Kategorie-Archiv: Briefe

Alte Briefe – von meiner Großmutter, meinem Großvater, diversen Großonkeln und anderen Verwandten. Die spannendsten sind die von 1927 bis 1947, daher findet Ihr sie hier

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Flucht – vor 70 Jahren und heute

Dieses Blog ist entstanden, weil ich eine Motivation brauchte, die vielen, vielen Briefe aus dem Nachlass meiner Großmutter lesbar zu machen. Die eindrücklichsten dieser Briefe handeln von der Flucht. Eine Flucht über lächerliche 147 km, die trotzdem fast zwei Monate dauerte und ein Menschenleben kostete. Gestern vor 70 Jahren erhielt meine Großmutter nach Monaten der Ungewissheit ein Lebenszeichen von ihrem Mann Friedrich. Es sollte noch bis zum 17.9. dauern, bis sie ihm einen Antwortbrief schreiben würde.

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Rückkehr – Leni bloggt (10)

Seit dem 1. Mai 1945 befindet Leni sich mit ihren beiden älteren Kindern in Schwerin im Krankenhaus. Um sie herum tobt das Chaos, in ihr drin ebenso. Ein Kind beerdigt, eins zurückgelassen, keine Nachricht vom Ehemann. 

Was hätte ich denn machen sollen? Es hat keinen Sinn, sich Vorwürfe zu machen, was passiert ist, ist passiert. Jetzt ist die Frage, wie es weitergeht. Es ist unmöglich, zu dem Gut zurückzukehren, auf dem ich Hans zurückgelassen habe. Ich habe es versucht, wieder versucht, noch einmal versucht.

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Gefangenschaften – Leni bloggt (9)

Nachdem Leni kurz vor Kriegsende ihren jüngsten Sohn zurücklassen und den zweitjüngsten zu Grabe tragen musste, sitzt sie nun mit den beiden großen Kindern in Schwerin im Krankenhaus fest. Die siebenjährige Helene hat es besonders schlimm erwischt, noch ist nicht daran zu denken, nach Hamburg weiterzuziehen. Die Strecke muss zu Fuß bewältigt werden, Transportmittel sind knapp.

Hätte Leni bloggen können …

Das Wetter ist wunderschön, die Sonne scheint und ich verbringe mit den Kindern so viel Zeit wie möglich außerhalb vom Krankenhaus. Hoffentlich können wir bald los, ich fühle mich hier wie gefangen. Ich habe weder von Friedrich Neuigkeiten, noch von Paulina oder von meinem kleinen Hans. Ob Paulina in Hamburg angekommen ist? Wenn Friedrich dort wäre, würde er sicher herkommen. Ich weigere mich, mit dem Schlimmsten zu rechnen, denn wenn etwas in diesem Chaos funktioniert, dann doch die Zustellung der Benachrichtigungen, wenn ein Soldat gefallen ist. Vielleicht sitzt er längst auf dem Gut und wartet auf uns.

Hätte Friedrich bloggen können …

Es ist so sinnlos, hier auf dem Gut herumzusitzen. Aber vor ein paar Wochen hat man mich kurzerhand zum Bürgermeister dieses Kaffs gemacht, ich sei hier schließlich der einzige Nicht-Nazi, hat es geheißen. Ich lasse die Flüchtlinge auf die Häuser verteilen, aber es ist unmöglich, gegen die Ströme anzukommen und für jeden, der weiterzieht, kommen drei nach.

Am Ende der Allee tauchen die Russen auf. Ich stehe vor der Tür. “Du, mitkommen!”, sagen Sie. Der Gewehrlauf überzeugt mich.

Vom Bürgermeisteramt in die russische Gefangenschaft. Der Krieg ist noch lange nicht vorbei.

Beerdigungen – Leni bloggt (8)

Die Waffen schweigen. Der Krieg ist vorbei. Aber ich kann mich nicht richtig freuen. Helene geht es noch immer nicht gut, sie liegt in dem überfüllten Krankenhaussaal und wir können nicht nach Hamburg weiter. Klaus geht es besser, aber auch er ist geschwächt.

Ich möchte endlich meinen kleinen Hans holen und Christian beerdigen. Ich lasse die verzweifelten großen Kinder zurück und schlage mich nach Osten durch. Überall finden Aufräumarbeiten statt, Leichen werden begraben. Ich muss mich beeilen. Irgendwo muss das kaputte Auto doch zu finden sein. Das Auto, in dem Christian liegt.

Und ich finde es.

Ich trage den kleinen Menschen auf ein Feld und begrabe ihn abseits der Massengräber. Ich präge mir den Ort genau ein. Doch als ich mich zum Gehen wende und die Straße erreiche, kommen mir Zweifel. Noch einmal zurück. Da ist das Grab.

Nun muss ich weiter nach Osten, immer gegen den Strom, der deutlich abnimmt. Ich will zu meinem Jüngsten, der seit über einer Woche auf mich wartet. Von einem amerikanischen Soldaten habe ich einen Passierschein bekommen, doch wieder scheitere ich am Russen. Hier stehe ich und kann nicht zu meinem Sohn. Zwei Kinder auf der einen, eins auf der anderen Seite. Das Risiko ist zu groß. Ich kehre nach Schwerin zurück.

Auf dem Weg noch einmal zu Christians Grab. Doch das Autowrack ist fort, alle Felder sehen gleich aus. Ich finde ihn nicht.

So sah Lenis Kriegsende aus. Ihr Mann Friedrich ist unterdessen aus der russischen Gefangenschsft geflohen und unterwegs nach Norden, zum Gut.

Tagsüber verstecken, nachts zu Fuß durch den Wald. Ich orientiere mich am Nordstern. Der Hunger ist übermächtig, aber ich muss weiter. Noch in der Dunkelheit grabe ich mich im Laub ein, damit mich niemand entdeckt. Dann, eines morgens höre ich Gelächter.

Das Unfassbare ist geschehen.

Ich habe mich mitten in einem russischen Biwak versteckt. Mongolisch aussehende Soldaten stehen um mich herum, fuchteln mit Pistolen. Ich lache mit ihnen, was bleibt mir übrig? Man wirft mir ein Stück Brot zu, dann stutzt der eine und deutet auf meine Hand. Den goldenen Ehering wollen sie haben.

“Der geht nicht ab”, sage ich und ziehe mir am Ringfinger. Mein Gegenüber zückt einen Dolch. Auf wundersame Weise lässt sich der Ring nun doch vom Finger ziehen.

Und dann stehen wir da. Pistolengefuchtel.

Ich bin ganz ruhig.

Das Gefuchtel wird stärker und schließlich begreife ich, was der Mann von mir will: Ich soll abhauen.

Ich haue ab. An diesem Tag ist an Schlaf nicht zu denken.

Und dann, endlich, erreiche ich den kleinen Ort am Gut.

“Wissen Sie etwas über meine Familie?”, frage ich die Erstbeste. “Die vom Gut? Die sind alle tot”, lautet die Antwort.

Es ist nicht mehr weit, durchhalten, es kann nicht stimmen, was die Frau gesagt hat. Ich erreiche das Gut nach insgesamt mehr als 100 km zu Fuß.

Menschen mit durchgeschnittenen Kehlen. Das Herrenhaus ist vollkommen verwüstet. Nach und nach erfahre ich, was passiert ist.

Der Besitzer habe seine Familie erschossen. Nein, das kann nicht sein. Das wäre ja ich gewesen. Oder Albrecht. Dann war es der Verwalter. Sich und seine Frau wollte er auch töten, doch beide haben überlebt. Und die wahren Besitzer? Wo ist Leni, wo ist meine Schwägerin Elfi? Wo die Kinder?

Schulterzucken. Vielleicht sind sie noch rechtzeitig geflohen. Nein, von hier aus kommen Sie jetzt nicht mehr nach Westen.

