Kategorie-Archiv: Krimskrams

Dieses und jenes, das meinen Alltag kreuzt

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Fluchthände

Nein, dies wird kein Bericht über meine Hände, nicht primär. Meinen Händen geht es noch immer gut.

Ich war im Zug, München-Hamburg.  Naja, erst war ich im Zug nach Berlin, ich war wohl mental nicht richtig anwesend, also von Pasing zurück zum Hauptbahnhof und nur wegen der sensationellen Minute Verspätung des Hamburgzugs habe ich es doch noch geschafft, den Heimatexpress zu erwischen. Im Zug war ich weiterhin geistig in anderen Sphären, korrigierte aber immerhin Rätsel und schlief vor mich hin. Irgendwo mitten in Deutschland setzte sich jemand neben mich. So weit, so uninteressant.

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Krokusse!

Work-Life-Balance einer Unsportlichen

Work-Life-Balance. Nicht zu viel Work, dafür mehr Life. Oder gleich viel oder so, man weiß ja nicht so genau, was wie viel wiegt, ist Schlaf Life oder zählt der nicht? Unruhiger Schlaf kann ja durchaus auch Work sein.

Ich bin eigentlich davon überzeugt, Arbeit und Freizeit im Griff zu haben. Oder war. Früher hatte ich bis um halb vier Zeit zu arbeiten, jetzt kommen die Kinder schon um eins nach Hause. Weiterlesen

Irrende irre Iren

Gestern wollte ich Sam Millar treffen, der sollte sein Buch vorstellen. Hat er auch und ich war auch da, obwohl es kurzzeitig auf der Kippe stand, weil der Babysitter krank war und uns vergessen hatte und nun fix eine andere Lösung hermusste. Die sich aber fand. Und mehr als drei Minuten konnte ich dann auch nicht mit ihm quatschen. Aber darum soll es hier nicht gehen.

Es ist Nachmittag, ich mache mich stadtfein, die Kinder wuseln um mich herum und fragen mich, wen ich denn heute in der Stadt treffe.

Ich: “Den Mann, der mir neulich die Bücher geschickt hat.”

Sohn: “Welche Bücher? Du kriegst doch jeden Tag Bücher.”*

Ich: “Die, die so doll verpackt waren.”

Tochter: “Die auf Englisch?”

Ich: “Ja. Der Mann kommt aus Irland.”

Sohn: “Dann irrt er sich.”

Ich: “???”

Sohn: “Na, wegen IRRland.”

Tochter: “Nee, der ist irre.”

 

* Was meinen Beruf für die Kinder übrigens sehr interessant macht.

 

Frohes neues Jahr?!

Stürmisch geht es zu im neuen Jahr. In jeder Hinsicht. Ich muss Euch nicht erzählen, was los ist, Ihr seid informiert und genau so (also auf die gleiche Art) betroffen wie ich. Das ist schön zu wissen, denn es wird einem ja hier und da durchaus das Gefühl vermittelt, dass die Allgemeinheit anders betroffen ist.

Pegida ist keine Alternative für Deutschland, aber es ist auch nicht nicht die Alternative für Deutschland, wie man weiß. Leute behaupten, “das Volk” zu sein und widerwillig stimme ich zu, denn die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ist Kriegsschar. Volk ist mit viel verwandt und das wiederum mit voll. Ich schweige zu der Assoziationskette, das die Etymologie in mir auslöst. “Jeder kehre vor seiner eigenen Tür”, denke ich jedenfalls schon länger nicht mehr, zu viele kehren woanders und wollen dabei andere bekehren. Vor meiner eigenen Tür weht der Müll meines Nachbarn vorbei, er sammelt sich im Eingang, es stürmt und hagelt, das entspricht ziemlich genau meiner Stimmung.  Auch in mir drin stürmt und hagelt es, nein, eigentlich schneit es mehr, es ist eine beißende Kälte, manchmal mit Hagel. Das soll so nicht sein. Meine stürmischen Hände kann ich ins Krankenhaus bringen, all die stürmenden Leute nicht. Schade.

 

 

 

Bild: Jan Philipp Schwarz

Rückblick 2014

Die Zeit läuft weiter, auch wenn ein Jahr zu Ende geht. Dennoch ist das für mich der richtige Moment, innezuhalten und darüber nachzudenken, was in den letzten zwölf Monaten alles geschehen ist.

