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Flucht – vor 70 Jahren und heute

Dieses Blog ist entstanden, weil ich eine Motivation brauchte, die vielen, vielen Briefe aus dem Nachlass meiner Großmutter lesbar zu machen. Die eindrücklichsten dieser Briefe handeln von der Flucht. Eine Flucht über lächerliche 147 km, die trotzdem fast zwei Monate dauerte und ein Menschenleben kostete. Gestern vor 70 Jahren erhielt meine Großmutter nach Monaten der Ungewissheit ein Lebenszeichen von ihrem Mann Friedrich. Es sollte noch bis zum 17.9. dauern, bis sie ihm einen Antwortbrief schreiben würde.

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Rückkehr – Leni bloggt (10)

Seit dem 1. Mai 1945 befindet Leni sich mit ihren beiden älteren Kindern in Schwerin im Krankenhaus. Um sie herum tobt das Chaos, in ihr drin ebenso. Ein Kind beerdigt, eins zurückgelassen, keine Nachricht vom Ehemann. 

Was hätte ich denn machen sollen? Es hat keinen Sinn, sich Vorwürfe zu machen, was passiert ist, ist passiert. Jetzt ist die Frage, wie es weitergeht. Es ist unmöglich, zu dem Gut zurückzukehren, auf dem ich Hans zurückgelassen habe. Ich habe es versucht, wieder versucht, noch einmal versucht.

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Fluchtgeschichten – Leni bloggt (7)

Wir sitzen im Krankenhaus fest. Die 7-jährige Helene wird noch eine ganze Weile liegen müssen, ihr eines Bein ist stark verletzt. Bei Klaus sieht es besser aus, und auch mein Arm ist nicht allzu übel zugerichtet. Ich habe die Genehmigung der Amerikaner, mich weiter nach Osten durchzuschlagen, aber es ist mir bisher weder gelungen, den Wagen mit dem toten Christian zu finden, noch konnte ich bis zu dem Gut vordringen, auf dem sich der einjährige Hans befindet.

Zurück im Krankenhaus wird mir mitgeteilt, dass ich gesucht werde. Paulina, meine Hausangestellte, sitzt am Bett von Helene. Oh, wie bereue ich es, ihr meinen Hans nicht mitgegeben zu haben.

Sie ist vollkommen aufgelöst, der Treck wird nicht weitergelassen und von unseren drei Fuhrwerken ist nur noch eins übrig, Paulina wurde vollkommen ausgeplündert. Auch jetzt will sie schnell zurück, um auf das restliche Hab und Gut zu achten. Ich gehe mit ihr und bin entsetzt, wie wenig uns geblieben ist.

Sie wird weiterhin versuchen, nach Hamburg zu gelangen. Wir können nur hoffen, dass sie dort meine Schwiegermutter wohlbehalten antrifft.

Leni sitzt also weiterhin in Schwerin fest, während ihr jüngster Sohn nur wenige Kilometer von ihr entfernt auf sie wartet. Von ihrem Mann Friedrich hat sie keinerlei Neuigkeiten. Was hätte er berichtet? Ungefähr das hier:

Am 1. Mai kapitulierte meine Truppe in Fehrbellin. Nach monatelangen Kämpfen waren wir vollkommen erschöpft und geradezu dankbar für die Ankunft des Russen. Man trieb uns hinter Stacheldraht zusammen und dann wurde offenbar beraten, was mit uns zu geschehen sei. Es gibt Gerüchte über Transporte nach Sibirien.

In der zweiten Nacht gelang es mir zu fliehen. Seitdem gehe ich nach Norden. Immer nach Norden, durch die zerstörten Wälder. Nachts marschiere ich, tagsüber verstecke ich mich im Laub. “Marschieren” ist maßlos übertrieben, ich stolpere voran und versuche, etwas Essbares zu finden. Ich hoffe, meine Familie wohlbehalten auf dem Gut anzutreffen.

