Kategorie-Archiv: Vor 70 Jahren

Vor 70 Jahren war der Krieg gerade zu Ende. Ich berichte in Echtzeit von Lenis Schicksal, nur eben 70 Jahre später

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Flucht – vor 70 Jahren und heute

Dieses Blog ist entstanden, weil ich eine Motivation brauchte, die vielen, vielen Briefe aus dem Nachlass meiner Großmutter lesbar zu machen. Die eindrücklichsten dieser Briefe handeln von der Flucht. Eine Flucht über lächerliche 147 km, die trotzdem fast zwei Monate dauerte und ein Menschenleben kostete. Gestern vor 70 Jahren erhielt meine Großmutter nach Monaten der Ungewissheit ein Lebenszeichen von ihrem Mann Friedrich. Es sollte noch bis zum 17.9. dauern, bis sie ihm einen Antwortbrief schreiben würde.

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Rückkehr – Leni bloggt (10)

Seit dem 1. Mai 1945 befindet Leni sich mit ihren beiden älteren Kindern in Schwerin im Krankenhaus. Um sie herum tobt das Chaos, in ihr drin ebenso. Ein Kind beerdigt, eins zurückgelassen, keine Nachricht vom Ehemann. 

Was hätte ich denn machen sollen? Es hat keinen Sinn, sich Vorwürfe zu machen, was passiert ist, ist passiert. Jetzt ist die Frage, wie es weitergeht. Es ist unmöglich, zu dem Gut zurückzukehren, auf dem ich Hans zurückgelassen habe. Ich habe es versucht, wieder versucht, noch einmal versucht.

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Gefangenschaften – Leni bloggt (9)

Nachdem Leni kurz vor Kriegsende ihren jüngsten Sohn zurücklassen und den zweitjüngsten zu Grabe tragen musste, sitzt sie nun mit den beiden großen Kindern in Schwerin im Krankenhaus fest. Die siebenjährige Helene hat es besonders schlimm erwischt, noch ist nicht daran zu denken, nach Hamburg weiterzuziehen. Die Strecke muss zu Fuß bewältigt werden, Transportmittel sind knapp.

Hätte Leni bloggen können …

Das Wetter ist wunderschön, die Sonne scheint und ich verbringe mit den Kindern so viel Zeit wie möglich außerhalb vom Krankenhaus. Hoffentlich können wir bald los, ich fühle mich hier wie gefangen. Ich habe weder von Friedrich Neuigkeiten, noch von Paulina oder von meinem kleinen Hans. Ob Paulina in Hamburg angekommen ist? Wenn Friedrich dort wäre, würde er sicher herkommen. Ich weigere mich, mit dem Schlimmsten zu rechnen, denn wenn etwas in diesem Chaos funktioniert, dann doch die Zustellung der Benachrichtigungen, wenn ein Soldat gefallen ist. Vielleicht sitzt er längst auf dem Gut und wartet auf uns.

Hätte Friedrich bloggen können …

Es ist so sinnlos, hier auf dem Gut herumzusitzen. Aber vor ein paar Wochen hat man mich kurzerhand zum Bürgermeister dieses Kaffs gemacht, ich sei hier schließlich der einzige Nicht-Nazi, hat es geheißen. Ich lasse die Flüchtlinge auf die Häuser verteilen, aber es ist unmöglich, gegen die Ströme anzukommen und für jeden, der weiterzieht, kommen drei nach.

Am Ende der Allee tauchen die Russen auf. Ich stehe vor der Tür. “Du, mitkommen!”, sagen Sie. Der Gewehrlauf überzeugt mich.

Vom Bürgermeisteramt in die russische Gefangenschaft. Der Krieg ist noch lange nicht vorbei.

Beerdigungen – Leni bloggt (8)

Die Waffen schweigen. Der Krieg ist vorbei. Aber ich kann mich nicht richtig freuen. Helene geht es noch immer nicht gut, sie liegt in dem überfüllten Krankenhaussaal und wir können nicht nach Hamburg weiter. Klaus geht es besser, aber auch er ist geschwächt.

Ich möchte endlich meinen kleinen Hans holen und Christian beerdigen. Ich lasse die verzweifelten großen Kinder zurück und schlage mich nach Osten durch. Überall finden Aufräumarbeiten statt, Leichen werden begraben. Ich muss mich beeilen. Irgendwo muss das kaputte Auto doch zu finden sein. Das Auto, in dem Christian liegt.