Im Januar fand sich mein Erfolgsteam zusammen, bestehend aus drei famosen Damen, mit denen sich der Berufsalltag so viel leichter bewerkstelligen lässt.

Im Februar passierte nichts – außer, dass wir öffentlich äußerten, Gasteltern für die Herzbrücke werden zu wollen. Im März wanderte ich eintägig durchs Siegerland (wer mich kennt, wundert sich an dieser Stelle bitte ordnungsgemäß), zwei Tage später bekamen wir Besuch: Aufklärung über die Aufgaben als Gasteltern eines Herzbrückenkindes. Im April habe ich mit dem Reiten angefangen (weiterwundern!), die Kinder auch.

Im Mai kam Mustafa. Ende Mai verbrachte ich ein paar Tage in Paris, dann kam die Zeit der Familienausflüge im Juni und Juli, ein Interview und mein Schwedischkalender. Und dann der Abschied von Mustafa. Anschließend Wacken. Einschulung der Tochter im August und damit der erste Schul-Elternabend, beim Lektorentag im September hatte ich deutlich mehr Spaß. Am Wochenende war ich das erste Mal beim Schwertschaukampf. Aktiv. (Nach fast sechs Monaten Reitunterricht wundert sich jetzt niemand mehr, oder?) Oktober und November haben wohl auch stattgefunden, ja, doch, Equilibriumkonzert und eBookCamp, da war was. Ansonsten war ich viel beim Arzt.  

Der Dezember war bisher angenehm unspektakulär, außer, dass “1000 Tode” erschienen ist. (Kaufen! Guter Zweck!)

Zu den Lenibriefen bin ich zu wenig gekommen, habe aber inzwischen Kontakt zu diversen Verwandten, die ich noch nicht kannte. Die besten Rezensionsexemplare auf meinem Tisch waren “In der Nacht” (Dennis Lehane), “Welt in Flammen” (Benjamin Monferat) und “Länger als sonst ist nicht für immer” (Pia Ziefle). Insgesamt habe ich etwa 25 Bücher rezensiert (die meisten fürs Buch-Magazin).
Ansonsten sah mein Arbeitsalltag überwiegend so aus:

Und die Kinder?

 

Insgesamt:

Das Bild oben stammt von Jan Philipp Schwarz.

Stimmen in meinem Kopf

Ich war gestern im Theater. Mit Falk, den kenne ich kaum, aber er hat schon über gestern geschrieben.

Es gab “Die Verweigerung” von Ligna, “Mitmachtheater” sagte Falk, aber es war viel mehr als das, wir waren ja selbst das Theater. Jeder bekam ein paar Kopfhörer und dann ging es los, dies ist das Szenario, sagte die Stimme, das und das passiert, du reagierst so und so. Ich tue, was man mir sagt, es wird ein wenig gekichert. Wir beschimpfen die faulen Studenten, doch Moment mal, ich dachte erst, das wären jetzt die echten Schauspieler, die quasi gegen uns anspielen, aber das sind ja auch welche von “uns”.

Bis zur Pause geht es mehr um die Geschichte, die unsichere Stimmung wird hervorragend eingefangen, was denkt mein Gegenüber, kann ich ihm trauen? Es fällt mir leicht, mich auf das Spiel einzulassen, ich führe nur aus und es funktioniert. Ich bin wahrlich beeindruckt, wie gut es funktioniert, also rein technisch und mit dem Timing, denn nun ist ganz deutlich, dass andere zur gleichen Zeit etwas anderes tun als ich.

Nach der Pause folgt das “Pädagogium der Verweigerung”. Die Anweisungen werden bizarrer, einzelne Personen fangen an zu schreien oder zu rennen, ich bin die einzige in meiner Gruppe (Ich bin keine Gruppe!) und verwirrt. Ich soll durch die Gegend krabbeln wie ein Hund. Nein, das kann ich unmöglich tun, alles in mir widersetzt sich. Ich gebe meinem Willen nach, schließlich geht es hier auch um Verweigerung, da können die doch nicht damit rechnen, dass man jeden Mist mitmacht. Dann soll ich raus in den Regen, da dieses und jenes machen, aber das sieht doch keiner, mache ich das nun wirklich? Naja, vielleicht ein bisschen. 

Die Stimmen in meinem Kopf streiten sich, da ist die aus dem Kopfhörer, aber da ist auch meine eigene, die immer lauter abwägt, nein, ich knie mich nicht hin, nein, ich küsse den Boden nicht, nein, nein, die haben sie doch nicht alle, wer bin ich denn?

