Schlagwort-Archiv: hamburg

“Hamburg abseits der Pfade”: Interview mit Cordula Natusch

Cordula Natusch: Hamburg abseits der Pfade. Braumüller Verlag, 978-3-99100-155-3

Meine Freundin Cordula hat ein Buch geschrieben. Einen Reiseführer. Über Hamburg. Gähn!, denkt der ein oder andere, Hamburg kennen wir inzwischen doch ganz gut, was soll es da noch geben, überhaupt, PFADE, und die soll man dann AUCH NOCH verlassen, das kann ja nur im Matschchaos enden.

Ja, denkste.

Weiterlesen

Wir fliehen doch – Leni bloggt (4)

Heute vor 70 Jahren brach Leni mit ihren Kindern vom Gut in Mecklenburg in Richtung Hamburg auf. Eine Entscheidung, die ihr Leben verändert hat. Was die Alternative zweifelsohne auch getan hätte.

15 km westlich von uns lagen die Amerikaner, die Russen 34 km östlich von uns. Dann die Nachricht, dass die Amis sich zurückziehen, die Russen rücken nach.

Nächtelang diskutiere ich mit meiner Schwägerin Elfi, was wir tun sollen. Sie spürt, dass der Krieg so gut wie vorbei ist. Jetzt zu fliehen sei gefährlicher als zu bleiben, meint sie. Gegen alle habe ich dieses Gut verteidigt. Die Nazis wollten es uns für eine lächerliche Summe abkaufen. Dann hat sich die Wehrmacht hier einquartiert. Auf unserem eigenen Grund wurde ein KZ errichtet. Können die Russen denn so viel schlimmer sein als all das?

Die durchziehenden Flüchtlinge sagen, wir sollen fliehen. Sie haben alles hinter sich gelassen und glauben trotzdem, dass sie die richtige Wahl getroffen haben.

Gestern haben wir drei Fahrzeuge gepackt. Alles, das sich verladen ließ, ist darauf gelandet. Heute früh wollen wir los, natürlich verzögert sich die Abfahrt. Elfi bleibt mit ihren drei Kindern zurück. Wenn sie doch noch fliehen will, bleibt ihr nur ein Fahrrad, aber das kann ich nun auch nicht mehr ändern. Sie wird sich durchschlagen.

Mit mir kommen die Gärtnerin und Paulina, meine illegale litauische Hausgehilfin. Die Kinder sind sehr aufgeregt, oftmals springen sie um die Gefährte herum, wenn wir wieder stehenbleiben. Also eigentlich die ganze Zeit. Meter um Meter kommen wir voran, überall Menschen, Menschen, Menschen. Heruntergekommene Frauen und Kinder.

Als die Kinder die erste Leiche im Straßengraben finden, zwinge ich sie, sich wieder auf die Wagen zu setzen. Habe ich wirklich das Richtige getan? Können die Russen denn schlimmer sein als das hier? Auf dem Gut hatte ich noch Würde, hier bin ich nur eine von vielen Müttern, die ihre Kinder verkrampft anlächeln.

Gottseidank haben wir es nicht so weit, auch in diesem Tempo sollten wir in einer Woche in Hamburg sein.

 

kz neuengamme

Rechercheseminar und Schiffsbesuch

Am Freitag war ich im KZ Neuengamme, das nur einen recht schwungvollen Steinwurf von meinem Wohnort entfernt liegt, und habe dort ein Rechercheseminar besucht. Thema: Ein Täter, Mitläufer, Zuschauer, Opfer in der Familie?

Den ganzen Freitag über herrschte dichter Nebel, der sehr schön die undurchdringliche Suppe illustrierte, in der man herumrührt, wenn man Details über die NS-Zeit herausfinden möchte. Etwa 25 Personen waren gekommen, diese Seminare finden zweimal im Jahr statt und es melden sich wohl immer 35-40 Interessierte an. Der Bedarf ist also vorhanden. Die Anwesenden waren Mitte 30 bis 80, die meisten so um die 60. Viele, die gerade in Rente gekommen sind und nun endlich Zeit haben, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen.

Schummrig-schaurig: KZ Neuengamme

Schummrig-schaurig: KZ Neuengamme

Wir lernten die verschiedenen Möglichkeiten kennen, an Informationen über unsere Vorfahren zu gelangen, zum Beispiel welche Archive uns zur Verfügung stehen.* Ich habe heute sofort eine Anfrage an das Bundesarchiv gestellt.

Beim Mittagessen kam ich mit einigen ins Gespräch. Wir stellten uns die Frage, ob wir heutzutage denn alles richtig machen und ob unsere EnkelInnen uns später etwas werden vorwerfen können. Den Umgang mit der Umwelt zum Beispiel, im vollen Wissen, dass wir unsere Nachkommen ins Verderben reiten. Ich fand das einen sehr spannenden Aspekt. Aus heutiger Sicht sagt man sich natürlich, dass fehlende Mülltrennung nicht mit einem Völkermord zu vergleichen ist – aber können wir denn sicher sein?

“Meine Oma sagt, sie hat früher beim Händewaschen das Wasser laufen lassen.” - ”Das ist noch gar nichts! Mein Opa sagt, eine Mahlzeit ohne Fleisch kommt für ihn nicht infrage.”

Und wenn man uns dann fragt, sagen wir: “Doch, wir haben es gewusst. Aber so war es eben damals. Das haben alle so gemacht.”

Ich hoffe, das klingt auch in ein paar Jahrzehnten noch so übertrieben.

Zurück zum Seminar: Es hat mir viel gebracht und ich bin unendlich dankbar, dass ich nicht aus einer “Täterfamilie” komme.

Am Samstag war ich mit meinem Sohn, meinem Vater und dem Rest von Hamburg auf der “Sonne”, dem superneuen Forschungsschiff, das in Hamburg vor Anker lag. Übrigens mit mehreren Brigaden an Sulo-Tonnen für die perfekte Mülltrennung auf hoher See. Daneben lag die HMS Tyne, ein englisches Kriegsschiff. In der Schlange sagte jemand hinter mir: “Guck mal, was für ein schönes Kriegsschiff.” Ja, wunderschön, so ein graues Ungetüm. Aber da bin ich wohl zu subjektiv unterwegs. Jedenfalls freute ich mich, dass mein Sohn die HMS Tyne nicht betreten wollte, als er erfuhr, dass es sich um ein Kriegsschiff handelt. Neuer Berufswunsch: Reeder.

HMS Tyne von der "Sonne" aus gesehen

HMS Tyne von der “Sonne” aus gesehen

Auf dem Weg zum Essen-Fassen kommen wir an einem Akkordeonspieler vorbei. Anton möchte ihm Geld geben. Man soll es in den offenen Akkordeontransportkoffer werfen. Er findet das doof, er möchte es dem Mann lieber in die Hand geben, aber der spielt weiter und deutet mit der Nase zum Koffer. Mein Sohn gibt schließlich nach und legt das Geld in den Koffer, wartet noch ab, dass der Mann sich ordnungsgemäß bedankt und geht weiter. Dann dreht er sich um und ruft: “BITTE!”

Später kommen wir an einer ordentlich gemachten Matratze vorbei, davor ist eine Art Winztisch aufgebaut, darauf ein Schälchen mit Kleingeld, eine Banane und ein Apfel. Der Besitzer ist offenbar unterwegs und wir spenden ihm unser letztes Mini-Lion. Weil ihn das bestimmt freut. Ich hoffe sehr, dass sich niemand an seinen Sachen bedient.

Auf der Suche nach der HMS Tyne habe ich noch diese großartige Seite entdeckt, falls man mal wissen will, was im Hamburger Hafen so alles rumliegt.

Nun muss ich mich aber erst mal drum kümmern, was bei mir so alles rumliegt. Habe heute schon mehrfach meinen Stift suchen müssen. Die Briefe möchte ich am liebsten alle um mich herum ausbreiten, aber dazu fehlt mir der Platz. Man lässt mich leider nicht wochenlang das Wohnzimmer beschlagnahmen. Wie behaltet Ihr den Überblick über Euer Material?

* Dabei fiel mir wieder auf, dass der Hamburger an sich nicht in der Lage ist, ein kurzes i auszusprechen, nech?

Arche-Abend

Literatur und/oder Essen

Gestern war ich mit meiner gar reizenden Kollegin Britta (die ihre Sichtweise der gestrigen Begebenheiten ebenfalls gebloggt hat) im Literaturhaus, weil der Arche Verlag dort Jubiläum feierte und unter anderem die nicht weniger reizende Autorin Pia Ziefle zum Lesen verpflichtet hatte. (Genau, die Pia vom Interview neulich, die wieder so ein grandioses Buch geschrieben hat.)

Britta und ich trafen uns früh genug an der Alster, um noch quatschen zu können, verspürten dann ein aufkommendes Hungergefühl, entschieden uns jedoch, die Würstchen der Alsterperle zu verschmähen. Stattdessen begaben wir uns direkt ins Literaturhaus, da kann man nämlich auch essen. Kann man in der Tat, wenn man das Bedürfnis nach Verschwendung verspürt. Hätte ich mein Geld direkt gegessen, wäre ich nicht weniger satt gewesen. Gut, es hätte wohl schlechter geschmeckt, dafür hätte ich zumindest bei den Münzen Aussicht auf Recycling gehabt.

Literatur und Essen: ein Serviervorschlag

Literatur und Essen: ein Serviervorschlag

Wir gaben uns verschwenderisch und hatten dann aufgrund ihrer mangelnden Größe auch noch reichlich Zeit, uns die Nahrungsmittel einzuverleiben, die kurz vor Beginn der Lesung den Weg auf unseren Tisch fanden. Immerhin ging uns so für den Rest des Abends nicht der Gesprächsstoff aus. Mutmaßlich wäre das aber auch sonst nicht passiert, denn immerhin gab es angenehm kurze Reden, schöne Texte (Brittani Sonnenberg, Pia Ziefle und Michel Bergmann lasen und das auch noch sehr gut) und hervorragende Stimmung. Diese wurde auch durch das nicht immer ganz einfache Handling der gereichten Essware gehoben – wer von Euch kann Glasnudeln mit einem einzelnen Holzstäbchen essen, das noch kurz vorher von Fleisch umrankt war?

Hoffentlich hat der Arche Verlag bald wieder Geburtstag. Dann bringe ich Kuchen mit.

 

Also wenn DAS jetzt keine Lesefreude ist, dann weiß ich auch nicht

27.10.1939: Mein geliebtes Blättchen (Leni)

Geschenke, Geschenke!

Geschenke, Geschenke!

Leni war einen Monat mit Dicki (der zweijährigen Tochter) in Hamburg und hat Baby (ein Jahr alt) so lange auf dem Gut in Mecklenburg zurückgelassen. In der Zwischenzeit hat Baby oben vier neue Zähne bekommen und der Verwalter hat die Reservereifen der Autos verkauft. Nun wartet Leni auf Friedrich.

den 27.10.39

Mein geliebtes Blättchen!

Morgen werde ich Dich ja einmal hier haben und 2. wohl auch noch Deine genaue Ankunft schriftlich hören. Ich freue mich schon sehr mein Blättchen, vor allem, daß Du auch Baby siehst. Ich habe noch einen Wunsch für ihn und bitte Dich, wenn irgendmöglich es zu besorgen, da es mir sehr fehlt. Es ist eine Gummihose Größe 3 für Baby. Man kann nämlich nicht gegen die nassen Betten an, sie trocknen jetzt so schlecht und mein Zimmer ist den ganzen Tag mit Matratzen, Bettüchern und sonstigen Kindersachen geschmückt. Also wenn irgendmöglich bring sie bitte mit, Möhring auf dem neuen Wall hat sie noch. Ferner wär es sehr schön, wenn Du die Illustrierten mitbringst und wichtig sind Zigaretten, da es hier keine gibt. –
Ich habe heiß gebadet, sogar sehr heiß und auch die Pillen genommen, die scheußlich schmecken, aber es hat bis jetzt nichts genützt. Wir müssen nun erstmal abwarten. –

Edith ist heute aus, sie ist vollkommen unbrauchbar, ich muß mich nachher in Hamburg gleich bemühen, jemand zu bekommen. Es ist natürlich sehr mühsam mit den Kindern, aber es geht beinahe besser, wenn sie aus ist. –

Mit W. hatte ich heute Krach wegen der fortgegebenen Reifen, wir haben uns in großem Ärger getrennt. Mama läßt Dich sehr grüßen, sie beschäftigt Dicki zur Zeit. Ich muß schließen, mein Mollchen, bis morgen. An Mutter habe ich noch nicht geschrieben, aber der Tag ist hin wie nichts. 1000 Bubben Deine Tiris

Das Wäschehaus Möhring gibt es noch immer. 