Und ich finde es.

Ich trage den kleinen Menschen auf ein Feld und begrabe ihn abseits der Massengräber. Ich präge mir den Ort genau ein. Doch als ich mich zum Gehen wende und die Straße erreiche, kommen mir Zweifel. Noch einmal zurück. Da ist das Grab.

Nun muss ich weiter nach Osten, immer gegen den Strom, der deutlich abnimmt. Ich will zu meinem Jüngsten, der seit über einer Woche auf mich wartet. Von einem amerikanischen Soldaten habe ich einen Passierschein bekommen, doch wieder scheitere ich am Russen. Hier stehe ich und kann nicht zu meinem Sohn. Zwei Kinder auf der einen, eins auf der anderen Seite. Das Risiko ist zu groß. Ich kehre nach Schwerin zurück.

Auf dem Weg noch einmal zu Christians Grab. Doch das Autowrack ist fort, alle Felder sehen gleich aus. Ich finde ihn nicht.

So sah Lenis Kriegsende aus. Ihr Mann Friedrich ist unterdessen aus der russischen Gefangenschsft geflohen und unterwegs nach Norden, zum Gut.

Tagsüber verstecken, nachts zu Fuß durch den Wald. Ich orientiere mich am Nordstern. Der Hunger ist übermächtig, aber ich muss weiter. Noch in der Dunkelheit grabe ich mich im Laub ein, damit mich niemand entdeckt. Dann, eines morgens höre ich Gelächter.

Das Unfassbare ist geschehen.

Ich habe mich mitten in einem russischen Biwak versteckt. Mongolisch aussehende Soldaten stehen um mich herum, fuchteln mit Pistolen. Ich lache mit ihnen, was bleibt mir übrig? Man wirft mir ein Stück Brot zu, dann stutzt der eine und deutet auf meine Hand. Den goldenen Ehering wollen sie haben.

“Der geht nicht ab”, sage ich und ziehe mir am Ringfinger. Mein Gegenüber zückt einen Dolch. Auf wundersame Weise lässt sich der Ring nun doch vom Finger ziehen.

Und dann stehen wir da. Pistolengefuchtel.

Ich bin ganz ruhig.

Das Gefuchtel wird stärker und schließlich begreife ich, was der Mann von mir will: Ich soll abhauen.

Ich haue ab. An diesem Tag ist an Schlaf nicht zu denken.

Und dann, endlich, erreiche ich den kleinen Ort am Gut.

“Wissen Sie etwas über meine Familie?”, frage ich die Erstbeste. “Die vom Gut? Die sind alle tot”, lautet die Antwort.

Es ist nicht mehr weit, durchhalten, es kann nicht stimmen, was die Frau gesagt hat. Ich erreiche das Gut nach insgesamt mehr als 100 km zu Fuß.

Menschen mit durchgeschnittenen Kehlen. Das Herrenhaus ist vollkommen verwüstet. Nach und nach erfahre ich, was passiert ist.

Der Besitzer habe seine Familie erschossen. Nein, das kann nicht sein. Das wäre ja ich gewesen. Oder Albrecht. Dann war es der Verwalter. Sich und seine Frau wollte er auch töten, doch beide haben überlebt. Und die wahren Besitzer? Wo ist Leni, wo ist meine Schwägerin Elfi? Wo die Kinder?

Schulterzucken. Vielleicht sind sie noch rechtzeitig geflohen. Nein, von hier aus kommen Sie jetzt nicht mehr nach Westen.

Im Bootshaus finde ich eine Angel. Ich begrabe herumliegende Leichen, meine Familie ist nicht dabei.

Ich brate mir Fisch.

Fluchtgeschichten – Leni bloggt (7)

Wir sitzen im Krankenhaus fest. Die 7-jährige Helene wird noch eine ganze Weile liegen müssen, ihr eines Bein ist stark verletzt. Bei Klaus sieht es besser aus, und auch mein Arm ist nicht allzu übel zugerichtet. Ich habe die Genehmigung der Amerikaner, mich weiter nach Osten durchzuschlagen, aber es ist mir bisher weder gelungen, den Wagen mit dem toten Christian zu finden, noch konnte ich bis zu dem Gut vordringen, auf dem sich der einjährige Hans befindet.

