Schlagwort-Archiv: 2. weltkrieg

Rückkehr – Leni bloggt (10)

Seit dem 1. Mai 1945 befindet Leni sich mit ihren beiden älteren Kindern in Schwerin im Krankenhaus. Um sie herum tobt das Chaos, in ihr drin ebenso. Ein Kind beerdigt, eins zurückgelassen, keine Nachricht vom Ehemann. 

Was hätte ich denn machen sollen? Es hat keinen Sinn, sich Vorwürfe zu machen, was passiert ist, ist passiert. Jetzt ist die Frage, wie es weitergeht. Es ist unmöglich, zu dem Gut zurückzukehren, auf dem ich Hans zurückgelassen habe. Ich habe es versucht, wieder versucht, noch einmal versucht.

Weiterlesen

Fluchtgeschichten – Leni bloggt (7)

Wir sitzen im Krankenhaus fest. Die 7-jährige Helene wird noch eine ganze Weile liegen müssen, ihr eines Bein ist stark verletzt. Bei Klaus sieht es besser aus, und auch mein Arm ist nicht allzu übel zugerichtet. Ich habe die Genehmigung der Amerikaner, mich weiter nach Osten durchzuschlagen, aber es ist mir bisher weder gelungen, den Wagen mit dem toten Christian zu finden, noch konnte ich bis zu dem Gut vordringen, auf dem sich der einjährige Hans befindet.

Zurück im Krankenhaus wird mir mitgeteilt, dass ich gesucht werde. Paulina, meine Hausangestellte, sitzt am Bett von Helene. Oh, wie bereue ich es, ihr meinen Hans nicht mitgegeben zu haben.

Sie ist vollkommen aufgelöst, der Treck wird nicht weitergelassen und von unseren drei Fuhrwerken ist nur noch eins übrig, Paulina wurde vollkommen ausgeplündert. Auch jetzt will sie schnell zurück, um auf das restliche Hab und Gut zu achten. Ich gehe mit ihr und bin entsetzt, wie wenig uns geblieben ist.

Sie wird weiterhin versuchen, nach Hamburg zu gelangen. Wir können nur hoffen, dass sie dort meine Schwiegermutter wohlbehalten antrifft.

Leni sitzt also weiterhin in Schwerin fest, während ihr jüngster Sohn nur wenige Kilometer von ihr entfernt auf sie wartet. Von ihrem Mann Friedrich hat sie keinerlei Neuigkeiten. Was hätte er berichtet? Ungefähr das hier:

Am 1. Mai kapitulierte meine Truppe in Fehrbellin. Nach monatelangen Kämpfen waren wir vollkommen erschöpft und geradezu dankbar für die Ankunft des Russen. Man trieb uns hinter Stacheldraht zusammen und dann wurde offenbar beraten, was mit uns zu geschehen sei. Es gibt Gerüchte über Transporte nach Sibirien.

In der zweiten Nacht gelang es mir zu fliehen. Seitdem gehe ich nach Norden. Immer nach Norden, durch die zerstörten Wälder. Nachts marschiere ich, tagsüber verstecke ich mich im Laub. “Marschieren” ist maßlos übertrieben, ich stolpere voran und versuche, etwas Essbares zu finden. Ich hoffe, meine Familie wohlbehalten auf dem Gut anzutreffen.

Friedrich hat Geburtstag – Leni bloggt (3)

35 wird Friedrich heute. Wie er seinen Tag wohl verbringen mag? Sich jetzt noch den Russen entgegen zu stellen, scheint mir derartig sinnlos zu sein. Und doch schicken noch immer Mütter ihre Söhne freiwillig an die Front. Noch immer gibt es Menschen, die an diesem Wahnsinn festhalten.

Von Westen rücken die Alliierten vor. Ich hoffe, sie erreichen uns bald, aber vor den Russen werden sie auf jeden Fall da sein. Die Straßen sind vollkommen mit Flüchtlingen verstopft, sie lagern auf dem ganzen Gut, es ist schrecklich. Viele Kinder sind unterwegs gestorben. Sie werden notdürftig am Straßenrand verscharrt, das könnte ich nicht. “Aber man kann keine Leiche mit sich herumtragen”, sagt die eine Mutter, man könne nicht mal eben auf den nächstbesten Friedhof gehen und ein Grab ausheben lassen, es ist alles überfüllt, man muss vorangehen, jeder Aufenthalt kann das Ende bedeuten.

Ich kann mir das nicht vorstellen.

Die Kinder spielen mit den vorbeiziehenden Flüchtlingskindern, die vollkommen verdreckt sind. Einige baden im eiskalten See, der leuchtend blau daliegt, obwohl er von dem vielen Schmutz schon ganz grau sein müsste.

Wie wird Friedrich seinen 35. Geburtstag verbracht haben? Kaum sehr feierlich. Er war im heutigen Polen stationiert, es dürfte ziemlich schlimm gewesen sein. Sein einziger Geburtstag als Soldat.

“Schütze Arsch” war das Ziel seiner Soldatenausbildung, in der er nach eigenen Angaben hauptsächlich lernte, so strammzustehen, dass ein zwischen die Arschbacken gestecktes Markstück seine Prägung verlieren würde.

Das erwähnte er öfter, da er sich im Alter naturgemäß nicht mehr ganz so aufrecht hielt – von meiner Mutter, der Krankengymnastin, aber verordnet bekommen hatte, sich ab und zu mal vernünftig aufzurichten. Dann stand er da, blitze mich schelmisch an und sagte: “Sag ihr, dass ich aufrecht gestanden habe.”

Herzlichen Glückwunsch, Großpapa. Es war eine schöne Zeit mit Dir.