Ich ziehe mich immer mehr zurück und werde zur Beobachterin, machen alle anderen das, was ihnen gesagt wird? Unmöglich herauszufinden. Irgendwann wird wohl jeder aufgefordert, den Boden zu küssen, oder nicht? Die anderen wissen nicht, dass ich mich verweigere, meine Anweisungen könnten andere sein.

Reihenweise sehe ich Menschen den Boden küssen und bekomme ein ungutes Gefühl dabei. Liegt das an den anderen, die die Anweisungen einfach ausführen oder liegt es an mir? Ich höre immer wieder, dass ich selber entscheiden soll, eröffnet mir das einen Freiraum, den ich mir sonst nicht erschlossen hätte? Wird das den anderen etwa nicht gesagt?

Bin ich denn so eine Verweigerin?

Aber dann. Am Ende müssen wir eine Leiche durch die Gegend tragen, das kann ich eigentlich gar nicht, ich kann keine schweren Dinge hochheben und es tut weh und die anderen würden es auch ohne mich schaffen. Aber ich mache mit. Wie blöd ist das denn?

Wer über sich selbst nachdenken möchte, sollte in “Die Verweigerung” gehen. Ich bin voller Bewunderung für dieses unglaublich schlau gemachte Stück.

 

Kriegskinder-Cover

Texttreff-Blogwichteln 2014

Jedes Jahr veranstaltet der Texttreff das Blogwichteln: Jede Textine, die mitmachen möchte, wirft ihr Blog in einen Lostopf und schreibt für eine andere. Dieses Jahr schreibt meine Kollegin Sandra Schindler für mich. Ein lustiger Zufall, denn auch sie beschäftigt sich mit alten Briefen.  Aber lassen wir sie selbst zu Wort kommen:

Hallo, mein Name ist Sandra Schindler, ich bin, wie Gesa, Lektorin – und habe das große Vergnügen, sie dieses Jahr im Rahmen der Texttreff-Wichtelaktion mit einem Blogbeitrag beschenken zu dürfen.

Als ich Gesa kennenlernte und einige „ihrer“ Briefe las, bearbeitete ich selbst gerade ein rührendes Zeitdokument: „Kriegskinder: Erinnerungen aus der Verwandtschaft von Joachim Schepke“ von Hans-Otto Farfsing.

Zum Inhalt des Buchs: Hans-Otto Farfsing hatte während des Zweiten Weltkriegs ein ganz gewöhnliches Schicksal. Er war nicht Mitglied der Weißen Rose, er hinterfragte nichts, sondern er folgte, wie so viele andere auch. Gerade dieser blinde Gehorsam und die Erklärungsversuche für das damalige Verhalten Jahrzehnte nach Ende des Hitlerregimes machen das Buch so authentisch.

Kriegskinder-Cover

Der zweite Teil des Buchs besteht aus einer Sammlung von Briefen aus der damaligen Zeit: Eine Mutter versucht den Kontakt mit ihrem Mann zu halten, während sie mit ihren Kindern an wechselnde Orte flüchten muss. Währenddessen bleibt der Mann in Ludwigshafen, dem alten Wohnort, und muss mit ansehen, wie alles, was er erreicht hat, immer wieder wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Die Trennung von der Familie, der ganze Schmerz, das Elend des Krieges, aber auch die kleinen Freuden des Lebens (wenn z. B. ein Brief sehnlichst erwartet und zum größten Geschenk wird, weil man den Sender bereits tot geglaubt hat), all das schildern die Farfsings, Verwandte des berühmten U-Boot-Kapitäns Joachim Schepke, in ihren lesenswerten Memoiren.

Ich habe mir mit der Erlaubnis der Farfsings einen Brief ausgesucht, der die damalige Lage ganz gut beschreibt. Es handelt sich um einen Weihnachtsbrief, den die auf das Land geflüchtete Frau ihrem Mann am Abend vor Weihnachten schreibt.

