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Manches ändert sich allerdings nie

Recherchenostalige

Ich dachte ja, es wäre eine prima Idee, die Briefe einfach abzuschreiben und dann würde man schon sehen, was man daraus machen kann.

Die Idee erweist sich als mittelprima, weil die Briefe sich auf magische Weise verfünffacht haben – aber auch wenn das nicht der Fall gewesen wäre, hätte ihre Übermacht mich zur Strecke gebracht.

Immerhin weiß ich inzwischen, was man daraus machen kann und die ersten Seiten des Buchprojekts stehen bereits. Nun reicht es natürlich nicht, die (ohnehin rar gesäten) Fakten aus den Briefen zusammenzuklauben und in Buchform zu pressen, nein, Recherche ist gefragt. Ich lese, suche, sehe Filme und mache mir Notizen. Immer wieder finde ich unerwartete Verknüpfungspunkte.

Heute: “Der Hamburger Hafen 1938″ auf DVD, gefilmt von Kurt Lehfeldt. Lehfeldt war seinerzeit Konditor. In dem Café gab es – jedenfalls viele Jahre später – Mittagstisch. Dort hat mein Großvater (“Friedrich” aus den Briefen) gegessen. Und kein Trinkgeld gegeben. Denn wenn man jeden Tag dort fünfzig Pfennig Trinkgeld geben würde, wären das im Jahr über hundert Mark. Und das ginge ja nun wirklich zu weit.

Ja, mein Großvater. Von ihm stammt auch der Rat, sich an der Ampel nie zu dicht an das vordere Auto zu stellen, denn der könnte ja liegenbleiben. Wenn nun der Hintermann auch dicht an einem steht, kann man nicht wenden bzw. sich aus der Lücke quetschen.

Und ja, Lehfeldt. Mein Vater war natürlich früher auch immer bei Lehfeldt. Und manchmal, ganz, ganz manchmal, hat er uns Zuckermännchen mitgebracht. Die standen dann jahrelang im Setzkasten rum, bis sie so verblasst waren, dass ihr Anblick mehr erschreckte als erfreute. Dann habe ich sie entsorgt. Nein, nicht im Müll. Ich habe sie gegessen. Hart war das. Aber süß. Und wahrscheinlich etwas staubig.

Ihr seht: Die Recherche macht mich entsetzlich nostalgisch. Noch dazu fahre ich nachher in meine alte Heimat und gehe dortselbst zum Chinesen. Und erzähle meinen Kindern, dass ich dort früher immer 120 (Huhn mit Mandeln) gegessen habe, bis es Probleme mit dem Mandellieferanten gab und ich auf 119 (Huhn mit Cashewkernen) ausweichen musste. Könnte auch 121 sein. Ich weiß es nie so genau.

Die anderen interessiert das aber gar nicht, das sind nur meine Privaterinnerungen. Wenn ich es aufschreibe, wisst Ihr es trotzdem und ich kann mich anderen Dingen widmen. Zum Beispiel der Frage: Wie ist es, wenn alles anders kommt, als man sich das vorgestellt hat? Wie kommt die Erinnerung mit einem Krieg klar?

Zurück zu meiner Recherche. Ich habe herausgefunden, dass man 1931 in 98 Minuten von Hamburg-Bergedorf nach Berlin reisen konnte. Laut Wikipedia wurde dieser Rekord erst 1997 wieder erreicht. 1929 wollte Leni ihren Bruder Rudu in Berlin besuchen, da wird sie sich später geärgert haben, dass der Schienenzeppelin noch nicht fuhr!

Aber was rede ich, ich muss los. Es gibt Mittagstisch. Ich werde E essen. Und Leute von früher treffen.

Manches ändert sich allerdings nie

Manches ändert sich allerdings nie

Schüttelmonster Lolo

01.11.1939: Mein geliebtes Blättchen (Leni)

Schüttelmonster Lolo

Schüttelmonster Lolo

Ich bin hin und weg: Euch scheint das Wuschelvieh ebenso gut zu gefallen wie mir. Ich werde es, Christines Vorschlag folgend, Lolo nennen. Wild hat das Monster gegen den Namen “Herr Schleimbeutel” protestiert und wurde anschließend auch nicht zum Superhelden Staticman. Obwohl ich mich wirklich gefreut hätte! Das Buch bekommt also Christine. Interessante Hinweise auf eine türkise Monster-Version kamen von Marina und einer weiteren Christine. Letztere hat einen Link zum Kaufen gefunden und bekommt deshalb auch ein Buch (nämlich “Kein Ort für Fremde” von Ruth Rendell, gebrauchte Version). Es juckt mich in den Fingern, auf den Bestellknopf zu drücken, aber ich überlasse den Knuffel Euch. 

Heute habe ich keine Lust auf Buchverlosung. Solltet Ihr trotzdem eins haben wollen, biete ich Euch “Horst go Home” von – darauf kommt Ihr nie! – Tine Wittler. Und sagt nicht, ich hätte Euch nicht gewarnt.* Eine Frage müsst Ihr dafür nicht beantworten. Auch nicht, wie lang eine Schreibstunde ist. Echt nicht. Auch nicht bis morgen um 12.

Dies ist übrigens der letzte Liebesbrief. Als nächstes kommen wieder Nachkriegsberichte.

N., den 1. Nov. 39

Mein geliebtes Blättchen!

Soeben habe ich die Kinder mit Edith erstmal an die frische Luft befördert und dann kommt anschließend immer meine Schreibstunde. Allerdings besteht sie oft nur aus 10 Minuten. –

Unsere Perle Edith hat heute gekündigt, zum 1. Dezember. Halb dachte ich es mir schon, da es ja sehr viele Rackereien in der letzten Zeit gegeben hat. Im Moment geht es wieder etwas besser mit ihr, sie versucht, nicht alles zu vergessen, aber kopflos ist sie im Ganzen doch. Eventuell gehe ich nochmal bei der Mutter vor. –

Vor einigen Tagen ist Grete von Mama an die Luft gesetzt worden, da sie zu Mamsell so frech geworden ist und vorher einfach 3 oder 4 Tage fort geblieben war, ohne etwas von sich hören zu lassen. Bei Edith ist es zum Teil der Grund, daß sie mehr verdienen will, was ich im Grunde ja auch verstehen kann. –

Am Freitag werde ich 903 aus Krakow fahren, über Güstrow. Der Zug hat gleich Anschluß, ich hoffe, daß Du an der Bahn bist. Ich werde eine Karte mit Rückfahrt nehmen. –

Ob sich wohl schon jemand auf die Anzeige gemeldet hat? Ich finde es ja süß, daß Du annonziert hast, nur mit dem Gutshausstand weiß ich nicht so recht, denn es sind ja fast ausschließlich die Kinder zu bedienen, mit Zimmern etc. –

Von Mama soll ich Dir noch sehr danken für Deine Besorgungen, auch für die Kämme. Das Armband und Pfeife ist zwar noch nicht hier. – Morgen arbeite ich mit Dicki im Garten, was sehr gut geht. Wir haben heute Rote Beete ausgebuddelt, Dicki fährt sie in ihrer Schiebkarre und ich in der großen zu Claußen. Baby sieht zu. Sehr bedrückt es mich, daß ich noch nicht an Mutter schrieb, aber jetzt ist es fast zu spät, denn heute wird es nichts mehr und übermorgen bin ich da. –

Wie es wohl mit dem Auto geworden ist? Mein Moll, wie es wohl bei Euch im Geschäft ist? Heute hatte ich von Ruth einen Brief, ihr Mann ist Truppenarzt bei Celle, sie ist mit ihren 3 Kindern in Magdeburg bei ihren Eltern und hat die Wohnung in Kiel zugemacht.

Liebes Menschlein, wir sehen uns bald, ich freu mich sehr. Die Kinder sind süß, Baby geht schon ganz viel. Sei umarmt von Deinen Tiris.

Also wenn DAS jetzt keine Lesefreude ist, dann weiß ich auch nicht

31.10.1939: Mein geliebtes Menschlein! (Leni)

Brief mit Buch

Brief mit Buch

Leni ist noch immer schwanger und wünscht sich das Ende des Krieges herbei.

Heute gibt es wieder ein Buch zu gewinnen, und zwar das Rezensionsexemplar von “Wenn die Wale an Land gehen” von Kathrin Aehnlich. (Meine Rezension dazu findet Ihr hier.) Ihr habt bis Montag (23.3.) um 12 Uhr Zeit, mir folgende Frage zu beantworten: Wem hat Leni noch immer nicht geschrieben?

Die letzte Frage nach der Gummihosengröße habt Ihr alle richtig beantwortet. Ich habe ausgemehlt (“Ene, mene, Miste …”) und KATJA hat gewonnen. Herzlichen Glückwunsch! 

Da Ihr sicher weiterhin fleißig mitmachen möchtet, verschicke ich die Bücher am Ende der Aktion.

N. den 31.10.39

Mein geliebtes Menschlein!

Du bist wieder ein ausgezeichneter Erlediger von allen Dingen und ein sehr guter Schreiber, hab sehr vielen Dank, mein Blättchen, für Deinen lieben Brief mit dem Kamm und Fahrplaneinlagen. Wie gräßlich benimmt sich die Krakower Bahn, konntest Du am Fahrkartenschalter keinen Krach machen? Die Mecklenburger sind eine besondere Sorte Menschen. –

An Herta habe ich einen langen Brief geschrieben und sie gebeten, wieder zu kommen, wenn sie nicht zu Hause bleiben muß, nehme ich fast an, daß sie zu uns kommen wird. Die Kisten kannst Du gern am Montag kommen lassen.

Ich werde wohl Freitag kommen. Edith ist heute wieder aus, es ist schon das 3. Mal seit ich hier bin, aber ich muß es so machen, da nachher nicht viel daraus wird. So bin ich noch nicht dazu gekommen, an Mutter einige Zeilen zu schreiben. Den ganzen Vormittag bin ich mit den Kindern draußen und wir (Dicki und ich) haben die beiden letzten Tage im Garten gearbeitet, in dem wir die Wurzeln mit ausgebuddelt haben. Gleich kommt der Gärtner, ich muß eilen. –

Es ist sehr süß, daß Du bei Helene warst, aber ich konnte mir ihre Antwort schon denken und glaube nur ja nicht, wenn andere Ärzte hinzugezogen werden, daß die meine Sache schlimm finden. Die denken nicht daran, etwas zu tun. Mein Menschlein, im Grunde ist es ja auch eine große Freude, nur hatten wir es uns etwas anders gedacht und wird die nächste Zeit und die ersten Jahre nicht ganz leicht sein. Hoffentlich geht der Krieg nur bald zu Ende. Weißt Du schon etwas wegen der Autobenutzung? Deine Reifen haben wir wieder. Der Gärtner ist da.