Im Bootshaus finde ich eine Angel. Ich begrabe herumliegende Leichen, meine Familie ist nicht dabei.

Ich brate mir Fisch.

Fluchtgeschichten – Leni bloggt (7)

Wir sitzen im Krankenhaus fest. Die 7-jährige Helene wird noch eine ganze Weile liegen müssen, ihr eines Bein ist stark verletzt. Bei Klaus sieht es besser aus, und auch mein Arm ist nicht allzu übel zugerichtet. Ich habe die Genehmigung der Amerikaner, mich weiter nach Osten durchzuschlagen, aber es ist mir bisher weder gelungen, den Wagen mit dem toten Christian zu finden, noch konnte ich bis zu dem Gut vordringen, auf dem sich der einjährige Hans befindet.

Zurück im Krankenhaus wird mir mitgeteilt, dass ich gesucht werde. Paulina, meine Hausangestellte, sitzt am Bett von Helene. Oh, wie bereue ich es, ihr meinen Hans nicht mitgegeben zu haben.

Sie ist vollkommen aufgelöst, der Treck wird nicht weitergelassen und von unseren drei Fuhrwerken ist nur noch eins übrig, Paulina wurde vollkommen ausgeplündert. Auch jetzt will sie schnell zurück, um auf das restliche Hab und Gut zu achten. Ich gehe mit ihr und bin entsetzt, wie wenig uns geblieben ist.

Sie wird weiterhin versuchen, nach Hamburg zu gelangen. Wir können nur hoffen, dass sie dort meine Schwiegermutter wohlbehalten antrifft.

Leni sitzt also weiterhin in Schwerin fest, während ihr jüngster Sohn nur wenige Kilometer von ihr entfernt auf sie wartet. Von ihrem Mann Friedrich hat sie keinerlei Neuigkeiten. Was hätte er berichtet? Ungefähr das hier:

Am 1. Mai kapitulierte meine Truppe in Fehrbellin. Nach monatelangen Kämpfen waren wir vollkommen erschöpft und geradezu dankbar für die Ankunft des Russen. Man trieb uns hinter Stacheldraht zusammen und dann wurde offenbar beraten, was mit uns zu geschehen sei. Es gibt Gerüchte über Transporte nach Sibirien.

In der zweiten Nacht gelang es mir zu fliehen. Seitdem gehe ich nach Norden. Immer nach Norden, durch die zerstörten Wälder. Nachts marschiere ich, tagsüber verstecke ich mich im Laub. “Marschieren” ist maßlos übertrieben, ich stolpere voran und versuche, etwas Essbares zu finden. Ich hoffe, meine Familie wohlbehalten auf dem Gut anzutreffen.

Nach Schwerin – Leni bloggt (6)

Der Morgen dämmert, und ich muss der schrecklichen Wahrheit in Form meines toten Sohnes ins Gesicht sehen. Hatte ich vorher noch versucht, Helene und Klaus davon zu überzeugen, dass ihr Bruder schliefe, gibt es jetzt doch kein Halten mehr und die Tränen fließen in Strömen. Strömen tun auch die Menschen an uns vorbei, aber es gelingt mir mithilfe des Fahrers doch, einen Krankenwagen zu organisieren.

Wir falten uns aus dem liegengebliebenen Wagen heraus und ich versuche gerade, Christian vorsichtig herauszuziehen, als der Arzt mir zuruft: “Sparen Sie sich die Mühe, wir transportieren keine Leichen.”

Sparen Sie sich die Mühe.

“Dann geben Sie mir einen Spaten, ich muss ihn beerdigen.”

“Sie können später wiederkommen, lassen Sie ihn im Wagen, dann können Sie ihn nachher beerdigen. Wir müssen los, der Russe ist direkt hinter uns.”

Die Wahrheit seiner Worte wird mir erst später schmerzlich bewusst werden, jetzt drängen wir uns in den Krankenwagen und fahren im erhöhten Schritttempo nach Schwerin. Das Chaos dort ist unbeschreiblich, aber die Kinder werden versorgt und auch mein Arm wird noch einmal verbunden.

Als die Kinder schlafen, mache ich mich auf den Weg nach Osten, ich muss mich um meine jüngsten Söhne kümmern. Einen begraben, einen holen.

Am Eingang des Krankenhauses werde ich angehalten. “Wo wollen Sie hin?” Ich erkläre, dass meine Kinder schlafen, aber genau gekennzeichnet sind, und dass ich in ein paar Stunden wieder da bin. Ich kann ihn verstehen, zu viele Mütter lassen ihre Kinder zurück.

“Vergessen Sie’s, der Russe ist in Muess. Da kommen Sie nicht durch.” Muess – das ist am Schweriner See, sieben Kilometer von hier.

Ich muss es doch versuchen. Ich habe meinen toten Sohn in einem kaputten Wagen zurückgelassen. Ich habe meinen jüngsten Sohn in seinem Kinderwagen zurückgelassen.

Ich schlage mich durch, dem Treck entgegen, doch schon vor Muess ist kein Durchkommen mehr. “Ich will zu meinen Kindern!”, herrsche ich den russischen Offizier an, der mir daraufhin anbietet, mir ein neues Kind zu machen, wenn ich so scharf drauf bin.

Ich bin nicht scharf drauf.

Ich habe Christian abgetrieben. Ich wollte dieses Kind nicht und jetzt zerbreche ich daran, dass es nicht mehr lebt.

Ich lasse mein jüngstes Kind zurück und jetzt komme ich nicht mehr zu ihm.

Meine beiden großen Kinder lasse ich im Krankenhaus allein.

Was bin ich nur für eine Mutter?

 

Der furchtbarste Tag – Leni bloggt (5)

Mit jedem Meter werden die Straßen voller. Nicht, dass das möglich wäre. Von rechts und links drängen sich weitere Fahrzeuge in den Treck, genau so, wie wir es gestern fluchend und schubsend getan haben.

Diese Fahrt ist die Hölle. Wir sind für den Nieselregen und die niedrigen Temperaturen dankbar, der Gestank ist so schon schlimm genug. Die Kinder schlafen auf dem Wagen, wir “Großen” haben uns die Nacht über wachgehalten, um voranzukommen. Es ist entwürdigend, an den Straßenrand zu machen, aber man muss sein Hab und Gut im Auge behalten. Ich zähle die Stunden, die wir noch auf dieser Straße verbringen müssen. Doch das Tempo wird immer langsamer und so vervielfachen sich die Stunden, statt sich zu verringern.

Von allen Seiten kursieren Gerüchte. Hitler soll tot sein. Tiefflieger würden die Trecks angreifen.

“Warum tun die so was?”, höre ich eine Frau fragen. “Wir haben ihnen doch nichts getan!” Ich mustere sie. Sie wendet sich ab und stimmt mit ihrem Sohn das Panzerlied an. Ob Hitler wirklich tot ist? Wir sehen Kinder, die ohne Eltern unterwegs sind. Es heißt, ihre Mutter habe sich umgebracht. Meine Kinder sind vier, sechs, sieben und gerade mal ein Jahr alt. Um mehr kann ich mich nicht kümmern. Ich weiß ja auch gar nichts über sie.

Meine Großen schieben Hans im Kinderwagen neben dem Fuhrwerk her, so sind sie beschäftigt. Ein Kind schiebt, die beiden anderen heben den Wagen über die Hindernisse. So haben alle vier Spaß und sind abgelenkt.

Es wird Abend. Nach zwei Tagen sind wir nicht einmal 50 km von zu Hause entfernt, es ist wirklich unerhört. Ich berate mich mit Paulina und der Gärtnerin, ob wir versuchen sollen, für die Nacht auf dem Gut von Dr. Paul unterzukommen.