Zurück im Krankenhaus wird mir mitgeteilt, dass ich gesucht werde. Paulina, meine Hausangestellte, sitzt am Bett von Helene. Oh, wie bereue ich es, ihr meinen Hans nicht mitgegeben zu haben.

Sie ist vollkommen aufgelöst, der Treck wird nicht weitergelassen und von unseren drei Fuhrwerken ist nur noch eins übrig, Paulina wurde vollkommen ausgeplündert. Auch jetzt will sie schnell zurück, um auf das restliche Hab und Gut zu achten. Ich gehe mit ihr und bin entsetzt, wie wenig uns geblieben ist.

Sie wird weiterhin versuchen, nach Hamburg zu gelangen. Wir können nur hoffen, dass sie dort meine Schwiegermutter wohlbehalten antrifft.

Leni sitzt also weiterhin in Schwerin fest, während ihr jüngster Sohn nur wenige Kilometer von ihr entfernt auf sie wartet. Von ihrem Mann Friedrich hat sie keinerlei Neuigkeiten. Was hätte er berichtet? Ungefähr das hier:

Am 1. Mai kapitulierte meine Truppe in Fehrbellin. Nach monatelangen Kämpfen waren wir vollkommen erschöpft und geradezu dankbar für die Ankunft des Russen. Man trieb uns hinter Stacheldraht zusammen und dann wurde offenbar beraten, was mit uns zu geschehen sei. Es gibt Gerüchte über Transporte nach Sibirien.

In der zweiten Nacht gelang es mir zu fliehen. Seitdem gehe ich nach Norden. Immer nach Norden, durch die zerstörten Wälder. Nachts marschiere ich, tagsüber verstecke ich mich im Laub. “Marschieren” ist maßlos übertrieben, ich stolpere voran und versuche, etwas Essbares zu finden. Ich hoffe, meine Familie wohlbehalten auf dem Gut anzutreffen.

Nach Schwerin – Leni bloggt (6)

Der Morgen dämmert, und ich muss der schrecklichen Wahrheit in Form meines toten Sohnes ins Gesicht sehen. Hatte ich vorher noch versucht, Helene und Klaus davon zu überzeugen, dass ihr Bruder schliefe, gibt es jetzt doch kein Halten mehr und die Tränen fließen in Strömen. Strömen tun auch die Menschen an uns vorbei, aber es gelingt mir mithilfe des Fahrers doch, einen Krankenwagen zu organisieren.

Wir falten uns aus dem liegengebliebenen Wagen heraus und ich versuche gerade, Christian vorsichtig herauszuziehen, als der Arzt mir zuruft: “Sparen Sie sich die Mühe, wir transportieren keine Leichen.”

Sparen Sie sich die Mühe.

“Dann geben Sie mir einen Spaten, ich muss ihn beerdigen.”

“Sie können später wiederkommen, lassen Sie ihn im Wagen, dann können Sie ihn nachher beerdigen. Wir müssen los, der Russe ist direkt hinter uns.”

Die Wahrheit seiner Worte wird mir erst später schmerzlich bewusst werden, jetzt drängen wir uns in den Krankenwagen und fahren im erhöhten Schritttempo nach Schwerin. Das Chaos dort ist unbeschreiblich, aber die Kinder werden versorgt und auch mein Arm wird noch einmal verbunden.

Als die Kinder schlafen, mache ich mich auf den Weg nach Osten, ich muss mich um meine jüngsten Söhne kümmern. Einen begraben, einen holen.

Am Eingang des Krankenhauses werde ich angehalten. “Wo wollen Sie hin?” Ich erkläre, dass meine Kinder schlafen, aber genau gekennzeichnet sind, und dass ich in ein paar Stunden wieder da bin. Ich kann ihn verstehen, zu viele Mütter lassen ihre Kinder zurück.

“Vergessen Sie’s, der Russe ist in Muess. Da kommen Sie nicht durch.” Muess – das ist am Schweriner See, sieben Kilometer von hier.

Ich muss es doch versuchen. Ich habe meinen toten Sohn in einem kaputten Wagen zurückgelassen. Ich habe meinen jüngsten Sohn in seinem Kinderwagen zurückgelassen.