Nach eigenen Angaben wurde Leni sehr schnell schwanger – offenbar trug auch dieser Ausflug zu ihrem Mann in der Hinsicht Früchte. Da am 30.6.1940 Christian geboren wurde, haben die Pillen und das heiße Baden nichts Gegenteiliges bewirkt. 

Die Eisprinzessin und ihre Freunde

Die Eisprinzessin und ihre Freunde

Auch heute gibt es wieder im Rahmen von “Blogger schenken Lesefreude” ein Buch aus dem großen Stapel zu gewinnen: Passend zum Oktober, in dem die nassen Betten so schlecht trocknen, die Eisprinzessin von Lisa Graf-Riemann. Beantwortet mir dazu bis übermorgen (20.3.) um 12 folgende Frage: Welche Größe soll die Gummihose für Baby haben?

Der letzte Gewinn ging übrigens an Daniela D., die die Frage nach der Anzahl der Kosenamen richtig beantwortete. Es waren insgesamt vier, nämlich “mein Moll”, “Molltier”, “mein Blättchen” und “lieber Mensch”

Also wenn DAS jetzt keine Lesefreude ist, dann weiß ich auch nicht

23.09.1939: Mein geliebtes Molltier! (Leni)

 

Muss weg!

Muss weg!

Verschiedentlich wurde mir mitgeteilt, ich solle doch endlich mal mit den Briefen zu Potte kommen. Schon dabei! Nebenbei habe ich festgestellt, dass die Menge der Bücher, die ich zum Welttag des Buches am 23.4. loswerden möchte, unverhofft ein wenig groß geworden ist. Darum steigt heute eine vorzeitige Verlosung. Zu gewinnen gibt es “Die Drachen der Tinkerfarm” – das ich selbst zum Welttag des Buches am 23.4.2012 bekam.

Hat mit Schweden nichts zu tun, passte nur farblich zum Buch und saß/lag gerade rum

Hat mit Schweden nichts zu tun, passte nur farblich zum Buch und saß/lag gerade rum

Beantwortet mir hier, auf Twitter oder auf Facebook folgende Frage:

Wie viele Kosenamen benutzt Leni für ihren Friedrich und wie lauten sie?

Ihr habt bis morgen um 12 Uhr Zeit, die Frage zu beantworten.

 

Vor einigen Tagen ist der zweite Weltkrieg ausgebrochen. Leni hat offenbar beschlossen, die Zeit lieber auf dem Gut zu verbringen. Was genau Friedrich in Hamburg macht, weiß ich nicht. 

N. den 23.9.39

Mein geliebtes Molltier!

Wenn ich schon nicht selbst komme, so sollst Du wenigstens zu morgen einen sehr innigen Brief haben, mein Blättchen. All meine Gedanken sind bei Dir und ich bin recht traurig, daß wir nicht zusammen sind. Ich habe heute den ganzen Vormittag versucht, mich mit Karow zu verständigen, der Mann wußte nicht mal wann Züge von Karow nach Ludwigslust fahren, geschweige denn von dort nach Hamburg. Schließlich hatte ich ihn überredet, doch mal nachzusehen, da ich doch unmöglich ins Blaue mit Dicki fahren kann und dann kam der Mann einfach nicht wieder ans Telefon. Ich versuchte es noch verschiedentlich, aber dieser Mensch muß vergessen haben, den Hörer wieder aufzulegen, denn es meldete sich keine Seele. Ich habe mich nun fest entschlossen, Donnerstag zu fahren und wenn das Wetter anhängig ist, Dicki mit zu bringen. Wir können dann unseren 3 jährigen Hochzeitstag und Babys Geburtstag zusammen verleben. Findest Du das nicht auch ganz gut? Sollten wir zu Heidis Hochzeit geladen sein, bin ich dann auch gleich in R. – Für Deinen lieben Brief, mein Moll, danke ich Dir sehr herzlich, Du hast wieder alles sehr gut erledigt, Du lieber Mensch.

Für uns hier fallen Milch und Brotkarten fort, da wir Selbstversorger in diesen Dingen sind. Wenn wir hier bleiben müssen wir uns wohl wirklich in Hamburg abmelden. Hast Du übrigens mal bei K.s angefragt wegen umziehen? Dieser Mensch geht ja stark auf die Neige wegen Kündigung. Hast Du B. auch mal über die Heim Sache gefragt, Achim wollte die Kündigung ja rückgängig machen. Die Geburtsscheine des Kindes brauche ich für die extra Seife, die wir für Baby bekommen, ich muß dann einen Antrag in Güstrow schriftlich stellen, worauf wir sie erst bekommen. –

Wie mag es bei Euch im Geschäft sein, ob Ihr noch was zu tun habt?

Die Tiris sind schietig, Baby bekommt einen mächtigen Dickkopf, es läuft krebsrot an, wenn man ihm was wegnehmen will oder es sonst nicht nach seinem Kram geht. Es stößt dann mächtige Schreie aus.

Dicki ist auch stückig, sehr komisch ist, wenn sie bei ihrem Mittagsschlaf 2 Töpfe benötigt. Erst wird das eine für die eine Sache gebraucht und nach getaner Arbeit ins Bett gestellt, dann kommt ein neuer Topf an die Reihe. Die beiden können auch schon ganz nett miteinander spielen, Dicki bemuttert ihn mächtig. Die Erkältungen sind besser.

Mama und Tante Olga lassen grüßen.

Grüße Du Mutter und Kurt sehr herzlich und frage, ob es recht ist, wenn ich mit Dicki komme. Mutter hat doch sicher Freude an dem kleinen Tier. Es umarmt und bubbt Dich 1000 mal in Liebe Deine Leni.

Edith bringt dies extra hin, hoffentlich hast Du es morgen.

 

Dicki schreibt auch was

Dicki schreibt auch was

[Gekrickel] O Kuß v. Dicki.

Mit dem “kleinen Tier” ist natürlich Dicki gemeint – das wiederum ist Helene, Lenis und Friedrichs Erstgeborene.

 

21.08.1936: Mein Liebes! (Leni)

Es ist so weit: Das Aufgebot wird bestellt, die Möbel für die gemeinsame Wohnung ausgesucht/bestellt/geändert/renoviert.

N., den 21.8.36

Mein Liebes!

Gleich, nachdem ich heute Deinen Einschreibebrief erhielt, begab ich mich zum Standesamt und habe dort alles erforderliche erledigt. Das Aufgebot geht nun nach Hamburg und R., hier in N. braucht es nicht [handschriftlich: doch] zu hängen, da ich noch in Hamburg angemeldet bin. Die standesamtliche Trauung werden wir in Hamburg vornehmen, weil dann für Dich kein ganzer Tag verloren geht, denn hier müsste es bis ein Uhr gemacht sein und dass ich für Dich ja garnicht zu machen, wenn wir nicht einen Tag von unserer Hochzeitsreise ? einbüssen wollen. Bist Du damit einverstanden?

Während ich beim Standesamt war, wurde von Hamburg telefoniert, dass der Dampfer [mit Achim an Bord] erst Sonntag um 12 in Bremerhaven ist, womit unsere gleich nach Tisch geplante Abfahrt hinfällig war. Ich fahre nun morgen gleich nach dem Kaffee, um um 2 Uhr bei Dir zu sein, an der Kirche mein Lieb, Mama fährt vielleicht erst nach Tisch und wir könnten den Nachmittag gut zusammen sein, falls wir uns nicht um die Tapeten und die Wohnung bekümmern müssen. Hier ist das schönste Wetter und Lieb, sei nicht bös, aber ich bin aus 2 Gründen sehr froh, dass wir erst morgen fahren, denn ich fühl mich wieder garnicht gut und krieche nur so durch die Gegend, weil die Dinge hier ja auch keinen Aufschub erleiden dürfen, wenn ich heute nicht auf dem Amt gewesen wäre, könnten wir sicher nicht am 3. heiraten. Liebes, es sind keine 6 Wochen mehr, bist Du auch so glücklich?

Was unsere Einrichtung betrifft, bin ich selig, was wir hier jetzt beschlossen haben und schon in Arbeit ist und ich weiss genau, dass es Deinen vollen Beifall findet, weil es ganz Dein Geschmack ist. Unser Tischler hier hat Entwürfe gemacht, die ich Dir mitbringe, und fertigt die fehlenden Gegenstände fürs Schlafzimmer an. Die Betten werden poliert, sind in Arbeit. Die Nachttische sind entworfen und werden ähnlich wie die in meinem Zimmer jetzt ganz schlicht mahagoni mit kleinem Rand nach aussen wie die Betten und Einlege Arbeiten schlicht und fein. Ebenso der Toilettentisch mit Spiegel wird eingelegt, mahagoni mit 2 Schubladen an jeder Seite, Spiegel in der Mitte, Glasplatte auf den Schubladen, modern und doch zusammenpassend. Der Schrank steht ja leider in Hamburg und muss auch in der Art geändert werden, nur wird es sicher viel teurer, und ich weiss nicht, ob so gut.

Das Sofa von Deiner Mutter würde genau zu allem passen und sieht sicher gut auf der langen Wand aus im Schlafzimmer, die Kommode für Deine Hemden u.s.w. steht in Hamburg, es ist eine sehr kleine und hübsche, wie wir sie hier nicht haben, jedenfalls nicht so klein. Ob wir den kleine runden Tisch zu dem Sofa von Deiner Mutter fürs Schlafzimmer bekommen können?

Der Esszimmer Tisch bekommt andere Beine, so wie das Büffet und die bis dahin ausgesuchten Stühle, die Platte des Tisches ist genau so wie das Büffet von vorn, Wurzelholz und dann ist er sehr gross zu machen, er bleibt zwar eckig, denn er hat Schnitzarbeit am Rand, ich möchte sagen, genau wie das Büffet, ist das nicht ulkig? Was wollen wir mehr, somit wird es alles ziemlich einheitlich und vor allem schön. Ich bin sehr dafür, mein Lieb, dass wir Eure Stühle nehmen, vielleicht kann man ja andere Vorderbeine darunter machen, wie wir es hier mit dem Tisch auch machen, denn die gedrehten sind wirklich nicht so schön, unserer hatte sie auch und dann sind es solche Staubfänger, sie brauchen ja nur leicht geschweift zu sein und keine Kralle, wie die anderen Sachen, das müssen wir nochmal besprechen, die Form finde ich ja als ganzes viel schöner als die gekauften, und die hat jeder, aber wieviele habt Ihr denn?

Wir nehmen dann bei Bornhold etwas anderes dafür. Am liebsten möchte ich ja, dass unser Tischler auch die Wohnzimmer Sessel macht, aber ich glaube er hat nicht die Zeit oder wir müssten darauf warten und uns erstmal mit anderen helfen, aber darüber wollen wir uns mündlich unterhalten, nur gefiel mir keiner recht von denen bei Bornhold.

Eben rief das Standesamt an, ich muss mich doch ummelden. Liebes, ich muss jetzt schliessen, da ich Frau H. besuchen will, gestern war ich so elend, deshalb hab ich Dir auch nicht geschrieben, aber dies schicke ich ins Kontor. Ich freu [ab jetzt in handschriftlicher Sauklaue] mich so auf morgen, mein Lieb, auf Dich um 2 Uhr an der Kirche, sollte ich nicht da sein ruf bitte bei Alice an. Grüße Deine Mutter sehr, was macht ihr Arm? Du musst bald herkommen wegen der Möbel, damit Du sie siehst, Liebes. Ich umarm Dich sehr und bin in Gedanken immer bei Dir, Deine Lini.

Mama hat gesagt, daß man Dich heute vom Kontor aus anruft und Bescheid sagt, daß wir nicht kommen

 

Spannend sind die vielen Möbel ja eher nicht, interessant finde ich aber die Menge. Ein Sofa im Schlafzimmer zum Beispiel ist natürlich eine große Notwendigkeit (wo soll man sonst sitzen?). Anscheinend hatten sie ja ein gemeinsames Schlafzimmer. Die Betten kann man nicht bequem nebeneinander stellen, ein wenig Trennung wird also vorhanden gewesen sein. Gut gefällt mir “Einlege Arbeiten schlicht und fein” – das wird der Mühsal nicht ganz gerecht. Wundern tue ich mich über das Fragezeichen nach der Hochzeitsreise. Ist mutmaßlich eine geplant und Leni kennt die Details nicht? Oder steht noch aus, ob sie stattfindet?