“Wir sind erst zwei Tage unterwegs, wir können uns morgen ausruhen”, sagt Paulina. “Es ist nicht gut, hierzubleiben.” Wir verladen die Kinder wieder, sie sollen ein bisschen schlafen. Ich halte Ausschau nach Dr. Paul, als wir auf Höhe des Gutes sind, doch in dem Gedränge kann ich niemanden entdecken.

Dröhnen. Schüsse, Schreie. Tiefflieger!

Aus den Wagen! Alles strömt zu den Gebäuden, in die Gräben, an die Häuserwände. Ich stürze mit meinen drei großen Kindern in den Pferdestall, Hans bleibt im Kinderwagen auf dem Wagen liegen, ich kann ihn nicht mitnehmen. Noch über das Geschrei der Großen höre ich ihn brüllen.

Nach kurzer Zeit ist der Spuk vorbei und wir wagen uns aus der Deckung.

Wir drängeln uns in Richtung Treck, ich will zu Hans! Am Gutstor treffen wir unsere Gärtnerin, Paulina ist schon am Treck. Im selben Moment kommen die Flieger zurück.  ”Schnell, wir bleiben hier und stellen uns unter den Baum an der Mauer”, ruft die Gärtnerin. Und da sitzen wir zusammengeduckt aneinander und lassen uns abknallen. Ich spüre, wie die Gärtnerin lautlos neben mir zusammensackt, während mich ein scharfer Schmerz in den rechten Arm beißt. Die Kinder schreien wie am Spieß, ich sehe überall Blut. Sie schreien, also leben sie! “Steht auf!”, brülle ich, doch nur der sechsjährige Klaus kann noch gehen, Helene und Christian schleppe ich unter die Wagenremise.

Ich schreie Menschen an, dass sie die Gärtnerin auch zu mir bringen und fange die Militärärzte ab, die ohnehin hier ihr Quartier haben. Sie verbinden uns und wir werden ins Haus gebracht. Wo ist Hans, wo ist Paulina? Leben sie noch?

“Sie wird höchstens noch eine Stunde leben”, höre ich es neben mir sagen. Es ist der Arzt, der die Gärtnerin untersucht hat, die besinnungslos neben mir auf dem Boden liegt. “Aber retten Sie Ihren Sohn!” Den wimmernden Christian halte ich im Arm, er ist an Kopf, Lunge und Hand verletzt. “Bringen Sie ihn nach Schwerin”, sagt der Arzt. “Beeilen Sie sich!”

Irgendwie bekomme ich einen Wagen organisiert, da taucht Paulina mit Hans im Arm auf. “Lassen Sie ihn mit dem Kinderwagen hier und fahren Sie weiter”, rufe ich ihr zu. ”Ich kann ihn doch mitnehmen”, sagt sie, aber ich möchte ihn nicht so lang alleine lassen, von Schwerin aus kann ich ihn hier in ein paar Stunden holen und dann fahren wir zusammen weiter nach Hamburg. Wenn er mit Paulina irgendwo vor uns im Treck ist, treffe ich ihn erst in Hamburg wieder.

“Der Wagen ist bereit, steigen Sie ein!”, werde ich ermahnt. Die Gärtnerin darf nicht mit, “es ist hoffnungslos”, und so gebe ich dem brüllenden Hans einen Kuss und quetsche mich mit den drei heulenden großen Kindern in den Militärwagen.

Die Straße ist natürlich nach wie vor verstopft, überall brennen Wagen, es ist stockfinstere Nacht, keiner darf mit Licht fahren, wegen der dauernden Flieger. Auch im Wagen ist es dunkel, neben mir stöhnt Christian, dem ich nicht die geringste Hilfestellung geben kann, da mein rechter Arm durch die Verwundung vollkommen unbeweglich und sehr schmerzhaft ist.

Dann stöhnt er nicht mehr.

Mein Kind stirbt neben mir, ohne dass ich es sehen, noch ihm helfen kann.

Dann hat der Wagen eine Panne und wir liegen die ganze Nacht auf der Chaussee. Bei jedem Fliegergeräusch bekommen die Kinder wieder Angst. Wie soll ich sie beruhigen, wenn ihr toter Bruder neben uns liegt?

Dieser Text ist teilweise wörtlich aus den Briefen von Leni und Friedrich erstellt, den Rest habe ich mir zusammengereimt. Doch auch Friedrich hatte es an diesem Tag nicht leicht. Nach monatelangen Nah- und Straßenkämpfen bei Arnswalde liegt seine Truppe zum Zeitpunkt der Kapitulation am 1.5. in Fehrbellin und Friedrich gerät in russische Gefangenschaft.

 

Wir fliehen doch – Leni bloggt (4)

Heute vor 70 Jahren brach Leni mit ihren Kindern vom Gut in Mecklenburg in Richtung Hamburg auf. Eine Entscheidung, die ihr Leben verändert hat. Was die Alternative zweifelsohne auch getan hätte.

15 km westlich von uns lagen die Amerikaner, die Russen 34 km östlich von uns. Dann die Nachricht, dass die Amis sich zurückziehen, die Russen rücken nach.

Nächtelang diskutiere ich mit meiner Schwägerin Elfi, was wir tun sollen. Sie spürt, dass der Krieg so gut wie vorbei ist. Jetzt zu fliehen sei gefährlicher als zu bleiben, meint sie. Gegen alle habe ich dieses Gut verteidigt. Die Nazis wollten es uns für eine lächerliche Summe abkaufen. Dann hat sich die Wehrmacht hier einquartiert. Auf unserem eigenen Grund wurde ein KZ errichtet. Können die Russen denn so viel schlimmer sein als all das?

Die durchziehenden Flüchtlinge sagen, wir sollen fliehen. Sie haben alles hinter sich gelassen und glauben trotzdem, dass sie die richtige Wahl getroffen haben.

Gestern haben wir drei Fahrzeuge gepackt. Alles, das sich verladen ließ, ist darauf gelandet. Heute früh wollen wir los, natürlich verzögert sich die Abfahrt. Elfi bleibt mit ihren drei Kindern zurück. Wenn sie doch noch fliehen will, bleibt ihr nur ein Fahrrad, aber das kann ich nun auch nicht mehr ändern. Sie wird sich durchschlagen.

Mit mir kommen die Gärtnerin und Paulina, meine illegale litauische Hausgehilfin. Die Kinder sind sehr aufgeregt, oftmals springen sie um die Gefährte herum, wenn wir wieder stehenbleiben. Also eigentlich die ganze Zeit. Meter um Meter kommen wir voran, überall Menschen, Menschen, Menschen. Heruntergekommene Frauen und Kinder.

Als die Kinder die erste Leiche im Straßengraben finden, zwinge ich sie, sich wieder auf die Wagen zu setzen. Habe ich wirklich das Richtige getan? Können die Russen denn schlimmer sein als das hier? Auf dem Gut hatte ich noch Würde, hier bin ich nur eine von vielen Müttern, die ihre Kinder verkrampft anlächeln.

Gottseidank haben wir es nicht so weit, auch in diesem Tempo sollten wir in einer Woche in Hamburg sein.

 

Friedrich hat Geburtstag – Leni bloggt (3)

35 wird Friedrich heute. Wie er seinen Tag wohl verbringen mag? Sich jetzt noch den Russen entgegen zu stellen, scheint mir derartig sinnlos zu sein. Und doch schicken noch immer Mütter ihre Söhne freiwillig an die Front. Noch immer gibt es Menschen, die an diesem Wahnsinn festhalten.

Von Westen rücken die Alliierten vor. Ich hoffe, sie erreichen uns bald, aber vor den Russen werden sie auf jeden Fall da sein. Die Straßen sind vollkommen mit Flüchtlingen verstopft, sie lagern auf dem ganzen Gut, es ist schrecklich. Viele Kinder sind unterwegs gestorben. Sie werden notdürftig am Straßenrand verscharrt, das könnte ich nicht. “Aber man kann keine Leiche mit sich herumtragen”, sagt die eine Mutter, man könne nicht mal eben auf den nächstbesten Friedhof gehen und ein Grab ausheben lassen, es ist alles überfüllt, man muss vorangehen, jeder Aufenthalt kann das Ende bedeuten.

