mein rechter Arm durch die Verwundung vollkommen unbeweglich und sehr schmerzhaft war. Mein Kind starb, ohne daß ich es sehen noch ihm helfen konnte und der Wagen hatte eine Panne, sodaß wir die ganze Nacht auf der Chaussee lagen. Erst am nächsten Morgen trafen wir in Schwerin ein und dann zog nach einer Stunde der Amerikaner ein und der Russe kam bis Muess, ca 7 km vor Schwerin.  Das tote Kind durfte nicht mit in den Krankenwagen und blieb allein im Auto liegen und erst nach 8 Tagen gelang es mir, den kleinen Jungen schließlich wieder zu finden und zu beerdigen. Aber glauben Sie nicht, daß ich das Grab je wieder finden werde, denn es waren solche Massenbeerdigungen in den Tagen, und alles ging so drüber und drunter wovon sich niemand eine Vorstellung machen kann, der es nicht miterlebt hat. Ich nehme an, daß es ähnlich auf dem Gut war. Ich habe mit allen Mitteln versucht, dorthin zurück zu kommen, um nach Ihrer Tochter zu sehen und mein Baby zu holen, bekam von den Amerikanern auch sogleich die Erlaubnis, aber es gelang mir nicht durchzukommen, andererseits wollte ich meine beiden anderen verwundeten Kinder nicht allein im Krankenhaus lassen.

Der Brief bricht hier ab, es ist auch offenbar nur eine Kladde für den endgültigen Brief. Die russische Linie muss sich wirklich unmittelbar hinter Leni befunden haben. Die Distanz von Schwerin zum zurückgelassenen Sohn dürfte rund 20 km betragen haben. So wenig, und doch unmöglich, durchzukommen – es ist kaum vorstellbar. Auch nicht fassen kann ich, dass das Gutshaus am Verfallen ist, obwohl es noch vor 20 Jahren in einem guten Zustand gewesen sein muss. Und am allerwenigsten kann ich fassen, dass es trotzdem noch Menschen gibt, die nichts aus der Geschichte gelernt haben. Wenn man durch ein Fenster des Gutshauses guckt, sieht man das hier:

Manche lernen nie dazu

Manche lernen nie dazu

17.09.1945: Mein Geliebter (Leni)

Ihr wisst Bescheid: Leni ist aus Mecklenburg nach Westen geflohen. Der jüngste Sohn musste zurückbleiben, der zweitjüngste kam ums Leben. Es ist September 1945, Leni ist sicher in ihrem Heimatort angekommen und wusste bis vor ein paar Tagen nicht, was mit ihrem Mann Friedrich geschehen war. Dieser hat ihr nun von dem Gut in Mecklenburg geschrieben. Zeitgleich kam ein Brief von Frau P., bei der Hans, der jüngste Sohn, inzwischen untergekommen ist. Sie ist die Nichte des Mannes, auf dessen Gut der Fliegerangriff stattfand und wo die Familie getrennt wurde. Leni hat mehrfach vergeblich versucht, Hans dort zu holen. Nun ist er also in Berlin.

17.9.45

Mein Geliebter!

Bin unsagbar glücklich, daß ich nach Monaten furchtbarer Ungewißheit das erste Lebenszeichen [3.9.] von Dir habe. Ich kann es noch garnicht fassen u. hoffe Du kommst sehr bald. Komme soeben aus Rostock, nach vergeblichen Versuchen nach dort zu kommen, um Hans zu holen, und finde nun von Dir und über Hans Post vor. Uns geht es sehr gut, nur unseren geliebten Christian haben wir nicht mehr und Herta [die Gärtnerin] und Hans blieben [auf dem Gut, wo der Beschuss stattfand]. Die beiden Großen sind gesund und teilen meine unsagbare Freude. Wir wohnen in unserem Haus in der I. Etage ganz allein, alles ist schön und gut in unseren Möbeln, nur Du und Hans fehlen, aber sei sehr vorsichtig. Ulla L. gab einen Anzug für Dich mit allem dazu. Hier ist alles, was Du brauchst. Wie schön, daß Du behütet bliebst, was magst Du durchgemacht haben.