 

23.07.1936: Mein lieber Puck! (Leni)

Nachdem ich im November das Gut besucht habe, lässt es mir keine Ruhe. Am liebsten würde ich mich für einige Wochen mit dem Computer und den ganzen Ordnern dort verkriechen, um Ordnung in den ganzen Klumpatsch zu bringen. Die Idee ist momentan aber nicht praktikabel – ich suche noch nach einer Lösung. Einstweilen flüchte ich dieses Wochenende gemeinsam mit meinen Kindern aus unserem Haus, in dem dann endlich die Treppe gestrichen wird. Großartigerweise können wir auf dem Gut unterkommen und dort auch bei schlechtem Wetter ganz bestimmt ein schönes Wochenende verleben. Floßfahren wird wohl nicht drin sein, auch ein Ausflug zum besagten See ist wohl utopisch. Ganz sicher werden wir aber zu Papas (hinten betont, nicht vergessen!) Grab gehen und den Wald unsicher machen – in der mulmigen Gewissheit, dass dort einst kurzzeitig ein KZ stand. 

Ich mache es also wie Leni seinerzeit und verkünde: “Das Wochenende verbringen wir auf dem Gut.” :)

N., den 23. Juli 36

Mein lieber Puck!

Ich hoffte heute bestimmt einige Zeilen von Dir zu bekommen, aber leider ist daraus nichts geworden. Gleich fährt Albrecht nach Teutendorf und nimmt Götze bis Güstrow mit, der dies wieder mit nach Hamburg nimmt, sie sind schon vorgefahren. Heute morgen haben wir einen sehr grossen Spaziergang gemacht, zum See X [ca. 3 km Luftlinie entfernt] unter anderem, bis eben wurde dann auschliesslich gebadet und gesonnt, zum Fischer hin und zurück geschwommen, die Kinder wurden vom Floss aus ins Wasser gehalten, einmal drohte es fast umzusinken, als Hermann und alle auf einer Seite standen, das Geschrei war natürlich gross.

Mein Lieb, ich freu mich so auf den Moment, wenn Du erst hier bist, und wieder möchte ich Dich sehr bitten, nicht so spät zu kommen, denn zu um 7 ½ mussten wir die Nachbarschaft am Sonnabend einladen, Frau H. hätte sich sonst selbst mit ihrem Besuch eingeladen, was sowieso schon ziemlich der Fall ist, es war leider nicht zu umgehen. Hoffentlich ist es für Dich nicht solche Hätze, mein Puck.

Für heute genug. Albrecht will jetzt starten. Sonntag kommt er eventuell wieder. Was meinst Du, wenn ich Montag mit Dir nach Hamburg fahre? Puck ich hoffe bestimmt morgen von Dir zu hören, sonst bin ich wirklich sehr traurig.

Es liebt Dich sehr Deine

Leni.

Wer Hermann ist, weiß ich gerade noch nicht. Mein Informand wird sich hoffentlich bald melden.

22.07.1936: Mein lieber guter Puck! (Leni)

Wer ist eigentlich diese Maria? Es muss eine Freundin von Albrecht sein, jedenfalls ist es nicht Lenis Schwester. Bei dem “Adler” handelt es sich um ein Auto – leider weiß ich nicht, welches Modell. 

N., den 22. Juli 36

Mein lieber guter Puck!

Dein lieber Sonntagsgruss hat mich sehr erfreut und gern hätte ich Dir schon gestern geantwortet, aber augenblicklich ist hier dauernd ein grosser Trubel und man muss seine eignen Wünsche zurückstellen, da die Unternehmungen gemeinsam vor sich gehen. Sehr enttäuscht war ich über Albrecht, ich hatte ihn gebeten, Dich in Hamburg anzurufen oder auch gehofft, dass Ihr Euch sehen würdet. MontagSonntagnacht fuhren er und Götze von hier, sie gingen nämlich garnicht erst zu Bett, und haben den Weg anscheinend ohne Einschlafen bewältigen können. Am Abend rief er an, dass sie am Montag noch um 10 Uhr wieder abfahren würden und des Nachts hier eintreffen. Da Albrecht mit Maria von 7-9 im Kino war, hat er wohl keine Zeit gehabt, Dich anzurufen. Puck, zum Glück sehen wir uns ja schon bald, ich freue mich unbändig, und hoffe, dass Du am Sonnabend nicht so spät kommst, kannst Du das machen, mein Lieb? Eine Einladung bei H’s liegt diesmal nicht vor, da wir am Freitag Donnerstag dort schon eingeladen sind. Freitag fährt Lotty mit den Kindern wieder fort, ich kann nicht sagen, dass ich traurig darüber bin, denn jetzt ist es abscheulich bunt, so niedlich die Kinder sind, kann man das dauernde Getobe und Getose nicht ertragen, da wir letzten Endes immer was neues angeben müssen, um für Unterhaltung zu sorgen. Hermann ist eben mit vollbeladenem Adler in den nächsten Ort gefahren, was ich sehr ungern sehe, zumal er den Wagen eben erst Probe gefahren hat, aber um mal eine Sekunde zum Schreiben zu haben, liess ich sie lieber ziehen.

Mein Puck, was meinst Du, soll ich am Montag mit Dir nach Hamburg fahren? Die Entscheidungen in vielen Dingen rücken jetzt so nah, dass es mir, so glücklich und selig ich bin, doch ganz komisch vorkommt, Dir auch mein Lieb? Schreib bitte mal darüber und vor allem vergiss nicht die Lösung aus Deinem vorletzten Brief mitzuschreiben!

Hoffentlich sagen sich Petersens und Otto nicht zu diesem Sonntag an, wir wären dann wieder so viele, durch die beiden Brautpaare von letztem Sonntag hat man eigentlich noch genug, wenn es alles auch äusserst nett war, und schliesslich angebracht, dass man die Frauen von unseren Verwaltern drüben mal kennen lernt, die eine wird sich sicherlich gut für drüben eignen, die andere macht mehr einen Stadt Eindruck.

Puck, sei nicht bös, dass dies ein so schlechter Brief geworden ist, und so kurz, aber der Gärtner kommt gleich, um dies mitzunehmen.

Wie nett sind übrigens die Bilder von Maria geworden, findest Du nicht auch, ich habe ihr schon durch Albrecht gedankt. Puck, ich freu mich so auf Sonnabend und hole dann alles an Liebe zu Dir nach, was in meinem Briefen so dürftig ausfällt. Jeden Tag denke ich unzählige Male an Dich und wünsche Dich herbei um alles mit Dir zu geniessen, gestern erst habe ich einen Platz ausgesucht, wo wir später mal ein HausXXXX hinbauen müssten, er ist ideal schön.

In Gedanken gebe ich Dir 1000 K. und bin Deine

Lini.

[handschriftl.] Entschuldige das Briefpapier, es liegt so angenehm im Schreibtisch immer zur Hand. [gemeint ist das Geschäftspapier von Papa]

Die näherrückenden Entscheidungen beziehen sich auf die Hochzeit von Leni und Friedrich am 3.10.36. Dass aus dem Plan, ein Haus in die Nähe des Herrenhauses zu bauen, nichts wurde, ist aus heutiger Sicht nicht überraschend. Mich überrascht vielmehr, dass Leni offenbar nicht vorhatte, das Herrenhaus, das mehr als reichlich Platz bietet, zu bewohnen – und sei es nur am Wochenende. 

14.06.1936: Mein Lieb! (Leni)

Friedrich hat eine neue Arbeit. Da er nicht in der NSDAP ist, gab es offenbar Probleme am Arbeitsplatz – Genaueres weiß ich leider auch nicht.

N., den 14. Juni 36

Mein Lieb!

Mehr denn je muss ich in diesen Tagen an Dich denken, all meine erdenklich besten Wünsche waren bei Dir, dass Deine Besprechung und Deine Lage für die Zukunft so gut wie nur erdenklich für Dich ausfällt. Mein Puck, ich bin nämlich etwas in Sorge, da ich auch heute noch nichts von Dir gehört habe, ich kann mir denken, dass Du nur sehr wenig Zeit zum Schreiben hast, aber es genügt ja eine kurze Postkarte, die mir nur sagt, dass Du die Fahrt gut überstanden hast, man macht sich sonst so viele Gedanken und regt sich vielleicht unnütz auf. Wie habe ich die Tage mit Dir genossen, mein Lieb, es war so schön wie es jetzt eben sein kann und Du glaubst garnicht wie glücklich ich bin, dass wir jetzt Aussicht haben, in absehbarer Zeit zu heiraten, wir werden beide gewiss unsagbar glücklich werden. Die schönen Stunden, die wir hier zusammen draussen erlebt haben, hatten dummer Weise ein nicht so angenehmes Nachspiel, denn mein Hexenschuss wurde dauernd schlimmer anstatt besser und hat sich auch noch nicht gegeben. Gestern habe ich zu Bett gelegen und ordentlich geschwitzt, mit vielen heissen Kartoffeln im Rücken, was sehr gut sein soll, doch hat es wenig genützt. Im Bett kann ich noch schlechter liegen, es ist besser, auf zu sein, wenn ich auch kaum gehen kann. Es ist so ärgerlich, weil ich so vieles tun möchte, mit Frl. Rut. bin ich auch dadurch nicht so ganz zu Ende gekommen, wir konnten aber die Arbeit doch soweit besprechen, die ich jetzt in Zukunft tun werde, es ist ein kleiner Teil der Buchführung.

Mein Lieb, ich freu mich schon so auf nächstes Wochenende, hoffentlich kommt für Dich nichts dazwischen, und haben wir besseres Wetter als neulich, heute war es hier das erste Mal wundervoll. Ich möchte Dich dann bitten, mir meine Armbanduhr mitzubringen, sie wird in Hamburg repariert bei Bühring Speersort, vielleicht rufst Du Frl. Rut. mal an, dass sie sie dort abholt und Du wiederum bei uns am Kontor Tel XXXXXX. Ich wäre Dir sehr dankbar, wenn Du sie mitbrächtest.

Fand Deine Mutter Dich ein wenig erholt? Und hast Du sie abends noch angetroffen? War der erste Geschäftstag sehr schlimm? Man hatte doch sicher nicht erwartet, dass Du kamst. Du musst mir sehr bald schreiben und von allem berichten, hier in der Einsamkeit habe ich soviel Zeit über alles nachzudenken und male mir unsere spätere Zeit schon in den schönsten Farben aus. Diese Woche fahren wir einen Tag nach Rostock und dann nochmal nach Lübeck, aber leider werde ich nicht mal eben bei Dir vorsprechen können, zwischen dem 20. und 30. komme ich aber kurz.

Mein Puck, ich freu mich so sehr für Dich, dass diese erste Zeit bei Bolten für Dich nun ganz bald vorbei ist, es übertrifft doch weit unsere Erwartungen, dass es so schnell ging, wer weiss wenn Du später damals eingetreten wärest, wie ungünstig es durch die Gesetze für uns hätte werden können. Damit glaube ich nicht, dass für Dich die erste Zeit in der neuen Firma leicht sein wird, weil Du dich ja wieder erst umstellen musst und wahrscheinlich auch einige Dinge neu hinzukommen, aber immerhin ist es ja ganz etwas anderes als damals. Ich bin auch fest der Überzeugung, dass die damalige Umstellung trotz ihrer rasenden Härte für uns, in erster Linie aber für Dich noch sehr viel gutes haben wird und eigentlich ja schon hat, jedenfalls was das Vorwärtskommen anbetrifft. Nicht wahr mein Puck?

Es liebt Dich sehr, sehr sehr

immer Deine Leni.

20.08.1946: Meinen Wagen habe ich längst verzehrt. (Rudu)

Ein ausführlicher Brief von Rudu, der in Guatemala vom Gemüseanbau (und dem Verzehr von Autos) lebt. 

[handschriftlich von Leni: bea[ntwortet] im Okt. 46]

Guatemala, 20. August 1946

Liebe Leni, lieber Friedrich,

kürzlich erreichten mich Deine Zeilen vom 23.6., lieber Friedrich, und Du glaubst nicht wie sehnlich wir darauf gewartet hatten, Eure Erlebnisse im Zusammenhang zu hören. Bis dahin waren es immer nur Bruchstücke, die uns hier in Guatemala erreicht hatten, die sich zum Teil widersprachen. Man möchte noch so unendlich viel fragen! Trotz aller Berichte, die von drüben jetzt eintreffen, ein Bild von Eurem Leben kann man sich doch nicht machen.