Ich kann mir das nicht vorstellen.

Die Kinder spielen mit den vorbeiziehenden Flüchtlingskindern, die vollkommen verdreckt sind. Einige baden im eiskalten See, der leuchtend blau daliegt, obwohl er von dem vielen Schmutz schon ganz grau sein müsste.

Wie wird Friedrich seinen 35. Geburtstag verbracht haben? Kaum sehr feierlich. Er war im heutigen Polen stationiert, es dürfte ziemlich schlimm gewesen sein. Sein einziger Geburtstag als Soldat.

“Schütze Arsch” war das Ziel seiner Soldatenausbildung, in der er nach eigenen Angaben hauptsächlich lernte, so strammzustehen, dass ein zwischen die Arschbacken gestecktes Markstück seine Prägung verlieren würde.

Das erwähnte er öfter, da er sich im Alter naturgemäß nicht mehr ganz so aufrecht hielt – von meiner Mutter, der Krankengymnastin, aber verordnet bekommen hatte, sich ab und zu mal vernünftig aufzurichten. Dann stand er da, blitze mich schelmisch an und sagte: “Sag ihr, dass ich aufrecht gestanden habe.”

Herzlichen Glückwunsch, Großpapa. Es war eine schöne Zeit mit Dir.

Heimweh – Leni bloggt (2)

Wir sitzen in der Falle. Die spärlichen Nachrichten, die aus Hamburg zu uns dringen, lassen nichts Gutes vermuten. Ich habe Angst, zurückzukehren. Von der anderen Seite strömen die Nachrichten des Monster-Russen an uns vorbei, wer zu spät aufbrach, konnte der Zerstörung seiner Heimat noch zusehen. 

Ich habe mein Haus mit der Wehrmacht teilen müssen, das war schlimm genug. Werden die Amerikaner uns vor den Russen erreichen? Ich hoffe es. Wir hoffen es alle. Und dann gibt es noch diejenigen, die weiterhin am Sieg festhalten. 

Meine Schwägerin sagt, sie geht hier nicht mehr weg. Sie ist in diesem Krieg schon zu oft geflohen, sagt sie. Sie sahen dem Pistolenlauf schon ins Auge. Wenn wir vor der einen Gefahr fliehen, begeben wir uns in eine andere, sagt sie.

Ich habe dieses Gut gegen alles verteidigt, jetzt kann ich es nicht den Russen überlassen.

Wir bleiben.

So ähnlich waren Lenis Gedanken vielleicht vor 70 Jahren.

Bisher sind derartige Entscheidungen an mir vorbei gegangen. Und doch sitze ich hier und habe Heimweh nach meiner Vergangenheit. Die letzte Woche hatten wir Besuch von einem Freund von mir, den ich vor 19 Jahren kennengelernt und vor einem Jahr das erste Mal wiedergesehen habe. Er wohnt in Frankreich und nun ist er wieder dort. Überhaupt weist Frankreich eine hohe Dichte meiner Freundschaften auf, ich habe zweimal dort gelebt und jedesmal sind sehr wichtige, richtige und gute Freundschaften entstanden. Meine wichtigste Freundschaft aus England ist die zu einer Japanerin, die jetzt in der Schweiz wohnt.

All diese Menschen sehe ich nur alle Jubeljahre und es ist in Ordnung, weil wir einfach da weitermachen, wo wir aufgehört haben. Das ist schön und entspannt und man kann sich ja auch nicht ständig sehen. Da kann schon mal das ein oder andere Jahrzehnt vergehen. Aber manchmal vermisse ich sie eben doch.

Und manchmal zerreißt es mich dabei fast. Das ist dann wie falschrumes Heimweh. Heimweh nach der guten alten Zeit, die doch jetzt aber auch nicht schlecht ist, es ist ja alles gut und so.

In diesen Momenten habe ich eine Ahnung, was es heißt, seine Heimat zu verlieren. Das möchte ich bitte niemals erleben müssen.

 

War live dabei und erzählt mir trotzdem nichts

Heute vor 70 Jahren – Leni bloggt (1)

Heute wird mein kleiner Hans ein Jahr alt. Die beiden Großen haben ihm aus Holz ein Auto gebastelt und freuen sich über den Kuchen. Vor einer Woche war Ostern, das erste Fest ohne Friedrich. Sieben Kinder zum Eiersuchen in den Wald zu schicken, war ein großer Spaß. 

Die Wehrmacht ist wieder ausgezogen, aber seit Wochen strömen die Flüchtlinge vorbei, manche bleiben ein paar Tage, andere haben es eilig, weiterzukommen, zu schrecklich muss das sein, was hinter ihnen liegt. Sie fliehen vor den Russen, sie kommen aus Königsberg, aus Pommern, manche sogar aus Estland. Viele sind seit Wochen oder sogar Monaten unterwegs. Wir haben Glück, es heißt, dass die Amerikaner vorrücken. Auch ohne Radio sind wir einigermaßen informiert. Der Krieg kann nicht mehr lange dauern, das merke ich an der zunehmend schlechten Laune unseres Verwalters. Die Kinder beschweren sich darüber, meine Schwägerin und ich freuen uns.

Wir vergraben unser Tafelsilber, unsere schönsten Kleider und all die Dinge, die wir im Fall einer Flucht nicht mitnehmen können. Man weiß ja nie. Silber vergraben ist der neue Volkssport geworden. Unfassbare Schätze müssen in Ostpreußen unter der Erde liegen. Das wird ein wahres Piratenfest, wenn all die Menschen mit Spaten statt Gewehren zurückkehren.

Vielleicht hätte Leni heute vor 70 Jahren ungefähr so gebloggt. Ich wünsche Dir alles Gute zum Geburtstag, Papa!

Kriegskinder-Cover

Texttreff-Blogwichteln 2014

Jedes Jahr veranstaltet der Texttreff das Blogwichteln: Jede Textine, die mitmachen möchte, wirft ihr Blog in einen Lostopf und schreibt für eine andere. Dieses Jahr schreibt meine Kollegin Sandra Schindler für mich. Ein lustiger Zufall, denn auch sie beschäftigt sich mit alten Briefen.  Aber lassen wir sie selbst zu Wort kommen:

Hallo, mein Name ist Sandra Schindler, ich bin, wie Gesa, Lektorin – und habe das große Vergnügen, sie dieses Jahr im Rahmen der Texttreff-Wichtelaktion mit einem Blogbeitrag beschenken zu dürfen.

Als ich Gesa kennenlernte und einige „ihrer“ Briefe las, bearbeitete ich selbst gerade ein rührendes Zeitdokument: „Kriegskinder: Erinnerungen aus der Verwandtschaft von Joachim Schepke“ von Hans-Otto Farfsing.

Zum Inhalt des Buchs: Hans-Otto Farfsing hatte während des Zweiten Weltkriegs ein ganz gewöhnliches Schicksal. Er war nicht Mitglied der Weißen Rose, er hinterfragte nichts, sondern er folgte, wie so viele andere auch. Gerade dieser blinde Gehorsam und die Erklärungsversuche für das damalige Verhalten Jahrzehnte nach Ende des Hitlerregimes machen das Buch so authentisch.

Kriegskinder-Cover

Der zweite Teil des Buchs besteht aus einer Sammlung von Briefen aus der damaligen Zeit: Eine Mutter versucht den Kontakt mit ihrem Mann zu halten, während sie mit ihren Kindern an wechselnde Orte flüchten muss. Währenddessen bleibt der Mann in Ludwigshafen, dem alten Wohnort, und muss mit ansehen, wie alles, was er erreicht hat, immer wieder wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Die Trennung von der Familie, der ganze Schmerz, das Elend des Krieges, aber auch die kleinen Freuden des Lebens (wenn z. B. ein Brief sehnlichst erwartet und zum größten Geschenk wird, weil man den Sender bereits tot geglaubt hat), all das schildern die Farfsings, Verwandte des berühmten U-Boot-Kapitäns Joachim Schepke, in ihren lesenswerten Memoiren.

