Blogparade Fremdsprachenlernen: Von Vokabelpauken und Grammatiktests

Ricarda Essrich möchte wissen, wie wir Fremdsprachen lernen. Dazu kann ich einiges beitragen.

Meine erste Fremdsprache war Latein. Das ist ja eine ganz tolle Sprache. Damit kann man später super Französisch und so lernen. Aber dazu später.

Latein, 5. Klasse, 1. Lektion: Servus clamat – der Sklave ruft. So weit, so gut. Neben diesem Satz erinnere ich mich noch an ein paar Vokabeln wie tandem – endlich und debere – schulden, müssen, verdanken.

Wie habe ich Latein gelernt? Gar nicht. Ich habe mich nie mit der Sprache anfreunden können, was mich bis heute etwas wundert. Immerhin habe ich das Latinum erlangt, ohne einen vernünftigen Satz übersetzen zu können. Die Antwort wäre also eher: Systematisch schummelnd habe ich Latein „gelernt“.

Meine zweite Fremdsprache war Englisch. Weil Latein so doof war, habe ich schon vor der 7. Klasse angefangen, mit Lernheften („Englisch lernen mit BBC“ – kennt das noch jemand?) und Kassetten Englisch zu lernen. Als der Unterricht an der Schule losging, fand ich es einfach. Von meinem Englischlehrer habe ich mir Agatha-Christie-Krimis ausgeliehen, bis er keinen Nachschub mehr hatte. Dann bin ich nach England gezogen und habe dort Abi gemacht. Vokabeln gelernt habe ich nur für Vokabeltests, aber da hat es gereicht, sie einmal durchzulesen. Ansonsten: Bücher lesen. Und natürlich in England wohnen, das hilft enorm. Die erste Vokabel, die ich dort bewusst kennengelernt habe, war pregnant. Aber nur, weil das bei Neighbours gerade Thema war. (Es ging um Natalie Imbruglia alias Beth, die dann aber „nur“ eine Vergiftung hatte …)

Später habe ich Anglistik studiert und mich mit Altenglisch und Mittelenglisch befasst. Das war sehr schön und ging prima ohne Vokabellernen. Grammatik wende ich nach Gefühl an.

Meine dritte Fremdsprache war Französisch, 9. Klasse. Trotz eines unfähigen (1. Jahr) bzw. eines stets kranken (2. Jahr) Lehrers lief auch das ganz gut. Viel gelernt haben wir trotzdem nicht. Als ich dann nach England ging und nach kürzester Zeit feststellte, dass Chemistry A-level (LK) nicht klappen würde, fragte mich die Französischlehrerin, ob ich es nicht mit – ja, genau – French A-level versuchen wollte. Ich stellte klar, dass ich gar kein Französisch konnte und ließ mich trotzdem überreden. Hat prima geklappt. Gelernt habe ich für die Prüfungen nicht, da ich der Überzeugung war (und bin), dass man unmöglich die thematisch passenden Vokabeln erwischen kann. Das wiederum würde bedeuten, dass man einfach ALLES lernen muss, und wer will das schon. Auswendig gelernt habe ich nur die Zitate aus den Büchern, weil wir mit Seitenzahlen zitieren mussten, aber ohne das Buch. Alles ging auch so, und in der Tat kam ein Text über Frösche vor, also die Vokabel hätte ich ja niemals gelernt. Irgendwie habe ich sie aber wohl erkannt.

Nach der Schule bin ich für ein halbes Jahr nach Straßburg gezogen und habe einen Französischkurs besucht. Einige Jahre später hing ich in Berlin rum und mein Studium zog sich wie Kaugummi. Ich wollte wieder ins Ausland, wo man zum Lernen geprügelt animiert wird. Da Frankreich das einzige Land war, das ein angefangenes Studium anerkannte, bin ich nach Caen gezogen. Vorher habe ich noch schnell ein Semester Französisch studiert.

Das Studium in Frankreich war sehr bereichernd, vor allem, weil ich altisländische Texte ins Französische übersetzen musste und es mir eher an den französischen als an den isländischen Vokabeln haperte. Ging aber trotzdem gut und ohne viel Gelerne.