Ich schlage mich durch, dem Treck entgegen, doch schon vor Muess ist kein Durchkommen mehr. “Ich will zu meinen Kindern!”, herrsche ich den russischen Offizier an, der mir daraufhin anbietet, mir ein neues Kind zu machen, wenn ich so scharf drauf bin.

Ich bin nicht scharf drauf.

Ich habe Christian abgetrieben. Ich wollte dieses Kind nicht und jetzt zerbreche ich daran, dass es nicht mehr lebt.

Ich lasse mein jüngstes Kind zurück und jetzt komme ich nicht mehr zu ihm.

Meine beiden großen Kinder lasse ich im Krankenhaus allein.

Was bin ich nur für eine Mutter?

 

Der furchtbarste Tag – Leni bloggt (5)

Mit jedem Meter werden die Straßen voller. Nicht, dass das möglich wäre. Von rechts und links drängen sich weitere Fahrzeuge in den Treck, genau so, wie wir es gestern fluchend und schubsend getan haben.

Diese Fahrt ist die Hölle. Wir sind für den Nieselregen und die niedrigen Temperaturen dankbar, der Gestank ist so schon schlimm genug. Die Kinder schlafen auf dem Wagen, wir “Großen” haben uns die Nacht über wachgehalten, um voranzukommen. Es ist entwürdigend, an den Straßenrand zu machen, aber man muss sein Hab und Gut im Auge behalten. Ich zähle die Stunden, die wir noch auf dieser Straße verbringen müssen. Doch das Tempo wird immer langsamer und so vervielfachen sich die Stunden, statt sich zu verringern.

Von allen Seiten kursieren Gerüchte. Hitler soll tot sein. Tiefflieger würden die Trecks angreifen.

“Warum tun die so was?”, höre ich eine Frau fragen. “Wir haben ihnen doch nichts getan!” Ich mustere sie. Sie wendet sich ab und stimmt mit ihrem Sohn das Panzerlied an. Ob Hitler wirklich tot ist? Wir sehen Kinder, die ohne Eltern unterwegs sind. Es heißt, ihre Mutter habe sich umgebracht. Meine Kinder sind vier, sechs, sieben und gerade mal ein Jahr alt. Um mehr kann ich mich nicht kümmern. Ich weiß ja auch gar nichts über sie.

Meine Großen schieben Hans im Kinderwagen neben dem Fuhrwerk her, so sind sie beschäftigt. Ein Kind schiebt, die beiden anderen heben den Wagen über die Hindernisse. So haben alle vier Spaß und sind abgelenkt.

Es wird Abend. Nach zwei Tagen sind wir nicht einmal 50 km von zu Hause entfernt, es ist wirklich unerhört. Ich berate mich mit Paulina und der Gärtnerin, ob wir versuchen sollen, für die Nacht auf dem Gut von Dr. Paul unterzukommen.

“Wir sind erst zwei Tage unterwegs, wir können uns morgen ausruhen”, sagt Paulina. “Es ist nicht gut, hierzubleiben.” Wir verladen die Kinder wieder, sie sollen ein bisschen schlafen. Ich halte Ausschau nach Dr. Paul, als wir auf Höhe des Gutes sind, doch in dem Gedränge kann ich niemanden entdecken.

Dröhnen. Schüsse, Schreie. Tiefflieger!

Aus den Wagen! Alles strömt zu den Gebäuden, in die Gräben, an die Häuserwände. Ich stürze mit meinen drei großen Kindern in den Pferdestall, Hans bleibt im Kinderwagen auf dem Wagen liegen, ich kann ihn nicht mitnehmen. Noch über das Geschrei der Großen höre ich ihn brüllen.

Nach kurzer Zeit ist der Spuk vorbei und wir wagen uns aus der Deckung.

Wir drängeln uns in Richtung Treck, ich will zu Hans! Am Gutstor treffen wir unsere Gärtnerin, Paulina ist schon am Treck. Im selben Moment kommen die Flieger zurück.  ”Schnell, wir bleiben hier und stellen uns unter den Baum an der Mauer”, ruft die Gärtnerin. Und da sitzen wir zusammengeduckt aneinander und lassen uns abknallen. Ich spüre, wie die Gärtnerin lautlos neben mir zusammensackt, während mich ein scharfer Schmerz in den rechten Arm beißt. Die Kinder schreien wie am Spieß, ich sehe überall Blut. Sie schreien, also leben sie! “Steht auf!”, brülle ich, doch nur der sechsjährige Klaus kann noch gehen, Helene und Christian schleppe ich unter die Wagenremise.

