Ich war in der Kirche

Meine Kinder gehen auf eine kleine Grundschule, deren Schüler, Schülerinnen und Lehrerinnen sich einmal im Jahr, nämlich kurz vor Weihnachten, geschlossen auf den Weg in die zwei Kilometer entfernte Kirche machen, um dort den anwesenden Eltern Weihnachtslieder ins Ohr zu brüllen.

Ich schwinge mich bei klirrender Kälte aufs Rad, um die heimelige Atmosphäre der reich verzierten Kirche zu atmen und eine gute Mutter zu sein. Die Kinder sind schon in die Bänke gestopft und die Türen an deren Ende geschlossen worden. Auf dem Weg zu einem freien Platz werde ich von Mara angesprochen, der Tochter einer guten Freundin. Wieso denn Gabel Gabel heiße. Ich halte das für eine Scherzfrage, doch nein, sie will das wirklich wissen und war von ihrer Mutter an mich verwiesen worden. Ich bleibe die Antwort schuldig und nehme hinter 2a und 2b Platz.

Der Pastor ergreift das Wort und heißt uns willkommen. Die 2a applaudiert, alle anderen fallen ein. Die Schulleiterin spielt Saxofon auf der Empore, ich google “gabel etymologie”. Wir singen “Kling, Glöckchen, klingelingeling”, jedenfalls die erste Strophe, danach wird es deutlich leiser, es liegen keine Texte aus.

Der Pastor erzählt was von der Weihnachtsgeschichte, die 2a applaudiert, alle anderen fallen ein.

Der Pastor verbeugt sich.

Die 2a führt ein Stück auf, es geht mit einem einzelnen Kind los, das eine Kerze in der Hand hat und allein doch nicht genug Licht macht. (Jedenfalls würde es nicht genug Licht machen, wenn es dunkel wäre.) Aber es bleibt nicht allein, da kommt schon das nächste Kind mit einer weiteren Kerze. Dann kommen sie in Kleingruppen. “Wir kommen dazu, allein bleibt ihr nicht, und mit uns bringen wir ein weiteres Licht.” Immer der gleiche Spruch, immer noch ein paar Kinder, so groß ist die Klasse doch eigentlich gar nicht? Zwischenapplaus gibt es auch keinen, da die 2a ja beschäftigt ist. Die 2b wird dafür regelmäßig von ihrer Lehrerin ermahnt, endlich still zu sein, wobei sie selbst deutlich lauter ist als die Kinder. Als die ersten Jacken fliegen, muss sich Tyler eine Bank weiter nach hinten setzen. Er soll an die Sonne denken. Ich grüble ob des pädagogischen Hintergrunds, aber da kommt schon der Schulchor nach vorn, beide dritten und vierten Klassen, die bequem vor dem Altar Platz finden und ordentlich Stimmung machen. Viel Applaus, die 2a steht als Animationsklasse wieder zur Verfügung.

Die Plattdüütschgruppe besteht aus lauter diskussionsfreudigen Hirten – darunter auch meine Tochter -, die sich dann aber doch noch auf den Weg zum lütten Jesus in de Krüff machen. “Künn we nu los?” – “Joh.” Abschließend singen sie “In de Wiehnachtsbäckerie”, es bleibt einem nichts erspart.

Direkt vor mir denkt Tyler offenbar an die Sonne, jedenfalls ist er ganz friedlich.

Zum Abschluss singen wir das Lieblingslied der Schule, “Zumba, zumba, welch ein Singen”, 2a und 2b überrunden den Organisten in ihrem Enthusiasmus, warten aber bei den Strophen immer brav, dass er sie wieder einholt.

Nun soll noch gebetet werden, statt zu applaudieren brüllen die Kinder ordnungsgemäß “AMEN!”. Auf dem Weg nach draußen halte ich Mara an. Die Gabel ist nach der Astgabel benannt, mehr konnte ich auf die Schnelle nicht herausfinden, sie findet das aber ausreichend. Ich darf kurz mit meinem Sohn sprechen, meine Tochter grüßt mich knapp und tauscht 1,5 Sätze mit mir aus, bevor sie mich mit einem deutlichen “Tschüs” meiner Wege schickt.

Ich schwinge mich wieder aufs Fahrrad. Auf dem Deich kommen mir einige Bewohner der Flüchtlingsunterkunft entgegen. “Hallo” grüße ich, denn hier macht man das so. “Moin” sagen sie.