Meine vierte Fremdsprache weiß ich jetzt gar nicht so genau. Ich habe in England kurz mit Italienisch angefangen, wurde aber gezwungen, den Unterricht abzubrechen (weil, völlig aus der Luft gegriffen natürlich, die Schule der Meinung war, ich würde nicht genug für die anderen Fächer tun).

Zu Beginn meines Studiums dachte ich, Russisch wäre ein prima Hauptfach. Im ersten Semester musste man einen Intensivkurs belegen, der offiziell 15 Wochenstunden hatte, tatsächlich aber 20. Nebenher sollte man noch nicht mit dem eigentlichen Studium beginnen. Das brachte ich nicht über mich, ging trotzdem zu den anderen Vorlesungen und verbrachte etwa 10 Stunden im Russischunterricht. Am Ende des Semesters stellte ich fest, dass mich Russisch eigentlich gar nicht interessierte, weil ich viel lieber Schwedisch lernen wollte. Mein Russischlehrer war stinksauer und hat nie wieder mit mir gesprochen.

Meine richtig gelernte vierte Fremdsprache war also Schwedisch. Das war nett und einfach und während dem ersten Semester habe ich angefangen, Astrid Lindgren im Original zu lesen. Also auch hier wieder lernen durch lesen. Später habe ich dann auch noch ein Jahr in Schweden studiert – u. a. Französisch und Unterwasserarchäologie, weil ohnehin klar war, dass mir die Scheine nicht anerkannt würden.

Im Grundstudium habe ich noch Niederländisch und ein bisschen Isländisch gelernt und nach meiner Rückkehr aus Schweden habe ich in Berlin an der VHS mit Hebräisch angefangen, das aber schnell abgebrochen, weil wir nur 2 Buchstaben pro Stunde durchnahmen, sich die Leute beschwert haben, dass es zu schnell ging und ich beinah Amok gelaufen wäre. Dann habe ich es mit Jiddisch versucht (wo man das Alphabet in der ersten Stunde komplett durchnahm), ging dann aber nach Frankreich usw.

Im Studium habe ich außerdem neben dem erwähnten Alt- und Mittelenglisch noch Alt- und Mittelhochdeutsch, Gotisch, Altisländisch und Mittelniederländisch gelernt. Dadurch, dass ich nur germanische Sprachen studiert habe, musste ich eigentlich nur einmal die Ablautreihen der starken Verben lernen. Praktisch. Immer wieder habe ich gedacht, dass ich doch inzwischen auch Latein kapieren müsste, immerhin habe ich mich ja recht viel mit toten Sprachen beschäftigt. Ich habe mir sogar die „Germania“ von Tacitus in der zweisprachigen Ausgabe angeschafft. Fehlanzeige. Manchmal helfen mir meine Französischkenntnisse ein bisschen.

Meine Schwächen liegen auf jeden Fall im Fleißbereich. Was sich nicht durch das Lesen von Texten lernen lässt, ist bei mir nicht willkommen. Deshalb kann ich auch so schlecht Isländisch, da muss man ganz viele Endungen lernen. Lesen kann ich es ganz gut, aber ich habe einfach zu wenig isländische Bücher. Vielleicht wird es doch noch was, wenn ich mehr lese.

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22.06.1929: Ich hielt Dich bis dahin für ganz geschäftstüchtig! (Rudu)

Berlin, den 22. Juni [1929]

Meine liebe Leni,

noch nachträglich meine herzlichsten Glückwünsche zu Deinem Geburtstag! Wenn sie auch etwas verspätet Dich erreichen, so sind sie drum nicht weniger herzlich. Vor ein paar Tagen war ich drauf + dran Dir zu schreiben, plötzlich klopft es und Achim kommt in die Tür. Du kannst Dir denken, daß ich dann jede freie Zeit benutzte, um mit Achim zusammenzusein.