Geschenke, Geschenke!

Mehr Bücher!

1000 Liebes mein Blättchen, auch an Mutter Deine Tiris.

Also wenn DAS jetzt keine Lesefreude ist, dann weiß ich auch nicht

27.10.1939: Mein geliebtes Blättchen (Leni)

Geschenke, Geschenke!

Geschenke, Geschenke!

Leni war einen Monat mit Dicki (der zweijährigen Tochter) in Hamburg und hat Baby (ein Jahr alt) so lange auf dem Gut in Mecklenburg zurückgelassen. In der Zwischenzeit hat Baby oben vier neue Zähne bekommen und der Verwalter hat die Reservereifen der Autos verkauft. Nun wartet Leni auf Friedrich.

den 27.10.39

Mein geliebtes Blättchen!

Morgen werde ich Dich ja einmal hier haben und 2. wohl auch noch Deine genaue Ankunft schriftlich hören. Ich freue mich schon sehr mein Blättchen, vor allem, daß Du auch Baby siehst. Ich habe noch einen Wunsch für ihn und bitte Dich, wenn irgendmöglich es zu besorgen, da es mir sehr fehlt. Es ist eine Gummihose Größe 3 für Baby. Man kann nämlich nicht gegen die nassen Betten an, sie trocknen jetzt so schlecht und mein Zimmer ist den ganzen Tag mit Matratzen, Bettüchern und sonstigen Kindersachen geschmückt. Also wenn irgendmöglich bring sie bitte mit, Möhring auf dem neuen Wall hat sie noch. Ferner wär es sehr schön, wenn Du die Illustrierten mitbringst und wichtig sind Zigaretten, da es hier keine gibt. –
Ich habe heiß gebadet, sogar sehr heiß und auch die Pillen genommen, die scheußlich schmecken, aber es hat bis jetzt nichts genützt. Wir müssen nun erstmal abwarten. –

Edith ist heute aus, sie ist vollkommen unbrauchbar, ich muß mich nachher in Hamburg gleich bemühen, jemand zu bekommen. Es ist natürlich sehr mühsam mit den Kindern, aber es geht beinahe besser, wenn sie aus ist. –

Mit W. hatte ich heute Krach wegen der fortgegebenen Reifen, wir haben uns in großem Ärger getrennt. Mama läßt Dich sehr grüßen, sie beschäftigt Dicki zur Zeit. Ich muß schließen, mein Mollchen, bis morgen. An Mutter habe ich noch nicht geschrieben, aber der Tag ist hin wie nichts. 1000 Bubben Deine Tiris

Das Wäschehaus Möhring gibt es noch immer. 

Nach eigenen Angaben wurde Leni sehr schnell schwanger – offenbar trug auch dieser Ausflug zu ihrem Mann in der Hinsicht Früchte. Da am 30.6.1940 Christian geboren wurde, haben die Pillen und das heiße Baden nichts Gegenteiliges bewirkt. 

Die Eisprinzessin und ihre Freunde

Die Eisprinzessin und ihre Freunde

Auch heute gibt es wieder im Rahmen von “Blogger schenken Lesefreude” ein Buch aus dem großen Stapel zu gewinnen: Passend zum Oktober, in dem die nassen Betten so schlecht trocknen, die Eisprinzessin von Lisa Graf-Riemann. Beantwortet mir dazu bis übermorgen (20.3.) um 12 folgende Frage: Welche Größe soll die Gummihose für Baby haben?

Der letzte Gewinn ging übrigens an Daniela D., die die Frage nach der Anzahl der Kosenamen richtig beantwortete. Es waren insgesamt vier, nämlich “mein Moll”, “Molltier”, “mein Blättchen” und “lieber Mensch”

Also wenn DAS jetzt keine Lesefreude ist, dann weiß ich auch nicht

23.09.1939: Mein geliebtes Molltier! (Leni)

 

Muss weg!

Muss weg!

Verschiedentlich wurde mir mitgeteilt, ich solle doch endlich mal mit den Briefen zu Potte kommen. Schon dabei! Nebenbei habe ich festgestellt, dass die Menge der Bücher, die ich zum Welttag des Buches am 23.4. loswerden möchte, unverhofft ein wenig groß geworden ist. Darum steigt heute eine vorzeitige Verlosung. Zu gewinnen gibt es “Die Drachen der Tinkerfarm” – das ich selbst zum Welttag des Buches am 23.4.2012 bekam.

Hat mit Schweden nichts zu tun, passte nur farblich zum Buch und saß/lag gerade rum

Hat mit Schweden nichts zu tun, passte nur farblich zum Buch und saß/lag gerade rum

Beantwortet mir hier, auf Twitter oder auf Facebook folgende Frage:

Wie viele Kosenamen benutzt Leni für ihren Friedrich und wie lauten sie?

Ihr habt bis morgen um 12 Uhr Zeit, die Frage zu beantworten.

 

Vor einigen Tagen ist der zweite Weltkrieg ausgebrochen. Leni hat offenbar beschlossen, die Zeit lieber auf dem Gut zu verbringen. Was genau Friedrich in Hamburg macht, weiß ich nicht. 

N. den 23.9.39

Mein geliebtes Molltier!

Wenn ich schon nicht selbst komme, so sollst Du wenigstens zu morgen einen sehr innigen Brief haben, mein Blättchen. All meine Gedanken sind bei Dir und ich bin recht traurig, daß wir nicht zusammen sind. Ich habe heute den ganzen Vormittag versucht, mich mit Karow zu verständigen, der Mann wußte nicht mal wann Züge von Karow nach Ludwigslust fahren, geschweige denn von dort nach Hamburg. Schließlich hatte ich ihn überredet, doch mal nachzusehen, da ich doch unmöglich ins Blaue mit Dicki fahren kann und dann kam der Mann einfach nicht wieder ans Telefon. Ich versuchte es noch verschiedentlich, aber dieser Mensch muß vergessen haben, den Hörer wieder aufzulegen, denn es meldete sich keine Seele. Ich habe mich nun fest entschlossen, Donnerstag zu fahren und wenn das Wetter anhängig ist, Dicki mit zu bringen. Wir können dann unseren 3 jährigen Hochzeitstag und Babys Geburtstag zusammen verleben. Findest Du das nicht auch ganz gut? Sollten wir zu Heidis Hochzeit geladen sein, bin ich dann auch gleich in R. – Für Deinen lieben Brief, mein Moll, danke ich Dir sehr herzlich, Du hast wieder alles sehr gut erledigt, Du lieber Mensch.

Für uns hier fallen Milch und Brotkarten fort, da wir Selbstversorger in diesen Dingen sind. Wenn wir hier bleiben müssen wir uns wohl wirklich in Hamburg abmelden. Hast Du übrigens mal bei K.s angefragt wegen umziehen? Dieser Mensch geht ja stark auf die Neige wegen Kündigung. Hast Du B. auch mal über die Heim Sache gefragt, Achim wollte die Kündigung ja rückgängig machen. Die Geburtsscheine des Kindes brauche ich für die extra Seife, die wir für Baby bekommen, ich muß dann einen Antrag in Güstrow schriftlich stellen, worauf wir sie erst bekommen. –

Wie mag es bei Euch im Geschäft sein, ob Ihr noch was zu tun habt?

Die Tiris sind schietig, Baby bekommt einen mächtigen Dickkopf, es läuft krebsrot an, wenn man ihm was wegnehmen will oder es sonst nicht nach seinem Kram geht. Es stößt dann mächtige Schreie aus.

Dicki ist auch stückig, sehr komisch ist, wenn sie bei ihrem Mittagsschlaf 2 Töpfe benötigt. Erst wird das eine für die eine Sache gebraucht und nach getaner Arbeit ins Bett gestellt, dann kommt ein neuer Topf an die Reihe. Die beiden können auch schon ganz nett miteinander spielen, Dicki bemuttert ihn mächtig. Die Erkältungen sind besser.

Mama und Tante Olga lassen grüßen.

Grüße Du Mutter und Kurt sehr herzlich und frage, ob es recht ist, wenn ich mit Dicki komme. Mutter hat doch sicher Freude an dem kleinen Tier. Es umarmt und bubbt Dich 1000 mal in Liebe Deine Leni.

Edith bringt dies extra hin, hoffentlich hast Du es morgen.

 

Dicki schreibt auch was

Dicki schreibt auch was

[Gekrickel] O Kuß v. Dicki.

Mit dem “kleinen Tier” ist natürlich Dicki gemeint – das wiederum ist Helene, Lenis und Friedrichs Erstgeborene.

 

21.08.1936: Mein Liebes! (Leni)

Es ist so weit: Das Aufgebot wird bestellt, die Möbel für die gemeinsame Wohnung ausgesucht/bestellt/geändert/renoviert.

N., den 21.8.36

Mein Liebes!

Gleich, nachdem ich heute Deinen Einschreibebrief erhielt, begab ich mich zum Standesamt und habe dort alles erforderliche erledigt. Das Aufgebot geht nun nach Hamburg und R., hier in N. braucht es nicht [handschriftlich: doch] zu hängen, da ich noch in Hamburg angemeldet bin. Die standesamtliche Trauung werden wir in Hamburg vornehmen, weil dann für Dich kein ganzer Tag verloren geht, denn hier müsste es bis ein Uhr gemacht sein und dass ich für Dich ja garnicht zu machen, wenn wir nicht einen Tag von unserer Hochzeitsreise ? einbüssen wollen. Bist Du damit einverstanden?

