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Kriegskinder-Cover

Texttreff-Blogwichteln 2014

Jedes Jahr veranstaltet der Texttreff das Blogwichteln: Jede Textine, die mitmachen möchte, wirft ihr Blog in einen Lostopf und schreibt für eine andere. Dieses Jahr schreibt meine Kollegin Sandra Schindler für mich. Ein lustiger Zufall, denn auch sie beschäftigt sich mit alten Briefen.  Aber lassen wir sie selbst zu Wort kommen:

Hallo, mein Name ist Sandra Schindler, ich bin, wie Gesa, Lektorin – und habe das große Vergnügen, sie dieses Jahr im Rahmen der Texttreff-Wichtelaktion mit einem Blogbeitrag beschenken zu dürfen.

Als ich Gesa kennenlernte und einige „ihrer“ Briefe las, bearbeitete ich selbst gerade ein rührendes Zeitdokument: „Kriegskinder: Erinnerungen aus der Verwandtschaft von Joachim Schepke“ von Hans-Otto Farfsing.

Zum Inhalt des Buchs: Hans-Otto Farfsing hatte während des Zweiten Weltkriegs ein ganz gewöhnliches Schicksal. Er war nicht Mitglied der Weißen Rose, er hinterfragte nichts, sondern er folgte, wie so viele andere auch. Gerade dieser blinde Gehorsam und die Erklärungsversuche für das damalige Verhalten Jahrzehnte nach Ende des Hitlerregimes machen das Buch so authentisch.

Kriegskinder-Cover

Der zweite Teil des Buchs besteht aus einer Sammlung von Briefen aus der damaligen Zeit: Eine Mutter versucht den Kontakt mit ihrem Mann zu halten, während sie mit ihren Kindern an wechselnde Orte flüchten muss. Währenddessen bleibt der Mann in Ludwigshafen, dem alten Wohnort, und muss mit ansehen, wie alles, was er erreicht hat, immer wieder wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Die Trennung von der Familie, der ganze Schmerz, das Elend des Krieges, aber auch die kleinen Freuden des Lebens (wenn z. B. ein Brief sehnlichst erwartet und zum größten Geschenk wird, weil man den Sender bereits tot geglaubt hat), all das schildern die Farfsings, Verwandte des berühmten U-Boot-Kapitäns Joachim Schepke, in ihren lesenswerten Memoiren.

Ich habe mir mit der Erlaubnis der Farfsings einen Brief ausgesucht, der die damalige Lage ganz gut beschreibt. Es handelt sich um einen Weihnachtsbrief, den die auf das Land geflüchtete Frau ihrem Mann am Abend vor Weihnachten schreibt.

Dazu Tochter Hildegard Farfsing etliche Jahrzehnte später: „Dann kamen die traurigsten Weihnachtstage, die ich je erlebt habe. Bei wildfremden Menschen, die uns nicht mochten, ohne unseren Vater, von dem wir Kinder nur wenig wussten. Ob es Weihnachtsgeschenke gab und was es zur letzten Kriegsweihnacht zu essen gab, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Nur was aus den Briefen unserer Mutter hervorgeht, zeigt, welche Mühe sie sich gab, um den Kindern die Weihnachtstage einigermaßen schön zu machen.“ (S. 171)

Und hier nun der Brief:

23.12.44
Mein lieber Fritz!
Am Christvorabend mit großer Sehnsucht Deiner gedenkend schreibe ich diese Zeilen. Wie im Vorjahr werden wir auch dieses Jahr das Weihnachtsfest ohne unseren lieben Vati verbringen müssen. Wie hart dies ist, läßt sich nicht sagen. Bis heute hoffte ich noch im Geheimen, daß Du doch noch kommen könntest, nun glaube ich nicht mehr daran. Ein Trost, wir sind nicht die Einzigen, welche unter dem Weihnachtsbaum ihres lieben Vatis draußen in der Fremde in Liebe gedenken.

Hoffen wir, die nächste Weihnacht im Frieden wieder gemeinsam verbringen zu dürfen. Die Kinder freuen sich ja so auf den Beschertag, obwohl alle drei wissen, daß das Christkind in diesem Jahr besonders arm ist. Dir, mein liebster Mann, kann ich nichts schenken als meine Liebe und Treue. Wenn Du vielleicht nach Weihnachten kommst, wirst Du noch Dein Gebäck bekommen, welches ich extra für Dich aufhebe. Mein Leckermäulchen von früher muß doch heute alles entbehren.

