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Schiffsbriefpapier

21.12.1933: Niemand reelles an Bord (Rudu)

Statt Brief 19 gibt es heute Brief 20, weil 19 ja neulich schon aus Versehen dran war. :)

Schiffsbriefpapier

Schiffsbriefpapier

[Briefpapier: Norddeutscher Lloyd Bremen]

D. „Bremen“ [vorgedruckt] 21.12.1933

Liebe Leni und lieber Albrecht!

Euch beiden möchte ich sehr viele herzliche Wünsche zum Neuen Jahr senden. Ich werde mit meinen Gedanken wohl sehr viel bei Euch sein und mich, wenn auch nur für Stunden, unter Euch wünschen. Wie Ihr wohl die Ferientage verbringt, ob Ihr Gäste dorthabt in N.? Ich danke Euch noch herzlichst für die rührende Hülfe bei der Abfahrt. Morgen früh sind wir schon in New-York, die Fahrt ging unglaublich rasch. Außer Viktors Mutter mit ihrem Mann war niemand reelles an Bord, lauter Engländer oder Amerikaner. Heute hat man 2 Weihnachtsbäume aufgestellt, gut verankert, damit sie das Schaukeln vertragen. Papa ist munter und guter Dinge, wir haben beide viel gelesen und geschlafen.
Ihr müßt mir erzählen, wie Ihr die Ferientage verbracht habt und wer dort war. Schreibt mir nach La U., nicht nach Mexico.
Papa und ich haben festgestellt, daß wir die Poleinas nicht mithaben, ich glaube aber, daß sie in V. sind. Hoffentlich!
Ich schicke Euch eine Aufnahme von Papa und mir, wie wir in Bremerhaven an Bord gehen. „Im gleichen Schritt und Tritt“ – hoffen wir’s!
Grüßt alle die dort sind, Hausgenossen und Gäste, und seid vor allem selbst innigst umarmt von
Eurem Rudu,
der mit sehr viel Liebe an Euch denkt.

Mit Poleinas sind offenbar Polainas gemeint, das sind Stulpen.

29.06.1933: Papa freut sich sehr, daß Du ein paar Tage hier bist. (Rudu)

Heute nur ganz kurz und sachlich.

N., 29. VI 33

Liebe Leni –

gestern abend sind wir hier gelandet, heute abend kommen Mama + Frl. R. Zwischen M. und W. ist die Chaussee gesperrt, wir mußten einen riesigen Umweg machen und brauchten von W. hierher fast 1 ¾ Stunden. Es ist nun besser, daß Du am Sonnabend nicht bis W. sondern bis G. fährst. In G. holen wir Dich also am Sonnabend ab, wenn wir nichts anderes mehr von Dir hören.
Am Sonnabend kommen aus Berlin Mr. M. und noch ein anderer Amerikaner mit seiner Frau. Bis höchstens Montag früh sind die hier.
Papa freut sich sehr, daß Du ein paar Tage hier bist.
Vor allem freut sich
auf das Wiedersehen
Dein Rudu

Die Strecke zwischen W. und M. beträgt etwa 20 km Luftlinie, die tatsächliche Strecke dürfte um einiges länger gewesen sein. Es ist nach der heutigen Straßenlage aber vollkommen sinnlos, über M. zu fahren, da es einen direkten Weg gibt, für den man allerdings laut Routenplaner auch nach jetzigem Stand 45 Minuten braucht. 

Könnte auch Steno sein ...

21.06.1933: Ich fiel einer Intrige zum Opfer (Rudu)

Könnte auch Steno sein ...

Könnte auch Steno sein …

Wieder einmal ein verspäteter Geburtstagsbrief … 

21. Juni 33

Meine liebe Leni –

gestern fing ich einige Zeilen an Dich an, fiel aber einer Intrige zum Opfer, ein Telefongespräch kam, dann sich unseren anrichten und dann schnell zum Zug, um mich mit Richard zu treffen. So hole ich dann etwas verspätet das versäumte nach und wünsche Dir in allerherzlichster brüderlicher Liebe sehr viel Gutes für Dein Neues Lebensjahr. Es sind da so verschiedene Punkte, die besonders hervorzuheben wären, aber ich brauche sie wohl nicht zu nennen, denn in solchen Herzensdingen ist es schon gut zu wissen, daß der andere mit einem fühlt. Hoffentlich lebst Du Dich in Leipzig ein und bekommst Freude an Deiner Arbeit, die Dich die Unannehmlichkeiten vergessen läßt.

23.