Während ich beim Standesamt war, wurde von Hamburg telefoniert, dass der Dampfer [mit Achim an Bord] erst Sonntag um 12 in Bremerhaven ist, womit unsere gleich nach Tisch geplante Abfahrt hinfällig war. Ich fahre nun morgen gleich nach dem Kaffee, um um 2 Uhr bei Dir zu sein, an der Kirche mein Lieb, Mama fährt vielleicht erst nach Tisch und wir könnten den Nachmittag gut zusammen sein, falls wir uns nicht um die Tapeten und die Wohnung bekümmern müssen. Hier ist das schönste Wetter und Lieb, sei nicht bös, aber ich bin aus 2 Gründen sehr froh, dass wir erst morgen fahren, denn ich fühl mich wieder garnicht gut und krieche nur so durch die Gegend, weil die Dinge hier ja auch keinen Aufschub erleiden dürfen, wenn ich heute nicht auf dem Amt gewesen wäre, könnten wir sicher nicht am 3. heiraten. Liebes, es sind keine 6 Wochen mehr, bist Du auch so glücklich?

Was unsere Einrichtung betrifft, bin ich selig, was wir hier jetzt beschlossen haben und schon in Arbeit ist und ich weiss genau, dass es Deinen vollen Beifall findet, weil es ganz Dein Geschmack ist. Unser Tischler hier hat Entwürfe gemacht, die ich Dir mitbringe, und fertigt die fehlenden Gegenstände fürs Schlafzimmer an. Die Betten werden poliert, sind in Arbeit. Die Nachttische sind entworfen und werden ähnlich wie die in meinem Zimmer jetzt ganz schlicht mahagoni mit kleinem Rand nach aussen wie die Betten und Einlege Arbeiten schlicht und fein. Ebenso der Toilettentisch mit Spiegel wird eingelegt, mahagoni mit 2 Schubladen an jeder Seite, Spiegel in der Mitte, Glasplatte auf den Schubladen, modern und doch zusammenpassend. Der Schrank steht ja leider in Hamburg und muss auch in der Art geändert werden, nur wird es sicher viel teurer, und ich weiss nicht, ob so gut.

Das Sofa von Deiner Mutter würde genau zu allem passen und sieht sicher gut auf der langen Wand aus im Schlafzimmer, die Kommode für Deine Hemden u.s.w. steht in Hamburg, es ist eine sehr kleine und hübsche, wie wir sie hier nicht haben, jedenfalls nicht so klein. Ob wir den kleine runden Tisch zu dem Sofa von Deiner Mutter fürs Schlafzimmer bekommen können?

Der Esszimmer Tisch bekommt andere Beine, so wie das Büffet und die bis dahin ausgesuchten Stühle, die Platte des Tisches ist genau so wie das Büffet von vorn, Wurzelholz und dann ist er sehr gross zu machen, er bleibt zwar eckig, denn er hat Schnitzarbeit am Rand, ich möchte sagen, genau wie das Büffet, ist das nicht ulkig? Was wollen wir mehr, somit wird es alles ziemlich einheitlich und vor allem schön. Ich bin sehr dafür, mein Lieb, dass wir Eure Stühle nehmen, vielleicht kann man ja andere Vorderbeine darunter machen, wie wir es hier mit dem Tisch auch machen, denn die gedrehten sind wirklich nicht so schön, unserer hatte sie auch und dann sind es solche Staubfänger, sie brauchen ja nur leicht geschweift zu sein und keine Kralle, wie die anderen Sachen, das müssen wir nochmal besprechen, die Form finde ich ja als ganzes viel schöner als die gekauften, und die hat jeder, aber wieviele habt Ihr denn?

Wir nehmen dann bei Bornhold etwas anderes dafür. Am liebsten möchte ich ja, dass unser Tischler auch die Wohnzimmer Sessel macht, aber ich glaube er hat nicht die Zeit oder wir müssten darauf warten und uns erstmal mit anderen helfen, aber darüber wollen wir uns mündlich unterhalten, nur gefiel mir keiner recht von denen bei Bornhold.

Eben rief das Standesamt an, ich muss mich doch ummelden. Liebes, ich muss jetzt schliessen, da ich Frau H. besuchen will, gestern war ich so elend, deshalb hab ich Dir auch nicht geschrieben, aber dies schicke ich ins Kontor. Ich freu [ab jetzt in handschriftlicher Sauklaue] mich so auf morgen, mein Lieb, auf Dich um 2 Uhr an der Kirche, sollte ich nicht da sein ruf bitte bei Alice an. Grüße Deine Mutter sehr, was macht ihr Arm? Du musst bald herkommen wegen der Möbel, damit Du sie siehst, Liebes. Ich umarm Dich sehr und bin in Gedanken immer bei Dir, Deine Lini.

Mama hat gesagt, daß man Dich heute vom Kontor aus anruft und Bescheid sagt, daß wir nicht kommen

 

Spannend sind die vielen Möbel ja eher nicht, interessant finde ich aber die Menge. Ein Sofa im Schlafzimmer zum Beispiel ist natürlich eine große Notwendigkeit (wo soll man sonst sitzen?). Anscheinend hatten sie ja ein gemeinsames Schlafzimmer. Die Betten kann man nicht bequem nebeneinander stellen, ein wenig Trennung wird also vorhanden gewesen sein. Gut gefällt mir “Einlege Arbeiten schlicht und fein” – das wird der Mühsal nicht ganz gerecht. Wundern tue ich mich über das Fragezeichen nach der Hochzeitsreise. Ist mutmaßlich eine geplant und Leni kennt die Details nicht? Oder steht noch aus, ob sie stattfindet?

 

Blick vom Gutshaus

11.08.1936: Mein Geliebtes! (Leni)

Ein wenig Überschwang zwei Wochen vor der Hochzeit :) Erinnert Ihr Euch an die Diskussion über die Uhrzeitangabe 1/12? Ich dachte damals schon, dass es wie 1 1/2 aussah, wollte es aber nicht glauben. Hier haben wir nun den leserlichen Beweis. Aber ob das nun halb eins oder halb zwei bedeutet? Ich würde jetzt mal halb eins tippen, weil ich das bei Friedrichs Mittagspause für realistischer halte. 

N., den 11. Aug. 36

Mein Geliebtes!

So wie über Deinen heutigen Brief mein Lieb, habe ich mich wohl noch nie gefreut, Du hast so wonnig geschrieben, mein Puck, dass ich Dir in Gedanken 1000 K. gebe. Wie werden wir erst glücklich sein, wenn wir uns in 2 Monaten nicht mehr zu trennen brauchen, immer beieinander sind, der Eine für den anderen sorgend und in der eigenen kleinen wonnigen Wohnung. Mein Lieb, ich kann Dir nicht sagen, wie unsagbar glücklich ich bin, und wie dankbar, dass ich solchen wonnigen Mann wie Du es bist, bekomme. Deine Mutter hat mir ja oft genug erzählt, wie wonnig Du als Kind gewesen bist, aber ich glaube, jetzt bist Du noch viel lieber. –

Am Donnerstag nach dem Kaffe wollen Mama und ich hier fortfahren, und ich möchte Dich dann um 1 ½ im Paulaner Bräu treffen, hoffentlich klappt es und sind wir nicht zu spät durch Panne oder irgend etwas, eventuell bringe ich Mama mit, weil ich sie doch schlecht allein essen lassen kann.

Sonst bin ich um 5 ½ an der Kirche und warte dort auf Dich.

Achim und Hertha haben ein sehr nettes Telegramm gesandt „Mit innigen Wünschen für Euer Glück, Achim Hertha Jungens, Tante Mia“. Von Rudu haben wir noch nichts gehört. Achim ist am 23. August hier, das wäre übernächsten Sonntag, wir werden ihn dann abholen, also sind wir dann in Hamburg. Nächsten Sonntag, mein Lieb, kommst Du doch mit uns hier her und wenn Mutter mag kommt sie doch sicher mit, frage doch auch O’s, ich fände es so nett, wenn dann die ganze Familie hier zusammen wäre. Denn folgender Sonntag würde ja ausfallen und wie dann die kommende Zeit aussieht, kann man so schlecht sagen, ich denke mir, wir müssen viel unterwegs sein, ferner können Deine Verwandten später ja immer noch mal kommen.

Puck, der Tisch von Babbe macht auf der Zeichnung ja einen niedlichen Eindruck, ist er rund? Wenn nicht, hat es keinen Zweck, weil wir eckige hier ja masslos viel in Mahagoni haben. Eben bin ich mit Frieda [eine Hausangestellte] durch sämtliche Räume gegangen, sie äusserte ihre Ideen und war dafür, vieles zu verwenden. Ich nehme noch Masse von den Sachen, die ernstlich für uns in Frage kommen, das übrige müssen wir Donnerstag besprechen. Hast Du schon Tapeten ausgesucht? Und wie fand Mutter die Wohnung? Sicherlich geliebt, jetzt sind die Leute auch schon wieder weiter.

Liebes, der Gärtner geht gleich und ich muss wieder schliessen, möchte Dir aber noch soviel erzählen. Ich sitze hier herrlich in der Sonne, überhaupt ist hier das schönste Wetter, und wenn ich nicht soviel schreiben müsste, wäre ich mehr unterwegs. Ich habe gar keine Nägel mehr vom vielen Tippen. Puck, ich freu mich so auf übermorgen, wir sind nur noch wenige Stunden getrennt, viel werden wir in den 2 Tagen ja nicht gerade ausrichten können.

Deine Zeichnung habe ich nicht verstanden. Es liebt Dich sehr Deine

Lini

Der Gärtner wartet, sehr eilig!

Bei den O’s handelt es sich um Friedrichs Verwandtschaft, die in der gleichen Straße wie er wohnen (da, wo Leni vorher auch gewohnt hat). Dass man die sich nicht im primären Gebrauch befindenden Möbel der Eltern beim Auszug als praktischen IKEA-Ersatz nutzt, kenne ich auch so. (Danke, liebe Eltern!)

Um noch einmal auf den oben erwähnten Brief zurückzukommen: Hier wird erwähnt, dass man 10-15 Gäste im Gutshaus unterbringen kann. Aus heutiger Sicht muss ich darüber doch sehr lachen, denn inzwischen weiß ich ja, wie groß das Haus genau ist. Trotzdem war es offiziell ein EINfamilienhaus (kein Wunder, wenn alle Räume im Erdgeschoss Wohnzimmervarianten sind) und es stand noch ein Gästehaus zur Verfügung. Nun denn. Ich werde noch genauer von meiner Fahrt berichten, einstweilen möchte ich Euch ein bisschen an der Schönheit des Gutes teilhaben lassen. 