So Gott will, dürfen wir nach diesen harten Kriegsjahren auch noch eine Reihe glücklicher Jahre zusammen mit den Kindern verleben. Hildegard weinte sehr, als ich ihr vorlas, daß Du von einem Tiefflieger beschossen worden bist. Wo konntest Du so rasch Deckung nehmen? Sei vorsichtig. Wenn Du nicht kommst, heben wir unseren Christbaum bis zu Deinem Kommen auf? Ich stelle denselben auf den Speicher, da wir wohnlich jetzt sehr eingeschränkt sind, wie Du ja schon weißt. Hildegard und Horst kaufen mir gerade noch in Straßkirchen ein. Helmut ist unten bei seinen Freunden (den Schweizers). Die Kinder haben Ferien bis zum 8. Januar.

Gestern kam der Mann von Frau Meier (evakuiert aus Zweibrücken) schon seit sie hier ist zum zweiten Mal auf Urlaub. Ich bin ja so traurig, daß Du nicht kommst auf Weihnachten. Bei uns ist es jetzt kalt geworden. Seit 8 Tagen ist die Erde steinhart gefroren. Gottlob, daß der Matsch weg ist. Morgens sind unsere Fenster mit den schönsten Eisblumen bemalt. Die Phantasie unserer Kinder ist so groß, daß sie alles Mögliche in den Eisgebilden erblicken. Fast täglich überfliegen uns die Feindflieger, in Straubing fielen über hundert Bomben, meistens ins freie Feld. Hildegard und Helmut haben nicht die geringste Angst vor den Fliegern. Nur Horst und ich sind ängstlich. Ich nehme mich zusammen. Jetzt wo die vielen Flüchtlinge auf dem Lande leben, müßte doch etwas für den Luftschutz gesorgt sein, aber dies ist nicht der Fall. Am besten wär‘s hier im freien Felde. Bedauerlich, daß überhaupt kein Wald in der Nähe ist – nichts als Flachland. Auch keine Bäume rechts und links der Landstraßen. Ich wäre viel lieber im Bayerischen Wald. Wenn Du an Weihnachten bei Deinen Kameraden weilst, bist Du nicht allein, denn Deine Kinder und ich weilen im Geiste bei Dir. Stets auf ein baldiges Wiedersehen hoffend umarmt und küßt Dich Deine ganze Familie, insbesondere Deine Dich liebende Frau.

Zwar hat sich der Ort des Geschehens verlagert, doch ist die Problematik bedauerlicherweise immer noch hochaktuell. Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern eine schöne, ruhige Weihnachtszeit und hoffe, dass jeder Einzelne in diesen Tagen an diejenigen Lebewesen denkt, denen es nicht so gut geht – und seinen Teil dazu beiträgt, das diesjährige Weihnachtsfest auf seine eigene Weise ein ganz klein wenig friedlicher zu gestalten.

Sandra Schindler
Diplom-Übersetzerin Sandra Schindler arbeitet hauptberuflich als Lektorin. Sie hat nicht nur Hans-Otto Farfsing bei der Verlagssuche unterstützt, sondern auch anderen Autoren geholfen, einen seriösen Verlag zu finden. Im Ehrenamt lektoriert sie das VEBU-Mitgliedermagazin natürlich vegetarisch. Sie fungiert außerdem für eine ihrer Kundinnen, die Autorin Sandra McKee, als Agentin, Marketingchefin und PR-Frau.
Sandra Schindler bloggt über Übersetzen, Sprache, Marketing, gesunde/vegane Ernährung und Ökologie.

Kram, Krämer, am krämsten

Ein Blogwichtelbeitrag von Annette Lindstädt

Blogwichteln wird immer zum Jahresende/Nächstjahresanfang vom Netzwerk Texttreff veranstaltet. Wie beim “richtigen” Wichteln bekommt jede einen Namen zugelost – und für diejenige verfasst sie dann einen Blogbeitrag. Mir wurde Annette von der Worthauerei zugelost – und hier ist das Ergebnis! Ein paar sehr schöne Gedanken zum Thema “Kram”.

In diesem wunderbar nostalgischen Blog geht es um Kram. Und „Kram“ ist ja eins dieser fabelhaften Wörter, die so universell verwend- und kombinierbar sind, dass man ohne sie gar nicht auskommt. Ich jedenfalls nicht. Ich habe beim Nachdenken über diesen Gastbeitrag festgestellt, dass ich Kram täglich mehrmals verwende, und zwar in den unterschiedlichsten Zusammenhängen.