Ich habe mir mit der Erlaubnis der Farfsings einen Brief ausgesucht, der die damalige Lage ganz gut beschreibt. Es handelt sich um einen Weihnachtsbrief, den die auf das Land geflüchtete Frau ihrem Mann am Abend vor Weihnachten schreibt.

Dazu Tochter Hildegard Farfsing etliche Jahrzehnte später: „Dann kamen die traurigsten Weihnachtstage, die ich je erlebt habe. Bei wildfremden Menschen, die uns nicht mochten, ohne unseren Vater, von dem wir Kinder nur wenig wussten. Ob es Weihnachtsgeschenke gab und was es zur letzten Kriegsweihnacht zu essen gab, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Nur was aus den Briefen unserer Mutter hervorgeht, zeigt, welche Mühe sie sich gab, um den Kindern die Weihnachtstage einigermaßen schön zu machen.“ (S. 171)

Und hier nun der Brief:

23.12.44
Mein lieber Fritz!
Am Christvorabend mit großer Sehnsucht Deiner gedenkend schreibe ich diese Zeilen. Wie im Vorjahr werden wir auch dieses Jahr das Weihnachtsfest ohne unseren lieben Vati verbringen müssen. Wie hart dies ist, läßt sich nicht sagen. Bis heute hoffte ich noch im Geheimen, daß Du doch noch kommen könntest, nun glaube ich nicht mehr daran. Ein Trost, wir sind nicht die Einzigen, welche unter dem Weihnachtsbaum ihres lieben Vatis draußen in der Fremde in Liebe gedenken.

Hoffen wir, die nächste Weihnacht im Frieden wieder gemeinsam verbringen zu dürfen. Die Kinder freuen sich ja so auf den Beschertag, obwohl alle drei wissen, daß das Christkind in diesem Jahr besonders arm ist. Dir, mein liebster Mann, kann ich nichts schenken als meine Liebe und Treue. Wenn Du vielleicht nach Weihnachten kommst, wirst Du noch Dein Gebäck bekommen, welches ich extra für Dich aufhebe. Mein Leckermäulchen von früher muß doch heute alles entbehren.

So Gott will, dürfen wir nach diesen harten Kriegsjahren auch noch eine Reihe glücklicher Jahre zusammen mit den Kindern verleben. Hildegard weinte sehr, als ich ihr vorlas, daß Du von einem Tiefflieger beschossen worden bist. Wo konntest Du so rasch Deckung nehmen? Sei vorsichtig. Wenn Du nicht kommst, heben wir unseren Christbaum bis zu Deinem Kommen auf? Ich stelle denselben auf den Speicher, da wir wohnlich jetzt sehr eingeschränkt sind, wie Du ja schon weißt. Hildegard und Horst kaufen mir gerade noch in Straßkirchen ein. Helmut ist unten bei seinen Freunden (den Schweizers). Die Kinder haben Ferien bis zum 8. Januar.

Gestern kam der Mann von Frau Meier (evakuiert aus Zweibrücken) schon seit sie hier ist zum zweiten Mal auf Urlaub. Ich bin ja so traurig, daß Du nicht kommst auf Weihnachten. Bei uns ist es jetzt kalt geworden. Seit 8 Tagen ist die Erde steinhart gefroren. Gottlob, daß der Matsch weg ist. Morgens sind unsere Fenster mit den schönsten Eisblumen bemalt. Die Phantasie unserer Kinder ist so groß, daß sie alles Mögliche in den Eisgebilden erblicken. Fast täglich überfliegen uns die Feindflieger, in Straubing fielen über hundert Bomben, meistens ins freie Feld. Hildegard und Helmut haben nicht die geringste Angst vor den Fliegern. Nur Horst und ich sind ängstlich. Ich nehme mich zusammen. Jetzt wo die vielen Flüchtlinge auf dem Lande leben, müßte doch etwas für den Luftschutz gesorgt sein, aber dies ist nicht der Fall. Am besten wär‘s hier im freien Felde. Bedauerlich, daß überhaupt kein Wald in der Nähe ist – nichts als Flachland. Auch keine Bäume rechts und links der Landstraßen. Ich wäre viel lieber im Bayerischen Wald. Wenn Du an Weihnachten bei Deinen Kameraden weilst, bist Du nicht allein, denn Deine Kinder und ich weilen im Geiste bei Dir. Stets auf ein baldiges Wiedersehen hoffend umarmt und küßt Dich Deine ganze Familie, insbesondere Deine Dich liebende Frau.

Zwar hat sich der Ort des Geschehens verlagert, doch ist die Problematik bedauerlicherweise immer noch hochaktuell. Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern eine schöne, ruhige Weihnachtszeit und hoffe, dass jeder Einzelne in diesen Tagen an diejenigen Lebewesen denkt, denen es nicht so gut geht – und seinen Teil dazu beiträgt, das diesjährige Weihnachtsfest auf seine eigene Weise ein ganz klein wenig friedlicher zu gestalten.

Sandra Schindler
Diplom-Übersetzerin Sandra Schindler arbeitet hauptberuflich als Lektorin. Sie hat nicht nur Hans-Otto Farfsing bei der Verlagssuche unterstützt, sondern auch anderen Autoren geholfen, einen seriösen Verlag zu finden. Im Ehrenamt lektoriert sie das VEBU-Mitgliedermagazin natürlich vegetarisch. Sie fungiert außerdem für eine ihrer Kundinnen, die Autorin Sandra McKee, als Agentin, Marketingchefin und PR-Frau.
Sandra Schindler bloggt über Übersetzen, Sprache, Marketing, gesunde/vegane Ernährung und Ökologie.

kz neuengamme

Rechercheseminar und Schiffsbesuch

Am Freitag war ich im KZ Neuengamme, das nur einen recht schwungvollen Steinwurf von meinem Wohnort entfernt liegt, und habe dort ein Rechercheseminar besucht. Thema: Ein Täter, Mitläufer, Zuschauer, Opfer in der Familie?

Den ganzen Freitag über herrschte dichter Nebel, der sehr schön die undurchdringliche Suppe illustrierte, in der man herumrührt, wenn man Details über die NS-Zeit herausfinden möchte. Etwa 25 Personen waren gekommen, diese Seminare finden zweimal im Jahr statt und es melden sich wohl immer 35-40 Interessierte an. Der Bedarf ist also vorhanden. Die Anwesenden waren Mitte 30 bis 80, die meisten so um die 60. Viele, die gerade in Rente gekommen sind und nun endlich Zeit haben, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen.

Schummrig-schaurig: KZ Neuengamme

Schummrig-schaurig: KZ Neuengamme

Wir lernten die verschiedenen Möglichkeiten kennen, an Informationen über unsere Vorfahren zu gelangen, zum Beispiel welche Archive uns zur Verfügung stehen.* Ich habe heute sofort eine Anfrage an das Bundesarchiv gestellt.

Beim Mittagessen kam ich mit einigen ins Gespräch. Wir stellten uns die Frage, ob wir heutzutage denn alles richtig machen und ob unsere EnkelInnen uns später etwas werden vorwerfen können. Den Umgang mit der Umwelt zum Beispiel, im vollen Wissen, dass wir unsere Nachkommen ins Verderben reiten. Ich fand das einen sehr spannenden Aspekt. Aus heutiger Sicht sagt man sich natürlich, dass fehlende Mülltrennung nicht mit einem Völkermord zu vergleichen ist – aber können wir denn sicher sein?