In den nächsten Tagen werdet Ihr beiden eine schöne Autotour machen. Von Achim horte ich, daß Ihr den Rhein hinauffahren werdet. Als besonders schönen Punkt möchte ich Euch bei Königswinter den Drachenfels empfehlen. Oben liegt ein fabelhaftes Hotel, der Peterhof (?), mit einer enormen Aussicht auf das Siebengebirge und den Rhein.

Ich hörte, daß Du Dein Rad für einen lächerlichen Preis verkauft hast. Ich hielt Dich bis dahin für ganz geschäftstüchtig!

Hab’ glückliche, sonnige Tage im neuen Lebensjahr, insbes. wünsche ich es Dir für die kommende kleine Reise.

Von ganzem Herzen

Dein

Rudolf.

Es ist der 22. Juni und Rudolf schreibt Leni einen Geburtstagsbrief. Das ist sehr löblich, allerdings hatte sie bereits am 21. Geburtstag. Aber wenn Bruder Achim zu Besuch kommt, hat man natürlich keine Zeit. Wobei man wohl davon ausgehen sollte, dass auch er ihr hätte schreiben sollen …? Meine Großmutter hat ihren Geburtstag, so lange ich mich erinnern kann, immer am Samstag nach dem 21.6. gefeiert, immer im Garten – denn es war immer gutes Wetter. Dieser Tatsache ist auch mein eigener Hochzeitstag geschuldet, da ich bei dem Datum von gutem Wetter ausging. In der Tat hat es funktioniert, obwohl niemand so recht dran glauben wollte. 

Dass Leni ihr Fahrrad verkauft hat, wundert mich.  Das Geld wird sie wohl auf der Reise mit ihrem fast 8 Jahre älteren Bruder Achim ausgegeben haben – auch wenn es offenbar hätte mehr sein können, wenn man Rudolf Glauben schenken darf. Überhaupt, Rudolf – was macht der eigentlich neuerdings in Berlin?

Die Vokabel “fabelhaft” gehörte übrigens zu einer der liebsten meiner Großmutter. Aus der Tatsache, dass Rudolf sie hier unterstreicht, möchte ich gern schließen, dass das schon damals so war.

03.05.1929: Nach meinem Dafürhalten geht es nicht (Rudu)

Berlin den 3. Mai [1929]

Liebe Leni,

hab Dank für die Zusendung der Karte.
Zweck dieser Zeilen ist folgendes: neulich hörte ich, daß Achim + ich die Geschwister P. zu Tisch führen sollen am 10. d. M. Nach meinem Dafürhalten geht es nicht, da beide Töchter K. doch da sind, nicht wahr? Sollte das Thema irgendwie zur Sprache kommen, so schlag für mich eine der Töchter K. vor. P.s gegenüber brauchst Du nichts zu erwähnen, ich werde das am 10. selbst besorgen. Mach Deine Sache gut!

Herzlichst
Rudolf.

 

Oha, da möchte jemand lieber mit Tochter K. als mit Tochter P. plaudern. Ich hätte ja zu gern gewusst, warum. Ist der Grund persönlichen Vorlieben geschuldet oder steckt etwas anderes dahinter? Vorgreifend kann ich Euch aber etwas verraten: Achim hat später eine der Töchter P. geehelicht. Ob das daran lag, dass Leni ihre Sache doch nicht gut gemacht hat??

Die Eisprinzessin und ihre Freunde

“Eisprinzessin” von Lisa Graf-Riemann

Die Eisprinzessin und ihre Freunde

Die Eisprinzessin und ihre Freunde

Endlich wieder* hat Lisa Graf-Riemann einen Krimi geschrieben, den dritten um Hauptkommissar Stefan Meißner aus Ingolstadt. Es ist ein Regionalkrimi (Oberbayern), aber das ist für mich als Ingolstadt-Nichtkennerin nebensächlich. Andere werden die Straßennamen wissend lächeln wiedererkennen, das ist ein schöner Bonus, den ich aber keineswegs brauche: Die Geschichte an sich ist es ja, worauf es ankommt, und die ließ mich das Buch nur widerwillig aus der Hand legen. Aus erziehungstechnischen Gründen darf ich beim Essen nicht lesen. Selber schuld.