Blick vom Gutshaus

Blick vom Gutshaus

09.08.1936: Mein Lieb! (Leni)

Leni verschickt Hochzeitsanzeigen. 

N., den 9. Aug. 36

Mein Lieb!

Es ist hier so bezaubernd schön, dass ich sehr traurig bin, dass Du nicht hier bist. Lieb, wie würden wir es geniessen, denn seit Wochen haben wir nicht mehr einen solchen Tag gehabt und dann die Ruhe, es fällt selbst mir auf nach alle dem Trubel in der Stadt.

Puck, ich war heute sehr fleissig und haben soeben 25 Anzeigen fertig gemacht, im ganzen mussten wir von uns aus doch 60 verschicken, es sind doch immer mehr Menschen, als man denkt. Jetzt habe ich keine mehr und möchte Dich bitten an Ilse L. und W. C. eine zu senden, denn ich kann es nicht mehr. Wenn Ihr noch einige Umschläge über habt, kann ich sie gut gebrauchen, vielleicht 4, sonst kann ich ja auch andere nehmen. Bis jetzt habe ich über 40 Gratulationen bekommen, abgesehen von Mamas Sachen natürlich und auf die jetzt verschickten Anzeigen werden noch ca. 60 einlaufen, die ich unmöglich alle mit der Hand beantworten kann. Ich bin sehr dafür, dass wir uns einige Karten drucken lassen, Mama meint es auch , eventuell nur mit unseren Namen oben, so macht man es sehr oft, oder mit Text, dann müssen die ausführlichen Schreiben natürlich mit der Hand beantwortet werden. Was meinst Du dazu? Ich könnte es am Donnerstag in Hamburg gleich aufgeben und zwar bei unserem Geschäftsdrucker, der nicht so teuer wie Kimmelstiel ist.

Meine Herfahrt gestern hat mir viel Spaß gemacht, weil das Wetter schon so gut war. 3 Stunden und 5 Minuten habe ich gebraucht und eigentlich alles aus dem Wagen rausgeholt, die Strassen über Ludwigslust-Plau sind so ausgezeichnet, dass ich zu meinem Kummer festgestellt habe, dass der Wagen für sie nicht schnell genug läuft, er liegt so gut auf der Strasse, dass er leicht 10-20 km. schneller sein könnte.

Eine komische kleine Begegnung, die ich hatte, muss ich Dir mündlich erzählen.

Wir geniessen die Ruhe heute unglaublich, ich bin wirklich froh, dass wir keine Gäste haben, ausser Dir mein Lieb natürlich, aber Du bist ja kein Gast mehr, sondern mein Mann. Seit heute morgen sitzen Mama und ich auf der Terrasse in der Sonne, ich bin schon ordentlich wieder gebräunt, jeder am Tisch für sich, da ich dauernd tippe. Morgen kommt Frieda S. und ich denke ich fahre erst Donnerstag früh, eventuell mit Mama. Mein Lieblingspuck, Du bist nicht bös, wenn ich jetzt schliesse, ich kann Dir doch nicht sagen, wie oft am Tag ich an Dich denke, Dich herbeisehen und rasend glücklich bin. Aber ich möchte noch kurz an Rudolf und Hertha schreiben, wenn ich es heute nicht tue, wird es wieder für Wochen nichts, ich bin dazu gezwungen, denn Rudu hat Geburtstag und Hertha wegen der Sachen.

Ich habe eine Liste gemacht, genau so wie Du es wünschtest, Gratulationsschreiben und Geschenke angeführt und fernen eine mit Namen, die Anzeigen erhalten haben und werden. Ist es so recht? Hoffentlich bin ich später immer so ordentlich. Oma meinte, wir müssten doch sicher ein Mädchen haben, ich hatte Mühe, ihr klar zu machen, wie unnütz das wäre. Von Mama soll ich sehr vielmals grüssen, besonders Deine Mutter, Du möchtest Mutter sehr vielmal für ihren lieben Brief danken, Mama hat sich sehr gefreut.

Puck, Liebes, ich umarm Dich sehr herzlich und freu mich sooo, dass wir uns bald wieder sehen. Deine Rosen sind wonnig, sie stehen in meinem Zimmer und ich freu mich darüber. –

Ich werde jetzt auch eine Liste machen an Sachen, die wir notwendig für die Wohnung brauchen, damit wir nicht die Hälfte vergessen und es so tropfenweise nachher geht. Es liebt Dich mehr denn je Deine

Lini.

Die oben erwähnte Ilse L. ist die Mutter meines Patenonkels – nach ihrer Abstammung eine Jüdin. Wie es ihr damals gegangen sein mag?

Besonders interessant finde ich die Reiseroute zum Gut über Ludwigslust. Habe soeben beschlossen, morgen die gleiche zu nehmen. 

23.07.1936: Mein lieber Puck! (Leni)

Nachdem ich im November das Gut besucht habe, lässt es mir keine Ruhe. Am liebsten würde ich mich für einige Wochen mit dem Computer und den ganzen Ordnern dort verkriechen, um Ordnung in den ganzen Klumpatsch zu bringen. Die Idee ist momentan aber nicht praktikabel – ich suche noch nach einer Lösung. Einstweilen flüchte ich dieses Wochenende gemeinsam mit meinen Kindern aus unserem Haus, in dem dann endlich die Treppe gestrichen wird. Großartigerweise können wir auf dem Gut unterkommen und dort auch bei schlechtem Wetter ganz bestimmt ein schönes Wochenende verleben. Floßfahren wird wohl nicht drin sein, auch ein Ausflug zum besagten See ist wohl utopisch. Ganz sicher werden wir aber zu Papas (hinten betont, nicht vergessen!) Grab gehen und den Wald unsicher machen – in der mulmigen Gewissheit, dass dort einst kurzzeitig ein KZ stand. 

Ich mache es also wie Leni seinerzeit und verkünde: “Das Wochenende verbringen wir auf dem Gut.” :)

N., den 23. Juli 36

Mein lieber Puck!

Ich hoffte heute bestimmt einige Zeilen von Dir zu bekommen, aber leider ist daraus nichts geworden. Gleich fährt Albrecht nach Teutendorf und nimmt Götze bis Güstrow mit, der dies wieder mit nach Hamburg nimmt, sie sind schon vorgefahren. Heute morgen haben wir einen sehr grossen Spaziergang gemacht, zum See X [ca. 3 km Luftlinie entfernt] unter anderem, bis eben wurde dann auschliesslich gebadet und gesonnt, zum Fischer hin und zurück geschwommen, die Kinder wurden vom Floss aus ins Wasser gehalten, einmal drohte es fast umzusinken, als Hermann und alle auf einer Seite standen, das Geschrei war natürlich gross.

Mein Lieb, ich freu mich so auf den Moment, wenn Du erst hier bist, und wieder möchte ich Dich sehr bitten, nicht so spät zu kommen, denn zu um 7 ½ mussten wir die Nachbarschaft am Sonnabend einladen, Frau H. hätte sich sonst selbst mit ihrem Besuch eingeladen, was sowieso schon ziemlich der Fall ist, es war leider nicht zu umgehen. Hoffentlich ist es für Dich nicht solche Hätze, mein Puck.

Für heute genug. Albrecht will jetzt starten. Sonntag kommt er eventuell wieder. Was meinst Du, wenn ich Montag mit Dir nach Hamburg fahre? Puck ich hoffe bestimmt morgen von Dir zu hören, sonst bin ich wirklich sehr traurig.

Es liebt Dich sehr Deine

Leni.

Wer Hermann ist, weiß ich gerade noch nicht. Mein Informand wird sich hoffentlich bald melden.

22.07.1936: Mein lieber guter Puck! (Leni)

Wer ist eigentlich diese Maria? Es muss eine Freundin von Albrecht sein, jedenfalls ist es nicht Lenis Schwester. Bei dem “Adler” handelt es sich um ein Auto – leider weiß ich nicht, welches Modell. 

N., den 22. Juli 36

Mein lieber guter Puck!

Dein lieber Sonntagsgruss hat mich sehr erfreut und gern hätte ich Dir schon gestern geantwortet, aber augenblicklich ist hier dauernd ein grosser Trubel und man muss seine eignen Wünsche zurückstellen, da die Unternehmungen gemeinsam vor sich gehen. Sehr enttäuscht war ich über Albrecht, ich hatte ihn gebeten, Dich in Hamburg anzurufen oder auch gehofft, dass Ihr Euch sehen würdet. MontagSonntagnacht fuhren er und Götze von hier, sie gingen nämlich garnicht erst zu Bett, und haben den Weg anscheinend ohne Einschlafen bewältigen können. Am Abend rief er an, dass sie am Montag noch um 10 Uhr wieder abfahren würden und des Nachts hier eintreffen. Da Albrecht mit Maria von 7-9 im Kino war, hat er wohl keine Zeit gehabt, Dich anzurufen. Puck, zum Glück sehen wir uns ja schon bald, ich freue mich unbändig, und hoffe, dass Du am Sonnabend nicht so spät kommst, kannst Du das machen, mein Lieb? Eine Einladung bei H’s liegt diesmal nicht vor, da wir am Freitag Donnerstag dort schon eingeladen sind. Freitag fährt Lotty mit den Kindern wieder fort, ich kann nicht sagen, dass ich traurig darüber bin, denn jetzt ist es abscheulich bunt, so niedlich die Kinder sind, kann man das dauernde Getobe und Getose nicht ertragen, da wir letzten Endes immer was neues angeben müssen, um für Unterhaltung zu sorgen. Hermann ist eben mit vollbeladenem Adler in den nächsten Ort gefahren, was ich sehr ungern sehe, zumal er den Wagen eben erst Probe gefahren hat, aber um mal eine Sekunde zum Schreiben zu haben, liess ich sie lieber ziehen.

Mein Puck, was meinst Du, soll ich am Montag mit Dir nach Hamburg fahren? Die Entscheidungen in vielen Dingen rücken jetzt so nah, dass es mir, so glücklich und selig ich bin, doch ganz komisch vorkommt, Dir auch mein Lieb? Schreib bitte mal darüber und vor allem vergiss nicht die Lösung aus Deinem vorletzten Brief mitzuschreiben!