“Meine Oma sagt, sie hat früher beim Händewaschen das Wasser laufen lassen.” - ”Das ist noch gar nichts! Mein Opa sagt, eine Mahlzeit ohne Fleisch kommt für ihn nicht infrage.”

Und wenn man uns dann fragt, sagen wir: “Doch, wir haben es gewusst. Aber so war es eben damals. Das haben alle so gemacht.”

Ich hoffe, das klingt auch in ein paar Jahrzehnten noch so übertrieben.

Zurück zum Seminar: Es hat mir viel gebracht und ich bin unendlich dankbar, dass ich nicht aus einer “Täterfamilie” komme.

Am Samstag war ich mit meinem Sohn, meinem Vater und dem Rest von Hamburg auf der “Sonne”, dem superneuen Forschungsschiff, das in Hamburg vor Anker lag. Übrigens mit mehreren Brigaden an Sulo-Tonnen für die perfekte Mülltrennung auf hoher See. Daneben lag die HMS Tyne, ein englisches Kriegsschiff. In der Schlange sagte jemand hinter mir: “Guck mal, was für ein schönes Kriegsschiff.” Ja, wunderschön, so ein graues Ungetüm. Aber da bin ich wohl zu subjektiv unterwegs. Jedenfalls freute ich mich, dass mein Sohn die HMS Tyne nicht betreten wollte, als er erfuhr, dass es sich um ein Kriegsschiff handelt. Neuer Berufswunsch: Reeder.

HMS Tyne von der "Sonne" aus gesehen

HMS Tyne von der “Sonne” aus gesehen

Auf dem Weg zum Essen-Fassen kommen wir an einem Akkordeonspieler vorbei. Anton möchte ihm Geld geben. Man soll es in den offenen Akkordeontransportkoffer werfen. Er findet das doof, er möchte es dem Mann lieber in die Hand geben, aber der spielt weiter und deutet mit der Nase zum Koffer. Mein Sohn gibt schließlich nach und legt das Geld in den Koffer, wartet noch ab, dass der Mann sich ordnungsgemäß bedankt und geht weiter. Dann dreht er sich um und ruft: “BITTE!”

Später kommen wir an einer ordentlich gemachten Matratze vorbei, davor ist eine Art Winztisch aufgebaut, darauf ein Schälchen mit Kleingeld, eine Banane und ein Apfel. Der Besitzer ist offenbar unterwegs und wir spenden ihm unser letztes Mini-Lion. Weil ihn das bestimmt freut. Ich hoffe sehr, dass sich niemand an seinen Sachen bedient.

Auf der Suche nach der HMS Tyne habe ich noch diese großartige Seite entdeckt, falls man mal wissen will, was im Hamburger Hafen so alles rumliegt.

Nun muss ich mich aber erst mal drum kümmern, was bei mir so alles rumliegt. Habe heute schon mehrfach meinen Stift suchen müssen. Die Briefe möchte ich am liebsten alle um mich herum ausbreiten, aber dazu fehlt mir der Platz. Man lässt mich leider nicht wochenlang das Wohnzimmer beschlagnahmen. Wie behaltet Ihr den Überblick über Euer Material?

* Dabei fiel mir wieder auf, dass der Hamburger an sich nicht in der Lage ist, ein kurzes i auszusprechen, nech?

Nanowrimo2

NaNoWriMo

6204 Wörter habe ich geschrieben. Und ja, ich habe geschummelt, ich habe schon vor dem 1.11. angefangen, obwohl der National Novel Writing Month erst an dem Tag begann. 50 000 Wörter sind in einem Monat zu schaffen. Ziemlich utopisch, wenn man nebenher arbeitet. Ich schaffe etwa 600 Wörter am Stück, wenn ich mich dransetze. Das mache ich aber bei weitem nicht jeden Tag.

Und nun? Im Grunde genommen ist es egal, ich habe nichts zu verlieren, aber ich gewinne die Einsicht, dass ich gut vorankommen kann. Über 10 % habe ich schon.

Wie immer in meinem Leben, wenn ich etwas schreiben musste, denke ich nach ein paar Zeilen, jetzt habe ich alles gesagt. Mehr muss nicht. Deshalb habe ich mich jetzt auf kurze Kapitel verlegt, die verschiedene Aspekte im Leben meiner Großmutter beleuchten. Momentan habe ich die Frauenschule in Malchow am Wickel. Wie war es dort, wie lange war sie da? Ich halte mich nicht allzu lang mit der Recherche auf, schreibe XX, wo noch ein Name eingefügt werden muss, markiere Textstellen gelb, die noch überprüft werden sollen. Hauptsache, es geht voran.

Mühsam, Eichhörnchen und so

Mühsam, Eichhörnchen und so

Heute ist übrigens der 11.11. und sowohl Gudrun als auch Andrea sind meinem Wunsch nach einem Gedicht nachgekommen. Andrea zog einen Ringelnatz vor, es sei Dir verziehen, Du bekommst trotzdem eine Seite geschickt.

Manches ändert sich allerdings nie

Recherchenostalige

Ich dachte ja, es wäre eine prima Idee, die Briefe einfach abzuschreiben und dann würde man schon sehen, was man daraus machen kann.

Die Idee erweist sich als mittelprima, weil die Briefe sich auf magische Weise verfünffacht haben – aber auch wenn das nicht der Fall gewesen wäre, hätte ihre Übermacht mich zur Strecke gebracht.

Immerhin weiß ich inzwischen, was man daraus machen kann und die ersten Seiten des Buchprojekts stehen bereits. Nun reicht es natürlich nicht, die (ohnehin rar gesäten) Fakten aus den Briefen zusammenzuklauben und in Buchform zu pressen, nein, Recherche ist gefragt. Ich lese, suche, sehe Filme und mache mir Notizen. Immer wieder finde ich unerwartete Verknüpfungspunkte.

Heute: “Der Hamburger Hafen 1938″ auf DVD, gefilmt von Kurt Lehfeldt. Lehfeldt war seinerzeit Konditor. In dem Café gab es – jedenfalls viele Jahre später – Mittagstisch. Dort hat mein Großvater (“Friedrich” aus den Briefen) gegessen. Und kein Trinkgeld gegeben. Denn wenn man jeden Tag dort fünfzig Pfennig Trinkgeld geben würde, wären das im Jahr über hundert Mark. Und das ginge ja nun wirklich zu weit.

Ja, mein Großvater. Von ihm stammt auch der Rat, sich an der Ampel nie zu dicht an das vordere Auto zu stellen, denn der könnte ja liegenbleiben. Wenn nun der Hintermann auch dicht an einem steht, kann man nicht wenden bzw. sich aus der Lücke quetschen.

Und ja, Lehfeldt. Mein Vater war natürlich früher auch immer bei Lehfeldt. Und manchmal, ganz, ganz manchmal, hat er uns Zuckermännchen mitgebracht. Die standen dann jahrelang im Setzkasten rum, bis sie so verblasst waren, dass ihr Anblick mehr erschreckte als erfreute. Dann habe ich sie entsorgt. Nein, nicht im Müll. Ich habe sie gegessen. Hart war das. Aber süß. Und wahrscheinlich etwas staubig.

Ihr seht: Die Recherche macht mich entsetzlich nostalgisch. Noch dazu fahre ich nachher in meine alte Heimat und gehe dortselbst zum Chinesen. Und erzähle meinen Kindern, dass ich dort früher immer 120 (Huhn mit Mandeln) gegessen habe, bis es Probleme mit dem Mandellieferanten gab und ich auf 119 (Huhn mit Cashewkernen) ausweichen musste. Könnte auch 121 sein. Ich weiß es nie so genau.

Die anderen interessiert das aber gar nicht, das sind nur meine Privaterinnerungen. Wenn ich es aufschreibe, wisst Ihr es trotzdem und ich kann mich anderen Dingen widmen. Zum Beispiel der Frage: Wie ist es, wenn alles anders kommt, als man sich das vorgestellt hat? Wie kommt die Erinnerung mit einem Krieg klar?