Ich schreie Menschen an, dass sie die Gärtnerin auch zu mir bringen und fange die Militärärzte ab, die ohnehin hier ihr Quartier haben. Sie verbinden uns und wir werden ins Haus gebracht. Wo ist Hans, wo ist Paulina? Leben sie noch?

“Sie wird höchstens noch eine Stunde leben”, höre ich es neben mir sagen. Es ist der Arzt, der die Gärtnerin untersucht hat, die besinnungslos neben mir auf dem Boden liegt. “Aber retten Sie Ihren Sohn!” Den wimmernden Christian halte ich im Arm, er ist an Kopf, Lunge und Hand verletzt. “Bringen Sie ihn nach Schwerin”, sagt der Arzt. “Beeilen Sie sich!”

Irgendwie bekomme ich einen Wagen organisiert, da taucht Paulina mit Hans im Arm auf. “Lassen Sie ihn mit dem Kinderwagen hier und fahren Sie weiter”, rufe ich ihr zu. ”Ich kann ihn doch mitnehmen”, sagt sie, aber ich möchte ihn nicht so lang alleine lassen, von Schwerin aus kann ich ihn hier in ein paar Stunden holen und dann fahren wir zusammen weiter nach Hamburg. Wenn er mit Paulina irgendwo vor uns im Treck ist, treffe ich ihn erst in Hamburg wieder.

“Der Wagen ist bereit, steigen Sie ein!”, werde ich ermahnt. Die Gärtnerin darf nicht mit, “es ist hoffnungslos”, und so gebe ich dem brüllenden Hans einen Kuss und quetsche mich mit den drei heulenden großen Kindern in den Militärwagen.

Die Straße ist natürlich nach wie vor verstopft, überall brennen Wagen, es ist stockfinstere Nacht, keiner darf mit Licht fahren, wegen der dauernden Flieger. Auch im Wagen ist es dunkel, neben mir stöhnt Christian, dem ich nicht die geringste Hilfestellung geben kann, da mein rechter Arm durch die Verwundung vollkommen unbeweglich und sehr schmerzhaft ist.

Dann stöhnt er nicht mehr.

Mein Kind stirbt neben mir, ohne dass ich es sehen, noch ihm helfen kann.

Dann hat der Wagen eine Panne und wir liegen die ganze Nacht auf der Chaussee. Bei jedem Fliegergeräusch bekommen die Kinder wieder Angst. Wie soll ich sie beruhigen, wenn ihr toter Bruder neben uns liegt?

Dieser Text ist teilweise wörtlich aus den Briefen von Leni und Friedrich erstellt, den Rest habe ich mir zusammengereimt. Doch auch Friedrich hatte es an diesem Tag nicht leicht. Nach monatelangen Nah- und Straßenkämpfen bei Arnswalde liegt seine Truppe zum Zeitpunkt der Kapitulation am 1.5. in Fehrbellin und Friedrich gerät in russische Gefangenschaft.

 

Wir fliehen doch – Leni bloggt (4)

Heute vor 70 Jahren brach Leni mit ihren Kindern vom Gut in Mecklenburg in Richtung Hamburg auf. Eine Entscheidung, die ihr Leben verändert hat. Was die Alternative zweifelsohne auch getan hätte.

15 km westlich von uns lagen die Amerikaner, die Russen 34 km östlich von uns. Dann die Nachricht, dass die Amis sich zurückziehen, die Russen rücken nach.

Nächtelang diskutiere ich mit meiner Schwägerin Elfi, was wir tun sollen. Sie spürt, dass der Krieg so gut wie vorbei ist. Jetzt zu fliehen sei gefährlicher als zu bleiben, meint sie. Gegen alle habe ich dieses Gut verteidigt. Die Nazis wollten es uns für eine lächerliche Summe abkaufen. Dann hat sich die Wehrmacht hier einquartiert. Auf unserem eigenen Grund wurde ein KZ errichtet. Können die Russen denn so viel schlimmer sein als all das?

Die durchziehenden Flüchtlinge sagen, wir sollen fliehen. Sie haben alles hinter sich gelassen und glauben trotzdem, dass sie die richtige Wahl getroffen haben.