Hoffentlich sagen sich Petersens und Otto nicht zu diesem Sonntag an, wir wären dann wieder so viele, durch die beiden Brautpaare von letztem Sonntag hat man eigentlich noch genug, wenn es alles auch äusserst nett war, und schliesslich angebracht, dass man die Frauen von unseren Verwaltern drüben mal kennen lernt, die eine wird sich sicherlich gut für drüben eignen, die andere macht mehr einen Stadt Eindruck.

Puck, sei nicht bös, dass dies ein so schlechter Brief geworden ist, und so kurz, aber der Gärtner kommt gleich, um dies mitzunehmen.

Wie nett sind übrigens die Bilder von Maria geworden, findest Du nicht auch, ich habe ihr schon durch Albrecht gedankt. Puck, ich freu mich so auf Sonnabend und hole dann alles an Liebe zu Dir nach, was in meinem Briefen so dürftig ausfällt. Jeden Tag denke ich unzählige Male an Dich und wünsche Dich herbei um alles mit Dir zu geniessen, gestern erst habe ich einen Platz ausgesucht, wo wir später mal ein HausXXXX hinbauen müssten, er ist ideal schön.

In Gedanken gebe ich Dir 1000 K. und bin Deine

Lini.

[handschriftl.] Entschuldige das Briefpapier, es liegt so angenehm im Schreibtisch immer zur Hand. [gemeint ist das Geschäftspapier von Papa]

Die näherrückenden Entscheidungen beziehen sich auf die Hochzeit von Leni und Friedrich am 3.10.36. Dass aus dem Plan, ein Haus in die Nähe des Herrenhauses zu bauen, nichts wurde, ist aus heutiger Sicht nicht überraschend. Mich überrascht vielmehr, dass Leni offenbar nicht vorhatte, das Herrenhaus, das mehr als reichlich Platz bietet, zu bewohnen – und sei es nur am Wochenende. 

14.07.1936: Liebster Puck! (Leni)

Wenn Friedrich zu Besuch auf dem Gut ist, bleibt er immer bis Montagfrüh und fährt dann direkt nach Hamburg zur Arbeit. Leni nutzt den langen Tag dann für allerhand Spaßiges.

N., den 14. Juli 36

Liebster Puck!

Wie wohl Eure Fahrt war? Ich denke, dass Ihr recht zeitig in Hamburg wart. Jedenfalls war es kein schöner Tag für Dich, hoffentlich hast Du wenigstens die englisch Stunde abgesagt. Albrecht und ich blieben neulich auf und gingen auf den See und haben den wunderschönen Morgen dort genossen. Anschliessend stieg er aufs Pferd und ich aufs Rad und wir spielten begegnen im Wald. Solch früh aufstehen muss man schon ausnutzen, weil man es so selten tut. Am Nachmittag konnten wir uns ja auch hinlegen, hoffentlich hast Du es abends durchs frühes zu Bett gehen nachgeholt.

Heute ist Sigried hier, schon zum Essen kam sie und wir haben den Nachmittag toll veralbert, sodass wir schliesslich mit dem Kanu denn auch umgekippt sind. Wir waren kaum auf dem See, als es rasend an zu giessen fing, ich konnte noch ein wenig unter die Decke kriechen, aber bald war sie so nass, dass sie sich wie Blei anfühlte und von unten schwamm ich, da es so hinein geregnet hatte. Nachdem wir halb tot gefroren waren, kamen wir auf der Liegewiese an, wo es dann wieder regnete. Wir versuchten uns eifrig warm zu laufen, aber der Erfolg war mässig. Plötzlich kamen wir auf die Idee, Albrecht fortzufahren und als wir schon sehr eifrig dabei waren, und Albrecht aus der Ferne zuwinkten, kippten wir um, worauf wir erst recht keinen trockenen Faden mehr an uns hatten, Uhr und Öl mussten daran glauben, letzteres fanden wir nicht wieder. Reuemütig kamen wir ans Land zurück und Albrecht war natürlich obenauf. Wie doll haben wir Mädchen auf dem Rückweg gepaddelt, um warm zu werden, vor allen Dingen wollte ich nicht wieder einen Hexenschuss haben. Nach einem warmen Bad haben wir uns jetzt leidlich erholt, Albrecht ist mit Sigried auf die Kanzel gegangen, sodass ich etwas Zeit habe, Dir zu schreiben, doch ich muss gleich schliessen, da wir essen und ich dies noch vorher fortbringen muss.

Lieb, hast Du den Tag hier etwas genossen? Ich freu mich schon so, dass Du bald wieder kommst. Nächsten Sonntag sollten Petersens kommen mit Otto, doch ist Frau Petersen noch verreist, es hätte so nett gepasst, da Albrecht noch hier ist, und am 26. kommst Du ja wieder, dann passt es nicht so gut, findest Du nicht auch?

Mein Puck, schreib mir bald, wie Eure Fahrt war, und was Du so treibst, hat Maria Dich durch ihr Plappern wach gehalten?

Grüsse bitte Deine Mutter sehr, ich habe ihr damals, als ich nach N. fuhr, den letzten Abend bei Euch garnicht aufwiedersehen gesagt.

Es liebt Dich sehr und immer Deine
Lini.

Interessant finde ich, dass Leni offenbar selbst nicht reitet – obwohl das wirklich naheliegend wäre. Stattdessen fährt sie ständig mit dem Rad. Ob ihr das Reiten Rückenschmerzen bereitete? Ich kannte sie nur als recht unbewegliche Frau, die in ihrer Unbeweglichkeit eine erstaunliche Agilität an den Tag legte. Für Fahrrad oder Pferd reichte das allerdings bei weitem nicht.

08.07.1936: Mein geliebter Puck! (Leni)

Die Ironbuchblogger erinnern mich daran, dass ich diese Woche noch nichts geschrieben habe. Das entspricht den Tatsachen, denn es war auch hier Weihnachten. Außerdem war der Sohn krank. Dieser Brief ist all denjenigen Optimisten gewidmet, die bei Regenwetter mit offenem Verdeck fahren – von denen es zu dieser Jahreszeit nicht allzu viele geben dürfte. Wieder ein besonders schöner Brief, der viel über Lenis Charakter verrät.

N., den 8. Juli 36

Mein geliebter Puck!

Mein Gewissen ist ausserordentlich schlecht, mein Lieb, dass ich jetzt erst schreibe, doch hat es garnichts zu sagen, es mangelte nur sehr an der Zeit. Unserer Fahrt hierher verlief gut, bis auf einige Regenschauer, die uns leicht durchnässten, da ich so wenig Lust hatte, geschlossen zu fahren, aber eine dicke schwarze Wolke verfolgte uns mit konstanter Bosheit, alle 5 Minuten hielten wir wieder unter einem anderen Baum und warteten, bis wir schliesslich so im Wagen schwammen, dass wir ihn doch zu machen mussten. Es tat mir so leid, dass wir uns so wenig nett verabschieden konnten, aber wenn andere Menschen dabei sind, fällt es ja oft so aus wie man nicht möchte. Ich machte mir schon Gedanken, dass ich Dich ins Vegetarische bestellt hatte, noch dazu, wo wir sozusagen mit dem Essen fertig waren, und ich nicht wusste, dass Du auch noch Essen wolltest. Aber bald, mein Lieb, brauchen wir uns ja nicht mehr zu verabschieden und dann haben diese Augenblicke ein Ende.
Sonntag habe ich nun endlich einen sehr langen Brief an Hertha abgeschickt, wodurch ich nicht mehr dazu kam, Dir zu schreiben, oder vielmehr auch keine rechte Lust hatte, und wollte es am Montag tun. Zu meinem grössten Ärger sassen wir jedoch den ganzen Tag und mussten Bohnen pahlen, ich war auf Tourenzahl, aber diese Erzeugnisse aus dem Garten können ja nicht liegen bleiben und so geht es nun dauernd weiter. Ich verpasste also den Postschluss und wollte nun gestern ganz bestimmt schreiben. Doch da wir den ganzen Tag in Rostock zubrachten, glückte auch dies nicht, selbst dort war keine Zeit, da ich nicht allein war, und hier angekommen war der Zug wieder über die Berge. Das war der schnelle Verlauf der Tage. Nicht mal zum baden war Zeit, und dabei ist es so wundervoll warm.
Eben sind nun Vera S. und Kurt N. mit ihrem neuen Wagen hier angekommen, solange sie ihre Sachen auspacken, kann ich Dir noch ein wenig erzählen. Sie haben einen sehr schönen neu hellgrauen Ford, den grossen, können aber nur langsam fahren, da er erst 1000 km. hat.
Meine Aufgabe wird es nun sein, das junge Paar in der Gegend umherzuführen, lieber wäre mir ja, wir könnten alles per Rad abmachen. Mein Puck, wenn Ihr Sonnabend kommt, sind sie vielleicht ja noch hier, unter Umständen kann das sehr nett werden, dann kennen sie es schon, und ich brauche mich nicht dauernd um sie zu kümmern, sodass wir unserer Zeit auch für uns haben. Haben Maria [nicht die Schwester] und Albrecht schon was von sich hören lassen? Kommt Ihr zusammen? Wenn Ihr das Gepäck dann noch verstauen könnt, wäre es ja sehr nett. Aber bitte komm nicht so spät, Du kannst Dich ja dann auch noch hier hinlegen oder in der Sonne ausruhen. Warst Du letzten Sonntag mit O’s fort? Spielst Du viel Tennis? Und wie ist es im Geschäft? Bewährt sich Deine Maschine? Oder hast Du sie wieder mitgenommen. Was macht die Grossrechnung? Und der Export, den Du unter Dir hast? Sonnabend musst Du mir über alles berichten.
Puck, ich muss jetzt schliessen, sei nicht bös, aber wir sehen uns ja bald, und holen dann nach, wir wollen jetzt in den Wald, um etwas Wild zu sehen. Es liebt Dich besonders, auch wenn Du nur selten und wenig von mir hörst, Deine
Lini.

Ich freu mich so auf Sonnabend!

 

 

26.06.1936: Mein lieber Puck! (Leni)

Und ich so: Wo ist denn Tisch? Ja, also, sie fahren nach dem Essen los. Hauptsächlich besteht dieser Brief aus einem einzigen Satz, der noch dazu unfassbar verwirrend ist.