Unser sehnlicher Wunsch ist, Euch irgendwie zu helfen, soweit es in unseren Kräften steht. Wir haben Pakete aus der Schweiz in Auftrag gegeben, es heisst jedoch, dass nur ein ganz geringer Teil dieser Pakete ihren Bestimmungsort erreichen. Als neuestes ist uns empfohlen: Cooperative for American Remittances to Europe, abgekürzt CARE, durch die man 49 lbs. Pakete enthaltend 30 lbs. Esswaren, an Euch schicken kann. (40.000 calories). Per Flugpost geht morgen der Auftrag nach New-York, Euch und Maria B. je eins von diesen Paketen auszuhändigen. Ich hoffe von Herzen, dass sie Euch gut und schnell erreichen und bitte um umgehende Bestätigung nach Erhalt. Ich will mich mit Hertha noch in Verbindung setzen, damit das Absenden von Paketen in geregelter Weise vor sich geht.

Ehe ich auf Deine Zeilen eingehe, möchte ich Dir kurz von hier einiges berichten. Gemessen an den Schwierigkeiten, die Ihr zu überwinden habt, sind wir hier natürlich in Abrahams Schoss. Jedoch alles ist relativ und wenn ich Dir erzähle, dass ich seit langem nicht mehr weiss, was ruhiger Schlaf ist, so wirst Du vielleicht lächeln. Denn trotz vorzüglichen Gewissens fehlt dieser ganz, verscheucht durch die Sorgen, was die nächsten Ereignisse bringen. Erinnerst Du Dr. Edgar W.‘s Besuch in Mecklenburg im Jahre 1938? So wie er damals fühlen wir uns heute mit genau derselben Perspektive: dies Auf und Ab zwischen Hoffnung und Verzweiflung dauert seit 41. Man hat das Gefühl, momentan dem Endspurt beizuwohnen und es ist wenig Hoffnung auf ein gutes Ende. Auf dem Eckchen neben Lisi B. können wir uns alle zusammenfinden und beraten, soweit noch etwas zu beraten ist. Unsere Mittel sind sehr beschränkt und die Teuerung ist beträchtlich. Ich gebe z. B. für Milch über $ 20.- im Monat aus. Bei Achim und Hertha soll das noch schlimmer sein, nur dass ich glaube, dass er mit sehr viel grösseren Reserven anfing, denn er hat noch seinen Wagen, den ich schon vor Jahren verkaufte und längst verzehrte.

Gesehen habe ich Achim nicht seit der Taufe meines Jungen Okt. 41 und korrespondiert haben wir höchstens alle halbe Jahre mal, wenn sich zufällig mal eine Gelegenheit bot. Auch jetzt noch höre ich von den Vorgängen dort meistens nur durch Hörensagen, genaues weiss ich nicht. Wenn Du übrigens Gelegenheit haben solltest mit dem Bruder von Carl-Ludwig, nämlich Johannes, zu sprechen, so wird der Dir übrigens sicher noch manches von hier erzählen können.

Meiner Familie geht es gut. Bea ist schon ein grosses Mädchen, die sehr gut in der Schule voran kommt und alles spielend erledigt. Sie wird, denke ich mir stets sehr ihren eigenen Weg gehen und alles unangenehme wie damals auf dem Gut mit den Worten „nein heute abend“ von sich weisen. Der Junge, den wir jetzt englisch ausgesprochen Michael nennen (in der englisch geleiteten Schule nannte man ihn so) lernt die Anfangsgründe im Schreiben und Lesen und ist im allgemeinen sehr viel mehr anlehnungsbedürftig als seine Schwester und damit der Verzug seiner Eltern. „Consentido“ (Verwöhnter) sagt die Bea sehr oft verächtlich, da die beiden unter sich meistens spanisch sprechen. Michael beendet jeden abend sein Gebet mit: „und schenk mir bald ein kleines Baby“, einen Wunsch von dessen Erfüllung wir den lieben Gotte gebeten haben einstweilen abzusehen ehe er nicht weiss, wo er uns wieder einsetzen will.

Gemüsebau ist ganz erfreulich, ich hoffe jedoch, es wird nicht zu lange noch meine einzige vernünftige Beschäftigung bleiben. Auf einem Nachbargrundstück wohnt ein alter Herr aus Güstrow, Herr B., der viel bebaubares unbenutztes Land hatte. Nach meiner Krankheit fing ich an das umzugraben und jetzt ist jedes Eckchen bepflanzt. Wir im Hause essen fast ausschliesslich dort gebautes Gemüse und das übrige wird verkauft, die Einnahmen gehen an Herrn B., der über Geldmittel kaum verfügt. Er ist 74 Jahre und hatte vor einiger Zeit von seinem Enkel einen Bericht über den Einzug der Russen in Güstrow. Sein Schwiegersohn, Oberst, ist eine Art Komissar für den Güstrower Bezirk.

Seit Monaten will ich Achim besuchen, freundlichst eingeladen von Hertha, die mir die Reise aus den Verkaufserlösen ihrer Ölbilder schenken will, doch immer wieder muss ich es aufgeben und fürs erste verschieben.

Gestern kam ein Brief von Hertha mit einer Copie des Briefes von Albrecht vom 21. Febr., so verspätet ist der eingetroffen! Er schreibt: „ich plane im Herbst rüber zu kommen nach Mex, Gtla oder USA“, „rechne auf Eure Hilfe“, ebenso gut könnte er schreiben, er plane eine Reise zum Mond.

Du schreibst in Deinem Brief, Friedrich, nichts über Deine Mutter, wo sie wohnt etc., ich hoffe es geht ihr wie auch Deinen Brüdern gut. Ich wäre Euch dankbar, wenn Ihr mir über das Ergehen folgender Personen, soweit möglich, berichtet: [es folgt eine auführliche Personenliste] Von Klaus U. hörte ich aus Chicago kürzlich, wir mussten den Briefverkehr während des Krieges abbrechen und haben erst jetzt wieder voneinander gehört.

Achim und Hertha werden Euch sicher berichten. Ingrid und ich sind in Gedanken so oft bei Euch und Euren Kindern, nehmen innigen Anteil an Eurem Kummer und Euren Erlebnissen. Wir hoffen sehr, dass sich [Brief bricht ab]

Was es mit Edgar W. und seinem Schicksal auf sich hat, weiß ich leider nicht. Um Euch die Weihnachtsstimmung nicht zu versauern, werde ich vor Weihnachten noch ein paar schöne Briefe einstellen. Freut Euch drauf!

04.11.1945: Hans geht es 2- (Leni)

Leni ist in Berlin bei Hans und hat nun auch Friedrich wieder. Sie warten noch immer auf einen Transport zurück nach Hamburg.

den 4.11.45

Liebe Mutter! Leni [bis hier Friedrichs Schrift, dann Lenis] Wir sitzen hier noch immer und warten auf den regulären Transport, der angeblich am 1?.[an der Stelle gelocht]11. direkt nach Hamburg gehen soll. Das Warten ist gräßlich, zumal Friedrich und ich keine Lebensmittelkarten haben, wir bekommen sogenannte Flüchtlingskost für die wir täglich lange anstehen müssen, weil es so prima organisiert ist.

Hans geht es 2-, er hatte Brechdurchfall und bekam Tagelang nur Tee, jetzt ißt er um so mehr aber Gemüse ist fast garnicht zu beschaffen. Sein eines Ohr eitert wieder, aber er hat keine Schmerzen dabei. Im Ganzen ist er sehr süß, ich habe nur große Not mit seiner Bekleidung, da ich einmal fast nichts hier habe und das Wenige trocknet sehr langsam, denn an Heizen ist garnicht zu denken. Die Fenster sind nur verpappt und somit weht stets ein kalter Wind. Wir kommen alle von einer Erkältung in die andere. Friedrich wollte morgen nochmal in die Nähe vom Gut nach Mecklenburg fahren, um das Nötigste an Essen zu organisieren, doch sind die Zugverbindungen derartig miserabel, daß er bis Freitag nicht zurück sein kann. Wir schaffen es auch noch so bis dahin, wenn nur der Transport nicht wieder verschoben wird. Der Weg meiner Herfahrt ist unmöglich mit Hans zu machen, ohne ihn wären wir längst dort.

Das Gut war ein trauriges Bild. Tante Olga lebt und ist munter. Meine Gedanken sind viel bei Euch. Ob Paulina noch da ist und wie es vor allem den Kindern geht. Haben wir unser Holz bekommen? Konntest Du à persona 2 Zentner Kartoffeln bekommen?

Jetzt müssen wir für Hans und Friedrich auch noch je zwei haben. Ist es bei uns im Keller sehr feucht? Evtl. sind wir nächsten Sonntag dort. Friedrich muß nach seiner Gefangenschaft furchtbar ausgesehen haben, jetzt geht es schon wieder, er wurde entlassen, da er dicke Beine hatte, sein Herz war nicht in Ordnung.

Wenn ich nochmal zum Gut könnte, ist es möglich von Deinen Sachen was zu retten, denn alles vieles findet man bei unseren Leuten wieder. Als ich am 15.10. dort eintraf, wurden gerade alle Gutsbesitzer ausgewiesen und es war wie ein Wunder, daß man mich nicht auch irgendwo nach 30 km auf der Straße absetzte. Vorsichtshalber zog ich in den nächstgrößeren Ort. Wir sind sehr froh, daß wir bei Irmgard H. hier wohnen können, die Arme hat auch viel durchgemacht. Frau H. [wohl die Mutter] ist in Mönchen Gladbach, als ich kam war sie noch hier. Alle Nachbarn müssen fort.

Ob bei Euch schon Schule ist? Wie geht es bei O’s und hast Du von Kurt gehört? Hoffentlich sehen wir uns nächsten Sonntag, sonst frieren wir hier wohlmöglich noch ein.

Herzliche Grüße von uns dreien

Deine Leni.

10.10.1945: Inge sorgt für mich genau so rührend wie für den Jungen (Leni)

Leni hat es geschafft, sich nach Berlin durchzuschlagen. Sie hat den kleinen Hans wiedergefunden. Nun muss sie jedoch noch einmal nach Mecklenburg, um dort Friedrich zu treffen und zu versuchen, noch ein paar Dinge vom Gut zu retten. Der Rückweg muss über Berlin gehen, da sie mit Hans einen regulären Transport nehmen will. Sie lässt ihren Sohn also noch einmal für ein paar Tage zurück – wie schwer muss ihr das gefallen sein, aber wie froh wird sie auch gewesen sein, Friedrich wiederzusehen!

[Auf Papier „République Française, Paris, le ..... 193....“]

 Berlin 10. Okt. 45

Liebe Mutter! [Friedrichs Mutter]

Frau H. fährt heute mit einem Transport nach Köln und wird dieses hoffentlich befördern können. Ich hoffe nächste Woche mit Frau S. auf reguläre Weise fortzukommen oder mit einem Transport, der aber meistens von Woche zu Woche verschoben wird. Ich kann natürlich auch auf dieselbe Weise fahren wie mein Herweg war, doch ist dieses für Hans zu strapazierend, wir wären Tage unterwegs und die Züge sind so unbeschreiblich voll, wie man es sich bei Euch nicht vorstellen kann. – Inge P. hat unbeschreiblich rührend für Hans gesorgt. Er war so herunter, daß er von allen aufgegeben wurde und ich möchte nun nicht, da sie ihn jetzt wieder so weit hat, [ihn] einer stark strapaziösen Fahrt aussetzen. Andererseits möchte und muß ich schnell zurück, da ich keine Lebensmittelkarten habe und bekomme und meine mitgenommenen Vorräte zu Ende gehen. Inge sorgt für mich genau so rührend wie für den Jungen. – Ich will heute nach Mecklenburg fahren, jedoch weiß man nie wieviele Tage solche Fahrt dauert. Im nächsten Ort beim Gut hoffe ich Friedrich zu sehen, vielleicht ist es ja möglich daß er mit mir kommt. Frau H. hat mir ausführlich vom Gut erzählt, schriftlich kann ich das nicht wiedergeben. Martha S. will auch per Auto fahren, wenn ich an der Grenze abgesetzt werde, so wird sie jedenfalls das Kind mitnehmen. Schon wegen der Kälte müssen wir uns eilen, auch daß Hans aus Berlin kommt, denn Fensterscheiben gibt es in Inges Wohnung nicht.

Ich hoffe Du hast meine verschiedenen Postkarten erhalten , sodaß du über meine Reise orientiert warst. Wie sind die Kinder, kommt Ihr zurecht? Ist Paulina noch da, mir wäre lieb wenn sie bliebe bis wir zurück sind.