Dazu Tochter Hildegard Farfsing etliche Jahrzehnte später: „Dann kamen die traurigsten Weihnachtstage, die ich je erlebt habe. Bei wildfremden Menschen, die uns nicht mochten, ohne unseren Vater, von dem wir Kinder nur wenig wussten. Ob es Weihnachtsgeschenke gab und was es zur letzten Kriegsweihnacht zu essen gab, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Nur was aus den Briefen unserer Mutter hervorgeht, zeigt, welche Mühe sie sich gab, um den Kindern die Weihnachtstage einigermaßen schön zu machen.“ (S. 171)

Und hier nun der Brief:

23.12.44
Mein lieber Fritz!
Am Christvorabend mit großer Sehnsucht Deiner gedenkend schreibe ich diese Zeilen. Wie im Vorjahr werden wir auch dieses Jahr das Weihnachtsfest ohne unseren lieben Vati verbringen müssen. Wie hart dies ist, läßt sich nicht sagen. Bis heute hoffte ich noch im Geheimen, daß Du doch noch kommen könntest, nun glaube ich nicht mehr daran. Ein Trost, wir sind nicht die Einzigen, welche unter dem Weihnachtsbaum ihres lieben Vatis draußen in der Fremde in Liebe gedenken.

Hoffen wir, die nächste Weihnacht im Frieden wieder gemeinsam verbringen zu dürfen. Die Kinder freuen sich ja so auf den Beschertag, obwohl alle drei wissen, daß das Christkind in diesem Jahr besonders arm ist. Dir, mein liebster Mann, kann ich nichts schenken als meine Liebe und Treue. Wenn Du vielleicht nach Weihnachten kommst, wirst Du noch Dein Gebäck bekommen, welches ich extra für Dich aufhebe. Mein Leckermäulchen von früher muß doch heute alles entbehren.

So Gott will, dürfen wir nach diesen harten Kriegsjahren auch noch eine Reihe glücklicher Jahre zusammen mit den Kindern verleben. Hildegard weinte sehr, als ich ihr vorlas, daß Du von einem Tiefflieger beschossen worden bist. Wo konntest Du so rasch Deckung nehmen? Sei vorsichtig. Wenn Du nicht kommst, heben wir unseren Christbaum bis zu Deinem Kommen auf? Ich stelle denselben auf den Speicher, da wir wohnlich jetzt sehr eingeschränkt sind, wie Du ja schon weißt. Hildegard und Horst kaufen mir gerade noch in Straßkirchen ein. Helmut ist unten bei seinen Freunden (den Schweizers). Die Kinder haben Ferien bis zum 8. Januar.

Gestern kam der Mann von Frau Meier (evakuiert aus Zweibrücken) schon seit sie hier ist zum zweiten Mal auf Urlaub. Ich bin ja so traurig, daß Du nicht kommst auf Weihnachten. Bei uns ist es jetzt kalt geworden. Seit 8 Tagen ist die Erde steinhart gefroren. Gottlob, daß der Matsch weg ist. Morgens sind unsere Fenster mit den schönsten Eisblumen bemalt. Die Phantasie unserer Kinder ist so groß, daß sie alles Mögliche in den Eisgebilden erblicken. Fast täglich überfliegen uns die Feindflieger, in Straubing fielen über hundert Bomben, meistens ins freie Feld. Hildegard und Helmut haben nicht die geringste Angst vor den Fliegern. Nur Horst und ich sind ängstlich. Ich nehme mich zusammen. Jetzt wo die vielen Flüchtlinge auf dem Lande leben, müßte doch etwas für den Luftschutz gesorgt sein, aber dies ist nicht der Fall. Am besten wär‘s hier im freien Felde. Bedauerlich, daß überhaupt kein Wald in der Nähe ist – nichts als Flachland. Auch keine Bäume rechts und links der Landstraßen. Ich wäre viel lieber im Bayerischen Wald. Wenn Du an Weihnachten bei Deinen Kameraden weilst, bist Du nicht allein, denn Deine Kinder und ich weilen im Geiste bei Dir. Stets auf ein baldiges Wiedersehen hoffend umarmt und küßt Dich Deine ganze Familie, insbesondere Deine Dich liebende Frau.

Zwar hat sich der Ort des Geschehens verlagert, doch ist die Problematik bedauerlicherweise immer noch hochaktuell. Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern eine schöne, ruhige Weihnachtszeit und hoffe, dass jeder Einzelne in diesen Tagen an diejenigen Lebewesen denkt, denen es nicht so gut geht – und seinen Teil dazu beiträgt, das diesjährige Weihnachtsfest auf seine eigene Weise ein ganz klein wenig friedlicher zu gestalten.