Zurück zu meiner Recherche. Ich habe herausgefunden, dass man 1931 in 98 Minuten von Hamburg-Bergedorf nach Berlin reisen konnte. Laut Wikipedia wurde dieser Rekord erst 1997 wieder erreicht. 1929 wollte Leni ihren Bruder Rudu in Berlin besuchen, da wird sie sich später geärgert haben, dass der Schienenzeppelin noch nicht fuhr!

Aber was rede ich, ich muss los. Es gibt Mittagstisch. Ich werde E essen. Und Leute von früher treffen.

Manches ändert sich allerdings nie

Manches ändert sich allerdings nie

Alles Briefe

Liebster Award vom Sprachpingel

Frau Sprachpingel hat mich für den Liebster Award nominiert. Der soll helfen, unbekannte Blogs bekannter zu machen. Die elf Fragen hat sie vorgegeben.

1. Ist dein Blog aus einer geplanten (strategischen) Entscheidung heraus entstanden oder eher spontan?

Ich hatte diesen Riesenhaufen Briefe und wusste, ich muss sie alle mal lesen und nach Möglichkeit abtippen. Das wusste ich schon seit Jahren, aber ich musste sie noch immer lesen und nach Möglichkeit abtippen. Irgendwann haben mir die guten Frauen vom Netzwerk Texttreff dazu geraten, die Briefe zu bloggen, denn damit würde ich sie a) abtippen und b) hätten auch sie was davon. Das Blog war also durchaus eine strategische Entscheidung.

2. Wie nah sind die Blog-Inhalte dem Thema, mit dem du dein Geld verdienst?

Ich verdiene mein Geld mit eigenen Texten und mit dem Herummäkeln an den Texten anderer Leute (Lektorat). Das Schreiben ist also durchaus mit meinem Beruf verknüpft. Inhaltlich gibt es aber wenig Verknüpfungspunkte.

3. Hast du über dein Blog schon Kunden gewonnen?

Ja, Kunden nämlich, für die ich jetzt Blogtexte schreibe.

4. Bloggst du mit eigenen Vorgaben (z. B. »mindestens ein Artikel pro Woche« oder »mindestens XY Zeichen pro Artikel«)?

Die Zeichen sind mir egal, ich schreibe so lange, bis mir nichts mehr einfällt (oder der Brief zu Ende ist). Ein Artikel pro Woche muss sein, denn ich bin ein Iron Buchblogger und somit zum wöchentlichen Schreiben verpflichtet, sonst muss ich Strafe zahlen. Seit über einem Jahr halte ich das eisern durch.

5. Hast du noch weitere Blogs außer dem, mit dem ich dich hier nominiert habe?

Nein, aber ich blogge auch für den VFLL.

6. Mal unabhängig von Marketing- oder sonstigen geschäftlichen Aspekten: Was bedeutet dir dein Blog persönlich?

Ursprünglich eine Form des Selbst-in-den-Arsch-Tretens, ist mein Blog nun zu einem geliebten Kind herangereift. Ich bekomme auch viel positives Feedback, das ist natürlich gut fürs Ego.

7. Reale oder fiktive Person, tot oder lebendig – spielt alles keine Rolle: Wen würdest du gern mal als Gastautor/-in in deinem Blog schreiben lassen – und worüber?

Die meisten wissen, dass ich aus den Großmutterbriefen einen Roman machen möchte. Da kommen natürlich viele Fragen zu den Hintergründen auf, denn die Briefe setzen einiges an Wissen voraus. Wissen, dass ich nicht habe. Ich hätte also gern einen Beitrag meiner Großmutter oder ihres Vaters (Papa [hinten betont]), damit meine Fragen endlich geklärt werden können.

8. Gibt es Dinge, die du ohne dein Blog nicht erreicht oder erlebt hättest? Welche sind das?

Oh ja. Die Briefe würden noch immer irgendwo lagern und darauf warten, dass sie jemand liest. Ich hätte noch nicht mit dem Buch angefangen. Ich würde nicht für andere bloggen.

9. Wie wichtig sind dir Schreibstil und Rechtschreibung in deinem Blog?

Ich bin Lektorin. Rechtschreibung ist mir wichtig. Der Schreibstil findet mich von allein, an dem kann und will ich gar nichts ändern. Bei den Briefen bin ich natürlich vom Schreibstil der Verfasser abhängig, da würde ich aber auch niemals eingreifen.

10. Du darfst in der Neuauflage eines Filmklassikers mitspielen. Welchen Film und welche Rolle wählst du, und warum?

Ich möchte die Hauptrolle in der Verfilmung meines Buches. Filmklassiker braucht man nicht neu zu verfilmen.

11. Womit kann man dir IMMER eine Freude machen?

Ich bin leicht zu erfreuen. Ich freue mich über nette Worte und über jede Form der kulinarischen Zuwendung. Ich freue mich über Besuch von freundlichen Mitmenschen.

Papás Grab

Kinder, Krieg und Stolpersteine

Seit Mustafas Besuch bei uns ist besonders Anton sehr an Krieg, Gewalt und den jeweiligen Hintergründen interessiert. Durch meine Recherchen in Sachen Großmutterbriefe bekommen die Kinder natürlich auch noch einiges mit, die Flucht vom Gut nach Hamburg sind wir schließlich auch zusammen nachgefahren.

Gestern war ich mit Anton (4) im Völkerkundemuseum. Er fand es mittelinteressant, naja, immerhin steht da ein Auto. Und Gebetsfahnen gibt es überall, wie bei uns. Beim (sehr guten!) Essen im Museumsrestaurant schaffte es Anton, der Bedienung 20 Cent abzuschnacken (“Da ist einer drauf, der tanzt!”). Spannender als das Museum waren aber die Kaninchen im Garten meines Freundes, der dort in der Nähe wohnt und den wir noch besuchten. Und mit am allerspannendsten waren die Stolpersteine, die in der Rothenbaumchaussee in erschreckend großer Zahl liegen.

Ich versuchte, Anton möglichst kindgerecht zu verklickern, was es damit auf sich hat. Erst dachte er an Grabsteine: “So wie der Stein von unserem Ururopa bei dem großen, großen Haus!”

Ich setzte meine Erklärung fort, er sann eine Weile nach und rief dann begeistert:

“Ach so! Dann haben die da Steine hingelegt, damit die Bösen darüber stolpern und die Leute nicht holen können!”

Nein, so war das nicht. Aber es wäre irgendwie schöner gewesen.

 

(Auf dem Foto sieht man das Grab von Papa [hinten betont], meinem Urgroßvater, bekannt aus den Briefen. Er liegt im Gutswald begraben.)

Rechnung (06.04.1947)

Ich widme mich jetzt wieder den Briefen meiner Großmutter, immer wieder lese ich mich fest, statt konstruktiv zu arbeiten. Aber das gehört wohl dazu – so merke ich ja auch selbst, was spannend ist und was nicht.
Wirklich spannend ist die folgende Rechnung. Meine Großmutter war damals starke Raucherin, der Tabak knapp und sie – ziemlich clever.

Kleine Aufregungen gibt es öfters und wie schön ist es dann, eine Zigarette zu haben und damit bin ich beim Carepaket. Ach Rudu, wie freue ich mich schon wieder auf das Paket und wie finde ich es süss von Dir, dass Du gleich nach Deiner Geldzuwendung wieder an uns gedacht hast, wo Du es doch selber so nötig brauchst. Ohne Giftnudeln bin ich ja soooo unglücklich, und ich mache mir oft bittere Vorwürfe deswegen, weil ich sie so viel nützlicher anwenden könnte, aber trotz aller Versuche werde ich immer wieder schwach. Aus 12 Zigaretten mache ich 18, d. h. ich lasse lange Stummel oder Kippen, drehe aus drei Kippen eine neue, das sind bei 12 Kippen 16 Zigaretten. Aus diesen vier Zigaretten sind eine zu drehen = 17 Zigaretten. Eine Kippe Rest und eine noch von den vorigen, kommt eine geliehene Kippe dazu, gibt 18 Zigaretten. So rechnen wir, Dir wird sicher ganz schwach bei dem Exempel, freu Dich, dass Du kein Raucher mehr bist und diese Nöte nicht kennst.

