Nostalgiebetten – Bett 8 und 9

Als ich aus Straßburg zurückkam, stand fest: Sprachen will ich studieren. Warum es ausgerechnet Tübingen wurde und warum ausgerechnet Russisch, Englisch und Deutsch – ich glaube, die Sprachen habe ich am Ende ausgelost. Tübingen wurde mir empfohlen. Ich war da recht leidenschaftslos, glaube ich, vielleicht hatte ich auch einfach keine Lust, mir Gedanken über Orte zu machen, die ich ohnehin nicht kannte. Es gibt eine gewisse In-Tübingen-studieren-Familientradition, die noch aus der Zeit von vor zwei Generationen stammt, Fußstapfen und so, lassen wir das.

Ich suchte mir ein Zimmer. Oder vielmehr: Ich versuchte es. Es gab eine Karteikartenbörse an der Uni, ich besichtigte Zimmer, bei denen die allgemeine Kühlschrankbenutzung im Vermieterhaushalt inklusive war („so lang es ned mehr wie ein Stückle Butter isch“), Zimmer in Frauenwohnheimen und irgendwann das Zimmer bei Frau von E. Das war toll, allerdings noch bewohnt. Das würde sich aber in den Semesterferien ändern. Das Zimmer war wirklich schön und wurde dann noch leider ein Semester lang fremdbewohnt. Ich besprach mit der ortsansässigen Verwandtschaft, dass ich die Wartezeit bei ihr überbrücken könnte.

Dort hatte ich ein gelb gestrichenes Zimmer im Souterrain, das einst einer der Söhne bewohnt hatte. Ich las mich auf meinem Bett durch die Bücher im Regal (Isabel Allende, Amos Os) und verlebte mein erstes Semester weitestgehend unspektakulär. Leute kennenlernen, mehr Leute kennenlernen und durchaus auch was lernen, das ging ganz gut. Als zum Ende des Semesters das neue Vorlesungsverzeichnis erschien, stellte ich, auf meinem Bett sitzend, fest, dass die Nordisten spannendere Dinge lernen durften als die Slawisten – und wechselte kurzerhand. Mein Russischdozent war nachhaltig sauer auf mich, bereut habe ich die Entscheidung nie. Und dann konnte ich auch endlich mein eigentliches Zimmer beziehen.

Oh, war das fein. Meine Vermieterin war 85 und geschieden, ihr Ex-Mann kam an den Wochenenden immer zum Kaffeetrinken („Das ist mein Ex!“), im Haus wohnten außerdem ein weiterer Student und eine Familie mit zwei Kindern, alle ein bisschen überall verteilt. Mein Zimmer war im ersten Stock, die Toilette im Erdgeschoss, der Studentenbereich (zwei Herdplatten, Kühlschrank, Telefon, Sofa, Tisch und auch die Dusche im Nebenraum) im Keller.

Grünzeug

Blick in den Garten

Ich konnte zu Fuß zum Brecht-Bau runtergehen, dem Tempel der Neuphilologen, oh holder Betonbunker mit der grün-orangen, unbequemen Liegewiese, immer geradeaus auf verschlungenen Fußwegen, von denen einer noch so ein tolles Schild hatte, auf dem statt der Frau mit Kind ein Mann mit Hut mit Kind abgebildet ist. Ich habe es leider nie fotografiert. Wer in Tübingen ist, darf gern nach den Koordinaten fragen und ein Bild für mich machen.

Aber kommen wir zum Bett.

Studentenzimmer

So gemütlich! Die Bettwäsche kennt ihr von Bett 4

Eine Matratze auf Lattenrost, am Kopfende ein Regal, auf dem meine Musikmaschine stand, die morgens mit 7-Tage-Zeitschaltuhr meinem Schlummer ein Ende bereitete. An der Decke überm Bett die Hamburgflagge. An der Wandseite ein Streifen Schaumstoff zum Anlehnen. Gemütlich wars in meinem Bett, überhaupt im ganzen Zimmer mit der superen Tastaturablage auf der ausgezogenen Schublade des Schreibtisches, der sonst nämlich arg klein gewesen wäre.

Schreibtisch mit ausgezogener Schublade für Tastatur

Der Schreibtisch

In diesem Bett habe ich Entscheidungen getroffen.

Ich war ganz allein für meinen Stundenplan verantwortlich, Vorgaben waren vorhanden, aber überschaubar, ich musste entscheiden, was ich wann mache – ihr kennt das.

In diesem Bett schrieb ich lange Tagebucheinträge über wiedergefundene Grundschulfreunde, über dramatische Geschehnisse mit und ohne Alkoholeinfluss, über spannende Partys und langweilige Wochenenden. Nach dem zweiten Semester war mir endgültig klar, dass ich hier wieder wegmüsste, dringend. Hatte ich ohnehin geplant, aber die Decke fiel mir schneller auf den Kopf als ich erwartet hatte, ich kannte jeden Pflasterstein, ohne dass ich drum gebeten hatte, ihn kennenzulernen. Ich meine nicht fliegende Pflastersteine. Nein, die, die da liegen, schon immer da lagen und immer da liegen werden.

Tübingen war für mich ein Ort des Stillstands, der Regionalstudenten, die am Wochenende nach Hause fuhren, ich bin mit dem Städtchen nicht warm geworden. Trotzdem war es für den Studienbeginn richtig, behütet und so. Wäre ich gleich in Berlin gelandet … aber dazu kommen wir später.

Mein Zimmer war wie der ganze Ort: klein, hübsch, gemütlich – aber auch klein, eng, eingeschränkt. Das Bett allerdings war eins meiner gemütlichsten. Und ich habe es nie mit jemandem geteilt.

Zu Bett 1, Bett 2, Bett 2a, Bett 3, Bett 3a, Bett 4, Bett 4a, Bett 5, Bett 6, Bett 6a und b, Bett 7