N., den 26.6.36

Mein lieber Puck!

Sehr habe ich mich über Deinen lieben Brief gefreut, hab 1000 Dank mein Lieb. Ich kann Dir jetzt leider nur kurz schreiben, weil gleich wieder Postschluss ist. Wir fahren schon am Sonntag von hier und zwar nach Tisch, sodass ich hoffe, falls Du zu Haus bist, Dich eventuell noch zu sehen, jedenfalls kommen wir ja erst am Spätnachmittag, und ich möchte auch nicht wenn Du etwas besonderes vor hast, vielleicht gehtst Du ja mit einem Mädchen aufs Derby, was ich nicht hoffen will, dass Du deswegen absagst, denn nachher wartest und wartest Du und wir kommen erst spät. Ich rufe irgend wo bei Dir an. Mein Lieb, ich freu mich so Dich schon so bald zu sehen, hoffentlich haben wir ordentlich etwas von den kurzen Tagen und sind wir nicht beide anderweitig zu sehr in Anspruch genommen. Ich glaube, für mich ist es besser, wenn G. mitkommt [der Fahrer], dann bin ich nicht so abhängig.

Vorgestern waren wir den ganzen Tag in Lübeck und gestern in Rostock, sodass zum Schreiben keine Zeit war. Heute abend bin ich bei H‘s eingeladen, ganz allein von hier, aber mit anderen Leuten, hoffentlich wird es nicht so langweilig.

Mein Lieb, bis übermorgen, ich freu mich sehr Dich zu sehen.

1000 Grüsse Deine

Leni.

Lini.

Leni unterschreibt an Friedrich nun als Lini, offenbar hat er es geschafft, aus ihrem Spitznamen einen Kosenamen zu machen. 

23.06.1936: Mein Geliebtes! (Leni)

Friedrich legt sich ja wirklich ins Zeug, Leni ganz oft zu besuchen. Nun ist sie gerade 27 geworden.

N., den 23. Juni 36

Mein Geliebtes!

Da wir wohl morgen fast den ganzen Tag in Lübeck zubringen werden, will ich Dir schnell noch einige Zeilen schreiben, damit Du nicht allzu lange auf Post zu warten brauchst. Puck, ich bin so glücklich, dass Du kamst und habe es wieder so genossen. Bei Dir bin ich nicht ganz sicher, ob die Strapazen der Fahrt und die Anstrengungen auch im Verhältnis zu dem stehen, was wir Dir hier bieten können. Das Wetter konnten wir uns ja wirklich nicht schöner denken, und die Wasser und Sonnenluft hat sicher ein wenig dazu beigetragen, Dich von der anstrengenden Woche zu erholen, aber ich weiss nicht, ob die Fahrt am nächsten Morgen und der lange Geschäftstag nicht 3/4 der Ausspannung wieder mit sich nehmen. Es gehört schon eine ziemlich derbe Natur dazu, ca. wie meine, glaubst Du nicht auch? wie! – -

Es muss ja eine wundervolle Fahrt gewesen sein, das Wetter war hier jedenfalls den ganzen Tag noch fantastisch. Hat Albrecht sich einiger massen benommen? Und wart Ihr rechtzeitig dort, ohne zum Schluss zu jagen? Ich bin auch aufgeblieben und habe den schönen Morgen genossen und zu gleich gesehen, was um die Zeit auf dem Hof vor sich geht oder auch nicht getan wird. Es hat mir so gefallen, dass ich auch heute schon um 7 Uhr wieder draussen war und es in Zukunft noch öfters tun werde. Den Forstarbeitern, die an sich um 7 mit ihrer Arbeit beginnen sollen und kurz vor halb 8 hier vorbei geschlendert kommen, rufe ich ein freundliches Mahlzeit entgegen, sowie man es mit mir in der Bibliothek machte, nur dass ich das schon bei einer halben Minute zu spät zu hören bekam.

Mein Lieb, El Hakim habe ich schon durch, zum Teil kannte ich es ja, aber ich liebe das Buch so sehr und muss Dir nochmal für beide sehr herzlich danken, denn Du hast gerade das Richtige getroffen und ich finde es überhaupt so rührend von Dir. Du musst sie bald lesen.

Gestern morgen kam ein Graf Strachwitz, Bekannter von Maria, zu Besuch. Er ist katholischer Geistlicher und Schriftsteller, er konnte ser interessant erzählen, hauptsächlich aus seinem Elternhaus, und ist viel herum gekommen. Gerh. Hauptmann zählt er zu seinen Busenfreunden, manchmal weiss ich nicht, ob man alles glauben darf, was einem erzählt wird, es klingt oft sehr fantastisch, aber es liegt wohl daran, dass man zu wenig mit solchen Leuten zusammen kommt, und in gewisser Weise auch fern steht, ferner muss ein Dichter und Schriftsteller ja auch recht viel Fantasie haben. Ein Uronkel von ihm, mit demselben Namen war recht berühmt, wir haben ihn in Leipzig in der Literatur ziemlich gründlich durchgenommen, er wusste natürlich noch viel interessantes von ihm zu erzählen, was man in der Öffentlichkeit sonst nicht von ihm weiss. Das Beste ist, dass dieser, der jetzt hier war, ein richtiger Vetter vom Grafen R. ist [dem Vorbesitzer des Gutes], das Gut aber nie gesehen hat, da sie sich nicht sehr hold sind, so hat ihn der Aufenthalt doppelt interessiert. Vorhin ist er wieder abgefahren. Die Petersstraße in Leipzig heisst nach einem Vorfahren von ihm, Peter Homann, der dann plötzlich durch sein vieles Geld zu einem hohen Tier wurde, das ist aber lange her.

Mein Lieb, ich will jetzt schliessen, Du musst den Bogen entschuldigen, aber er lag hier gerade [es handelt sich um Briefpapier der väterlichen Firma]. Ich bin nämlich dabei, an Hertha zu schreiben und habe die Seite nur heraus genommen, da ich sie zu Ende hatte, aber nun muss es weitergehen, damit der Brief endlich fortkommt, in unserem eignen Interesse. Hat es bei Euch heute auch gewittert und geregnet?

Lass es Dir gut gehen, mein Lieb, und schreib bald; dass Ihr angekommen seid, hörten wir heute von Albrecht, nur hat er nichts näheres geschrieben. Grüsse Deine Mutter bitte sehr. Nächste Woche, mein Lieb, sehen wir uns ja schon wieder, vielleicht kannst Du es ja erreichen, dass Du die letzten beiden Tage frei bekommst, das wäre natürlich doppelt schön für uns, und ich erlebe zugleich Deinen neuen Geschäftstag und kann Dienen Eindruck hören. Wo wir übernachten, weiss ich noch nicht, Mama kommt ja mit.

Es liebt Dich besonders
Deine nun schon alte Leni.

“El Hakim” von John Knittel will ich jetzt natürlich auch lesen. Bei meinen Eltern steht es leider nicht.
Schade, dass heutzutage so exzessiv “Mahlzeit” gesagt wird, da fällt es gar nicht auf, wenn man einen Zuspätkommenden mit dieser Begrüßung zu tadeln versucht.

Ölfinger
pfui!

18.06.1936: Mein einziger Puck! (Leni)

Es geht um den Kauf eines Hundes. Spoiler: Er wurde nicht angeschafft.

N., den 18.6.36

Mein einziger Puck!

Zwei liebe Briefe habe ich hier, für die ich Dir beide herzlichst danke, ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich so wenig geschrieben habe, denn ich muss sagen, dass ich Schreibfaul war, denn mein Rücken hätte es schon ertragen, da er seit gestern zum Glück wieder besser ist, ich dachte schon fast, ich würde es zu diesem Wetter Wochenende nicht wieder los werden, aber die Sonne beseitigt den Rest. Mein Lieb, ich bin so froh, dass Du mit der Besprechung bei S. u. E. so zufrieden bist und alles, was Du darüber schreibst, kann ich auch nur finden, dass die Leute ausserordentlich entgegenkommend scheinen. Hoffentlich ist Dein Vorgesetzter dort angenehm, sodass Du nicht unter den Launen und Schikanen dieser Herrn zu leiden hast. Ich halte es nicht für wahrscheinlich, dass sie es nicht sind. Wenn ich mir das Ganze überlege, komme ich immer wieder zu dem Ergebnis, dass ich mir diese schnelle Veränderung nicht in meinen kühnsten Träumen vorgestellt habe. Auch die Gehaltsfrage finde ich ausserordentlich befriedigend, sie enthält nicht nur die Zigarettenfrage sondern auch die Miete für 2 Personen. Das erstere wird wohl nach und nach ganz fort fallen.

Ölfinger  pfui!

Ölfinger
pfui!

Mein Puck, Deinen Vorschlag, mir den Hund zu schenken, finde ich wonnig und würde mich auch sehr dazu freuen, wenn es nicht einige Abers hätte, die mir W. heute vortrug, denn Albrecht hatte ihm auch schon den Hunden erzählt. Er sagte, diese Rasse sei sehr lebhaft, damit meint er wohlmöglich jagen, obgleich es gar kein Hund für Hochwild ist, und sich auch durch Dressur nicht dazu eignen würde, sondern mehr ein Hühnerhund und eventuell für Hasen. Aber eine Fährte aufzunehmen wie Nicki verstehen diese Hunde nicht. Vorstehhund nannte er solche. Nun wäre das ja auch absolut alles nicht nötig und könnten wir ebenso gut einen Hund haben, der sich nicht für die Jagd eignet, aber ich muss immer denken, sollte er sich das in den Wald laufen wirklich angewöhnen und ihm schwer abzugewöhnen sein, so wäre es ja eine scheussliche Qual für das Tier, wenn man es immer anbinden müsste, oder ihm einen Klotz ans Bein bindet, wie wir es vor einigen Jahren mit einem taten, der auch dauernd in den Wald lief, bis er eines Tages ganz verschwand. Vorher hatte ich ihn schon so oft im Wald angetroffen, weit vom Hof, trotz seines Klotzes, der ihn doch hindern sollte. Ich selbst würde mich riesig über den Hund, noch dazu von Dir geschenkt, freuen und möchte es sehr gern, aber ich weiss nicht, was ich so recht dazu sagen soll. Vielleicht kann man näheres über die Art bei Frau Schramm erfahren, ob die Anlage stark vorhanden ist, auf der anderen Seite möchte ich keinen Hund haben, der dauernd an der Leine liegen muss. Ich finde die Idee so wonnig von Dir und würde mich auch so schrecklich freuen, aber Du darfst nicht böse sein, dass ich Dir diese Bedenken schreibe. Ich überlasse es also ganz Dir, denn ich kann einfach nichts sagen, das Herz ist dafür und der Verstand dagegen.