Gestern haben wir drei Fahrzeuge gepackt. Alles, das sich verladen ließ, ist darauf gelandet. Heute früh wollen wir los, natürlich verzögert sich die Abfahrt. Elfi bleibt mit ihren drei Kindern zurück. Wenn sie doch noch fliehen will, bleibt ihr nur ein Fahrrad, aber das kann ich nun auch nicht mehr ändern. Sie wird sich durchschlagen.

Mit mir kommen die Gärtnerin und Paulina, meine illegale litauische Hausgehilfin. Die Kinder sind sehr aufgeregt, oftmals springen sie um die Gefährte herum, wenn wir wieder stehenbleiben. Also eigentlich die ganze Zeit. Meter um Meter kommen wir voran, überall Menschen, Menschen, Menschen. Heruntergekommene Frauen und Kinder.

Als die Kinder die erste Leiche im Straßengraben finden, zwinge ich sie, sich wieder auf die Wagen zu setzen. Habe ich wirklich das Richtige getan? Können die Russen denn schlimmer sein als das hier? Auf dem Gut hatte ich noch Würde, hier bin ich nur eine von vielen Müttern, die ihre Kinder verkrampft anlächeln.

Gottseidank haben wir es nicht so weit, auch in diesem Tempo sollten wir in einer Woche in Hamburg sein.

 

Friedrich hat Geburtstag – Leni bloggt (3)

35 wird Friedrich heute. Wie er seinen Tag wohl verbringen mag? Sich jetzt noch den Russen entgegen zu stellen, scheint mir derartig sinnlos zu sein. Und doch schicken noch immer Mütter ihre Söhne freiwillig an die Front. Noch immer gibt es Menschen, die an diesem Wahnsinn festhalten.

Von Westen rücken die Alliierten vor. Ich hoffe, sie erreichen uns bald, aber vor den Russen werden sie auf jeden Fall da sein. Die Straßen sind vollkommen mit Flüchtlingen verstopft, sie lagern auf dem ganzen Gut, es ist schrecklich. Viele Kinder sind unterwegs gestorben. Sie werden notdürftig am Straßenrand verscharrt, das könnte ich nicht. “Aber man kann keine Leiche mit sich herumtragen”, sagt die eine Mutter, man könne nicht mal eben auf den nächstbesten Friedhof gehen und ein Grab ausheben lassen, es ist alles überfüllt, man muss vorangehen, jeder Aufenthalt kann das Ende bedeuten.

Ich kann mir das nicht vorstellen.

Die Kinder spielen mit den vorbeiziehenden Flüchtlingskindern, die vollkommen verdreckt sind. Einige baden im eiskalten See, der leuchtend blau daliegt, obwohl er von dem vielen Schmutz schon ganz grau sein müsste.

Wie wird Friedrich seinen 35. Geburtstag verbracht haben? Kaum sehr feierlich. Er war im heutigen Polen stationiert, es dürfte ziemlich schlimm gewesen sein. Sein einziger Geburtstag als Soldat.

“Schütze Arsch” war das Ziel seiner Soldatenausbildung, in der er nach eigenen Angaben hauptsächlich lernte, so strammzustehen, dass ein zwischen die Arschbacken gestecktes Markstück seine Prägung verlieren würde.

Das erwähnte er öfter, da er sich im Alter naturgemäß nicht mehr ganz so aufrecht hielt – von meiner Mutter, der Krankengymnastin, aber verordnet bekommen hatte, sich ab und zu mal vernünftig aufzurichten. Dann stand er da, blitze mich schelmisch an und sagte: “Sag ihr, dass ich aufrecht gestanden habe.”

Herzlichen Glückwunsch, Großpapa. Es war eine schöne Zeit mit Dir.

Heimweh – Leni bloggt (2)

Wir sitzen in der Falle. Die spärlichen Nachrichten, die aus Hamburg zu uns dringen, lassen nichts Gutes vermuten. Ich habe Angst, zurückzukehren. Von der anderen Seite strömen die Nachrichten des Monster-Russen an uns vorbei, wer zu spät aufbrach, konnte der Zerstörung seiner Heimat noch zusehen. 

Ich habe mein Haus mit der Wehrmacht teilen müssen, das war schlimm genug. Werden die Amerikaner uns vor den Russen erreichen? Ich hoffe es. Wir hoffen es alle. Und dann gibt es noch diejenigen, die weiterhin am Sieg festhalten. 