Sandra Schindler
Diplom-Übersetzerin Sandra Schindler arbeitet hauptberuflich als Lektorin. Sie hat nicht nur Hans-Otto Farfsing bei der Verlagssuche unterstützt, sondern auch anderen Autoren geholfen, einen seriösen Verlag zu finden. Im Ehrenamt lektoriert sie das VEBU-Mitgliedermagazin natürlich vegetarisch. Sie fungiert außerdem für eine ihrer Kundinnen, die Autorin Sandra McKee, als Agentin, Marketingchefin und PR-Frau.
Sandra Schindler bloggt über Übersetzen, Sprache, Marketing, gesunde/vegane Ernährung und Ökologie.

kz neuengamme

Rechercheseminar und Schiffsbesuch

Am Freitag war ich im KZ Neuengamme, das nur einen recht schwungvollen Steinwurf von meinem Wohnort entfernt liegt, und habe dort ein Rechercheseminar besucht. Thema: Ein Täter, Mitläufer, Zuschauer, Opfer in der Familie?

Den ganzen Freitag über herrschte dichter Nebel, der sehr schön die undurchdringliche Suppe illustrierte, in der man herumrührt, wenn man Details über die NS-Zeit herausfinden möchte. Etwa 25 Personen waren gekommen, diese Seminare finden zweimal im Jahr statt und es melden sich wohl immer 35-40 Interessierte an. Der Bedarf ist also vorhanden. Die Anwesenden waren Mitte 30 bis 80, die meisten so um die 60. Viele, die gerade in Rente gekommen sind und nun endlich Zeit haben, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen.

Schummrig-schaurig: KZ Neuengamme

Schummrig-schaurig: KZ Neuengamme

Wir lernten die verschiedenen Möglichkeiten kennen, an Informationen über unsere Vorfahren zu gelangen, zum Beispiel welche Archive uns zur Verfügung stehen.* Ich habe heute sofort eine Anfrage an das Bundesarchiv gestellt.

Beim Mittagessen kam ich mit einigen ins Gespräch. Wir stellten uns die Frage, ob wir heutzutage denn alles richtig machen und ob unsere EnkelInnen uns später etwas werden vorwerfen können. Den Umgang mit der Umwelt zum Beispiel, im vollen Wissen, dass wir unsere Nachkommen ins Verderben reiten. Ich fand das einen sehr spannenden Aspekt. Aus heutiger Sicht sagt man sich natürlich, dass fehlende Mülltrennung nicht mit einem Völkermord zu vergleichen ist – aber können wir denn sicher sein?

“Meine Oma sagt, sie hat früher beim Händewaschen das Wasser laufen lassen.” - ”Das ist noch gar nichts! Mein Opa sagt, eine Mahlzeit ohne Fleisch kommt für ihn nicht infrage.”

Und wenn man uns dann fragt, sagen wir: “Doch, wir haben es gewusst. Aber so war es eben damals. Das haben alle so gemacht.”

Ich hoffe, das klingt auch in ein paar Jahrzehnten noch so übertrieben.

Zurück zum Seminar: Es hat mir viel gebracht und ich bin unendlich dankbar, dass ich nicht aus einer “Täterfamilie” komme.

Am Samstag war ich mit meinem Sohn, meinem Vater und dem Rest von Hamburg auf der “Sonne”, dem superneuen Forschungsschiff, das in Hamburg vor Anker lag. Übrigens mit mehreren Brigaden an Sulo-Tonnen für die perfekte Mülltrennung auf hoher See. Daneben lag die HMS Tyne, ein englisches Kriegsschiff. In der Schlange sagte jemand hinter mir: “Guck mal, was für ein schönes Kriegsschiff.” Ja, wunderschön, so ein graues Ungetüm. Aber da bin ich wohl zu subjektiv unterwegs. Jedenfalls freute ich mich, dass mein Sohn die HMS Tyne nicht betreten wollte, als er erfuhr, dass es sich um ein Kriegsschiff handelt. Neuer Berufswunsch: Reeder.

HMS Tyne von der "Sonne" aus gesehen

HMS Tyne von der “Sonne” aus gesehen

Auf dem Weg zum Essen-Fassen kommen wir an einem Akkordeonspieler vorbei. Anton möchte ihm Geld geben. Man soll es in den offenen Akkordeontransportkoffer werfen. Er findet das doof, er möchte es dem Mann lieber in die Hand geben, aber der spielt weiter und deutet mit der Nase zum Koffer. Mein Sohn gibt schließlich nach und legt das Geld in den Koffer, wartet noch ab, dass der Mann sich ordnungsgemäß bedankt und geht weiter. Dann dreht er sich um und ruft: “BITTE!”