Ich hoffe am 15 oder 16. dort zu sein, jedenfalls braucht Ihr Euch nicht sorgen wenn es später ist, dann ist es nur um einen bequemen Weg zu haben. Konntest Du mir Winterkartoffeln besorgen? Und ist die Sendung aus Lübeck da?

Herzliche Grüße an alle

Deine Leni

In Inges Wohnung muss es verdammt kalt gewesen sein ohne Fensterscheiben. Nach den Erzählungen war die Wohnung verwüstet und Hans spielte in den Trümmern. Leider gibt es keinerlei Angaben, wie er auf das Wiedersehen mit seiner Mutter reagiert hat.

Edit: Doch gibt es – Hans saß auf dem Topf und hat seine Mutter zu deren großen Entsetzen nicht erkannt.

23.06.1946: Er war ein zauberhafter Junge (Friedrich)

Diesen Brief schrieb Friedrich an Rudu. Während des Krieges war jeglicher Kontakt abgerissen. Ich habe ihn stark gekürzt (es ging viel darum, wie das Gut gerettet werde könnte usw.) und einige Erklärungen eingefügt, um das Ganze etwas leichter verständlich zu machen. Dies ist nicht der erste Brief aus der Nachkriegszeit, ich habe ihn vorgezogen, weil er die Lage sehr gut zusammenfasst. Die Sachlichkeit des Briefes lässt mich schlucken.

R. den 23.6.46.

Lieber Rudolf,

Deine Briefkarte vom  11. vorigen Monats kam vor einigen Tagen hier an. Die Freude war gross besonders darüber, dass es Euch verhältnismässig gut geht. Hoffentlich kannst Du bald an Deinen Geburtsort zurückkehren. Seit 1938 haben wir uns nicht gesehen, Ende 1939 sogar die Verbindung miteinander verloren. Seitdem haben wir ungeheure Rückschläge miterleben müssen. Ich will versuchen, Dir das Hauptsächlichste der vergangenen Jahre mitzuteilen.

Nachdem das Hamburger Kontor geschäftslos geworden war, ging mein Vorschlag dahin,  das Gut in Mecklenburg zwecks völliger Sanierung und Auszahlung von Maria [ihr stand durch das Testament von Papa der Pflichtteil zu] zu verkaufen. Mama [Lenis Mutter] konnte sich hierzu jedoch verständlicherweise schwer entschliessen und wurde zudem im Jan. 40 schwer krank, sodass ein Umzug [in die Nähe von Hamburg], wie ich es vorgeschlagen hatte, nicht mehr möglich war. Infolgedessen musste das Elternhaus von Leni im Ort verkauft werden. Damals konnten grosse Häuser nur sehr schwer verkauft oder vermietet werden, sodass mich der endlich erzielte Preis von RM 70.000,– nicht sehr befriedigte. Hätten wir den Verkauf damals nicht durchgeführt, würde das Haus mit einer Fülle von Flüchtlingen belegt worden sein. In [diesem Vorort von Hamburg] hat jeder Erwachsene 4 qm und jedes Kind 2 qm Wohnraum zu beanspruchen. Die Ueberfüllung ist daher unbeschreiblich.

In dem Haus, das Leni und ich jetzt bewohnen, sind wir z. Zt. 28 Personen. Weitere Flüchtlinge werden erwartet. In ihrem Elternhaus mit im Garten aufgestellten Baracken leben jetzt schätzungsweise 150-200 Personen. Nachdem sich Mamas Zustand in der Mitte des Jahres 1940 etwas besserte, verschlechterte dieser sich bis zum Ende des Jahres  40, bis ein Schlaganfall ihr Leben beendete. Leni hatte sie mit grösster Aufopferung gepflegt, was umso schwerer war, weil sie am 30.6.40 unseren Sohn Christian bekam, der dann knapp 5 Jahre später auf der Flucht vor den Russen erschossen wurde. Er war ein zauberhafter Junge.

Im Jahre 1941 heiratete Albrecht Felicitas, deren 4. Mann er wurde. Im April 1946 liess er sich wieder scheiden und überliess seinen gutgeratenen Sohn Alexander seiner Frau, während er selbst vor etwa 14 Tagen Nina heiratete. A. ist beim Reg. Food Office tätig und kontrolliert verschiedene Kreise auf Abgabe von Milch, Eiern etc. Sein Sitz ist Itzehoe.

Da ich schon bei Ausbruch des Krieges der Ueberzeugung war, dass Deutschland nicht gewinnen konnte, habe ich immer versucht, das Gut in Mecklenburg in ein rentableres und weiter westlich gelegenes Gut umzutauschen. Leider scheiterten meine Bemühungen, die ich zusammen mit Dr. B. anstrengte, an Machenschaften des Mecklenburger Staatsministeriums. Letzteres liess einen Verkauf oder gar Tausch an Dritte nicht zu, sondern wollte mit allen Mitteln selbst in den Besitz des Gutes kommen. Der gebotene Kaufpreis war zwar nicht schlecht, aber nicht verwendbar, weil wir für Geld keinen Grundbesitz mehr erwerben konnten. Grundbesitz wurde nur noch in Nazikreisen gehandelt. Diese Kreise sorgten auch dafür, dass ich, obwohl ich in den Heinkel-Werken eine recht beachtliche Schlüsselstellung hatte, im September 44 noch eingezogen wurde. Leni wurde erheblich schikaniert. Dass die Russen das Gut einmal besetzen würden, hatte ich zwar gefürchtet, zuletzt aber doch nicht mehr angenommen, da die Amerikaner Ende April 45 schon [15 km westlich vom Gut] standen, während die Russen noch viel weiter entfernt waren. Dadurch erklärt es sich auch, dass Leni dort blieb, bis die Russen etwa [34 km östlich vom Gut] waren und es sich herausstellte, dass die Amerikaner zurückgingen. Ohne Telefon und mangels Elektrizität auch ohne Radio war die Lage völlig unübersichtlich.

Leni floh am 30.4.45 mit vier Kindern (Du wirst wissen, dass am 8.4.44 unser Sohn Hans geboren wurde), einer Gärtnerin und einer Hausgehilfin in drei bespannten Fahrzeugen. [45 km weit] ging alles leidlich. Dort geriet der Treck auf völlig verstopften Strassen in Tieffliegerbeschuss, durch den Leni, Helene, Klaus verwundet und Christian und die Gärtnerin erschossen wurden. Leni brachte Helene und Klaus nach Schwerin ins Krankenhaus, liess Hans zurück, um diesen gleich nachzuholen. Inzwischen hatten die Russen nachgedrängt, sodass Hans allein zurückblieb. Der Treck fuhr weiter und wurde stark ausgeplündert. In Schwerin musste auch der Treck haltmachen, und es ist der Hausgehilfin zu verdanken, wenn ein Rest der Sachen viel später R. erreichte. Leni blieb bis Mitte Juni 45 im Schweriner Lazarett und fuhr dann mit Helene und Klaus per Rad nach R. Schwerin war damals noch von den Amerikanern besetzt. Kaum war Leni im [Haus von Friedrichs Familie] eingezogen, als dieses Haus von den Engländern beschlagnahmt wurde. Leni konnte daraufhin erfreulicherweise den 1. Stock des inzwischen von mir erworbenen Hauses beziehen. Hans war also bei C. [wo der Beschuss stattgefunden hatte] auf dem Gute W. Der Gutsbesitzer Dr. P. wurde mit seiner Familie von den Russen auf ein Zimmer zusammengedrängt. Es gab keine Milch und sonstige Nahrungsmittel für Hans, sodass dieser, der bei dieser Behandlung schwer erkrankte, beinahe verhungerte bzw. gestorben wäre. Einer Nichte des Besitzers, die früher mit Leni die Malchower Schule besuchte, ist es zu verdanken, dass Hans uns erhalten blieb. Diese nahm sich seiner an und brachte ihn später nach Berlin, von wo Leni im September 45 hörte, dass der Junge dort und am Leben sei. Anfang Oktober fuhr Leni dann unter grössten Strapazen illegal über die Zonengrenze, um Hans aus Berlin zu holen. Sie erschien anlässlich dieser Reise Mitte Oktober bei mir in N. Lenis Leistungen waren tatsächlich ausserordentliche und wohl nur von denen voll zu würdigen, die die Verhältnisse in der russischen Zone kennen.

Nachdem ich von Sept. 44 bis Jan. 45 in Schneidemühl ausgebildet war – zwischendurch wurde ich mehrfach von Heinkel angefordert und war auch oft in N. – standen die Russen vor der Stadt. Meine Einheit wurde nach Arnswalde zurückgenommen und hatte monatelange Nah- und Strassenkämpfe zu bestehen. Am Tage der Kapitulation 1.5.45 lagen wir bei Fehrbellin. Ich schlug mich durch zum Gut, wurde vorher noch von den Russen gefangengenommen, konnte jedoch wieder entkommen. Am 8. Mai 45 traf ich am Gut ein, wo sich ein chaotisches Bild bot. Herr W. [der Verwalter, schon vor dem Krieg unbeliebt und später Erz-Nazi] hatte seine Kinder erschossen, seine Mutter erschlagen, während seine Frau und er trotz Selbstmordversuch durch Kopfschuss am Leben blieben.

Das Innere des Herrenhauses war völlig verwüstet. Wochenlang habe [ich] versucht, noch einiges durch Verstecken oder Vergraben zu retten, was später doch im wesentlichen durch plündernde Banden gefunden wurde. Gleichzeitig mussten umfangreiche Waldbrände gelöscht werden. Achimkultur und angrenzender Buchenunterbau waren auch hier nicht zu retten, obwohl ich teilweise mit 150 Mann arbeitete. Lastwagen fuhren vor dem Herrenhaus vor, und ich wurde oft gezwungen, die Möbel aufzuladen. Ein grosser Teil der Sachen verschwand durch die Deutschen. Auch die N. Gefolgschaft hat sehr enttäuscht. Nur Förster Eh., dessen Haus unbewohnbar geworden war und der im Mai 45 [bei der Familie des Fahrers] wohnte, unterstützte mich nach Kräften. Er wurde Ende Mai verhaftet. Ich glaube nicht, dass er je zurückkehren wird. Ende Mai wurde ich groteskerweise Bürgermeister von B. Anfang Juni wurde ich durch die GPU [Vorläuferin KGB] verhaftet und drei Monate lang bis zur gänzlichen Erschöpfung gefangengehalten. Ende August traf ich wieder am Gut ein und lebte dort in Ermangelung jeglicher Lebensmittel vom Hechtfang. Zwei Monate lebte ich so bis Leni erschien und wir zusammen nach Berlin fuhren, um Hans dort abzuholen.

Da wir mit Kind nur legal die Grenze passieren wollten, warteten wir fast einen Monat auf einen Transport, der Flüchtlinge vom Osten nach dem Westen bringt. Endlich glückte es uns, sodass wir nach beinahe 3-tägiger Reise verhältnismässig schnell den Ort bei Hamburg erreichten. Hier ist das Ernährungs- und Flüchtlingsproblem äusserst schwer lösbar. Ich habe eine recht gute Stellung innerhalb einer Hamburger Behörde angenommen, die mich stark in Anspruch nimmt.

Leni wird nächstens einen eigenen ausführlichen Brief an Euch schreiben. Sie hat wenig Zeit zum Schreiben. Die Führung eines Haushalts verursacht heute ungeheure Schwierigkeiten und Zeitverluste. In unserem Ort, in dem 250% Flüchtlinge wohnen, dauert das Einkaufen Stunden und ist zudem oft ergebnislos. Auf den Strassen hört man nahezu ausschliesslich ostdeutsche Laute, Bekannte trifft man selten. Geselligkeiten fallen ziemlich aus, da man sich gegenseitig nichts mehr vorzusetzen hat. Mit 1.000 kal. zu existieren, ist besonders wenn man für die Ernährung heranwachsender Kinder verantwortlich ist, nahezu ausgeschlossen. Das Betteln auf dem Lande erfordert Zeit und zermürbt wegen der allzu häufigen Ergebnislosigkeit. Die Landbevölkerung hat auch nichts mehr. Wenn der einzelne noch etwas haben sollte, so wird er überlaufen. Ihm werden ungeheure Beträge für 1 Zentner Kartoffeln gezahlt. Wertsachen, Stoffe, Schuhzeug etc. werden dem Bauer für lächerliche Quantitäten von Kartoffeln, Gemüse u. dergl. geboten. Um Dir einen Anhalt zu geben, sei erwähnt, dass in Berlin mehr als Rm. 1.000.—für einen Zentner Kartoffeln gezahlt werden. Wir haben seit langem keine Kartoffeln mehr, verteilt werden sie nicht. So ist also die Lage, über die noch viel – nur nichts Erfreuliches – zu berichten wäre. Die politischen Aspekte [wirst Du] von dort aus besser übersehen als ich denn „klar sieht, wer von ferne sieht“ hat der alte Laotse wohl schon zutreffenderweise gesagt.