Ab und zu fielen mir im Text kleine Unstimmigkeiten auf, z. B. wenn es nach Fleisch und Zwiebelringen riechen soll und ich mich fragte, ob man die Schnittweise der Zwiebeln wohl riechen kann.** Für den Lesegenuss spielt das aber keine Rolle, denn keine Unstimmigkeit verdirbt mir diese weiterlesfreundliche Lektüre. Das Buch ist so frisch erschienen, dass die Druckerschwärze quasi noch feucht ist. Dementsprechend aktuell ist die Anspielung auf die Pferdefleischlasagne.

Das Innenleben der agierenden Personen ist überzeugend und authentisch beschrieben; sensationell ist die Darstellung von Moritz Eberl unter Drogeneinfluss. Da fragt man sich doch glatt, ob Frau G.-R. das selbst ausprobiert hat. Lieber verbuche ich die Szene aber als schriftstellerische Meisterleistung.

Insgesamt ein flüssiger, cleverer und spannender Krimi, dem man auch dann mühelos folgen kann, wenn man die ersten beiden Bände nicht kennt. Lesen sollte man sie dennoch. Zur Erinnerung: Sie heißen „Eine schöne Leich“ und „Donaugrab“. Dazu empfehle ich „Hirschgulasch“, das Lisa Graf-Riemann gemeinsam mit Ottmar Neuburger geschrieben hat. Furios!

*Man kann wirklich nicht sagen, dass die Autorin beim Schreiben trödelt! Ich warte aber so ungern, deshalb wird mir die Zeit so lang …

**Vielleicht ist das ja auch so ein Regionalding, dass man in Ingolstadt halt weiß, wenn die Art von Fleisch gebraten wird, gibt es Zwiebelringe dazu.

17.02.1929: Grund: es gibt zuviel Hornochsen. (Rudu)

Von regem Briefverkehr zwischen Leni und Rudolf kann man wahrlich nicht sprechen. Immerhin ist seit seinem letzten Brief diesmal “nur” ein Dreivierteljahr vergangen. Rudolf ist 21, Leni 19. 

Berlin, den 17. Februar 29.

Meine liebe kleine Leni,

Du bist vielleicht erstaunt, so schnell auf Deinen Brief eine Antwort zu haben, doch ich glaube , ich kann Dir nicht besser meine Freude über Deine Zeilen ausdrücken. Sie waren sehr lieb!
Doch nicht allein der liebe, zart durch klingende Unterton hat mich so erfreut, der Inhalt war auch so riesig vernünftig. Nicht daß ich es Dir nicht zugetraut hätte, doch diese geschriebenen Worte sind ein Beweis, den ich zuvor nicht nötig hatte, doch gegen den alles sonstige Gerede jetzt purer Unsinn ist. Eng hiermit verbunden, ist noch etwas zu erwähnen: stilistisch war es eine Freude ihn zu lesen. Was soll ich hiernach noch lange von Dank reden!
Ein Besuch von Dir hier wäre natürlich sehr edel. Such Dir nette Tage aus. Du sagst, Du liest Zeitung, welche Zeitung – hoffentlich die „DAZ“ – und welchen Teil daraus? Teilnahme an den Ereignissen des Tages finde ich sehr empfehlenswert auch für Euch. Schade, dass gesellschaftlich bei Euch nicht viel los ist! Ich habe es mir manchmal überlegt, wie gut es für Dich wäre, eine Tanzstunde mal in Hamburg mitzumachen wie ich damals bei Knoll. Von nichts kommt nichts.
Bei dieser Gelegenheit ist es gegeben festzustellen, wie gut ich es hier in dieser Beziehung habe, zwar erst seit kurzem. Näher darauf einzugehen ist schriftlich schwer, da man dann kein Ende finden würde und der Empfänger der Zeilen sich doch zum Schluß kein richtiges Bild machen kann, da er – eben nicht dabei war. Zu erwähnen wäre nur die Wirkung bei mir. Eine gewisse Unsicherheit beginnt langsam zu schwinden – es wird bald Zeit – bewirkt durch einigen Erfolg. Sollte etwas Illusion mitspielen, so macht es nichts.
Die Kälte ist natürlich sehr übel. Heute morgen erhielt ich einen Bericht aus N., wo sie immer noch Unheil anrichtet. Die Wasserleitung zu G.s Wohnung + Garage ist in der Erde eingefroren, an bestimmten Orten frieren wesentliche Einrichtungen, auf deutsch Klosetts entzwei (bei B.) Ein Ferkel krepiert, das lebendbleibende Viehzeug friert, Frühbeete können nicht angelegt werden etc. p p. Nur unserem Wild scheint es bei Papas rührender Vorsorge relativ gut zu gehen. Mitte kommender Woche werde ich wahrscheinlich dorthin pendeln. Ich habe nun eine Bitte. Irgendwo in meinem Zimmer wirst Du meinen Fotoapparat finden. Meinen Kommodenschlüssel lege ich bei. M. schreibt, es sei vorzügliche Gelegenheit, Wild zu typen. Sei also bitte so freundlich + schicke mir gut verpackt [Am Rand notiert: Etwas Holzwolle drumrum?] den Apparat im Etui – also mit der Kassette, die hoffentlich dabei ist – nach N. Außerdem einen Filmpack 10 x 15 von Mühlmann, Mama legt wohl die ca. M. 6.- für mich aus. Die Kassette darfst Du nicht öffnen, da ein Film noch drin ist. Wenn Du zu schicken beabsichtigst, schieb nicht zu lange auf, da ich Donnerstag [voraussichtlich? – unleserlich abgekürztes Wort] schon in N. bin.
Die Nachricht von drüben ist erfreulich. Was die nächsten Wochen wohl bringen? _ _ _ _ ?
Ich möchte meine Epistel beenden, ich hab noch eine Menge zu schreiben. Unter anderem nimmt die B.G. („Bremer Gesellschaft“) mich wieder in Anspruch, Grund: es gibt zuviel Hornochsen.