Später kommen wir an einer ordentlich gemachten Matratze vorbei, davor ist eine Art Winztisch aufgebaut, darauf ein Schälchen mit Kleingeld, eine Banane und ein Apfel. Der Besitzer ist offenbar unterwegs und wir spenden ihm unser letztes Mini-Lion. Weil ihn das bestimmt freut. Ich hoffe sehr, dass sich niemand an seinen Sachen bedient.

Auf der Suche nach der HMS Tyne habe ich noch diese großartige Seite entdeckt, falls man mal wissen will, was im Hamburger Hafen so alles rumliegt.

Nun muss ich mich aber erst mal drum kümmern, was bei mir so alles rumliegt. Habe heute schon mehrfach meinen Stift suchen müssen. Die Briefe möchte ich am liebsten alle um mich herum ausbreiten, aber dazu fehlt mir der Platz. Man lässt mich leider nicht wochenlang das Wohnzimmer beschlagnahmen. Wie behaltet Ihr den Überblick über Euer Material?

* Dabei fiel mir wieder auf, dass der Hamburger an sich nicht in der Lage ist, ein kurzes i auszusprechen, nech?

Nanowrimo2

NaNoWriMo

6204 Wörter habe ich geschrieben. Und ja, ich habe geschummelt, ich habe schon vor dem 1.11. angefangen, obwohl der National Novel Writing Month erst an dem Tag begann. 50 000 Wörter sind in einem Monat zu schaffen. Ziemlich utopisch, wenn man nebenher arbeitet. Ich schaffe etwa 600 Wörter am Stück, wenn ich mich dransetze. Das mache ich aber bei weitem nicht jeden Tag.

Und nun? Im Grunde genommen ist es egal, ich habe nichts zu verlieren, aber ich gewinne die Einsicht, dass ich gut vorankommen kann. Über 10 % habe ich schon.

Wie immer in meinem Leben, wenn ich etwas schreiben musste, denke ich nach ein paar Zeilen, jetzt habe ich alles gesagt. Mehr muss nicht. Deshalb habe ich mich jetzt auf kurze Kapitel verlegt, die verschiedene Aspekte im Leben meiner Großmutter beleuchten. Momentan habe ich die Frauenschule in Malchow am Wickel. Wie war es dort, wie lange war sie da? Ich halte mich nicht allzu lang mit der Recherche auf, schreibe XX, wo noch ein Name eingefügt werden muss, markiere Textstellen gelb, die noch überprüft werden sollen. Hauptsache, es geht voran.

Mühsam, Eichhörnchen und so

Mühsam, Eichhörnchen und so

Heute ist übrigens der 11.11. und sowohl Gudrun als auch Andrea sind meinem Wunsch nach einem Gedicht nachgekommen. Andrea zog einen Ringelnatz vor, es sei Dir verziehen, Du bekommst trotzdem eine Seite geschickt.

Fernweh 2

Blogparade: Fernweh

Sabine Olschner fragt in ihrem gar wundervollen Blog nach unserem Fernweh. Davon habe ich genug, deshalb dachte ich, darauf kann ich ganz einfach antworten. Ganz so leicht ist es nun doch nicht.

Ich habe ja schon einmal über das Heimatgefühl geschrieben und die Sehnsucht, meinen Wohnort ab und zu gegen einen anderen einzutauschen. Mittlerweile habe ich einen dauerhaften Wohnsitz gefunden, den ich aus diversen Gründen auch nicht mehr aufgeben will. Höchstens mal ein bisschen.

Reisen ist gar nicht so sehr mein Ding. Ich verreise gern, klar, neue Dinge sehen usw., entspannen und so. Viel wichtiger ist mir aber, ab und zu für eine Weile woanders zu sein. Das erledigt sich nicht mit zwei Wochen Urlaub. Ich möchte mindestens vier Wochen woanders wohnen, richtig ankommen und in aller Ruhe meine Umgebung erkunden. Danach sehne ich mich. Wo das genau ist, spielt eigentlich keine Rolle. Natürlich gibt es Regionen, in die es mich mehr zieht, aber vielleicht würde mir eine andere, von der ich weniger weiß, auch gut gefallen.