[Hinweis, auf welcher Bank noch Geld liegt und wo noch Kleidung der Kinder eingelagert ist]

Hans war der einzige unversehrte, ich hatte steifen Arm, deshalb blieb er zurück. Er ist jetzt in Berlin-Friedenau bei van K., versorgt von Inge P. (Malchower Bekannte), aber ganz zufällig. Er war krank, es fehlt ihr Ernährung für ihn, wie sie heute schreibt vom 26.8.: Trockenmilch, Traubenzucker und Fett. Ich werde alles versuchen, ihn zu holen. Sie hat keine Karten für ihn und muß wissen, wann er geboren ist. Vielleicht kannst Du durch Fr. L. was für ihn tun. – Rührend für uns gesorgt hat in Schwerin Mamsells Schwester. Mamsell selbst war bei und vor unserem Fortgang wüst, sie hat nichts rausrücken wollen. Von mir blieb sehr viel da, vieles in der Bettkiste, daß was F. weiß, hat keinen Sinn für uns. Sind sie alle noch da? Rösi und Vater sind hier in der Nähe. – Von Kurt [Friedrichs Bruder] kam heute auch Nachricht, Mutter ist selig –

Ich habe damit gerechnet, daß auf dem Gut alles fort ist. – Ich will sehen, daß ich zugleich Post an Hans’ Viehmutter bekomme, wie fehlt er mir, aber Vorsicht ist besser, vor allem für Dich. Ich hätte ihn sonst schon hier. – Albrecht ist hier, er schläft im Moment im selben Zimmer. Paulina ist auch hier, was ich noch habe, ist ihr zu danken. Sie selbst hat fast nichts.

Geliebter, alle freuen sich mit mir und schicken innige Grüße.

Mutter ist bei Onkel Theo, das Haus ist [von den Engländern] belegt.

Meine innigsten Wünsche umgeben Dich und mein schönstes ist, Dich wieder zu haben, aber sei vorsichtig.

1000 Küsse, Deine Leni

Ob Frl. Herta noch lebt? Die Ärzte hatten sie aufgegeben, sie blieb auf dem Gut. Christian starb auf der Fahrt von P.’s Gut nach Schwerin, es war furchtbar.

Ein sehr emotionaler Brief für Lenis Verhältnisse, und doch ist das P. S. mit der wenigstens etwas genaueren Mitteilung über Christians Tod ganz in die Ecke der Seite gequetscht, als dürfte diese schreckliche Nachricht nicht mehr Platz einnehmen als unbedingt nötig.

Mamsell wurde bereits im allerersten Brief von Rudu erwähnt. Sie war Nazi und hat Leni das Leben wohl so schwer wie möglich gemacht. “F.” gehörte zu den Angestellten. Immer wieder wird erwähnt, dass er bzw. sein Sohn alles wieder ausgegraben haben, das Leni versteckt hatte. Ebenso wie die Verwalterfamilie waren auch sie wohl überzeugte Nazis. 

23.06.1946: Er war ein zauberhafter Junge (Friedrich)

Diesen Brief schrieb Friedrich an Rudu. Während des Krieges war jeglicher Kontakt abgerissen. Ich habe ihn stark gekürzt (es ging viel darum, wie das Gut gerettet werde könnte usw.) und einige Erklärungen eingefügt, um das Ganze etwas leichter verständlich zu machen. Dies ist nicht der erste Brief aus der Nachkriegszeit, ich habe ihn vorgezogen, weil er die Lage sehr gut zusammenfasst. Die Sachlichkeit des Briefes lässt mich schlucken.

R. den 23.6.46.

Lieber Rudolf,

Deine Briefkarte vom  11. vorigen Monats kam vor einigen Tagen hier an. Die Freude war gross besonders darüber, dass es Euch verhältnismässig gut geht. Hoffentlich kannst Du bald an Deinen Geburtsort zurückkehren. Seit 1938 haben wir uns nicht gesehen, Ende 1939 sogar die Verbindung miteinander verloren. Seitdem haben wir ungeheure Rückschläge miterleben müssen. Ich will versuchen, Dir das Hauptsächlichste der vergangenen Jahre mitzuteilen.