Wir fliehen doch – Leni bloggt (4)

Heute vor 70 Jahren brach Leni mit ihren Kindern vom Gut in Mecklenburg in Richtung Hamburg auf. Eine Entscheidung, die ihr Leben verändert hat. Was die Alternative zweifelsohne auch getan hätte.

15 km westlich von uns lagen die Amerikaner, die Russen 34 km östlich von uns. Dann die Nachricht, dass die Amis sich zurückziehen, die Russen rücken nach.

Nächtelang diskutiere ich mit meiner Schwägerin Elfi, was wir tun sollen. Sie spürt, dass der Krieg so gut wie vorbei ist. Jetzt zu fliehen sei gefährlicher als zu bleiben, meint sie. Gegen alle habe ich dieses Gut verteidigt. Die Nazis wollten es uns für eine lächerliche Summe abkaufen. Dann hat sich die Wehrmacht hier einquartiert. Auf unserem eigenen Grund wurde ein KZ errichtet. Können die Russen denn so viel schlimmer sein als all das?

Die durchziehenden Flüchtlinge sagen, wir sollen fliehen. Sie haben alles hinter sich gelassen und glauben trotzdem, dass sie die richtige Wahl getroffen haben.

Gestern haben wir drei Fahrzeuge gepackt. Alles, das sich verladen ließ, ist darauf gelandet. Heute früh wollen wir los, natürlich verzögert sich die Abfahrt. Elfi bleibt mit ihren drei Kindern zurück. Wenn sie doch noch fliehen will, bleibt ihr nur ein Fahrrad, aber das kann ich nun auch nicht mehr ändern. Sie wird sich durchschlagen.

Mit mir kommen die Gärtnerin und Paulina, meine illegale litauische Hausgehilfin. Die Kinder sind sehr aufgeregt, oftmals springen sie um die Gefährte herum, wenn wir wieder stehenbleiben. Also eigentlich die ganze Zeit. Meter um Meter kommen wir voran, überall Menschen, Menschen, Menschen. Heruntergekommene Frauen und Kinder.

Als die Kinder die erste Leiche im Straßengraben finden, zwinge ich sie, sich wieder auf die Wagen zu setzen. Habe ich wirklich das Richtige getan? Können die Russen denn schlimmer sein als das hier? Auf dem Gut hatte ich noch Würde, hier bin ich nur eine von vielen Müttern, die ihre Kinder verkrampft anlächeln.

Gottseidank haben wir es nicht so weit, auch in diesem Tempo sollten wir in einer Woche in Hamburg sein.

 

Friedrich hat Geburtstag – Leni bloggt (3)

35 wird Friedrich heute. Wie er seinen Tag wohl verbringen mag? Sich jetzt noch den Russen entgegen zu stellen, scheint mir derartig sinnlos zu sein. Und doch schicken noch immer Mütter ihre Söhne freiwillig an die Front. Noch immer gibt es Menschen, die an diesem Wahnsinn festhalten.

Von Westen rücken die Alliierten vor. Ich hoffe, sie erreichen uns bald, aber vor den Russen werden sie auf jeden Fall da sein. Die Straßen sind vollkommen mit Flüchtlingen verstopft, sie lagern auf dem ganzen Gut, es ist schrecklich. Viele Kinder sind unterwegs gestorben. Sie werden notdürftig am Straßenrand verscharrt, das könnte ich nicht. “Aber man kann keine Leiche mit sich herumtragen”, sagt die eine Mutter, man könne nicht mal eben auf den nächstbesten Friedhof gehen und ein Grab ausheben lassen, es ist alles überfüllt, man muss vorangehen, jeder Aufenthalt kann das Ende bedeuten.

Ich kann mir das nicht vorstellen.

Die Kinder spielen mit den vorbeiziehenden Flüchtlingskindern, die vollkommen verdreckt sind. Einige baden im eiskalten See, der leuchtend blau daliegt, obwohl er von dem vielen Schmutz schon ganz grau sein müsste.