Fernweh - so ein diffuses Gefühl

Fernweh – so ein diffuses Gefühl

Nun habe ich Familie, da kann man nicht einfach seinen Koffer packen und für eine Weile abhauen – denn auch das ist Teil meines Fernwehs: Es lässt keine Begleiter zu. Ich kann wundervoll mit Familie oder Freundinnen in den Urlaub fahren, das macht Spaß und gibt mir Energie. Wohin? Egal. Am liebsten nutze ich solche Urlaube, um alte Freunde zu treffen, denn wann kann man das schon. Da meine Freunde auch gern umziehen, ist es nicht einmal unbedingt nötig, immer in die gleichen Gegenden zu fahren.

Wenn meine Sehnsucht zu groß wird, fahren wir alle zusammen ein paar Tage weg, das stillt den akuten Fernhunger. Dass die Sehnsucht zu groß wird, merke ich, wenn ich anfange, nach längeren Auslandsaufenthalten (Stipendien o. Ä.) zu googeln. Bisher hätte ich noch ein zu schlechtes Gewissen, meinen Kinder einen Monat lang die Mutter wegzunehmen. Aber ich weiß, dass das nicht so bleiben wird. Und auch meine Kinder wissen das. Wenn ich für ein Wochenende wegfahre, steht mir meine Freude ins Gesicht geschrieben. Darüber wundern sie sich ein wenig, aber sie verstehen mich auch.

Fernweh - oft auch Sehnsucht nach anderem Essen  (Foto: Christina Fuhrmann)

Fernweh – oft auch Sehnsucht nach anderem Essen
(Foto: Christina Fuhrmann)

Dieses Jahr habe ich mit den Kindern (mein Mann strich zu Hause die Treppe mit rutschfester Farbe) ein Wochenende auf dem Ex-Gut meiner Urgroßeltern verbracht, ein sehr langes Wochenende* in Paris mit meiner Nachbarin, ein Wochenende mit Familie + Mustafa an der Nordsee und jetzt in den Herbstferien folgt noch ein Wochenende in Schleswig-Holstein für uns alle (inklusive Haithabu! Was freue ich mich!).

Ich hatte überlegt, im November für eine Woche allein aufs Gut zu fahren und dort ganz viel zu schreiben.** Ich fürchte nur, die Kinder werden mir das sehr übel nehmen, sie waren da so gern. Aber eine Woche woanders, das wäre schön. Mal sehen. Kostet ja auch Geld, ne?

* Eher war es wohl eine kurze Woche

** Optimistisch davon ausgehend, dass mein uralter Laptop auch Lust drauf hat.

Alles Briefe

Liebster Award vom Sprachpingel

Frau Sprachpingel hat mich für den Liebster Award nominiert. Der soll helfen, unbekannte Blogs bekannter zu machen. Die elf Fragen hat sie vorgegeben.

1. Ist dein Blog aus einer geplanten (strategischen) Entscheidung heraus entstanden oder eher spontan?

Ich hatte diesen Riesenhaufen Briefe und wusste, ich muss sie alle mal lesen und nach Möglichkeit abtippen. Das wusste ich schon seit Jahren, aber ich musste sie noch immer lesen und nach Möglichkeit abtippen. Irgendwann haben mir die guten Frauen vom Netzwerk Texttreff dazu geraten, die Briefe zu bloggen, denn damit würde ich sie a) abtippen und b) hätten auch sie was davon. Das Blog war also durchaus eine strategische Entscheidung.

2. Wie nah sind die Blog-Inhalte dem Thema, mit dem du dein Geld verdienst?

Ich verdiene mein Geld mit eigenen Texten und mit dem Herummäkeln an den Texten anderer Leute (Lektorat). Das Schreiben ist also durchaus mit meinem Beruf verknüpft. Inhaltlich gibt es aber wenig Verknüpfungspunkte.

3. Hast du über dein Blog schon Kunden gewonnen?

Ja, Kunden nämlich, für die ich jetzt Blogtexte schreibe.

4. Bloggst du mit eigenen Vorgaben (z. B. »mindestens ein Artikel pro Woche« oder »mindestens XY Zeichen pro Artikel«)?

Die Zeichen sind mir egal, ich schreibe so lange, bis mir nichts mehr einfällt (oder der Brief zu Ende ist). Ein Artikel pro Woche muss sein, denn ich bin ein Iron Buchblogger und somit zum wöchentlichen Schreiben verpflichtet, sonst muss ich Strafe zahlen. Seit über einem Jahr halte ich das eisern durch.