Nachdem das Hamburger Kontor geschäftslos geworden war, ging mein Vorschlag dahin,  das Gut in Mecklenburg zwecks völliger Sanierung und Auszahlung von Maria [ihr stand durch das Testament von Papa der Pflichtteil zu] zu verkaufen. Mama [Lenis Mutter] konnte sich hierzu jedoch verständlicherweise schwer entschliessen und wurde zudem im Jan. 40 schwer krank, sodass ein Umzug [in die Nähe von Hamburg], wie ich es vorgeschlagen hatte, nicht mehr möglich war. Infolgedessen musste das Elternhaus von Leni im Ort verkauft werden. Damals konnten grosse Häuser nur sehr schwer verkauft oder vermietet werden, sodass mich der endlich erzielte Preis von RM 70.000,– nicht sehr befriedigte. Hätten wir den Verkauf damals nicht durchgeführt, würde das Haus mit einer Fülle von Flüchtlingen belegt worden sein. In [diesem Vorort von Hamburg] hat jeder Erwachsene 4 qm und jedes Kind 2 qm Wohnraum zu beanspruchen. Die Ueberfüllung ist daher unbeschreiblich.

In dem Haus, das Leni und ich jetzt bewohnen, sind wir z. Zt. 28 Personen. Weitere Flüchtlinge werden erwartet. In ihrem Elternhaus mit im Garten aufgestellten Baracken leben jetzt schätzungsweise 150-200 Personen. Nachdem sich Mamas Zustand in der Mitte des Jahres 1940 etwas besserte, verschlechterte dieser sich bis zum Ende des Jahres  40, bis ein Schlaganfall ihr Leben beendete. Leni hatte sie mit grösster Aufopferung gepflegt, was umso schwerer war, weil sie am 30.6.40 unseren Sohn Christian bekam, der dann knapp 5 Jahre später auf der Flucht vor den Russen erschossen wurde. Er war ein zauberhafter Junge.

Im Jahre 1941 heiratete Albrecht Felicitas, deren 4. Mann er wurde. Im April 1946 liess er sich wieder scheiden und überliess seinen gutgeratenen Sohn Alexander seiner Frau, während er selbst vor etwa 14 Tagen Nina heiratete. A. ist beim Reg. Food Office tätig und kontrolliert verschiedene Kreise auf Abgabe von Milch, Eiern etc. Sein Sitz ist Itzehoe.

Da ich schon bei Ausbruch des Krieges der Ueberzeugung war, dass Deutschland nicht gewinnen konnte, habe ich immer versucht, das Gut in Mecklenburg in ein rentableres und weiter westlich gelegenes Gut umzutauschen. Leider scheiterten meine Bemühungen, die ich zusammen mit Dr. B. anstrengte, an Machenschaften des Mecklenburger Staatsministeriums. Letzteres liess einen Verkauf oder gar Tausch an Dritte nicht zu, sondern wollte mit allen Mitteln selbst in den Besitz des Gutes kommen. Der gebotene Kaufpreis war zwar nicht schlecht, aber nicht verwendbar, weil wir für Geld keinen Grundbesitz mehr erwerben konnten. Grundbesitz wurde nur noch in Nazikreisen gehandelt. Diese Kreise sorgten auch dafür, dass ich, obwohl ich in den Heinkel-Werken eine recht beachtliche Schlüsselstellung hatte, im September 44 noch eingezogen wurde. Leni wurde erheblich schikaniert. Dass die Russen das Gut einmal besetzen würden, hatte ich zwar gefürchtet, zuletzt aber doch nicht mehr angenommen, da die Amerikaner Ende April 45 schon [15 km westlich vom Gut] standen, während die Russen noch viel weiter entfernt waren. Dadurch erklärt es sich auch, dass Leni dort blieb, bis die Russen etwa [34 km östlich vom Gut] waren und es sich herausstellte, dass die Amerikaner zurückgingen. Ohne Telefon und mangels Elektrizität auch ohne Radio war die Lage völlig unübersichtlich.