Meine Schwägerin sagt, sie geht hier nicht mehr weg. Sie ist in diesem Krieg schon zu oft geflohen, sagt sie. Sie sahen dem Pistolenlauf schon ins Auge. Wenn wir vor der einen Gefahr fliehen, begeben wir uns in eine andere, sagt sie.

Ich habe dieses Gut gegen alles verteidigt, jetzt kann ich es nicht den Russen überlassen.

Wir bleiben.

So ähnlich waren Lenis Gedanken vielleicht vor 70 Jahren.

Bisher sind derartige Entscheidungen an mir vorbei gegangen. Und doch sitze ich hier und habe Heimweh nach meiner Vergangenheit. Die letzte Woche hatten wir Besuch von einem Freund von mir, den ich vor 19 Jahren kennengelernt und vor einem Jahr das erste Mal wiedergesehen habe. Er wohnt in Frankreich und nun ist er wieder dort. Überhaupt weist Frankreich eine hohe Dichte meiner Freundschaften auf, ich habe zweimal dort gelebt und jedesmal sind sehr wichtige, richtige und gute Freundschaften entstanden. Meine wichtigste Freundschaft aus England ist die zu einer Japanerin, die jetzt in der Schweiz wohnt.

All diese Menschen sehe ich nur alle Jubeljahre und es ist in Ordnung, weil wir einfach da weitermachen, wo wir aufgehört haben. Das ist schön und entspannt und man kann sich ja auch nicht ständig sehen. Da kann schon mal das ein oder andere Jahrzehnt vergehen. Aber manchmal vermisse ich sie eben doch.

Und manchmal zerreißt es mich dabei fast. Das ist dann wie falschrumes Heimweh. Heimweh nach der guten alten Zeit, die doch jetzt aber auch nicht schlecht ist, es ist ja alles gut und so.

In diesen Momenten habe ich eine Ahnung, was es heißt, seine Heimat zu verlieren. Das möchte ich bitte niemals erleben müssen.

 

War live dabei und erzählt mir trotzdem nichts

Heute vor 70 Jahren – Leni bloggt (1)

Heute wird mein kleiner Hans ein Jahr alt. Die beiden Großen haben ihm aus Holz ein Auto gebastelt und freuen sich über den Kuchen. Vor einer Woche war Ostern, das erste Fest ohne Friedrich. Sieben Kinder zum Eiersuchen in den Wald zu schicken, war ein großer Spaß. 

Die Wehrmacht ist wieder ausgezogen, aber seit Wochen strömen die Flüchtlinge vorbei, manche bleiben ein paar Tage, andere haben es eilig, weiterzukommen, zu schrecklich muss das sein, was hinter ihnen liegt. Sie fliehen vor den Russen, sie kommen aus Königsberg, aus Pommern, manche sogar aus Estland. Viele sind seit Wochen oder sogar Monaten unterwegs. Wir haben Glück, es heißt, dass die Amerikaner vorrücken. Auch ohne Radio sind wir einigermaßen informiert. Der Krieg kann nicht mehr lange dauern, das merke ich an der zunehmend schlechten Laune unseres Verwalters. Die Kinder beschweren sich darüber, meine Schwägerin und ich freuen uns.

Wir vergraben unser Tafelsilber, unsere schönsten Kleider und all die Dinge, die wir im Fall einer Flucht nicht mitnehmen können. Man weiß ja nie. Silber vergraben ist der neue Volkssport geworden. Unfassbare Schätze müssen in Ostpreußen unter der Erde liegen. Das wird ein wahres Piratenfest, wenn all die Menschen mit Spaten statt Gewehren zurückkehren.

Vielleicht hätte Leni heute vor 70 Jahren ungefähr so gebloggt. Ich wünsche Dir alles Gute zum Geburtstag, Papa!

17.09.1945: Mein Geliebter (Leni)

Ihr wisst Bescheid: Leni ist aus Mecklenburg nach Westen geflohen. Der jüngste Sohn musste zurückbleiben, der zweitjüngste kam ums Leben. Es ist September 1945, Leni ist sicher in ihrem Heimatort angekommen und wusste bis vor ein paar Tagen nicht, was mit ihrem Mann Friedrich geschehen war. Dieser hat ihr nun von dem Gut in Mecklenburg geschrieben. Zeitgleich kam ein Brief von Frau P., bei der Hans, der jüngste Sohn, inzwischen untergekommen ist. Sie ist die Nichte des Mannes, auf dessen Gut der Fliegerangriff stattfand und wo die Familie getrennt wurde. Leni hat mehrfach vergeblich versucht, Hans dort zu holen. Nun ist er also in Berlin.