Einen herzlichen Bruderkuß
von Deinem
Rudolf.

Ist das nun ein herzlicher Bruderbrief oder interpretiere ich zu viel rein, wenn ich ihn ein wenig herablassend finde? Es würde mich sehr interessieren, wie Ihr das seht. Leni hat die Schule nach der mittleren Reife verlassen und arbeitete zumindest später in einer Bücherei. Ob sie das zu diesem Zeitpunkt auch schon tat, weiß ich nicht – auch meine verlässliche Quelle kann mir die Frage nicht beantworten. 

Rudolf freut sich über seine schwindende Unsicherheit, das finde ich sehr nett. Und Leni soll also die DAZ lesen – die Deutsche Allgemeine Zeitung. Anscheinend zu dem Zeitpunkt ein rechtskonservatives, antirepublikanisches Blatt. Immerhin keine Nazi-Zeitung. Konservativ – ja. Doch. Das wundert mich so gar nicht. Der Winter 1928/29 war offenbar ähnlich ätzend wie unserer dieses Jahr, auch wenn bei uns keine “wesentlichen Einrichtungen” entzweigefroren sind.  Und kann mir jemand sagen, was “Wild typen” bedeuten könnte? Typisieren? 

Zutaten für einen gelungenen Urlaub

“Ist das jetzt der Urlaub?” von Christine Hutterer

Zutaten für einen gelungenen Urlaub

Zutaten für einen gelungenen Urlaub

Was ich besonders an Reiseberichten schätze, ist die Tatsache, dass ich die Reisen nicht selbst machen muss und trotzdem einen tollen Einblick in eine mir vollkommen unbekannte Gegend bekomme. Dieses wunderbare Buch ist aber viel mehr als nur ein Reisebericht.

Eine Familie möchte für 4 Wochen verreisen. Der Urlaub soll Bewegung beinhalten und trotzdem mit zwei kleinen Kindern zu bewältigen sein. Die Wahl fällt nach vielem Hin und Her und diversen Telefonaten auf Korsika. Dort kann man wandern – in Begleitung eines Esels, der Teile des Gepäcks und die Tochter (3) trägt. Ein Elternteil trägt den Rest des Gepäcks, der andere den Jungen (knapp 1). Minutiös plant Christine die Reise, wiegt jedes Kleidungsstück ab und erstellt Listen. Um jede Unterhose, die mitdarf, wird gefeilscht (und eventuell ein bisschen geschummelt).