Leni floh am 30.4.45 mit vier Kindern (Du wirst wissen, dass am 8.4.44 unser Sohn Hans geboren wurde), einer Gärtnerin und einer Hausgehilfin in drei bespannten Fahrzeugen. [45 km weit] ging alles leidlich. Dort geriet der Treck auf völlig verstopften Strassen in Tieffliegerbeschuss, durch den Leni, Helene, Klaus verwundet und Christian und die Gärtnerin erschossen wurden. Leni brachte Helene und Klaus nach Schwerin ins Krankenhaus, liess Hans zurück, um diesen gleich nachzuholen. Inzwischen hatten die Russen nachgedrängt, sodass Hans allein zurückblieb. Der Treck fuhr weiter und wurde stark ausgeplündert. In Schwerin musste auch der Treck haltmachen, und es ist der Hausgehilfin zu verdanken, wenn ein Rest der Sachen viel später R. erreichte. Leni blieb bis Mitte Juni 45 im Schweriner Lazarett und fuhr dann mit Helene und Klaus per Rad nach R. Schwerin war damals noch von den Amerikanern besetzt. Kaum war Leni im [Haus von Friedrichs Familie] eingezogen, als dieses Haus von den Engländern beschlagnahmt wurde. Leni konnte daraufhin erfreulicherweise den 1. Stock des inzwischen von mir erworbenen Hauses beziehen. Hans war also bei C. [wo der Beschuss stattgefunden hatte] auf dem Gute W. Der Gutsbesitzer Dr. P. wurde mit seiner Familie von den Russen auf ein Zimmer zusammengedrängt. Es gab keine Milch und sonstige Nahrungsmittel für Hans, sodass dieser, der bei dieser Behandlung schwer erkrankte, beinahe verhungerte bzw. gestorben wäre. Einer Nichte des Besitzers, die früher mit Leni die Malchower Schule besuchte, ist es zu verdanken, dass Hans uns erhalten blieb. Diese nahm sich seiner an und brachte ihn später nach Berlin, von wo Leni im September 45 hörte, dass der Junge dort und am Leben sei. Anfang Oktober fuhr Leni dann unter grössten Strapazen illegal über die Zonengrenze, um Hans aus Berlin zu holen. Sie erschien anlässlich dieser Reise Mitte Oktober bei mir in N. Lenis Leistungen waren tatsächlich ausserordentliche und wohl nur von denen voll zu würdigen, die die Verhältnisse in der russischen Zone kennen.

Nachdem ich von Sept. 44 bis Jan. 45 in Schneidemühl ausgebildet war – zwischendurch wurde ich mehrfach von Heinkel angefordert und war auch oft in N. – standen die Russen vor der Stadt. Meine Einheit wurde nach Arnswalde zurückgenommen und hatte monatelange Nah- und Strassenkämpfe zu bestehen. Am Tage der Kapitulation 1.5.45 lagen wir bei Fehrbellin. Ich schlug mich durch zum Gut, wurde vorher noch von den Russen gefangengenommen, konnte jedoch wieder entkommen. Am 8. Mai 45 traf ich am Gut ein, wo sich ein chaotisches Bild bot. Herr W. [der Verwalter, schon vor dem Krieg unbeliebt und später Erz-Nazi] hatte seine Kinder erschossen, seine Mutter erschlagen, während seine Frau und er trotz Selbstmordversuch durch Kopfschuss am Leben blieben.