Mein Lieb, ich bin selig, übermorgen sehen wir uns schon, komm nur nicht so spät, dass wir auch viel von den beiden kurzen Tagen haben. Albrecht kommt morgen mit dem Pferd hier angeritten und bleibt über Sonntag, er geht dann nach Hamburg, glaube ich. Hoffentlich haben wir so schönes Wetter wie die beiden letzten Tage, ich habe die Sonne sehr ausgenutzt.

Mein Lieb, ich muss jetzt leider schnell schliessen, denn dies muss zur Post, sonst hast Du es morgen nicht, ich hatte an Maria einen langen Brief über die Leipziger Schule zu schreiben, was mich sehr aufhielt.

Sei nicht bös, dass es heute so dürftig, und vor allem fehlerhaft geworden ist, ich werde mich jetzt langsam einschreiben. – -

Denkst Du an meine Schuhe, und wenn es keine Umstände macht an meine Uhr?

Es liebt Dich, freut sich und ist unendlich glücklich Deine Leni.

Mal abgesehen von diesen tierquälerischen Maßnahmen, die beschrieben werden (Klotz am Bein?!), musste ich an einer Stelle doch lachen. Leni schreibt: “ich muss immer denken” – das ist DER typische Satz, den ich mit ihr in Verbindung bringe. 

14.06.1936: Mein Lieb! (Leni)

Friedrich hat eine neue Arbeit. Da er nicht in der NSDAP ist, gab es offenbar Probleme am Arbeitsplatz – Genaueres weiß ich leider auch nicht.

N., den 14. Juni 36

Mein Lieb!

Mehr denn je muss ich in diesen Tagen an Dich denken, all meine erdenklich besten Wünsche waren bei Dir, dass Deine Besprechung und Deine Lage für die Zukunft so gut wie nur erdenklich für Dich ausfällt. Mein Puck, ich bin nämlich etwas in Sorge, da ich auch heute noch nichts von Dir gehört habe, ich kann mir denken, dass Du nur sehr wenig Zeit zum Schreiben hast, aber es genügt ja eine kurze Postkarte, die mir nur sagt, dass Du die Fahrt gut überstanden hast, man macht sich sonst so viele Gedanken und regt sich vielleicht unnütz auf. Wie habe ich die Tage mit Dir genossen, mein Lieb, es war so schön wie es jetzt eben sein kann und Du glaubst garnicht wie glücklich ich bin, dass wir jetzt Aussicht haben, in absehbarer Zeit zu heiraten, wir werden beide gewiss unsagbar glücklich werden. Die schönen Stunden, die wir hier zusammen draussen erlebt haben, hatten dummer Weise ein nicht so angenehmes Nachspiel, denn mein Hexenschuss wurde dauernd schlimmer anstatt besser und hat sich auch noch nicht gegeben. Gestern habe ich zu Bett gelegen und ordentlich geschwitzt, mit vielen heissen Kartoffeln im Rücken, was sehr gut sein soll, doch hat es wenig genützt. Im Bett kann ich noch schlechter liegen, es ist besser, auf zu sein, wenn ich auch kaum gehen kann. Es ist so ärgerlich, weil ich so vieles tun möchte, mit Frl. Rut. bin ich auch dadurch nicht so ganz zu Ende gekommen, wir konnten aber die Arbeit doch soweit besprechen, die ich jetzt in Zukunft tun werde, es ist ein kleiner Teil der Buchführung.

Mein Lieb, ich freu mich schon so auf nächstes Wochenende, hoffentlich kommt für Dich nichts dazwischen, und haben wir besseres Wetter als neulich, heute war es hier das erste Mal wundervoll. Ich möchte Dich dann bitten, mir meine Armbanduhr mitzubringen, sie wird in Hamburg repariert bei Bühring Speersort, vielleicht rufst Du Frl. Rut. mal an, dass sie sie dort abholt und Du wiederum bei uns am Kontor Tel XXXXXX. Ich wäre Dir sehr dankbar, wenn Du sie mitbrächtest.

Fand Deine Mutter Dich ein wenig erholt? Und hast Du sie abends noch angetroffen? War der erste Geschäftstag sehr schlimm? Man hatte doch sicher nicht erwartet, dass Du kamst. Du musst mir sehr bald schreiben und von allem berichten, hier in der Einsamkeit habe ich soviel Zeit über alles nachzudenken und male mir unsere spätere Zeit schon in den schönsten Farben aus. Diese Woche fahren wir einen Tag nach Rostock und dann nochmal nach Lübeck, aber leider werde ich nicht mal eben bei Dir vorsprechen können, zwischen dem 20. und 30. komme ich aber kurz.

Mein Puck, ich freu mich so sehr für Dich, dass diese erste Zeit bei Bolten für Dich nun ganz bald vorbei ist, es übertrifft doch weit unsere Erwartungen, dass es so schnell ging, wer weiss wenn Du später damals eingetreten wärest, wie ungünstig es durch die Gesetze für uns hätte werden können. Damit glaube ich nicht, dass für Dich die erste Zeit in der neuen Firma leicht sein wird, weil Du dich ja wieder erst umstellen musst und wahrscheinlich auch einige Dinge neu hinzukommen, aber immerhin ist es ja ganz etwas anderes als damals. Ich bin auch fest der Überzeugung, dass die damalige Umstellung trotz ihrer rasenden Härte für uns, in erster Linie aber für Dich noch sehr viel gutes haben wird und eigentlich ja schon hat, jedenfalls was das Vorwärtskommen anbetrifft. Nicht wahr mein Puck?

Es liebt Dich sehr, sehr sehr

immer Deine Leni.

29.05.1936: Mein einziger Puck! (Leni)

Hach, diese Sehnsucht! 

N., den 29. Mai 36

Mein einziger Puck!

Ich hoffte heute bestimmt von Dir zu hören, aber leider wurde es nichts. Eine ganze Woche weiss ich nicht, wie es Dir geht, doch denke ich gut, denn meistens hat man gerade dann keine Zeit zum Schreiben. Mein Lieb, ich möchte Dir sehr schöne Pfingsttage wünschen, ich nehme an, dass Du morgen Ferien nimmst und wahrscheinlich dann mit Rainer fortfährst. Oder sollten sich Deine Pläne geändert haben. Wenn Du schon jetzt kommen willst, würde ich mich natürlich rasend freuen, es passt immer und wir könnten die Tage herrlich geniessen. Morgen kommen Albrecht und Götze und Sonntag Maria [nicht Lenis Schwester]. Nach Pfingsten kommt Alice. Wenn ich nur wüsste, wo Eure Tour hingeht, eventuell hätten wir uns ja auch unterwegs irgendwo treffen können. –
Gestern waren wir den ganzen Tag in Güstrow, es gab so vieles zu erledigen, nur kommt man in diesen Kleinstädten so langsam vorwärts. Momentan zieht Maria [Lenis Schwester] mit den Kindern und Mädchen in die Gartenwohnung, alles ist furchtbar beim einrichten beschäftigt, ausserdem wird dort noch gemalt.
Puck ich bin so viel auf meinem Rad unterwegs, es macht mir so unendlich viel Spaß, weil es immer wieder etwas neues zu sehen gibt, doch habe ich auf diesen Touren auch viel Zeit an dich zu denken, und möchte am liebsten alles mit Dir zusammen machen. Aber nächste Woche um diese Zeit ist es ja schon so weit, wenn Du nicht noch früher kommst. Wie hat man sich im Geschäft zu Deinen Ferien geäussert? Macht man lange Gesichter? –
Fährst Du viel in Deinem neuen Boot? Es ist hier so kalt, dass ich noch nicht einmal auf dem Wasser war, ich muss mich notwendig um die Boote kümmern, sonst sind sie nachher nicht fertig, wenn wir gern fahren wollen, ich nehme doch an, dass es nächste Woche endlich mal warm werden wird, denn dann ist schon Juni. Am 2. hat Mama Geburtstag, vielleicht könnte man dann eine nette Tour machen, damit sie hier mal nicht ist. Eventuell bleibt Albrecht ja auch so lange. Frl. Rut. kommt leider gleich nach Pfingsten, dann soll das Einführen hier in den Betrieb vor sich gehen, ich wollte so gern, dass sie noch jetzt kam, ich habe doch bestellen lassen, dass ich am 5. Besuch erwarte, denn ich will doch in den Tagen Deines Hierseins nicht dauernd im Kontor sitzen. Aber sie konnte es jetzt nicht mehr machen.
Mein Puck, von hier erzählen kann ich Dir garnichts, Du erlebst ja viel mehr täglich, denn hier ist ja jeder Tag eigentlich gleich. Es wäre zu schade, wenn nächste Woche die Kastanien- und Flieder-Blüte nicht mehr so schön ist wie jetzt, Du kannst Dir die augenblickliche Pracht einfach nicht vorstellen, es ist ganz fantastisch, da wir so ungeheuer viel von beiden haben. Mein Lieb, ich wünsche Dir so sehr, sehr schöne Tage, und möchte, dass Du es restlos geniesst, und vergisss ja nicht, falls sich Eure Tour zerschlagen sollte, hier herzu kommen, es geht immer. Es liebt Dich und schickt Dir 10 000 K.. und wartet sehr auf einen Brief

Deine Leni

Bitte grüße auch Deine Mutter und wünsche Ihr ebenfalls schöne Pfingsttage.

23.05.1936: Mein lieber Molly-Puck! (Leni)

Hach, ein besonders schöner Brief!

N., den 23. Mai [1936]

Mein lieber Molly-Puck!