Als die Wanderung losgeht, muss sich die Perfektionistin mit vollkommen unvorhergesehenen Problemen herumschlagen: Blasen an den Füßen trotz eingelaufener Wanderstiefel, ein verdorbener Magen, ein Esel, der fremde Menschen schubst oder schlicht und ergreifend schlechte Laune. Wunderbar ehrlich beschreibt Christine ihre eigenen inneren Konflikte, ohne sentimental oder rechthaberisch zu werden. Man kann förmlich dabei zusehen, wie die Familie an diesem Abenteuer wächst. Am Ende wird sogar noch ein Umweg eingelegt, um den Abschied vom Esel so lang wie möglich herauszuzögern.

Zahlreiche Fotos sorgen dafür, dass man sich das Beschriebene wunderbar vorstellen kann.

Die Route ist im Buch dargestellt und Interessierte finden wichtige Tipps, wenn sie die Reise “nachmachen” möchten. Ich beschränke mich aufs Lesen, leide mit, wenn der nächste Bankautomat Kilometer entfernt ist, und freue mich mit, wenn ein erfrischendes Flussbad auf dem Plan steht.

Vielen Dank für dieses wunderbare Buch, Christine! Unbedingte Leseempfehlung! Zum Buchblog geht es hier entlang.

 

05.05.1928: Ich bin in dieser Beziehung auf schwachen Füßen. (Rudu)

Leider sind bei den handschriftlichen Briefen die Antworten nicht vorhanden, daher gibt es keine Antwort von Leni. Fast ein Jahr ist seit dem letzten Brief von Rudolf vergangen.

Freiburg den 5. Mai 1928

Meine liebe kleine Leni,

lange hatte ich vor, dir für deinen lieben Brief zu danken, ich hatte jedoch immer riesig viel zu tun mit B. G.-(Bremer Gesellschaft) Angelegenheiten.

Einliegend sende ich dir einige Fotos – es sind noch nicht alle, die übrigen sende ich dir im nächsten Brief. Ich habe vor, mir ein extra Album für diese Bilder anzulegen, Ulles und Herrmanns Fotos kommen ja noch hinzu. Von Herrmann erwarte ich täglich einen Brief, Renate kündigte ihn mir schon vor einer Woche an. Einen Rohabdruck wirst du in den nächsten Tagen in einem extra Umschlag erhalten. Noch weiß ich nicht, welchen ich dir schicke, die Ansichten gingen über die Bilder sehr auseinander. Die Schulden, die du bei mir hast, weiß ich garnicht genau, ich glaube M. 27.- Die Fotos möchte ich dir so überreichen. Wie war es übrigens mit der einen Bahnfahrt? Mir wäre es sehr lieb, wenn du dich hierzu äußern würdest, denn ich bin in dieser Beziehung auf schwachen Füßen. Kolleggelder, neuer Anzug etc!

Etwas sehr erfreuliches für mich ist hier inzwischen vor sich gegangen, Wolf ist von Genf nach Freiburg übergesiedelt. Die Gründe liegen auf sehr verschiedenen Gebieten, eine Tatsache ist jetzt, daß jeder von uns eine mitfühlende Seele hat, und das ist ja kolossal viel wert. Zum Glück komme ich in letzter Zeit nicht so viel dazu, mich mit mir selber zu beschäftigen, ich kann nicht dafür einstehen, daß ich dann nicht mal eines Tages in W. auf dem Hauptbahnhof landen würde. So muß ich aber in diesen Wochen mich eifrig um den Nachwuchs der B. G. bekümmern, was teils ganz viel Spaß macht und wodurch man recht viel lernt. Das, was der Präsidiumsposten überhaupt mit sich bringt, wie Verantwortung, disponieren[,] Reden halten etc. tut mir außerordentlich gut. Nach den einzig dastehenden Tagen in N. gehe ich auch an diese Sachen mit der nötigen Ruhe, denn es sind ja doch letzten Endes im Vergleich dazu Bagatellen.