Leni und die uns viel Freude machenden gesunden und auch noch ganz gut ernährten Kinder lassen herzlichst grüssen.

Viele Grüsse an Ingrid, Hertha und die jeweiligen Kinder von

Deinem

Friedrich

Lieber Achim,

Dieser Brief an Rudolf ist an Dich in gleicher Weise gerichtet, damit Du, soweit noch nicht von anderer Seite geschehen, eine ungefähre Vorstellung von den Ereignissen der letzten Jahre bekomm[s]t. Vielleicht könnt Ihr gelegentlich auch einmal Näheres von dort berichten. Es wäre nach Lage der Dinge wünschenswert, wenn wir uns mündlich unterhalten könnten. Aber wann und wo?

Herzlichst Dein

F

Die Ereignisse zusammengefasst:

1940: Lenis Mutter wird Anfang des Jahres zum Pflegefall und stirbt Ende 1940. Während dieser Zeit bringt Leni am 30.6. Sohn Christian zur Welt. Ihr Elternhaus wird verkauft, um Maria den ihr zustehenden Pflichtteil auszahlen zu können.

1941: Albrecht heiratet.

1944: Friedrich, der nicht in der NSDAP war, aber eine “kriegswichtige” Position bekleidete, wird im September doch noch zum Wehrdienst eingezogen (vielleicht finde ich darüber noch mehr, es gab wohl Ärger mit irgendwelchen Parteifunktionären). Er wird in Polen ausgebildet und erlebt den Einmarsch der Russen.

1945: Ende April befinden sich die Amerikaner 15 km westlich von Lenis Gut. Sie wartet auf ihre Ankunft. Als die Russen 34 km östlich vom Gut ankommen, treten die Amis den Rückzug an. Leni flieht am 30.4. gen Westen. (Wie ich aus anderen Briefen weiß, waren schon wochenlang Flüchtlinge aus dem Osten bei ihr eingetroffen und weitergezogen.) Unterwegs gerät der Treck unter Beschuss. Leni, Helene und Klaus werden verletzt, Christian (knapp fünf Jahre alt) stirbt, die Gärtnerin wird schwer verletzt. Die Lazarettärzte in der Nähe ordern für Leni und ihre verletzten Kinder den Transport ins Krankenhaus Schwerin an. Der unverletzte Hans bleibt auf dem Gut W. zurück. Er ist ein Jahr alt. Einen guten Monat bleibt Leni mit den verbleibenden Kindern im Krankenhaus, bevor sie in Lenis Heimatort bei Hamburg gelangen. Inzwischen ist Friedrich zum Gut zurückgekehrt, wird in einem Nachbarort Bürgermeister und wenig später von den Russen verhaftet und drei Monate lang gefangengehalten. Im September kommt er wieder frei und kehrt zum Gut zurück. Mehrfach versucht Leni, Hans zu holen, es gelingt ihr jedoch nicht, bis zum Gut W. vorzudringen, wo der Beschuss stattgefunden hatte. Im September erfährt sie, dass ihr Mann Friedrich lebt und sich auf ihrem Gut aufhält. Hans ist inzwischen nach Berlin gebracht worden. Leni gelingt es, nach Berlin zu kommen. Von dort fährt sie zum Gut, wo sie Friedrich wiedersieht und mit ihm gemeinsam nach Berlin aufbricht. Um Hans legal über die Grenze zu bringen, warten sie fast einen Monat auf einen Transport. Nach dreitägiger Fahrt kommen sie im November gemeinsam bei Hamburg an.

Hans ist mein Vater.

14.04.1938: Du bist so gut und erleichterst es etwas … (Rudu)

Rudu und Ingrid kommen nach Hamburg! Seine Schwiegermutter (“Mutter S.”), die gemeinsam mit seiner Mutter (“Mami”) zu Besuch in Guatemala war, ist mit Rudus Tochter Bea bereits unterwegs. Es würde mir etwas widerstreben, mein Kind der Oma mitzugeben und selber später hinterherzureisen. Was bewegt einen dazu? Warum fährt Mutter S. überhaupt vor? Ist es besser, mit Enkelkind zu reisen als allein? 

14.4.38

Briefpapier von Hotel Ritz, Mexico

Briefpapier von Hotel Ritz, Mexico

Meine liebe Leni –

am 9. ds. Mts. sind Mutter S. und Beate allein von B. Richtung Hbg. abgefahren, nicht wie es verabredet war, zusammen mit Mami. Mit Mami kommen Ingr. und ich über New-York, von wo wir am 3. Mai mit der „Europa“ abfahren. Es ist mit Mutter und auch mit Mama besprochen, daß Mutter und Beate gleich nach N. übersiedeln. Ich bitte Dich zu veranlassen, daß G. mit dem Wagen kommt und die beiden abholt. Du bist so gut und erleichterst es etwas, damit alles klappt. Die “Candillera” wird um den 30. April herum in Hbg. eintreffen. Mama hat, glaube ich, schon angeordnet, daß Mutter + Bea in den braunen Zimmern wohnen.
Sehr gefreut habe ich mich zu hören, daß Du einen großen Teil des Jahres in N. sein willst!
Erzählen wollen wir mündlich. Reiseroute: von hier nach Habana, Key-West, Miami – New-York – in Hbg. ca. am 9. Mai.
Grüß Friedrich! und auch Bea + Mutter bei Eintreffen.

Es umarmt Dich innigst
Dein Rudu.

G. ist der Chauffeur. Was genau Leni nun erleichtern soll, ist mir nicht klar. Naja, Hauptsache, sie weiß, DASS sie erleichtern soll.

A band, a birthday guy, a cake. And me.

Orphaned Land – not a review but an advertisement. Or a token of love. Or both.

I don’t often go to concerts simply because there aren’t too many bands that interest me to a point that I want to see them on stage. One I was really looking forward to, though, was Orphaned Land. Never heard of them? They make great music.* They’re from Israel. What’s even more interesting, though, is the lyrics. Never in my entire life** have I listened to words that felt so right. Now this sounds very pathetic, I know, but regarding the fact that there are quite a lot of people in the world who eye each other suspiciously*** for the simple reason that the other was raised with another religious background – it is nice to hear someone say ‘All Is One.ʼ

To see that an Israeli band has fans from all sorts of cultures not in spite but because of their message is even nicer.

To listen to the music and it all fits perfectly together is bliss.

So, yesterday I grabbed my husband and went to their concert. Well, that’s not entirely true as it’s always him who (i) finds new great bands to listen to and (ii) knows who’s playing when and where.

The evening started with a shot a the Rock ‘nʼ Roll Warehouse in Hamburg. A shot glass of schnapps, that is, for all of us waiting outside as the tour bus had broken down and things were running late. We’re talking 10 minutes here,**** so that was a clear plus for the place. Another plus was the Haribo sweets box at the entrance. Even the queue at the loo was never longer than 3 girls***** and when the toilet paper was finished, the lovely lady behind me even gave me a hankie. (I nearly wrote ‘lent‘ there!)

I could go on about the support acts (Klone and The Mars Chronicles from France plus Bilocate from Jordan) and Orphaned Land, of course, but I’m not an expert, I like or I don’t like. In this case, I liked very much. Just listen to them. To give you a small idea, this sums it all up quite nicely.

As it was the night before my husband‘s birthday, he had made a cake for the band that you can marvel at here. Great people deserve a great cake!

A band, a birthday guy, a cake. And me.

A band, a birthday guy, a cake. And me.

Have a great birthday, Andi!

 

* I realize not everyone likes metal. It doesn’t matter, it’s still great music.

** I think I’m finally old enough to say that

*** If it stopped at that, the world would already be a better place.

**** The poor guys on the bus had to suffer much more than we did, obviously!

***** I had expected much worse considering that the women’s toilet was upstairs so you could use the stairs for queuing…

02.09.1936: Die alten Zeiten! (Ingrid)

Ingrid hat wieder viel zu erzählen – außerdem muss sie sich noch für die Weihnachtsgeschenke bedanken. Diesmal gibt es bei Leni Neuigkeiten!

La U., 2. Sept. 36.

Liebe Leni, lieber Friedrich,

Dieser Brief sollte schon lange bei Euch sein und es ist für seine Verzögerung nicht einmal eine Entschuldigung zu finden. Ist es doch schon mehr als 14 Tage her, daß Euer frohes Telegramm hier eintraf. Leni, wir haben soviel an Euch gedacht und von Euch Beiden gesprochen, uns so unendlich mit Euch gefreut; aber ich glaube, Du verstehst, wie es so geht wenn man all das in Worte fassen will – man wartete auf eine ruhige Stunde um mit allen Gedanken bei Euch zu sein. –

Wie schön, daß es nun soweit ist und wie gerne wären wir jetzt mit Euch zusammen um Euch so richtig sagen zu können wie sehr wir uns freuen! Ich kann mir ja vorstellen wie selig Ihr seid, wie Ihr Pläne schmiedet und anfangt Euer kleines Heim einzurichten und ich wünsche Euch, daß Ihr es bald verheiratet beziehen könnt. Mutti schrieb Du wärest eifrig auf Wohnungssuche und hättest erwas in der Geffkenstr. in Aussicht. Ich erinnere reizende rote Backsteinhäuser dort, und sehe Euch schon in einer wonnigen Etage mit den hübschen neuen Laden. Das Geschäft der Wohnungssuche hast Du ja genug betrieben in alten Zeiten, mit welch anderen Gefühlen wirst Du jetzt losziehen! Die alten Zeiten! Wie werden die dann versinken, wenn das neue Leben zu zweit begonnen hat – man kann es sich garnicht mehr vorstellen, daß man einmal allein war!

Wie schön, daß Friedrich seine Lehrlingszeit so schnell beendet hat und eine so gute Anstellung gefunden. Daß freut mich besonders für ihn. Eure Hochzeit, Leni werdet Ihr sicher sehr still und schön feiern. Wie schwer wird es uns nicht dabei zu sein und wie innig werden wir in Gedanken mit Euch und Mama verbunden sein an dem Tag, der auch vor allem Mama, trotz aller Freude an Eurem Glück, so schmerzlich stimmen wird. Ich sehe noch so deutlich Mamas und Papas glückliche Gesichter an unserem Hochzeitstag. Wie wird Mama sich allein fühlen. Und doch ist es ein trostreicher und schöner Gedanken daß Papa um Eure Zukunft gewußt hat und sich noch daran freuen konnte.

Liebe Leni es ist zwar reichlich spät, Dir jetzt erst für die Weihnachtsgeschenke zu danken; ich schrieb Mama schon, daß ich, als Rudu Dir zum Gebutstsag schrieb, im Bett lag. Ich muß Dir jetzt sehr danken für die beiden Wechselrahmen und das Inselbuch, es war so lieb von Dir an uns zu denken, wir haben uns so gefreut. Du kannst Dir vorstellen wie gut wir die Rahmen für unserre Postkarten gebrauchen können und wie hübsch sie in der schlichten Silberumrahmung aussehen.

Bea bekam zur Feier von Rudus Geburtstag zwei Zähne auf einmal und ist sonst die alte Vergnügte; groß wird sie und lernt jeden Tag mehr. Zu süß ist es, wie sie alles nachzumachen versucht, flöten, Kopfschütteln und zu Backe Backe Kuchen sagt sie schon bake, bake. Nur die Haare wachsen sehr bedächtig, ganz helle flaumige Krussellocken hat sie und sehr dunkelblaue Augen mit langen dunkleren Wimpern. Wir sind ja so glücklich, dass wir sie haben. Ihren Papa hat sie erst langsam wieder kennen lernen müssen, er war viel fort in der letzten Zeit auch an seinem Geburtstag; deshalb war ich so froh, ihn wenigstens an unserem 2 jährigen Hochzeitstag! hier zu haben.

Könntet Ihr nur einmal schnell hineinsehen in unser Häuschen und wir vier in der gemütlichen Wohnzimmerecke einen langen Klöhn veranstalten! All unsere Schätze müßtet Ihr betrachten und sehen wie schön es in U. ist.