Wie wird Friedrich seinen 35. Geburtstag verbracht haben? Kaum sehr feierlich. Er war im heutigen Polen stationiert, es dürfte ziemlich schlimm gewesen sein. Sein einziger Geburtstag als Soldat.

“Schütze Arsch” war das Ziel seiner Soldatenausbildung, in der er nach eigenen Angaben hauptsächlich lernte, so strammzustehen, dass ein zwischen die Arschbacken gestecktes Markstück seine Prägung verlieren würde.

Das erwähnte er öfter, da er sich im Alter naturgemäß nicht mehr ganz so aufrecht hielt – von meiner Mutter, der Krankengymnastin, aber verordnet bekommen hatte, sich ab und zu mal vernünftig aufzurichten. Dann stand er da, blitze mich schelmisch an und sagte: “Sag ihr, dass ich aufrecht gestanden habe.”

Herzlichen Glückwunsch, Großpapa. Es war eine schöne Zeit mit Dir.

War live dabei und erzählt mir trotzdem nichts

Heute vor 70 Jahren – Leni bloggt (1)

Heute wird mein kleiner Hans ein Jahr alt. Die beiden Großen haben ihm aus Holz ein Auto gebastelt und freuen sich über den Kuchen. Vor einer Woche war Ostern, das erste Fest ohne Friedrich. Sieben Kinder zum Eiersuchen in den Wald zu schicken, war ein großer Spaß. 

Die Wehrmacht ist wieder ausgezogen, aber seit Wochen strömen die Flüchtlinge vorbei, manche bleiben ein paar Tage, andere haben es eilig, weiterzukommen, zu schrecklich muss das sein, was hinter ihnen liegt. Sie fliehen vor den Russen, sie kommen aus Königsberg, aus Pommern, manche sogar aus Estland. Viele sind seit Wochen oder sogar Monaten unterwegs. Wir haben Glück, es heißt, dass die Amerikaner vorrücken. Auch ohne Radio sind wir einigermaßen informiert. Der Krieg kann nicht mehr lange dauern, das merke ich an der zunehmend schlechten Laune unseres Verwalters. Die Kinder beschweren sich darüber, meine Schwägerin und ich freuen uns.

Wir vergraben unser Tafelsilber, unsere schönsten Kleider und all die Dinge, die wir im Fall einer Flucht nicht mitnehmen können. Man weiß ja nie. Silber vergraben ist der neue Volkssport geworden. Unfassbare Schätze müssen in Ostpreußen unter der Erde liegen. Das wird ein wahres Piratenfest, wenn all die Menschen mit Spaten statt Gewehren zurückkehren.

Vielleicht hätte Leni heute vor 70 Jahren ungefähr so gebloggt. Ich wünsche Dir alles Gute zum Geburtstag, Papa!

17.09.1945: Mein Geliebter (Leni)

Ihr wisst Bescheid: Leni ist aus Mecklenburg nach Westen geflohen. Der jüngste Sohn musste zurückbleiben, der zweitjüngste kam ums Leben. Es ist September 1945, Leni ist sicher in ihrem Heimatort angekommen und wusste bis vor ein paar Tagen nicht, was mit ihrem Mann Friedrich geschehen war. Dieser hat ihr nun von dem Gut in Mecklenburg geschrieben. Zeitgleich kam ein Brief von Frau P., bei der Hans, der jüngste Sohn, inzwischen untergekommen ist. Sie ist die Nichte des Mannes, auf dessen Gut der Fliegerangriff stattfand und wo die Familie getrennt wurde. Leni hat mehrfach vergeblich versucht, Hans dort zu holen. Nun ist er also in Berlin.

17.9.45

Mein Geliebter!