Von Günter habe ich in diesen Tagen einen langen Brief aus München. Er berichtet von seinem letzten Besuch in W. Um mit Herrmanns Ausdruck zu reden, scheint Renate mit ihm noch mal ordentlich Schlitten gefahren zu sein. Ulle schrieb geknickt aus Köln, die Arbeit nach den Tagen wird auch ihm ziemlich sauer.

Zu den Pfingstferien komme ich nicht nach Haus 1) weil es mir zu teuer wird und 2.) weil ich endlich mal in die Schweiz fahren muß. Auf der anderen Seite wird es mir natürlich sehr schwer nicht zu fahren, doch in diesem Falle heißt es mal vernünftig sein. Im Juni komme ich sicher zur Ankunft der Eltern.

Für heute mag’s genug sein.

Dir, liebe Leni, gibt einen brüderlich zärtlichen Kuß

Dein Rudolf.

Es sind übrigens doch alle Fotos!

Bei W. handelt es sich um einen kleinen Ort in Norddeutschland, der mir wohlbekannt ist. Dass Rudolf ausgerechnet in diesem Ort von “Hauptbahnhof” spricht, finde ich recht amüsant. Insgesamt scheint Rudolf von Heimweh geplagt zu sein. Seine Verbindung hält ihn jedenfalls beschäftigt, was man von seinem Studium wohl eher nicht behaupten kann. Leider weiß ich nicht, was in N. (dem zweiten Wohnsitz der Familie) vorgefallen ist, das alles andere im Vergleich als Bagatellen erscheinen lässt. Was Lenis Schulden angeht, finde ich bei Wikipedia den Hinweis, dass 1929 (1928 ist nicht angegeben) eine Reichsmark etwa 3,10 Euro entsprach. Damit lägen ihre Schulden immerhin bei rund 84 Euro. Gar nicht so wenig! Was sie sich davon wohl gekauft hat?

- Anruf meines Vaters: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist Leni von dem Geld ins Kino gegangen. Wobei da noch reichlich Geld übrig geblieben sein dürfte. Das Rätsel ist also noch nicht ganz gelöst.

Der erste Brief

24.05.1927: “vorzüglich, ausgezeichnet, wunderbar, es geht mir besser, fabelhaft!” (Rudu)

Das ist er, der erste Brief in dem dicken Ordner. Er stammt vom Bruder meiner Großmutter, der zu diesem Zeitpunkt offenbar gerade sein Studium in Freiburg begonnen hatte. Die Rechtschreibung ist seine – offensichtlich fehlende Stückchen habe ich ergänzt, Zeichensetzung übernommen.

Freiburg den 24. Mai 1927.

Meine liebe Leni,

wir haben so lange nichts mehr voneinander gehört, daß es jetzt höchst an der Zeit ist, daß ich mich mal wieder hinsetze und dir einiges berichte. – Vielleicht hast du schon durch Mama gehört, daß ich in meinen Pfingstferien nach Gastein fuhr. Gestern entschloß ich mich dazu, mit dem Flugzeug nach München zu fliegen und von dort mit der Bahn weiter. Wenn ich mit der Bahn fahren würde müßte ich in München übernachten. In Gastein wird W. auch Pfingsten über sein, es werden also sicher nette Tage werden. Im übrigen geht es mir natürlich „vorzüglich, ausgezeichnet, wunderbar, es geht mir besser, fabelhaft!“

Dies ist eine Stelle aus einem Tanzlied das wir ab und zu abends in einer Tanzdiele hören, wenn [wir] nicht gerade den Abend in einem Kino sind. Morgends stehe ich regelmäßig um H 8 Uhr auf, da ich um neun in der Universität sein muss. Dies ist an meinem Tageslauf das einzig regelmäßige außer dem Mittagessen um 1. Die Hauptsorge kommt nämlich jetzt erst: ich bin in eine Verbindung eingetreten! Ich fand hier eine die ganz nach meinem Geschmack ist. Wir sind nur wenig, augenblicklich sieben. Die Verbindung heißt die „Bremer Gesellschaft“, wie schon der Name sagt sind es meist Bremer, augenblicklich auch ganz viel Hamburger und Bremer. Die gefallen mir alle recht nett, jedenfalls ist keiner darunter, den ich absolut nicht ausstehen kann. Farben tragen wir nicht, lehnen alles äußerliche ab.