An der Hinterseite des Hauses entsteht ein Zimmer für Bea “annexo Beate“ in dem ich unendlich hoffe Mutti und Mama unterzubringen. Ganz vielleicht wird Mutti uns besuchen. Ich male es mir so wundervoll aus, wenn Achim Mama und Mutti mitbringt! Leni, rede nur allen ordentlich zu!

Ich will schließen. Von Herzen wünschen wir Euch Beiden, daß sich alles so gestaltet wie Ihr es erhofft und senden Euch in großer Mitfreude viele liebe Gedanken.

Eure Ingrid.

./.

Ihr lieben Beiden!

Ingrids Wünschen schließe ich mich von Herzen an und möchte noch einmal betonen, wie gern ich bei Euch wäre in diesen Wochen.

Immer von neuem erleben wir hier draußen die Bedeutung eines glücklichen Zusammenseins von Mann und Frau und in dieser Erkenntnis möchte ich von einem gütigen Geschick für Euch alles das erbitten, was die Erfüllung eines solchen Glücks in sich birgt.

Von Herzen

Euer Rudu.

Leni heiratet! Na gut, das kam für mich jetzt nicht so überraschend. Ingrid und Rudu scheinen sich aufrichtig zu freuen und aus Ingrids (wieder recht atemlosen) Brief meine ich herauszulesen, dass auch sie glücklich ist. Bei dem Inselbuch handelt es sich ganz sicher um eins der hübschen Bücher aus dem Insel-Verlag. 

02.05.1936: … ich habe gestern meinen Beruf aufgegeben. (Leni)

Der erste überlieferte Antwortbrief von Leni. Es handelt sich um einen Durchschlag auf Luftpostpapier, die Zeilen stehen so dicht beieinander, wie es nur geht. Insgesamt umfasst dieser Brief fünf Seiten. Einer der informativsten Briefe überhaupt, beschreibt er doch neben Papas Leiden und Tod auch Lenis Beruf. Eigentlich sind es zwei Briefe, sie wurden aber zusammen abgeschickt, also zählen sie als einer.

Hamburg, R’weg XX

den XX. 2. Mai 36 [Jahreszahl handschriftlich, Rest getippt]

Mein lieber Rudu und liebe Ingrid!

Heute ist mein erster freier Tag, denn ich habe gestern meinen Beruf aufgegeben. Rudu, ich will versuchen Dir ein kleines Bild von den schrecklich traurigen Wochen und Monaten und von unserem einzig guten Papi zu geben. Wie waren wir schon voller Hoffnung, als Papa im März einige Tage in N. war, dass es nun nur noch einiger Wochen bedürfe zur vollkommenen Erholung. Rudu, es ist so furchtbar schwer über alles zu schreiben, es wird mir garnicht gelingen denn alle Worte klingen so leer, man kann diese unendliche Geduld, mit der Papa dies monatelange Leiden getragen hat, einfach nicht wiedergeben. Nie ist ein Wort der Ungeduld über seine Lippen gekommen, dass er vielleicht zu langsam besser würde, oder nicht mehr liegen könnte oder auch nur in irgend einer Weise unzufrieden war, jeden Tag war er gleichmässig gut und lieb und voller Freude wenn man kam. Du glaubst nicht mit welchen Plänen und Gedanken er sich noch bis zum Schluss beschäftigt hat, wie er dauernd voller Einfälle war, die er noch ausführen wollte, nur dass gab ihm auch die Kraft seine Krankheit so fabelhaft zu tragen wie er es getan hat. Dauernd steht einem das vor Augen, diese ungeheure Willenskraft, wie er nachdachte es jedem von uns so schön und sorgenlos wie möglich zu machen.

Am 4. März wurde er im Krankenhaus entlassen und fuhr mit Mama nach N. Ich habe die beiden Sonntage, die ich während der Zeit dort sein konnte noch deutlich vor Augen und der einzige Trost der einem heute bleibt ist der, dass wenn Papa die Augen nicht geschlossen hätte für ihn das Leben eine Qual geworden wäre, er hätte nur seiner Gesundheit leben müssen dauernd wäre er in seiner Freiheit seinen Wünschen gehämmt gewesen, das Leben würde für ihn der so tätig und unternehmend war eine einzige Qual geworden. Das ist das einzige womit man sich heute etwas trösten kann, dass es für ihn zum Schluss eine Erlösung. Garnicht, dass er vielleicht so unter Schmerzen gelitten hat, jeden falls war das glaube ich nur seltener, aber die Diät die er dauernd hätte halten müssen und er bekam ja nichts anderes zu hören, als dass er dieses und jenes nicht dürfe und da er keine Rücksicht, nie in seinem Leben auf sich genommen hat, so wäre dass nicht auszudenken gewesen. Ich sehe noch die Wagentouren vor mir, wie er in Wärmflaschen und Decken eingehüllt wurde und innerlich sehr ungehalten darüber war, wenn er es nach Außen auch nur wenig zeigte und Rudu, dass hätte nie anders werden können, denn dazu war die lange Krankheit viel zu schwer und hatte den Körper schon zu sehr verbraucht. Ich muss an die Tage in Schweden denken, wo es ja überhaupt anfing[,] unmenschlich ging er gegen sich an, er wollte eben nicht krank sein und kannte keine Rücksicht auf seine Gesundheit. Durch Achims Aufenthalt hast Du den weiteren Fortgang hier gehört, wenn ich noch denke, wie es all die langen Wochen damals ernst stand immer ein auf und ab, wenn man eben etwas Hoffnung hatte, wie schnell wurde sie wieder gedämmt. Wie war er unter Bergs dauernder Fürsorge schon besser geworden[,] selbst dieses böse Herzattacke hatte er überwunden, wenngleich es auch nie wieder so kräftig geworden wäre.

Am 17. März kamen die Eltern von N. zurück, da wir alle meinten, es wäre jetzt gut[,] Papa käme nach Mergentheim, die Kur dort würde ihm helfen. Sie wohnten im Atlantik und ich besuchte sie noch länger nach I.s Hochzeit. Papa las Zeitung und machte nicht den schlechtesten Eindruck, er freute sich auf Mergentheim[,] weil er eben auch meinte, das sei jetzt das Richtigste für ihn. Die Reise am nächste[n] Tag per Flugzeug muss für ihn furchtbar gewesen sein, sein Körper war für eine derartige Tour zu krank, Mama und die Schwester waren mit ihm und wird Mama Dir davon berichtet haben. In Mergentheim hat er nur zu Bett gelegen, die 12 Tage müssen schrecklich gewesen sein. Berg fuhr hin und hat ihn sofort wieder mitgenommen. Papa war am 1. April, als er hier her kam erschreckend elend, es war so erschütternd Rudu, ihn wieder in seinem Bett so matt liegen zu sehen. Das Schöne war nur das er selbst so glücklich war wieder unter Bergs Schutz zu sein. Er war glücklich und zufrieden wenn die Tür sich auftat und Berg zu ihm kam[,] da er solch grenzenloses Vertrauen zu ihm hatte. Der Mann hat es auch voll verdient, denn was in seinen Kräften stand hat er getan. Es wäre noch so viel zu diesem allen zu sagen aber Rudu ich will es Dir später mal mündlich erzählen, denn diese Wochen werde ich bis an mein Lebensende XX nie vergessen. Ich weiss nicht was Mama Dir bez. Achim über die letzten Tage geschrieben hat, ich will es so gut ich kann ist es heute überhaupt das erste Mal dass ich darüber schreibe.

Am 2. April fuhr Mama auf anraten von Berg kurz nach N. Als ich Papa abends um 9Uhr nach meinem Geschäft besuchte, ich konnte immer erst so spät, da ich nicht früher fertig war, fühlte er sich garnicht so schlecht und war so froh und dankbar dass man kam, wie er es überhaupt immer in seiner rührenden Art war. Hatte für alles Interesse was ich ihm erzählte XXX von meiner Tätigkeit, fragte nach so vielen Dingen und war mit einem Wort wie immer unendlich gut.

Von einem Eingriff, den man mit örtlicher Betäubung machen wollte war schon die Rede, doch wollte Berg es noch aufschieben um ihn noch kräftiger zu haben, und hatte somit auch an Mama telefoniert sie solle noch einen Tag in N. bleiben. – Den selben Abend anschliessend von Papa  aus ging ich noch zu Berg mit einem Vorschlag von Ingrids Mutter eine Magneotopathin zu versuchen, die gute Erfolge auf diesem Gebiet gehabt haben soll. Berg verhielt sich absolut ablehnend, aber jedenfalls hatte man es versucht, und er versicherte mir, dass sie den Eingriff noch nichtmachen würden, Papa solle erst kräftiger werden. Nächsten Abend, am 3. kam ich wieder nach dem Geschäft zu Papa und es war das erste Mal, dass er mich sofort wieder hinausschickte, er wollte mich garnicht sehen, so furchtbar schlecht fühlte er sich. Berg sagte mir, dass er kaum Fieber habe und war eigentlich nicht so sehr besorgt. Dann muss Papa eine furchtbare Nacht gehabt haben, die Aerzte waren dauernd bei ihm und Papas eigner Wunsch war es, dass der Eingriff sofort am nächsten Tag gemacht wurde, weil er sich davon Erleichterung versprach. Am 4. früh wurde ich im Geschäft benachrichtigt, und als ich ins Krankenhaus kam, war man schon dabei, die Aerzte machten sehr besorgte Gesichter und man sah ihnen eigentlich die Hoffnungslosigkeit schon an, die Entzündung innerlich hatte schon zu weit um sich gegriffen. Ich sah Papa kurz[,] er war matt aber froh, dass es gemacht war und sagte dass er glaube es würde nun besser, innerlich war er wohl kaum davon überzeugt. Mama hatten wir sofort telefoniert, sie kam so schnelle es ging, war aber ahnungslos, dass es schon gemacht war. Ich schickte sie zu Berg. Wir schliefen die Nacht im Krankenhaus. Am Sonntag war Papa nicht gerade schlecht[,] er freute sich immer wenn jemand bei ihm war, er schlief fast den ganzen Tag. Er meinte ich solle ins Geschäft gehen, ich sagte ihm, dass Sonntag sei, da war er beruhigt und sagte, dann solle ich nach R. gehen und alle grüssen. Er dachte immer an andere. Montag früh, als ich ihm Primeln mitbrachte, die ich mit Friedrich in Büchsenschinken gepflückt hatte, freute er sich sehr, und erzählte uns noch dass er 1898 dort Tannen gepflanzt habe. Ich musste dann leider ins Geschäft und so waren dies eigentlich die letzten Worte[,] die er mir sagte.

Mama war natürlich den ganzen Tag bei ihm, wie sie eigentlich während Papas Krankheit ihn nur während der Mahlzeit verlassen hat. Und Rudu Du glaubst nicht welch schönes Gefühl dass heute ist, denn Du glaubst nicht welche Gedanken man sich hinterher macht, ob man nun auch wirklich alles getan hat was in unseren Kräften lag. Und ich glaube dass man das in diesem Fall wirklich sagen kann.

Als wir Montag abend zu Papa kamen empfingen uns die Schwestern wenig hoffnungsfreudig. Als wir bei ihm waren war er sehr aufgeregt und unruhig und bat uns ihm zu helfen, es hatte eine innerliche Unruhe eingesetzt. Auf unseren Wunsch gab ihm Berg eine Spritze zur Beruhigung, ja Rudu und danach hat Papa kein Bewusstsein mehr gehabt. Es war die einzige Möglichkeit ihm eine Erleichterung zu schaffen.

Wir schliefen wieder dort und während der Nacht und des nächsten Tages hatte er manchmal eine Art Schluckaufanfälle doch zum Glück merkte er nichts davon. Den ganzen nächsten Tag waren wir, Rudu wie habe ich gehofft man könnte ihn nochmal sprechen oder er würde einen sehen aber es musste ja so sein, sonst wäre es für ihn furchtbar gewesen. Dienstag abend um 10 schlief Papi ein, wir waren bei ihm, Rudu wie soll ich es Dir beschreiben es war so leer plötzlich alles.

Ich möchte Dir noch so vieles sagen, aber Rudu es gibt so vieles was man nur empfinden kann, man kann vielleicht darüber sprechen aber nicht schreiben. Meine Gedanken sind so viel bei Euch wieviel Schönes welche Bevorzugung und auch kleine Befriedigung war es für uns, dass wir in all den letzten Monaten so viel bei ihm sein konnten und von ihm gehabt haben, und wie unaussprechlich hart für Euch Geschwister für Dich besonders ihn nie wieder zu sehen. Der einzige Trost, der einem heute bleibt ist alles so zu machen und weiter zu führen soweit es in unseren Kräften steht, wie Papa es wünschen würde oder gewollt hätte.