Bin unsagbar glücklich, daß ich nach Monaten furchtbarer Ungewißheit das erste Lebenszeichen [3.9.] von Dir habe. Ich kann es noch garnicht fassen u. hoffe Du kommst sehr bald. Komme soeben aus Rostock, nach vergeblichen Versuchen nach dort zu kommen, um Hans zu holen, und finde nun von Dir und über Hans Post vor. Uns geht es sehr gut, nur unseren geliebten Christian haben wir nicht mehr und Herta [die Gärtnerin] und Hans blieben [auf dem Gut, wo der Beschuss stattfand]. Die beiden Großen sind gesund und teilen meine unsagbare Freude. Wir wohnen in unserem Haus in der I. Etage ganz allein, alles ist schön und gut in unseren Möbeln, nur Du und Hans fehlen, aber sei sehr vorsichtig. Ulla L. gab einen Anzug für Dich mit allem dazu. Hier ist alles, was Du brauchst. Wie schön, daß Du behütet bliebst, was magst Du durchgemacht haben.

[Hinweis, auf welcher Bank noch Geld liegt und wo noch Kleidung der Kinder eingelagert ist]

Hans war der einzige unversehrte, ich hatte steifen Arm, deshalb blieb er zurück. Er ist jetzt in Berlin-Friedenau bei van K., versorgt von Inge P. (Malchower Bekannte), aber ganz zufällig. Er war krank, es fehlt ihr Ernährung für ihn, wie sie heute schreibt vom 26.8.: Trockenmilch, Traubenzucker und Fett. Ich werde alles versuchen, ihn zu holen. Sie hat keine Karten für ihn und muß wissen, wann er geboren ist. Vielleicht kannst Du durch Fr. L. was für ihn tun. – Rührend für uns gesorgt hat in Schwerin Mamsells Schwester. Mamsell selbst war bei und vor unserem Fortgang wüst, sie hat nichts rausrücken wollen. Von mir blieb sehr viel da, vieles in der Bettkiste, daß was F. weiß, hat keinen Sinn für uns. Sind sie alle noch da? Rösi und Vater sind hier in der Nähe. – Von Kurt [Friedrichs Bruder] kam heute auch Nachricht, Mutter ist selig –

Ich habe damit gerechnet, daß auf dem Gut alles fort ist. – Ich will sehen, daß ich zugleich Post an Hans’ Viehmutter bekomme, wie fehlt er mir, aber Vorsicht ist besser, vor allem für Dich. Ich hätte ihn sonst schon hier. – Albrecht ist hier, er schläft im Moment im selben Zimmer. Paulina ist auch hier, was ich noch habe, ist ihr zu danken. Sie selbst hat fast nichts.

Geliebter, alle freuen sich mit mir und schicken innige Grüße.

Mutter ist bei Onkel Theo, das Haus ist [von den Engländern] belegt.

Meine innigsten Wünsche umgeben Dich und mein schönstes ist, Dich wieder zu haben, aber sei vorsichtig.

1000 Küsse, Deine Leni

Ob Frl. Herta noch lebt? Die Ärzte hatten sie aufgegeben, sie blieb auf dem Gut. Christian starb auf der Fahrt von P.’s Gut nach Schwerin, es war furchtbar.

Ein sehr emotionaler Brief für Lenis Verhältnisse, und doch ist das P. S. mit der wenigstens etwas genaueren Mitteilung über Christians Tod ganz in die Ecke der Seite gequetscht, als dürfte diese schreckliche Nachricht nicht mehr Platz einnehmen als unbedingt nötig.

Mamsell wurde bereits im allerersten Brief von Rudu erwähnt. Sie war Nazi und hat Leni das Leben wohl so schwer wie möglich gemacht. “F.” gehörte zu den Angestellten. Immer wieder wird erwähnt, dass er bzw. sein Sohn alles wieder ausgegraben haben, das Leni versteckt hatte. Ebenso wie die Verwalterfamilie waren auch sie wohl überzeugte Nazis.