Das Innere des Herrenhauses war völlig verwüstet. Wochenlang habe [ich] versucht, noch einiges durch Verstecken oder Vergraben zu retten, was später doch im wesentlichen durch plündernde Banden gefunden wurde. Gleichzeitig mussten umfangreiche Waldbrände gelöscht werden. Achimkultur und angrenzender Buchenunterbau waren auch hier nicht zu retten, obwohl ich teilweise mit 150 Mann arbeitete. Lastwagen fuhren vor dem Herrenhaus vor, und ich wurde oft gezwungen, die Möbel aufzuladen. Ein grosser Teil der Sachen verschwand durch die Deutschen. Auch die N. Gefolgschaft hat sehr enttäuscht. Nur Förster Eh., dessen Haus unbewohnbar geworden war und der im Mai 45 [bei der Familie des Fahrers] wohnte, unterstützte mich nach Kräften. Er wurde Ende Mai verhaftet. Ich glaube nicht, dass er je zurückkehren wird. Ende Mai wurde ich groteskerweise Bürgermeister von B. Anfang Juni wurde ich durch die GPU [Vorläuferin KGB] verhaftet und drei Monate lang bis zur gänzlichen Erschöpfung gefangengehalten. Ende August traf ich wieder am Gut ein und lebte dort in Ermangelung jeglicher Lebensmittel vom Hechtfang. Zwei Monate lebte ich so bis Leni erschien und wir zusammen nach Berlin fuhren, um Hans dort abzuholen.

Da wir mit Kind nur legal die Grenze passieren wollten, warteten wir fast einen Monat auf einen Transport, der Flüchtlinge vom Osten nach dem Westen bringt. Endlich glückte es uns, sodass wir nach beinahe 3-tägiger Reise verhältnismässig schnell den Ort bei Hamburg erreichten. Hier ist das Ernährungs- und Flüchtlingsproblem äusserst schwer lösbar. Ich habe eine recht gute Stellung innerhalb einer Hamburger Behörde angenommen, die mich stark in Anspruch nimmt.

Leni wird nächstens einen eigenen ausführlichen Brief an Euch schreiben. Sie hat wenig Zeit zum Schreiben. Die Führung eines Haushalts verursacht heute ungeheure Schwierigkeiten und Zeitverluste. In unserem Ort, in dem 250% Flüchtlinge wohnen, dauert das Einkaufen Stunden und ist zudem oft ergebnislos. Auf den Strassen hört man nahezu ausschliesslich ostdeutsche Laute, Bekannte trifft man selten. Geselligkeiten fallen ziemlich aus, da man sich gegenseitig nichts mehr vorzusetzen hat. Mit 1.000 kal. zu existieren, ist besonders wenn man für die Ernährung heranwachsender Kinder verantwortlich ist, nahezu ausgeschlossen. Das Betteln auf dem Lande erfordert Zeit und zermürbt wegen der allzu häufigen Ergebnislosigkeit. Die Landbevölkerung hat auch nichts mehr. Wenn der einzelne noch etwas haben sollte, so wird er überlaufen. Ihm werden ungeheure Beträge für 1 Zentner Kartoffeln gezahlt. Wertsachen, Stoffe, Schuhzeug etc. werden dem Bauer für lächerliche Quantitäten von Kartoffeln, Gemüse u. dergl. geboten. Um Dir einen Anhalt zu geben, sei erwähnt, dass in Berlin mehr als Rm. 1.000.—für einen Zentner Kartoffeln gezahlt werden. Wir haben seit langem keine Kartoffeln mehr, verteilt werden sie nicht. So ist also die Lage, über die noch viel – nur nichts Erfreuliches – zu berichten wäre. Die politischen Aspekte [wirst Du] von dort aus besser übersehen als ich denn „klar sieht, wer von ferne sieht“ hat der alte Laotse wohl schon zutreffenderweise gesagt.

Leni und die uns viel Freude machenden gesunden und auch noch ganz gut ernährten Kinder lassen herzlichst grüssen.

Viele Grüsse an Ingrid, Hertha und die jeweiligen Kinder von

Deinem

Friedrich

Lieber Achim,

Dieser Brief an Rudolf ist an Dich in gleicher Weise gerichtet, damit Du, soweit noch nicht von anderer Seite geschehen, eine ungefähre Vorstellung von den Ereignissen der letzten Jahre bekomm[s]t. Vielleicht könnt Ihr gelegentlich auch einmal Näheres von dort berichten. Es wäre nach Lage der Dinge wünschenswert, wenn wir uns mündlich unterhalten könnten. Aber wann und wo?

