Nostalgiebetten – Bett 2a, ein Fremdbett

Ein Einbauschrank mit weißlackierten Türen, an denen Tiere aus rauem Teppich kleben, das Auge in einer anderen Farbe als den Körper (Bär, Krokodil … was gab es noch? Wer aus der Familie erinnert sich? Irgendein blaues Tier war da noch.)

Harter Boden, aber ein weißer Flokati vor dem Bett, das in eine Aussparung am Ende des Einbauschrankes gekuschelt ist. Früher stand hier ein Etagenbett, sagt Mama, die es wissen muss, denn sie hat hier jahrelang gewohnt. Mutmaßlich gab es damals den faszinierenden elektrischen Rollladen noch nicht, wohl aber vielleicht die Gardinen aus grobem, gelben Stoff.

Es spielt keine Rolle, denn ich liege in der schönsten Wendebettwäsche, die das Reihenendhaus herzugeben hat: blau mit weißen Sternchen auf der einen Seite, weiß mit blauen Sternchen auf der anderen. Ich bin zu Besuch bei meiner Großmutter, es ist Sommer und wir haben eine Woche nur für uns. Wir werden in Museen gehen, im Garten Kirschen und/oder Himbeeren (mit Wurm oder ohne) und/oder Walderdbeeren essen. Ableger dieser Walderdbeeren tragen mittlerweile in meinem eigenen Garten Früchte. In meinem Garten blühen auch die pinken Nelken mit den flauschigen Blättern.

Im Raum neben dem Bett war das Badezimmer mit der lustigen Klospülung zum Drücken und dem Doppelwaschbecken mit den mir bis dahin unbekannten Ein-Hebel-Mischern. Es gab eine große Auswahl verschiedentlich gestreifter Zahnputzbecher und einen Vorhang mit Fischen drauf.

Im anderen Nebenraum hatte meine Großmutter ihr Schlafzimmer mit azurblauem Linoleum, ebenfalls mit Flokati.

Morgens gab es in der Küche am Ausziehtisch Frühstück, manchmal aß ich Honig, weil es für ihn so einen lustigen wassermühlenähnlichen Rausmacher gab. Aus kleinen, dickwandigen Gläsern trank ich „becker‘s besten“ Apfelsaft, den man aus dem Kellerraum mit der Bunkertür holte. Weiter hinten im Keller befand sich die Waschküche mit der Wäscheleine, an der aufblasbare Kleiderbügel hingen. Die Gerüche sind heute so vertraut wie damals, das Gefühl der Treppe an meinem Fuß ebenso wie der Lagerplatz der Plastikschälchen im Schrank – und der „Noch eine“-Eiswaffeln.

Schälchen und Glas

Stapelbare Plastikschälchen, prädestiniert für Eis mit Waffel. Oder Schokocreme mit Waffel.

Das Bett ist der Inbegriff des friedlichen Abenteuers, denn meine Großmutter war unternehmungs- und abenteuerlustig, wenn ein Enkelkind zu Besuch war, aber nie hektisch. Wir gingen spazieren, tranken Sherry (da war ich schon älter) bei ihrer Freundin Eckchen, besuchten Ausstellungen und saßen in den grünen Drehsesseln und lasen. Für meine Großmutter war es so selbstverständlich, sich zum Essen umzuziehen, wie es für mich selbstverständlich war, das nicht zu tun.

Mit etwa 16 Jahren habe ich das letzte Mal eine Woche bei ihr verbracht. Mein Bruder war kurz vorher bei ihr gewesen, was ungewöhnlich war, denn normalerweise verbrachte nur einer von uns pro Jahr eine Woche bei ihr.

Großmutter und ich fuhren nach Hildesheim und bekamen irgendwann Hunger. „Sollen wir uns irgendwo ne Pizza reinziehen?“, fragte die 83-Jährige und wir gingen ins Limerick, wo – nicht übermäßig überraschend – Limericks auf der Speisekarte standen. Wir zitierten uns bekannte Limericks und ersannen neue.

Am Abend werde ich müde über den Flokati geschlurft und ins Bett gefallen sein, die Sternchenbettwäsche bis zur Nase hochgezogen und voller Vorfreude auf den nächsten Tag.

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4 Gedanken zu „Nostalgiebetten – Bett 2a, ein Fremdbett“

  1. Den dreitürigen Spiegelschrank im Badezimmer habe ich gern so aufgemacht, daß ich nach beiden Seiten in gespiegelte Unendlichkeit gucken konnte.

    Morgens gab es Brei oder Porridge, der natürlich aufgegessen werden mußte, aber das war auch immer ganz toll, denn unten im Teller war ein Bild, das man freiessen konnte.

    Dabei lief für eine halbe Stunde das Radio, in dem aus Büchern vorgelesen wurde. Ich erinnere mich noch am besten an Robinson Crusoe.

    Die Stoffklebetiere hatte ich schon wieder vergessen, aber ich weiß noch, daß ich das rote Auge vom Krokodil gern rein- und rausgemacht habe. Das dritte war eine Schlange oder ein Elefant, wenn ich nicht irre. Auf jeden Fall was rüsseliges. Glaube ich.

    Abends haben wir meistens Canasta gespielt. Woran ich mich dabei am besten erinnere? Großmutter, diese alte, gebildete, ruhige und von allen sehr respektierte Frau, blickte auf einmal wie ein Betrunkener gleichsam gekonnt wie enttäuscht in die leere Bierflasche – eine Geste, die ich heute noch immer mal wieder nachmache. Damals bin ich vor Lachen fast vom Stuhl gefallen.

    Schöne Erinnerungen… :)

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