Habt Ihr alles verstanden? Könnte das mal jemand nachmachen und mir schicken?

MeckPomm

Zurück zum Alltag

Seit Mai hat sich viel getan in meinem Berufsalltag. Erst kam Mustafa und stellte alles ein bisschen auf den Kopf, den Rest erledigten meine Kinder in den Sommerferien. Seit dieser Woche sollte alles wieder seinen gewohnten Gang gehen, aber ich finde mich nicht so recht hinein.

Beruflich hat sich einiges verändert, ich lektoriere weniger und schreibe mehr, was mich sehr freut. Nun habe ich auch wieder Zeit für mein Buchprojekt. Das mit den Briefen. Ich habe das Konzept im Kopf, schwimme noch etwas ob der Verwirklichung und vor allen Dingen merke ich, dass es mich sehr viel mehr Kraft kosten wird, als ich gedacht hätte.

Außerdem muss ich dringend wieder zu dem Gut meiner Großmutter fahren, dahin, wo sich im Krieg alles abgespielt hat. Der Kurztrip im Januar hat mir viel gebracht. Die Kinder fragen auch schon, wann wir endlich mal wieder hinfahren. Dabei fanden sie den Wald doch so unheimlich!

Vielleicht statt Buchmesse? Hübscher ist es da ja, vor allem trifft man aber viel weniger Leute. Ist das jetzt gut oder schlecht?

06.01.1947: Die ganze Scheidung dauerte kaum eine Woche. (Friedrich)

 Ein Brief von Friedrich, Lenis Mann, an seinen Schwager Rudolf, der in Guatemala wohnt – und folglich wenig Vorstellung hat, was das Nachkriegsleben kostet. So erfahren wir interessante Details. Der Brief ist handschriftlich, ich habe den Durchschlag, der auf herausgerissenen Heftseiten steht. Die Qualität ist sehr schlecht, daher fehlen mir ab und zu Wörter.

R. den 6.1.47. [handschriftlich Leni: bestätigt mit Brief vom 6.5.47]

Lieber Rudolf!

Dein Brief vom 17.12.46 kommt heute an. Ich möchte ihn gleich beantworten, denn verschieben ist nie gut. Hab zunächst einmal den herzlichsten Dank! Wir waren sehr traurig zu lesen, in welchen Schwierigkeiten Ihr Euch befindet. Geld haben wir genug, um zu kaufen, was es zu kaufen gibt, nicht genug, um die Menge zu kaufen, die es offiziell nicht zu kaufen gibt. Als Beispiele: 1 Pfund Kaffee RM 600.-, 1 Pfund Kuchen RM 85.-, 1 Pfund Mehl Rm 30.-, 1 Zigarette RM 5.- etc. Sollten es Deine Finanzen und die Post erlauben, wären wir Dir sehr dankbar, wenn Du gelegentlich etwas Kaffee direkt schicken würdest. Neuerdings sind auch für uns zwei beträchtliche Ereignisse eingetreten. 1) ist der Winter sehr schwer. Wir leben jetzt schon die zweite Kältewelle mit ca. 15° Kälte. Brennmaterial bekommen wir 2 Ztr. quietschnasses Holz im Monat. Das reicht für 2 Tage. Den Rest zu verschaffen, ist unserer „Initiative“ oder unserem Geldbeutel überlassen.

2) Durch die Bürgerschaftswahl vom Okt. 46 wurde Dr. Bucerius II als Bausenator durch einen SPD-Senat ersetzt. Ich möchte als seine rechte Hand ebenfalls zurücktreten. Ich habe diesen Schritt rechtzeitig freiwillig getan. Anschließend war ich mehrere Wochen verreist. U. a. besuchte ich auch Albrechts erste Frau in Murnau. Sie wohnt mit ihrer Schwester im Hause ihres Vaters, der im Ausland ist. Albrechts Sohn fand ich in bester Verfassung vor. Auch besuchte ich Mali, die einen Kunstgewerbeladen in Murnau betreibt. Sie hat vor, bald in die Schweiz zu fahren.

Du fragst nach Albrechts Schwager. [Als] wir in N. lebten und Albrecht in B.hat er uns manche Schwierigkeiten gemacht. Insbesondere war in der Zeit vielfach nicht angenehm, in der Albrechts erste Frau das Fortshaus von N. erbaute. Insgesamt waren das viele Monate. Sie hatte eine recht großzügige Art zu wirtschaften und saß ständig vor dem Rest. Albrecht hat ihr das Leben oft nicht leicht gemacht. Als Albrecht im Frühjahr 1946 Nina v. B. kennenlernte, ließ er sich ohne viel Vorbereitung von heute auf morgen scheiden. Die ganze Scheidung dauerte kaum eine Woche. Kaum 1 ½ Monate später wurde Nina geheiratet, die die Richtige zu sein scheint. Sie ist 22 Jahre alt, niedlich und weiß, was sie will. Beide wohnen am M’weg in Hbg. Wir sehen uns ganz oft und kommen gut miteinander aus.

Von Achim hörte ich nichts. Hertha schrieb auch vor Wochen daß Achim einen Brief begonnen habe. Die Angelegenheit N. ist von großer Wichtigkeit, weil bei Verzögerung ein Kahlschlag zu befürchten ist. Die Russen unterstützen uns mit Holz. [D.h. es gibt Holzlieferungen aus dem Osten, denen der Wald um N. leicht zum Opfer fallen könnte.]

Ob Neger Albrechts Schwiegereltern abgeraten hat, die Ehe zu billigen, weiß ich nicht mit Sicherheit. Es ist jedoch möglich, da sich Neger nicht sehr begeistert äußerte. Albrecht und Neger sehen sich selten. Die Freundschaft scheint nicht sehr eng zu sein.

Du fragst nach meinem Flügel. Nachdem dieser etwa 1 Jahr beschlagnahmt war, konnte ich ihn mir wieder verschaffen. Hier im Haus kann ich ihn bis jetzt noch stellen. Bei Einweisung weiterer Flüchtlinge weiß ich nicht wohin damit. Zum Spielen ist es zur Zeit zu kalt. Als Leni mich im Oktober 45 in N. besuchte, wohnten wir eine Nacht bei den alten Sch. in Güstrow. Sie hatten eine andere gute Wohnung. Auch war er als Anwalt wieder zugelassen. Es ging ihnen damals nicht schlecht. Seitdem habe ich nichts mehr gehört.

Über meine beruflichen Pläne schreibe ich nächstens. Es ist jetzt derart kalt und die Verkehrsmittel derart schlecht und unzuverlässig, daß ich in R. bleibe. Abgesehen davon  daß die Züge reihenweise ausfallen, [unleserlich]

Eben hörte ich eine Rede des Hbg. Bürgermeisters Max Brauer, in der die ganze Hoffnungslosigkeit zum Ausdruck kam.

Wir denken viel an Dich und die Deinen, lieber Rudolf, und hoffen nur, daß Ihr und wir bald das Schlimmste überstanden haben. Einstweilen geht es noch abwärts. Hab auch vielen Dank für Deine Mühe, uns ein Paket durch Klaus zukommen zu lassen.

Herzlichst Dein Friedrich.

Grüß Ingrid von mir sehr herzlich.

Und nun wissen wir auch, wie es mit dem Flügel weiterging. :)