Herzlichst Dein

F

Die Ereignisse zusammengefasst:

1940: Lenis Mutter wird Anfang des Jahres zum Pflegefall und stirbt Ende 1940. Während dieser Zeit bringt Leni am 30.6. Sohn Christian zur Welt. Ihr Elternhaus wird verkauft, um Maria den ihr zustehenden Pflichtteil auszahlen zu können.

1941: Albrecht heiratet.

1944: Friedrich, der nicht in der NSDAP war, aber eine “kriegswichtige” Position bekleidete, wird im September doch noch zum Wehrdienst eingezogen (vielleicht finde ich darüber noch mehr, es gab wohl Ärger mit irgendwelchen Parteifunktionären). Er wird in Polen ausgebildet und erlebt den Einmarsch der Russen.

1945: Ende April befinden sich die Amerikaner 15 km westlich von Lenis Gut. Sie wartet auf ihre Ankunft. Als die Russen 34 km östlich vom Gut ankommen, treten die Amis den Rückzug an. Leni flieht am 30.4. gen Westen. (Wie ich aus anderen Briefen weiß, waren schon wochenlang Flüchtlinge aus dem Osten bei ihr eingetroffen und weitergezogen.) Unterwegs gerät der Treck unter Beschuss. Leni, Helene und Klaus werden verletzt, Christian (knapp fünf Jahre alt) stirbt, die Gärtnerin wird schwer verletzt. Die Lazarettärzte in der Nähe ordern für Leni und ihre verletzten Kinder den Transport ins Krankenhaus Schwerin an. Der unverletzte Hans bleibt auf dem Gut W. zurück. Er ist ein Jahr alt. Einen guten Monat bleibt Leni mit den verbleibenden Kindern im Krankenhaus, bevor sie in Lenis Heimatort bei Hamburg gelangen. Inzwischen ist Friedrich zum Gut zurückgekehrt, wird in einem Nachbarort Bürgermeister und wenig später von den Russen verhaftet und drei Monate lang gefangengehalten. Im September kommt er wieder frei und kehrt zum Gut zurück. Mehrfach versucht Leni, Hans zu holen, es gelingt ihr jedoch nicht, bis zum Gut W. vorzudringen, wo der Beschuss stattgefunden hatte. Im September erfährt sie, dass ihr Mann Friedrich lebt und sich auf ihrem Gut aufhält. Hans ist inzwischen nach Berlin gebracht worden. Leni gelingt es, nach Berlin zu kommen. Von dort fährt sie zum Gut, wo sie Friedrich wiedersieht und mit ihm gemeinsam nach Berlin aufbricht. Um Hans legal über die Grenze zu bringen, warten sie fast einen Monat auf einen Transport. Nach dreitägiger Fahrt kommen sie im November gemeinsam bei Hamburg an.

Hans ist mein Vater.

29.06.1933: Papa freut sich sehr, daß Du ein paar Tage hier bist. (Rudu)

Heute nur ganz kurz und sachlich.

N., 29. VI 33

Liebe Leni –

gestern abend sind wir hier gelandet, heute abend kommen Mama + Frl. R. Zwischen M. und W. ist die Chaussee gesperrt, wir mußten einen riesigen Umweg machen und brauchten von W. hierher fast 1 ¾ Stunden. Es ist nun besser, daß Du am Sonnabend nicht bis W. sondern bis G. fährst. In G. holen wir Dich also am Sonnabend ab, wenn wir nichts anderes mehr von Dir hören.
Am Sonnabend kommen aus Berlin Mr. M. und noch ein anderer Amerikaner mit seiner Frau. Bis höchstens Montag früh sind die hier.
Papa freut sich sehr, daß Du ein paar Tage hier bist.
Vor allem freut sich
auf das Wiedersehen
Dein Rudu

Die Strecke zwischen W. und M. beträgt etwa 20 km Luftlinie, die tatsächliche Strecke dürfte um einiges länger gewesen sein. Es ist nach der heutigen Straßenlage aber vollkommen sinnlos, über M. zu fahren, da es einen direkten Weg gibt, für den man allerdings laut Routenplaner auch nach jetzigem Stand 45 Minuten braucht.