Wieder wird es kein Sonntags Gruss, sondern ein Montags Brief, es ist schlecht, mein Lieb, aber es wird bald besser. Ich freu mich ja schon so auf Dein Kommen, hoffentlich hat der Himmel ein Einsehen und wird das Wetter bis dahin besser, momentan ist es grauenhaft, aber mich darf der Regen nicht abhalten, ich muss viel unterwegs sein und habe im Revier immer etwas zu gucken. Für Deinen lieben Brief gebe ich Dir in Gedanken einen Kuss, doch darfst Du sie nicht auf Deinem Schreibtisch liegen lassen, denn sonst müsste ich selbst den in Gedanken gegebenen Kuss wieder zurücknehmen.

Ich freu mich so für Dich dass Dir das Boot soviel Spass macht, ich kann mir ja so denken, wie man sich nach einem langen Geschäftstag nach solcher sportlichen Ausarbeitung sehnt. Diese Freiheit geniesse ich hier ja so enorm, dass man jeder Zeit hinaus kann, wenn man möchte, und dadurch dauernde Abwechslung hat. So langsam versuche ich mich im Kontor einzuarbeiten, vorwiegend beschäftige ich mich mit der Buchführung, natürlich fehlen mir dauernd Frl. Rut.s Erläuterungen, aber nach Pfingsten kommt sie für einige Zeit hierher.

Morgen fahren wir nach Teutendorf, um Albrecht zu sehen, Floto hat uns in folge dessen zum Essen aufgefordert und so wird der Tag darüber hingehen. Du wirst sicherlich eine kleine Autotour machen, Puck geniess die Sonntage nur ordentlich, denn wenn wir erst verheiratet sind, musst Du Dich ja immer mit mir abplagen, dann beginnt ja erst die richtige Not, ob wir es überstehen werden??! Mein Lieb ich freu mich so und viel schneller als wir denken wird es soweit sein, denn die Tage rasen förmlich.

Pfingsten muss das Wetter ja gut werden, wenn es jetzt so schlecht ist. Ich finde die Zeit vom 5.-12. für uns ja fast ein wenig kurz, wiederum wenn Du mit Rainer vorher eine Tour machen willst, geht das auch nicht so schnell. Ich würde es sehr begrüssen, wenn Du schon am Donnerstag kämst. Ich habe es Mama erzählt, sie ist sehr einverstanden, und findet es nett, dass Du kommst. Eventuell kommt Alice auch kurz, sonst wird wohl niemand hier sein. Unsere Reise können wir noch nicht machen, es gibt hier zu viele Dinge, bei denen wir nicht fehlen können, und Mama hätte dauernd kein schönes Gefühl. Sie möchte es sehr gern, doch müssen wir es verschieben, denn im Augenblick haben wir zu viele Handwerker und ich kann aus meiner eben angefangenen Sache nicht wieder heraus oder vielmehr muss erstmal hineinkommen.

Mein Lieb, ich schliesse für heute, es ist auch schon ganz viel, mit der Hand würden es endlose Bogen ergeben, Du darfst die Maschine nicht unterschätzen, nachher muss ich den Brief wieder in den Ort radeln wie letztes Mal, da war der Gärtner ausgerechnet eher fort gegangen.

Puck, ich liebe Dich viel mehr als Du ahnst, weil es dafür eben keine Worte gibt, nur träumen kann ich nicht von Dir, weil ich fast nie träume und das leider nicht in der Hand habe, sonst wäre es was anderes.

Geniess den Sonntag sehr und überhaupt jede freie Zeit, grüsse bitte Deine Mutter herzlich und komm bitte sehr bald.

Es liebt Dich Deine Leni

Wer Floto ist, weiß ich nicht. Wichtige Personen findet Ihr immer in der Liste unter “Über die Briefe” – einfach hier oben rechts klicken.

18.05.1936: Mein lieber Puck! (Leni)

Am 7.4.36 starb Papa (hinten betont, ich kann es nicht oft genug sagen), Lenis Vater. Er wurde auf dem Gut beerdigt, das Grab findet man dort auch heute noch im Wald.

N., den 18. Mai 36

Mein lieber Puck!

Ich schäme mich sehr, dass ich Dir erst heute schreibe. Mein Puck darfst nicht böse sein, und glauben, dass ich nicht an Dich denke. Aber der Tag vergeht wie wenige Stunden, hinzu kommt, dass hier sehr viel zu tun ist, da wir noch beim gründlich rein machen sind, und das ist immer eine höchst ungemütliche Zeit. Dauernd wird von einem Haus ins andere gelaufen, da Maria [Lenis Schwester] jetzt umziehen soll und oben die neuen Zimmer auch bezogen werden. Gestern hätte ich zwar viel Zeit gehabt, Dir zu schreiben, aber leider hättest Du den Brief dann heute auch noch nicht gehabt, da Sonntags keine Postverbindung ist. Dafür hast Du mich mit sehr lieben Zeilen erfreut, mein Lieb, ich danke Dir sehr. Ob Du wieder ganz gesund bist? Und am Sonnabend auch noch nicht im Geschäft warst. Hoffentlich hast Du die beiden Tage ordentlich geniessen können, denn es ist so schön, mal nicht in dem dumpfen Geschäft zu sitzen und dauernd viel um die Ohren zu haben. —

Gestern habe ich große Radtouren gemacht und habe in folge dessen heute ganz nette Gliederschmerzen. Wie schnell ist der Körper doch von so kleinen sportlichen Sachen entwöhnt. Es war überall wunderschön, schon durch das Wetter und den Frühling, nur Du fehltest bei allem. Die übliche Tour um den langen See kam selbstredend als erste und Du glaubst nicht, was es auch alles zu sehen gab, an Tieren und sonstigen Neuigkeiten, die gemacht sind. Die kleinen Buchen, Lerchen und Birken sind so besonders reizend, Du musst bald kommen, dass Du es noch so siehst, wie es jetzt ist. Ich finde Deinen Ferien Vorschlag sehr gut, Du kannst hier natürlich sein so lange Du willst, ich freu mich schon unendlich, vielleicht können wir ja auch noch ein paar Tage fortfahren, wenn ich sage, ich ginge nach R. [also nach Hause zum Hauptwohnsitz]. Ich kann heute noch nicht so sehr viel darüber sagen, doch finde ich den Zeitpunkt, den Du gewählt hast, sehr gut. Vielleicht kann man schon baden. Im Moment sitze ich wunderschön in der Sonne mit Aussicht auf den See, der sehr blau mit kleinen Schaumköpfen ist.

Puck sonst kann ich Dir wenig schreiben. Sehr fröhlich sind wir gerade nicht, Mama ist zu unglücklich und hier besonders, was ja auch kein Wunder ist, ich könnte Dir so tausend Dinge aufzählen, durch die man dauernd an Papa erinnert wird, wodurch der Verlust immer schärfer hervor tritt, weil man eben zu Lebzeiten dies alles als selbstverständlich und nichts besonderes hin nahm, jetzt ist es alles anders.

Mit meiner zukünftigen Arbeit habe ich noch nicht begonnen, es ist im Augenblick noch zuviel anderes, vorläufig frage ich nur und versuche mich nach allen Seiten zu orientieren.

Puck bald hörst Du mehr, unserer Fahrt neulich war bezaubernd. Morgen geht es nach Güstrow.

Geht es Deiner Mutter wieder besser? Du musst sie sehr grüssen, wie war der Tag neulich, ist er zur Zufriedenheit verlaufen und hat es Deine Mutter nicht zu sehr angestrengt?

Puck ich liebe Dich sehr, schreibe Dir bald wieder, danke Dir 1000 mal für Deinen Brief, und hoffe dass Du bald kommst.

Deine Leni

Soso, Leni würde also behaupten, dass sie nach Hause fährt, und stattdessen ein paar Tage mit Friedrich verbringen. Unerhört! Bei dem Besuch auf dem Gut hatte ich gedacht, dass sie sich dort schrecklich gelangweilt haben muss, ich hatte aber nicht an die Möglichkeit der langen Radtouren gedacht. So hat sie also ihre Zeit verbracht! 

Was mir unabhängig vom Inhalt auffällt, ist die Angewohnheit, zusammengesetzte Substantive auseinander zu schreiben (“Ferien Vorschlag”) – heutzutage wird ja immer behauptet, das sei ein Anglizismus. Neu ist das Phänomen offenbar nicht.

20.12.1935: Mein Lieb! (Leni)

Wir springen zurück ins Jahr 1935 – Leni ist in Friedrich verliebt. Übers Wochenende ist sie mit Mama aufs Gut gefahren – selbst gefahren, wohlbemerkt. Auf unserem Besuch dort vor Kurzem wurde uns erzählt, dass die Straße erst seit ein paar Jahren befestigt ist.  

N., den 20.XII.35

Mein Lieb!

Eigentlich habe ich zum Schreiben gar keine Zeit, denn der Tag ist mit Weihnachtsarbeiten voll ausgefüllt, deshalb wird es nur kurz, aber ein desto herzlicher Gruß zum Sonnabendnachmittag. Wie Du ihn wohl genießt, vor allem durch die Vorfreude auf die folgenden Festtage mein Puck, ich wünsche Dir so sehr, daß Du Dich dann etwas erholen und ausspannen kannst.

Unsere Fahrt gestern war furchtbar und ich werde so etwas niemals wieder machen. Ich konnte Mama und den Wagen zwar unversehrt abliefern, nachdem ich gute 6 Stunden auf der völlig vereisten Strasse in höchstens 30 km Tempo dauernd umherschlidderte. Geduld und rasende Vorsicht hat es möglich gemacht, daß wir hier unbeschadet ankamen. Denk Dir, es war spiegelblankes Eis, nur in den Städten und Dörfern nicht und nur sehr selten auf einigen Anhöhen gestreut. Wenn es am Sonntag nicht anders ist, kommen wir per Bahn.

Eben höre ich, daß keine Postgelegenheit mehr in den nächsten Ort ist, alle Leute sind eher als sonst fortgegangen, dabei ist es erst 4 Uhr.

Hier draußen ist es wunderhübsch, es hat den ganzen Tag geschneit und dann die schöne Luft.

Mein Lieb, am Montag müssen wir uns sehen, ich habe Dir noch garnicht von unserem Mann aus Japan erzählt, der bei Alice wohnt.

Es liebt Dich und gibt Dir einen innigen Kuß

Deine Leni.

Mann aus Japan? Darüber weiß ich gar nichts. Zwar wohnte einer von Friedrichs Brüdern in Japan, der kann aber kaum gemeint sein!