17.9.45

Mein Geliebter!

Bin unsagbar glücklich, daß ich nach Monaten furchtbarer Ungewißheit das erste Lebenszeichen [3.9.] von Dir habe. Ich kann es noch garnicht fassen u. hoffe Du kommst sehr bald. Komme soeben aus Rostock, nach vergeblichen Versuchen nach dort zu kommen, um Hans zu holen, und finde nun von Dir und über Hans Post vor. Uns geht es sehr gut, nur unseren geliebten Christian haben wir nicht mehr und Herta [die Gärtnerin] und Hans blieben [auf dem Gut, wo der Beschuss stattfand]. Die beiden Großen sind gesund und teilen meine unsagbare Freude. Wir wohnen in unserem Haus in der I. Etage ganz allein, alles ist schön und gut in unseren Möbeln, nur Du und Hans fehlen, aber sei sehr vorsichtig. Ulla L. gab einen Anzug für Dich mit allem dazu. Hier ist alles, was Du brauchst. Wie schön, daß Du behütet bliebst, was magst Du durchgemacht haben.

[Hinweis, auf welcher Bank noch Geld liegt und wo noch Kleidung der Kinder eingelagert ist]

Hans war der einzige unversehrte, ich hatte steifen Arm, deshalb blieb er zurück. Er ist jetzt in Berlin-Friedenau bei van K., versorgt von Inge P. (Malchower Bekannte), aber ganz zufällig. Er war krank, es fehlt ihr Ernährung für ihn, wie sie heute schreibt vom 26.8.: Trockenmilch, Traubenzucker und Fett. Ich werde alles versuchen, ihn zu holen. Sie hat keine Karten für ihn und muß wissen, wann er geboren ist. Vielleicht kannst Du durch Fr. L. was für ihn tun. – Rührend für uns gesorgt hat in Schwerin Mamsells Schwester. Mamsell selbst war bei und vor unserem Fortgang wüst, sie hat nichts rausrücken wollen. Von mir blieb sehr viel da, vieles in der Bettkiste, daß was F. weiß, hat keinen Sinn für uns. Sind sie alle noch da? Rösi und Vater sind hier in der Nähe. – Von Kurt [Friedrichs Bruder] kam heute auch Nachricht, Mutter ist selig –

Ich habe damit gerechnet, daß auf dem Gut alles fort ist. – Ich will sehen, daß ich zugleich Post an Hans’ Viehmutter bekomme, wie fehlt er mir, aber Vorsicht ist besser, vor allem für Dich. Ich hätte ihn sonst schon hier. – Albrecht ist hier, er schläft im Moment im selben Zimmer. Paulina ist auch hier, was ich noch habe, ist ihr zu danken. Sie selbst hat fast nichts.

Geliebter, alle freuen sich mit mir und schicken innige Grüße.

Mutter ist bei Onkel Theo, das Haus ist [von den Engländern] belegt.

Meine innigsten Wünsche umgeben Dich und mein schönstes ist, Dich wieder zu haben, aber sei vorsichtig.

1000 Küsse, Deine Leni

Ob Frl. Herta noch lebt? Die Ärzte hatten sie aufgegeben, sie blieb auf dem Gut. Christian starb auf der Fahrt von P.’s Gut nach Schwerin, es war furchtbar.

Ein sehr emotionaler Brief für Lenis Verhältnisse, und doch ist das P. S. mit der wenigstens etwas genaueren Mitteilung über Christians Tod ganz in die Ecke der Seite gequetscht, als dürfte diese schreckliche Nachricht nicht mehr Platz einnehmen als unbedingt nötig.

Mamsell wurde bereits im allerersten Brief von Rudu erwähnt. Sie war Nazi und hat Leni das Leben wohl so schwer wie möglich gemacht. “F.” gehörte zu den Angestellten. Immer wieder wird erwähnt, dass er bzw. sein Sohn alles wieder ausgegraben haben, das Leni versteckt hatte. Ebenso wie die Verwalterfamilie waren auch sie wohl überzeugte Nazis.