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Fluchthände

Nein, dies wird kein Bericht über meine Hände, nicht primär. Meinen Händen geht es noch immer gut.

Ich war im Zug, München-Hamburg.  Naja, erst war ich im Zug nach Berlin, ich war wohl mental nicht richtig anwesend, also von Pasing zurück zum Hauptbahnhof und nur wegen der sensationellen Minute Verspätung des Hamburgzugs habe ich es doch noch geschafft, den Heimatexpress zu erwischen. Im Zug war ich weiterhin geistig in anderen Sphären, korrigierte aber immerhin Rätsel und schlief vor mich hin. Irgendwo mitten in Deutschland setzte sich jemand neben mich. So weit, so uninteressant.

Dieser junge Typ neben mir war nervös. Es war eine allumfassende Nervosität, sie ging von den Händen aus und spann eine ganze Wolke um ihn herum. Er versuchte zu schlafen, lehnte sich dabei aber nicht an, seine Unentspanntheit lehnte sich aber ganz ungeniert an mich und schüttelte mich wach. Ich betrachtete die Nachbarhände aus den Augenwinkeln, sie waren dunkler als meine, was keine Kunst ist. Die Hände hielten nicht still, sie bewegten sich wellenförmig, als wollten sie die Gehirnströme ihres Besitzers nachzeichnen.

Ich stellte meine Musik aus.

Mein Nebenmann hatte ebenfalls einen Nebenmann, auf der anderen Seite des Ganges nämlich. Gespräche auf Arabisch. Das heißt ja noch nichts, es gibt viele arabischsprechende junge Menschen in Deutschland.

Mein Blick ging nach oben. Kein Gepäck.

Ich weiß, dass sich in Hamburg am Hauptbahnhof jemand kümmern wird, ich müsste jetzt nichts tun, ich könnte auch einfach weiterrätseln und die beiden in Ruhe lassen. Meine Verantwortung ist jedoch medizinisch: Wer so nervös ist, steht bestimmt kurz vorm Herzinfarkt.

Also biete ich mein Snickers an und schon sind wir mitten im Gespräch, Bilder von Booten, Fragen über Snickerspreise in Deutschland, Aufzählung der durchquerten Länder, die Strecke vom Irak bis Deutschland hat nur wenig länger gedauert als der bisherige Aufenthalt in Deutschland selbst, sie sind schon drei Tage hier. Wie alt bist du, wie viele Kinder hast du, warum so wenig? Im Irak würdest du einen Ring tragen, warum trägst du keinen Ring?

Zwei Brüder voller Vertrauen, voller Hoffnung, voller Müdigkeit und Angst.

Mein Nebenmann entspannt sich endlich, ich sage den beiden, dass ich sie am Hauptbahnhof dorthin bringe, wo sie erfahren, wie sie nach Schweden kommen. Im Endeffekt nimmt mir der Dolmetscher die ganze Gruppe (huch, da sind ja noch viel mehr!) direkt am Zug ab, ich sage noch “sie wollen alle nach Schweden weiter” und schon gehts los. Noch einmal die ausgestreckte Hand des jüngeren Bruders schütteln, alles Gute wünschen, weg sind sie.

War es nötig, sie anzusprechen? Die Frage beantwortet sich selbst. Es ist so nötig oder unnötig, wie jemandem die Tür aufzuhalten: In dem Moment hilft es.

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