Ich habe bei diesem wichtigen Entschlusse, dem Eintritt in diese Verbindung öfter an Herrn P. denken müssen, hatte er mir doch den sehr richtigen Rat gegeben, mir den Rummel erst ein Vierteljahr anzusehen. Doch hier in diesem Falle konnte ich die Folgen des Schrittes so genau übersehen, es lagen so geringe Bedenken vor, daß ich es wohl verantworten kann. Um den Geist dieser Verbindung dir etwas zu veranschaulichen ist zu erwähnen daß nicht „gekeilt“ wird, also niemand überredet wird, der Gesellschaft beizutreten. Einzig und allein der ganze Ton, der Geist der Verbindung soll werben, dadurch treten natürlich auch nur die der Verbindung bei, die dieses „Geistes["] eines Hauchs verspüren und sich angezogen fühlen.

Aus Hamburg ist dabei ein B., den ich sehr gern mag, ein Herr M., Sohn von dem Frauenarzt und vielleicht kommt jetzt noch ein S. zu uns. Zu früheren Semestern waren auch bekannte Hamburger aktiv in Bremer Gesellschaft.

Meine Sauschrift musst du entschuldigen! Ich habe mir einen neuen Federhalter zugelegt, da der alte nicht mehr leserliche Schrift hervorrief, über die sich Frau Dr. F. beklagte.

Mamsell hat sich eine Rippe gebrochen, hörte ich von Mama. Wünsch ihr gute Besserung! Grüß Oma recht herzlich und dem Fili gib einen freundschaftlichen Puff. Herzliche Grüße natürlich besonders an Gerda, meine liebe Femi und an Renate, Ibeth, Max, Alfred, L., Andreas, u.s.w. u.s.f. Auch dein Freund, das Barönchen bitte nicht zu vergessen.

Dir einen lieben Kuß

von Deinem Rudolf

Gelegentlich schick mir mal meine Zeitungen!

Da schreibt also ein 20-Jähriger seiner 18-jährigen Schwester und rechtfertigt sich für den Eintritt in eine Verbindung. Ich hätte immer gedacht, dass so etwas damals quasi dazugehörte. Wieder was gelernt. Hingegen hätte ich nicht gedacht, dass man mal eben nach München geflogen wäre. Ab Freiburg!

Ausgesprochen nett finde ich, dass Rudolf für seine Sauklaue um Entschuldigung bittet, denn ich hatte wahrlich meine Probleme mit diesem handschriftlichen (und wir reden hier von Sütterlin!) Brief. Ich fürchte nur, seine Schrift wird sich in den folgenden Jahren nicht wesentlich bessern. 

Ein Ordner voller Briefe

Meine Großmutter hinterließ uns einen Ordner voll alter Briefe. Die meisten sind auf Luftpostpapier geschrieben, mit winzigem Zeilenabstand auf der Schreibmaschine. Die älteren in Sütterlin auf Briefpapier. Der Ordner ist voll. Ich habe die Seiten nicht gezählt, aber es sind viele. Besonders an dieser Korrespondenz ist, dass sie (zumindest ab 1936) die Briefe beider Seiten enthält – also die Durchschläge der Briefe meiner Großmutter aus Norddeutschland und die Antworten ihrer Brüder in Mittelamerika.

Die Briefe sind chronologisch sortiert und reichen von 1927 bis 1991. Meine Großmutter lebte von 1909 bis 1994. Fast ein ganzes Leben in Briefen habe ich also vor mir liegen. Es soll nicht in Vergessenheit geraten. Deshalb werde ich die Briefe – zumindest in Ausschnitten – nach und nach hier veröffentlichen.