Mustafas Tasche

Da isser!

Ganz ehrlich – vor der Geburt meiner Kinder war ich nicht so aufgeregt. Da ist man ja als Frau auch etwas beschäftigter. Gestern Abend also …

18:45 Wir treffen am vereinbarten Treffpunkt am Flughafen ein. Dort sind alle Gastfamilien mit ihren leiblichen Kindern versammelt, außerdem natürlich alle anderen, die mit der Aktion zu tun haben. Wir sind in einem eigenen Raum oberhalb vom Mövenpick-Restaurant, mit Panoramablick auf den Flughafen. Die Kinder sind also beschäftigt. Etwas zu essen gibt es auch. Ich bin erst ein bisschen irritiert, dass die Albertinenstiftung uns ein Essen ausgibt. Andererseits ist es die einzige materielle Zuwendung, die wir bekommen – und großen Hunger hat ohnehin niemand.

19:24 Mein Mann stellt auf seinem Handy fest, dass sich das Flugzeug gerade über Bad Oldesloe befindet.

19:35 Die Emirates-Maschine landet. Die Spannung steigt ins Unermessliche. Für mich war das der schlimmste Moment, so zwischen Sie-sind-da-Freude und Oh-Gott-wie-wird-das-nun. Drei Herzbrücke-Mitarbeiter sind aufgebrochen, um die Reisenden zu begrüßen. Die Kinder werden nach der Ankunft noch kurz untersucht.

20:00 Einige von uns stellen sich ans Geländer. Von dort aus hat man den Überblick über die Abflughalle und kann den Gang sehen, durch den die Kinder kommen werden.

20:28 Sie kommen! Natürlich von ganz woanders. Einmal quer durch die Halle, ein Trupp völlig erschöpfter Kinder, die kaum auf ihre Umgebung reagieren. Ganz vorn ein Kind in Hellblau – Mustafa!

Die Kinder werden nebeneinander an einen langen Tisch gesetzt, bekommen etwas zu trinken und werden darüber aufgeklärt, wie es jetzt weitergeht. Die meisten Kinder gucken mit großen Augen auf die Erwachsenen. Mustafa guckt aus dem Panoramafenster.

Ein Junge ist kahlrasiert, offenbar haben die Eltern in Afghanistan das Läuseproblem noch gelöst. Jede Gastfamilie ist mit Wurm- und Läusemittel ausgestattet worden.

20:35 Wir sollen kommen. Dr. Khorrami erklärt Mustafa, wer wir sind und dass er jetzt bei uns wohnen wird. Mustafa nickt. Wir erfahren, dass er Paschto spricht. So viel zu meinen Dari-Versuchen. :)

Bereitwillig geht Mustafa mit uns mit. Er hat eine kleine Reisetasche dabei, trägt ein schönes hellblaues Hemd (so ein langes) mit der passenden Hose. Sandalen, Socken und seine schwarze Kunstlederjacke, die wir schon vom Foto kennen. Wir nehmen uns ein bisschen Zeit, uns gegenseitig anzugucken. Wir sagen unsere Namen – Mustafa nickt. Kurz und konzentriert. Aber man sieht, dass er doch lieber Flugzeuge angucken will, also verbringen wir noch etwas Zeit an der Glasscheibe.

Schließlich brechen wir auf, Mustafa nimmt meine Hand, an seiner anderen hängen meine Kinder, immer abwechselnd. Erster Klobesuch – kein Problem. Ins Auto einsteigen und anschnallen – scheint er auch zu kennen. Er sitzt hinten in der Mitte, ich rechts, Alma links von ihm, beobachtet, möchte nichts trinken, isst aber Kekse. Wir haben ihm einen Kuschelhasen mitgebracht, er hält in jeder Hand ein Ohr, betrachtet einmal kurz das Gesicht, interessiert sich aber mehr für die Umgebung.

Am Anfang habe ich das Gefühl, er ist vollkommen weggetreten, weil er so regungslos ist. Er reagiert aber auf alles, was man zu ihm sagt.

21:50 Endlich zu Hause! Wir zeigen ihm das Bett und den Schlafanzug, er reagiert sofort und zieht sich aus. Unter dem dünnen Hemd hat er immerhin noch einen Fleecepulli und ein T-Shirt. Beim Ausziehen ist er etwas abgelenkt von Antons großem LKW und Kran.

Im Badezimmer strecke ich ihm die Zahnbürste hin, er schrubbt sich die Zähne. Nachdem er festgestellt hat, dass er nicht aufs Klo muss, verlässt er den Raum und schüttelt den Kopf, als ich ihm sage, dass er zurückkommen soll. Als ich den Waschlappen hochhalte, kommt er doch.

22:10 Er legt sich ins Bett, macht die Augen zu und schläft ein.

Wegzehrung

Wegzehrung

22:20 Wir packen seine kleine Reisetasche aus. Darin sind Wechselhemd und –hose und diverse Tüten mit Nüssen, Kuchen und harten Eiern. Letztere haben die Reise nicht gut überstanden und werden von uns entsorgt. Außerdem finden wir drei verschiedene Medikamente. Am Flughafen hatte man uns gesagt, dass er Beta-Blocker nimmt, aber jetzt keine dabei habe.* Hier sind sie also, wie ich nach einem Telefonat mit Dr. Rieß erfahre. Die anderen beiden Medikamente werden heute eingehender betrachtet.

1:00 Anton steht auf der Treppe und heult. Er ist von Mustafas Husten aufgewacht und hat sich erschreckt. Na, wenn’s nur das ist!

6:00 Anton steht auf der Treppe und ruft nach uns. Ob sie spielen dürfen. Ja, klar! Im Schlafanzug machen sich die Jungs über die Fahrzeuge her.