Du musst bitte vielmals entschuldigen, liebe Leni – aber es sind schon wieder 2 Tage hingegangen + ich habe diesen Brief nicht zu Ende gebracht. Enorm viel vor noch vor Papas Ankunft, jetzt sitze ich hier im Bremer Wartesaal und warte auf ihn.
In Hamburg mußte ich Wiedersehen feiern mit Klaus + Günter und besonders mit ersterem gab es sehr viel zu besprechen. Wolf U. hat ja nun zum Glück eine Stellung.
Wenn Papa nichts Besonderes mit mir vorhat, habe ich vor am Montag nach Leipzig zu fahren. Dienstag hat der Professor Sprechstunde.
Von den Dingen hier muß ich Dir dann mündlich erzählen. Von B.s werde ich noch eine Karte senden, sobald ich genau weiß, ob ich fahre.
Bitte schelt nicht zu sehr auf mich, ich weiß, daß es an sich haarsträubend ist, daß Du zum Geburtstag keine Post von mir hattest. Ich werde mich bessern.

Von Herzen
einen lieben dicken
Kuß von Rudu

Liegt es an der Hitze? Ich kann schon wieder ein Wort nicht lesen. Rudu gibt sich aber auch gar keine Mühe, leserlich zu schreiben. Dafür hat er offenbar sein Studium doch noch nicht vergessen und möchte seinen Professor aufsuchen. Ob das helfen wird?

28.03.1933: … etwas kränklich, aber sehr nett. (Rudu)

Rudu denkt sich, dass Leni nach Leipzig gehen will, und organisiert fröhlich los. Ein wenig überrumpelt wäre ich da ja schon an ihrer Stelle.

La V. den 28. März [1933 – von Leni mit Bleistift hinzugefügt]

Liebe Leni!

Eben habe ich an Herrn von B. geschrieben. Ich denke mir, daß Du Dich inzwischen entschlossen hast, nach Leipzig zu gehen und ich dachte es mir für Dich sehr nett, wenn B.s Dich evtl. bei sich aufnehmen. Raten möchte ich es Dir jedenfalls, denn das Essen in Leipziger Restaurants und das Mieten eines möblierten Zimmers hat große Schattenseiten. Deine Freiheit hast Du bei B.s sicher.
Ich habe an B. geschrieben, daß ich an ihn schreibe ohne mich vorher mit Dir in Verbindung gesetzt zu haben, daß es also vorbehaltlich Deiner Einwilligung sei. Ferner habe ich erwähnt, daß Du in der Schule die gewöhnlichen Sommerferien der staatl. Schulen hast und diese höchstwahrscheinlich noch auszudehnen gedenkst, sodaß eine Complikation mit der Sommerreise „derer von B.“ nicht in Frage kommt. Im übrigen habe ich ihm mitgeteilt, daß er, falls er + seine Frau gewillt sind, Dich aufzunehmen, sich mit Dir über das Hamburger Kontor in Verbindung setzen möchte.
Das beste ist, nun, Du setzt Dich nach Erhalt dieser Zeilen mit von B.s auseinander, d. h. Du schreibst ihm, Du hättest von mir gehört, daß ich an ihn über Deinen Leipziger Aufenthalt geschrieben hätte und Du sehr gern annimmst, wenn er ihnen recht wäre oder eben, daß Du dankend ablehnst. So wäre es wohl das beste. Von hier aus so etwas einzufädeln hat ja immer seine Schwierigkeiten.
Die Häuslichkeit bei B.s ist sympathisch. Die Frau ist Norddeutsche, aus Kiel, etwas kränklich, aber sehr nett. Ihn kennst Du ja. Übrigens fällt mir eben ein, daß Deine Schule ziemlich früh anfängt, Du müßtest ihnen vielleicht das noch schreiben.
Für Deinen lieben langen Brief hab herzlichen Dank. Näher darauf einzugehen hat jetzt wenig Sinn mehr, da wir uns in nicht allzulanger Zeit wiedersehen. Hoffentlich ist Dir Deine Sbgreise gut bekommen, hat Dein Fuß Dir keine Scherereien gemacht.
In einigen Tagen werden wir noch mal nach B. gehen und hier werden die Zelte endgültig abgebrochen. Von B. werden wir dann wahrscheinlich über Mexiko Hauptstadt – die Staaten nach Hamburg fahren, wo wir höchstwahrscheinlich Ende Mai ankommen.
Renate fährt am 18. April von Vera-Cruz.
Gehab Dich wohl meine Muschi, wappne Dich für Leipzig mit der nötigen Energie, wenn Du hingehst, denn es ist nicht durchaus leicht zu nennen in einer fremden Stadt, in einer Schule die allerlei verlangt.

Einen dicken Bubben
von
Deinem Rudu

Hertha hat in diesen Tagen Deinen langen Brief erhalten! Sie und Mama lassen grüßen.

Adresse in Leipzig: … [das Haus wurde offenbar im 2. Weltkrieg zerstört, die Adresse existiert nicht mehr]

Ich habe übrigens keine Ahnung, wo Sbg liegt. Es ist im Brief so abgekürzt. Über die Anrede “meine Muschi” lasse ich mich jetzt nicht aus. Verbuchen wir es unter “Bedeutungswandel”. Gut gefällt mir dafür die “sympathische Häuslichkeit”.