Kinderkram

Kinderkram

Doch erst mal zu den Fakten: Wikipedia sagt, Kram bezeichne „unwichtige oder minderwertige Angelegenheiten oder Kleinteile oder auch ein Durcheinander vieler schwer unterscheidbarer Dinge.“ Als Synonyme bei Wiktionary werden genannt: Bettel, Gerümpel, Klimbim, Plunder, Zeug. Ich kenne noch die schönen Begriffe Geraffel, Gelumpe, Gerlerch, Plörren, Krempel, Tinnef und Krusch (mit langem U), aber fragt mich nicht, woher.

Eins haben sie gemeinsam: Synonyme von und Kombinationen mit Kram, die man so findet, sind allesamt negativ konnotiert. Gesakram selbstverständlich ausgenommen, aber das ist schließlich ein Sonderfall. Ich will die Synonyme hier mal nicht näher analysieren, denn das würde ein Erforschen verschiedenster regionaler Herkunft erfordern und führte zu weit. Schließlich geht es hier um Kram und nicht um Krempel.

Also mal zu den Kombinationen bzw. Ableitungen. Da wären zuerst der Krämer nebst dazugehörigem -laden und entsprechender -seele zu nennen. Mag man die drei? Nicht wirklich. Wobei – beim norddeutschen Teil meiner Familie konnte ich einen durchaus neutralen Gebrauch des Begriffes Krämerladen wahrnehmen, der die sonst mitschwingende Kleinkariertheit hanseatisch-nüchtern ignoriert und recht wertneutral ein kleines Geschäft bezeichnet, in dem man alles Mögliche und Notwendige bekommt, und das oftmals in sehr kleinen Mengen. Seine direkten Verwandten, der Geheimnis- und der Umstandskrämer, sind jedoch eindeutig unsympathische Gesellen. Wen von beiden man schlimmer findet, ist sicherlich subjektiv – mich persönlich treiben Umstandskrämer in den Wahnsinn, während ich Geheimniskrämer gut aushalten kann (bin ja rechercheerfahren und kriege Dinge notfalls auch anders raus).

Die bisher genannten sind jedoch nicht die Kram-Komposita, die ich täglich verwende – die kommen jetzt:

Kabelkram - oft ein ziemlicher Tüddelkram

Kabelkram – oft ein ziemlicher Tüddelkram

Mit einem Hamburger als Ehemann hielt unmittelbar das Wort „Tüddelkram“ hier Einzug. Im Grunde ist Tüddelkram nichts anderes als Kram: überflüssiges Zeug, das immer genau da rumliegt, wo man es nicht braucht. Aber klingt es nicht viel netter als das schnöde „Kram“?

„Was für ein Nervkram!“ ist ein in unserer Familie häufig gebrauchter Ausruf. Typischerweise verwendet, wenn technische Geräte nicht so funktionieren, wie sie sollen, eine aussetzende Netzverbindung in den Wahnsinn treibt oder bürokratische Hemmnisse die Geduld auf eine harte Probe stellen.

Handarbeitskram - kann schnell zu Fummelkram werden

Handarbeitskram – kann schnell zu Fummelkram werden

Ungeduld ist auch der Treiber für den Fluch „Verdammter Fummelkram!“ – das verwenden wir hier innerfamiliär (Blitzumfrage: Sagt das außer uns noch jemand?), wenn irgendwas Fummeliges zu bewältigen ist. Oft in kausalem Zusammenhang mit Reparaturen, Handarbeiten oder dem Zusammenbau zimmergroßer Konstruktionen aus Lego oder Playmobil zu hören.

Und jetzt hab ich über die Assoziationskette Fummelkram-Playmobil-Kinderzimmer-Kind tatsächlich doch noch eine einzige positiv besetzte Kombination mit Kram gefunden, die vor allem bei der minderjährigen Bewohnerin sehr angesagt ist: Süßkram.

Vielen Dank, Annette! Und ich kann Dir bestätigen, dass auch ich häufiger Fummelkram verfluche. Bei den Synonymen kenne ich Kruscht mit T, statt Tinnef sage ich Tünnef, statt Zeug sage ich Zeuchs. Auch Plörren verwende ich, während ich Gelumpe nur von meinem Süddeutschen Mann kenne (dann natürlich als Glump). Witzigerweise ist – im Gegensatz zum Krämer – bei mir der Kinderkram negativ besetzt. Das ist alles, was baby-acker (oder -eier)-leicht geht. 

Mein eigener Blogwichtelbeitrag ging übrigens an Julia Dombrowski und beschäftigt sich mit den bisher von der Forschung wenig beachteten Gedankenzombies.