Die Feier im Krematorium war am 9. abends um 7 Uhr, es war besonders schön und feierlich. B. [der Pastor], der es nach einigen Schwierigkeiten, da er schlecht abkömmlich war hat ganz ausgezeichnet gesprochen, später werdet Ihr die Abschrift erhalten. Wenige Freunde und Bekannte von Papa waren dort, es war sein Wunsch, dass die Beisetzung in aller Stille statt fand. St‘s, N‘s, Deine beiden Freunde, das Kontor und wenige andere. Die 3 Wochen, die seitdem verstrichen sind mit den vielen neuen Fragen dauernden fremden Dingen, die auf uns einstürmen, besonders auf Mama machen es immer unwahrscheinlicher, dass unser Papi nicht mehr [ist], man kann es einfach noch nicht fassen und glauben. Der einzige Trost wird immer nur für uns bleiben, dass ein Weiterleben für ihn wahrscheinlich keine Freude mehr gewesen wäre, denn an ein Hinübergehen wäre nichtmehr zu denken gewesen.

Unsere gute Mami ist sehr tapfer, mit welcher Liebe war sie die ganzen Monate bei ihm und um ihn herum, dass macht ihr so leicht keiner nach. Und jetzt? Auf Schritt und Tritt wo sie ist und was sie tut, nur wird sie an ihn erinnert. Ich würde gern mit ihr eine kleine Tour machen, damit sie etwas auf andere Gedanken kommt, ferner hat sie eine Ausspannung sehr nötig nach all den Monaten. Ich fürchte nur dass ich es nicht erreichen werde, denn gleich kamen so viele akute Fragen die keinen Aufschub dulden, und jetzt geht es dauernd so weiter. Sie ist mal hier, mal in N. Gestern ist sie wieder fort gefahren von hier. Maria mit ihr. Ferner mag sie von N. jetzt nicht fortgehen, den durch den dauernden Aufenthalt hier, ist dort vieles im Haus zu kurz gekommen, es sät ja auch nicht so ganz leicht für sie sich zu entschliessen. Nur habe ich aus dem Grund eigentlich meine Tätigkeit in der Bibliothek aufgegeben.

Ich will jetzt erstmal schliessen Rudu, denn meine Ausdrucksweise wird immer schlechter, ärgerlicher Weise habe ich de[Textteile fehlen]

den 5. Mai

Lieber Rudu,

Da im Moment doch kein Schiffverkehr war, habe ich etwas ausgesetzt. Durch die enorm lange Pause, die ich überhaupt nicht an Euch geschrieben habe, fällt es mir sehr schwer den Anfang zu finden, denn es gibt gar keinen, weil alles schon so furchtbar zurück liegt. Ihr habt nicht mal meine herzlichsten Glückwünsche zur Geburt von Beate bekommen. Wie oft habe ich mir vorgenommen Euch endlich mal zu schreiben, wenn noch dazu wenn ich die netten Nachrichten an Mama las, ich habe Euer Prachtexemplar brieflich und bildlich dauernd verfolgt und muss es wirklich besonders reizend sein. Gerade nach den letzten Bildern, die ich vor wenigen Tagen von Ingrids Mutter zur Ansicht bekam, macht es einen mächtig gesunden und staziösen Eindruck. Ich kann mir ja so denken wie unendlich glücklich Ihr beiden seit. Es würde mir natürlich einen diebischen Spass machen Euch dort mal hausen zu sehen, wer legt das Kind zum Beispiel trocken, als Vater muss man diese Dinge heutzutage ja alle lernen. Von morgens bis abends wird es selbst redend verzogen, von Erziehung natürlich keine Rede. Aergert Euch nicht, dass ich so boshaftig rede, es klingt nur so, ferner weiss ich es nicht besser da ich keine Erfahrung darin habe und könnte mir denken, dass ich es so machen würde. Ich weiss ja nicht mal wie man die ganz kleinen Kinder zuerst anfassen muss, denn unter Herthas Fuchtel habe ich das doch nicht gelernt.

Alice ist seit einiger Zeit in Schweden und ich hause hier also allein, Mama kommt zwar des öfteren hier her, mit Maria. Wir waren ganz oft bei B. Aus seinem Brief vom 4. an Euch wirst Du dass alles ersehen. Vieles sieht vielleicht im ersten Moment schwieriger aus als es ist, doch möchten wir hier ja auf keinen Fall etwas falsches unternehmen. Wir sind oft so furchtbar unbewandert und sich Rat zu holen bei Geschäftsfreunden von Papa ist nicht immer angebracht da sie selbst zu sehr interessiert sind. Wir hoffen sehr, dass Achim bald kommt, weil es für uns ein Unding ist die vielen Fragen brieflich zu erledigen. Hinzu kommt, dass Fräulein R. gekündigt hat zum 1. Juli. Ich will versuchen mich in N. etwas einzuarbeiten, Buchführung ectr., denn im Augenblick sind wir ja nur von den Angestellten abhängig, es fehlt hier wie in N. ja jegliche Aufsicht. Das soll nicht heissen, dass man ihnen mistraut, es ist einfach dringend nötig dass wir wissen was um uns geschieht. In N. ist eine Herabschraubung des Verbrauches sehr nötig, denn in den letzten Monaten war er sehr hoch, ich meine damit nicht ausschliesslich N. sondern auch Papas Krankheit, wie unser Aufenthalt hier in Hbg.—

Eigentlich wollte ich heute einen Besuch bei Wera S. machen, denn Tochter W. hat sich mit Kurt N. verlobt. Näheres weiss ich garnicht, Ihr vielleicht eher, da Ihr soviel mit ihm zusammen wart[.] Schröders haben sich während Papas Krankheit dauernd nach ihm erkundigt, und sich in jeder Weise sehr liebenswürdig gezeigt.

Wie oft, wenn wir abends aus de Krankenhaus kamen, ging in einer Tour das Telefon, alles Leute, die sich nach Papa erkundigten.

Albrecht ist nach wie vor in Teutendorf und wird seine Lehre nächstes Jahr beendet haben. Was soll ich über ihn schreiben, er ist ein lieber Kerl, aber es ist so schade, dass wenn ihm nicht alle Wünsche restlos erfüllt werden, ihm die Einsicht oft fehlt, dass zu begreifen.

Maria mit den Kindern bleibt diesen Sommer in N., denn Bio kommt vorläufig noch nicht zur Schule. Oma bleibt auch dort. Das Verhält- zwischen Mama und M. ist gut, Mama ist natürlich rührend und M. gibt sich in ihrer Art Mühe.

[Beginn Seite 5!] Bei jedem Bogen stelle ich fest, dass mir Briefe schreiben garnicht liegt, und das was ich sagen möchte dauernd misglückt, also wundert Euch nicht, und seht über die unklaren Dinge hinweg. Doch möchte ich Dich bitten, die ersten 3 Seiten Hertha zu schicken, denn ich kann ihr dasselbe nicht nochmal schreiben. Seitdem sie wieder drüben ist hat sie ausser einem mitgegebenen Brief mit Achim noch nichts gehört, sie wird schon dementsprechend böse sein. Habt Ihr eigentlich 2 kleine Bilder von mir zu Weihnachten bekommen, ich gab sie Tante Mia mit, Tierbilder.

Du wirst gehört haben, dass ich seit Ende Dezember in der Leihbibliothek bei Laeisz tätig war. Es hat mir viel Spass gemacht, hauptsächlich hatte ich Bücher an die Kunden zu verleihen, das Schlimme war, dass die Kunden in ihrer Doofheit von einem verlangen, dass man über alle Bücher Beschied weiss, was natürlich bei 90 000 Büchern ein Unding ist, denn mehrere Lebensalter würden da nicht ausreichen. Bei Neuerscheinungen hält man sich durch kurze Inhaltsangaben ganz gut auf dem Laufenden. Viele, viele Schriftsteller habe ich dadurch kennen gelernt, von denen man so im gewöhnlichen Leben kaum etwas hört. Es war die Tätigkeit, die ich mir seit Jahren gewünscht hatte. Ich hätte es sehr gern weiter gemacht, denn es war nicht nur schön dauernd die schönsten und besten Bücher lesen zu können, sondern auch der Umgang mit den Kunden war oft interessant und unheimlich komisch. Bei 1 000 Abonnenten kann man schon einiges erleben. Um 7 Uhr abends sollten wir fertig sein, aber die leiben Leute haben oft eine enorme Ausdauer 2 Minuten vor 7 zu erschienen und dann lange und gemütlich zu bleiben, sodass wir dann glücklich sowas um 8 im Haus waren. Das ist auf die Dauer verbitternd, weil es meisten Menschen sind, die den ganzen Tag nichts zu tun haben und denen dann mal schnell einfällt sich noch mal eben ein Buch zu holen.

Wenn Friedrich und ich zum Herbst noch nicht heiraten können, hätte ich die grösste Lust es wieder weiter zu machen, mein Chef war auch sehr dafür. Denn schliesslich gebraucht man schon gute 3 Monate erstmal um sich einzuleben, die Kunden kennen zu lernen, was jeder gern liest, und wie böse einige werden, wenn man ihnen Dinge vorlegt, die sie überhaupt nicht anrühren. Immer wieder war es festzustellen, dass die Menschen, die heute in Deutschland ungern gesehen sind, ungeheuer belesen sind, der Kontrast ist ganz erstaunlich. Meine Mitarbeiterinnen waren alle nett, ich gehe jeden Tag hin um mit ihnen zu klönen und möchte eben so gern hinter der Tonbank stehen, als davor. Alles in allem ein schöner Beruf, wenn auch nicht gut bezahlt. Weisst Du dass Erika S. dort auch kurz gewesen ist? Sie soll jetzt verheiratet sein, aber niemand kann mir sagen mit wem, es ist so heimlich vor sich gegangen.

Rudu, ich muss jetzt schliessen, mit dem Versprechen, dass ich bald wieder schreiben werde, und nicht wieder so lange warten werde. Denn der Anfang ist ja nun gemacht. Nachher kann ich Dir von N. erzählen und viele andere Dinge, die jetzt fort bleiben müssen. – Klaus und Babs haben ganz fabelhaft zu Papas Ableben geschrieben. – Ich habe Euch auch noch für 2 liebe Briefe zu meinem letzten Geburtstag zu danken, ich schäme mich damit noch heute zu kommen.—Ich wünsche Euch dreien soviel Gutes wie Ihr überhaupt vertragen könnt und denke soviel an Euch. Hoffentlich werden wir uns bald mal sehen können. Bekommt Beate schon Zähne? Bald wird sie ja schon laufen können, ach herje dann beginnen die Sorgen.

Mit Hertha hat im Sommer eine Versöhnung statt gefunden, hoffentlich ist sie nicht inzwischen schon wieder zu nichte, da ich nicht geschrieben habe.

Nächstes Mal mehr, ich gebe Euch dreien sehr liebe Küsse und bin mit 1000 guten Wünschen bei Euch. – Rudu sei ja vorsichtig beim Motorrad fahren, ich kann es mir garnicht von Dir vorstellen, Friedrich hat jetzt zum Glück ein kleines Auto, wo wir beide gerade hinein passen

 

Interessant finde ich die Verwendung der Vokabel telefonieren (jmd. telefonieren, an jmd. telefonieren). Und interessant ist auch, dass Leni sagt, ihr liege das Briefeschreiben nicht. :) Übrigens hatte Papa wohl eine Lungenentzündung, die er sich von den Färöern mitgebracht hatte.

Heimat – ein großes Wort (Blogparade)

Mein momentanes Zuhause liegt hier – aber ist es auch meine Heimat? Ich bin der wunderbaren Blogparadenfrage von Katja Wenk nachgegangen und habe mir darüber Gedanken gemacht, was Heimat für mich bedeutet.
Wie ich hier bereits erzählt habe, bin ich häufig umgezogen seit ich 17 war, habe längere Zeit im Ausland gelebt und verbrachte nur in zwei Fällen ganze vier Jahre an einem Ort. Mein erster Gedanke war: Heimat ist da, wo meine Familie ist. Klar, mit meinem Mann und meinen Kindern kann ich überall glücklich sein. Aber ob das dann Heimat ist?

Und was war denn, bevor sie mein Leben auf den Kopf stellten?

Weiterlesen