5. Hast du noch weitere Blogs außer dem, mit dem ich dich hier nominiert habe?

Nein, aber ich blogge auch für den VFLL.

6. Mal unabhängig von Marketing- oder sonstigen geschäftlichen Aspekten: Was bedeutet dir dein Blog persönlich?

Ursprünglich eine Form des Selbst-in-den-Arsch-Tretens, ist mein Blog nun zu einem geliebten Kind herangereift. Ich bekomme auch viel positives Feedback, das ist natürlich gut fürs Ego.

7. Reale oder fiktive Person, tot oder lebendig – spielt alles keine Rolle: Wen würdest du gern mal als Gastautor/-in in deinem Blog schreiben lassen – und worüber?

Die meisten wissen, dass ich aus den Großmutterbriefen einen Roman machen möchte. Da kommen natürlich viele Fragen zu den Hintergründen auf, denn die Briefe setzen einiges an Wissen voraus. Wissen, dass ich nicht habe. Ich hätte also gern einen Beitrag meiner Großmutter oder ihres Vaters (Papa [hinten betont]), damit meine Fragen endlich geklärt werden können.

8. Gibt es Dinge, die du ohne dein Blog nicht erreicht oder erlebt hättest? Welche sind das?

Oh ja. Die Briefe würden noch immer irgendwo lagern und darauf warten, dass sie jemand liest. Ich hätte noch nicht mit dem Buch angefangen. Ich würde nicht für andere bloggen.

9. Wie wichtig sind dir Schreibstil und Rechtschreibung in deinem Blog?

Ich bin Lektorin. Rechtschreibung ist mir wichtig. Der Schreibstil findet mich von allein, an dem kann und will ich gar nichts ändern. Bei den Briefen bin ich natürlich vom Schreibstil der Verfasser abhängig, da würde ich aber auch niemals eingreifen.

10. Du darfst in der Neuauflage eines Filmklassikers mitspielen. Welchen Film und welche Rolle wählst du, und warum?

Ich möchte die Hauptrolle in der Verfilmung meines Buches. Filmklassiker braucht man nicht neu zu verfilmen.

11. Womit kann man dir IMMER eine Freude machen?

Ich bin leicht zu erfreuen. Ich freue mich über nette Worte und über jede Form der kulinarischen Zuwendung. Ich freue mich über Besuch von freundlichen Mitmenschen.

Papás Grab

Kinder, Krieg und Stolpersteine

Seit Mustafas Besuch bei uns ist besonders Anton sehr an Krieg, Gewalt und den jeweiligen Hintergründen interessiert. Durch meine Recherchen in Sachen Großmutterbriefe bekommen die Kinder natürlich auch noch einiges mit, die Flucht vom Gut nach Hamburg sind wir schließlich auch zusammen nachgefahren.

Gestern war ich mit Anton (4) im Völkerkundemuseum. Er fand es mittelinteressant, naja, immerhin steht da ein Auto. Und Gebetsfahnen gibt es überall, wie bei uns. Beim (sehr guten!) Essen im Museumsrestaurant schaffte es Anton, der Bedienung 20 Cent abzuschnacken (“Da ist einer drauf, der tanzt!”). Spannender als das Museum waren aber die Kaninchen im Garten meines Freundes, der dort in der Nähe wohnt und den wir noch besuchten. Und mit am allerspannendsten waren die Stolpersteine, die in der Rothenbaumchaussee in erschreckend großer Zahl liegen.

Ich versuchte, Anton möglichst kindgerecht zu verklickern, was es damit auf sich hat. Erst dachte er an Grabsteine: “So wie der Stein von unserem Ururopa bei dem großen, großen Haus!”

Ich setzte meine Erklärung fort, er sann eine Weile nach und rief dann begeistert:

“Ach so! Dann haben die da Steine hingelegt, damit die Bösen darüber stolpern und die Leute nicht holen können!”

Nein, so war das nicht. Aber es wäre irgendwie schöner gewesen.

 

(Auf dem Foto sieht man das Grab von Papa [hinten betont], meinem Urgroßvater, bekannt aus den Briefen. Er liegt im Gutswald begraben.)