6:15 Alma kommt in unser Zimmer und sagt: „Ajaregutete“. Habe Mustafa gesagt. Er würde die ganze Zeit so komische Sachen sagen. Und in der Tat: Sobald er mit unseren Kindern allein ist, spricht er wie ein Wasserfall. Bei uns beschränkt er sich auf Nicken und Kopfschütteln. Faszinierend ist, dass er immer sofort versteht, was wir zu ihm sagen, und entsprechend reagiert.

„Hast du Hunger?“ (Handzeichen: Hand am Mund) – Mustafa nickt, geht runter, setzt sich an den Tisch.

Bei Else (also beim Tante-Emma-Laden) verschmäht er die Brötchen, zeigt aber auf die Karotten. Ich sage, dass wir sie zu Hause haben, er lässt die Packung sofort los. Zum Frühstück gibt es also Karotten, Brötchen und all die spannenden Dinge, die in seiner Tasche waren: Cashew-Kerne, eine Art Weintrauben, Zimt-Kardamom-Kuchen, eine andere Art Weintrauben und Kichererbsen. Er isst etwas Karotte, dann aber doch lieber die Cashews. Erdnüsse mag er auch. Er sieht traurig aus, während er die Nüsse isst, eine winzige Tränenspur hat er im Gesicht. Kuscheln möchte er aber nicht und so überlasse ich erst einmal den Kindern das Entertainment.

Nach dem Essen steht Mustafa auf, wäscht sich die Hände (aber wie! So gründlich waschen sich unsere Kinder nie!), geht aufs Klo und wäscht sich noch einmal die Hände. Wow. Auch unsere Kinder staunen ob so viel Reinlichkeit.

Wir haben einen Steckbrief über ihn bekommen. Die Info Analphabeten-Kind entpuppt sich, ebenso wie die Er-spricht-Dari-Info, als nicht ganz richtig. Arm ist er zweifelsohne, ABER: Er kann ein bisschen lesen und kommt nächstes Jahr in die Schule. Wegen der OP wird er später eingeschult. Sein Vater studiert im 2. Semester Pharmazie. Mustafa mag Säfte (besonder Banane), Autos, Fahrradfahren** und – Achtung! – Spielkonsole spielen. Da werden wir ihn wohl enttäuschen müssen.

9:44 Mustafa räumt die Kinderzimmer um, trägt die Rutsche durch die Gegend und wirkt dabei nach wie vor sehr konzentriert. Sagt man ihm, dass ein Spielzeug in einem bestimmten Zimmer bleiben soll, folgt er sofort. Was ich höre, klingt recht wüst, laut und lustig. Die Kinder lachen.

Mustafa räumt gern aus ...

Mustafa räumt gern aus …

 

 

... und um.

… und um.

10:00 Mustafa ist weg! Wir finden ihn im Badezimmer, er weint. Jetzt hat ihn sein Gastvater auf dem Schoß, Mustafa weint leise vor sich hin. Alma weicht nicht von seiner Seite und streichelt ihm den Kopf. Nach einigen Minuten leisen Schluchzens schläft er ein.

 

Mustafa ist von seinen Eltern offenbar gut vorbereitet worden. Für mich sieht es so aus, als ob der die Geschehnisse als Notwendigkeit hinnimmt. Verstört ist er jedenfalls nicht. Und dass er Heimweh hat, ist mehr als verständlich.

 

* Wegen des Herzfehlers ist es nötig, den Jungen etwas ruhigzustellen, heißt es. Und ja, wenn ich ihn mir heute so ansehe, wird das nach der OP sicher richtig lustig. Sieht nach einem Rennkind aus.

** Spätestens nach der OP werden wir Mustafa ein Fahrrad besorgen. Dafür können wir Euer Geld gut gebrauchen!

Flattr-Spenden verwenden wir direkt für Mustafa. Wer für die Herzbrücke spenden will, tue dies bitte hier. Dort erfahrt Ihr auch, wieso die afghanischen Kinder nach Hamburg gekommen sind.

18 thoughts on “Da isser!”

  1. Liebe Gesa, was für ein herzzerreißender, spannender Bericht! Ich wünsche euch allen, dass ganz bald zumindest ein kleines Stückchen “Normalität” einkehrt (klingt vielleicht negativ, aber ich hoffe, du weißt, wie es gemeint ist). Auf dass die OP gut verläuft und sich der Kurze gut bei euch einlebt.

  2. Alles erdenklich Gute für Mustafa und für euch. Seine Eltern dürfen froh sein, dass er bei euch in so liebevollen Händen ist. Möge nun auch die OP gelingen.

  3. Liebe Gesa, das ist so wunderbar von dir! So ein kleines Kind … so weit weg von daheim und in so einer Situation! Ich wünsch euch von ganzem Herzen alles Gute!

    Ich werde würde gerne was spenden, aber ich verstehe Flattr nicht. Gibt es eine andere Möglichkeit?

  4. Na, spitze … Hock im Verlag vor dem Rechner und heule … Weiß grad ganz genau, wieso ich euch so toll finde <3 !

  5. Mich hat’s in der S-Bahn erwischt…
    Danke für diesen nahen Bericht, Gesa.
    Ich wünsche euch viele tolle Stunden zusammen!

  6. Gesa, wir haben vermutlich noch ein Fahrrad in der Größe. Die Garage steht voll. Lass uns erst da gucken, ja?

    1. Danke, Du Liebe!
      Eins wurde mir schon angeboten, das ist aber wahrscheinlich zu klein. Wir bräuchten etwa ein 16er, er ist ein Stückchen größer als Alma.

  7. Das wird bestimmt nicht einfach, aber ihr kriegt das hin! Ich finde es toll, wie sich auch deine Kinder um Mustafa bemühen. Alles Gute für ihn!

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