“True Crime”: Interview mit Sam Millar

Gewinne, Gewinne! Im Rahmen der Blogtour um  ”True Crime” (rezensiert habe ich es hier) verlosen wir unter allen eingegangenen Kommentaren fünf Ausgaben des Buches. Dazu müsst Ihr nur in den Kommentaren die Frage beantworten, die am Ende des Interviews steht. Aber lassen wir zunächst Sam zu Wort kommen.

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Erst einmal vielen Dank fürs Lesen, Gesa, und dass du dir die Zeit nimmst, mir ein paar Fragen zu stellen. Ich weiß das zu schätzen.

Herzlichen Glückwunsch, Sam. Das ist ein großartiges Buch. Ich finde es sehr ungerecht, dass es so lang gedauert hat, bis es die Übersetzung auf Deutsch gab – aber andererseits geht es hier ja schließlich auch um Ungerechtigkeit, oder? Ungerecht ist auch, dass es zwei Wochen dauert, um an die Originalausgabe ranzukommen. Deshalb konnte ich das Buch nicht auf Englisch lesen, bevor ich das Interview in Angriff genommen habe.

Wenn ich das gewusst hätte, Gesa, hätte ich dir eine Originalausgabe in Englisch geschickt!*

Nachdem du** die Geschichte noch im Gefängnis aufgeschrieben hattest, war es dir wichtig, sie zu veröffentlichen? Quasi um dich davon zu befreien? Oder war es eher die praktische Aussicht auf ein Einkommen?

Ich habe die Geschichte im Gefängnis aus mehreren Gründen aufgeschrieben. Vor allem, um nicht durchzudrehen und nicht ständig an die Brutalität und den Wahnsinn denken zu müssen, aber auch für meine Familie, damit sie eines Tages verstehen würde, was mit mir und anderen jungen Iren an diesem schrecklichen Ort geschehen ist. In meinen kühnsten Träumen hätte ich nicht zu hoffen gewagt, dass das Buch je veröffentlicht werden würde, und dann auch noch mit einem solchen Erfolg und mit Auszeichnungen rund um den Globus (außer in England, natürlich!).

Wie schwierig war es, einen Verlag zu finden? Musstest du viel umschreiben oder wurde das Buch so veröffentlicht, wie es war?

Es war sehr schwierig, den richtigen Verlag für das Buch zu finden. Niemand in England wollte das Buch veröffentlichen, wenn ich nicht alle Kapitel über die Folter als politischer Gefangener in Long Kesh streichen würde. Ich weigerte mich, somit wurden alle Verlegertüren in England vor meiner Nase zugeknallt. Schließlich fand ich einen kleinen irischen Verlag, der mein Buch ohne Zensur veröffentlichen wollte, und über Nacht wurde es zum Erfolg: Es war sechs Monate auf der Bestsellerliste und Warner Brothers kauften die Filmrechte. Ich habe nur wenig umgeschrieben, weil der Verleger die Erzählstimme unverblümt und unbearbeitet belassen wollte.

Wie hast du dich für die Zitate entschieden? Hast du sie nebenbei gefunden oder hast du ausdrücklich nach Zitaten gesucht, die zum Text passten?

Meistens habe ich nach einem passenden Zitat gesucht, manchmal habe ich auch ein gutes Zitat gefunden und beschlossen, es in einem Kapitel zu verwenden.

Um keine Antwort verlegen: Sam Millar (Foto: Sam Millar)

Um keine Antwort verlegen: Sam Millar (Foto: Sam Millar)

Zu deiner Zeit in Long Kesh. Wie bist du damit klargekommen? Wie hast du es geschafft, nicht verrückt zu werden? Ist es möglich, sich ans Protestieren zu gewöhnen?

Wie ich nicht verrückt geworden bin? Manche sagen, ich bin total durchgeknallt! Nein, ernsthaft, einige Gefangene sind psychisch zusammengebrochen. Jeder erreicht irgendwann den Punkt, an dem er zusammenbricht, aber ich hatte das Glück, dass ich stark geblieben bin. Vielleicht hatte meine irische Sturheit etwas damit zu tun. I denke oft an diesen grässlichen Ort zurück und an die Dinge, die die Wärter mit uns angestellt haben, und ich danke dem Himmel, dass ich aus diesem Höllenloch mit ein wenig Restverstand zurückgekommen bin.

Wie gut wussten dein Vater und deine Brüder über dein Leben im Gefängnis Bescheid? Wie haben sie das ausgehalten?

Sie waren am Boden zerstört, weil ich der Jüngste der Familie war, und sie hörten immer wieder von der Folter in Long Kesh. Sie konnten nichts tun, um mich zu beschützen, sie fühlten sich hilflos und waren wütend. Das gilt für alle Brüder, Schwestern und Eltern in der ganzen Welt, wenn sie jahrelang hilflos zusehen müssen, wie ihre Kinder und Geschwister jeden Tag gefoltert und erniedrigt werden. Grauenhaft. Ich glaube, sie lebten nur von Tag zu Tag, immer mit der Hoffnung, dass die Gefangenschaft für mich und meine Kameraden bald enden würde. Meine Familienmitglieder waren Gefangene wie ich, ihre Leben hörten an dem Tag auf, an dem ich nach Long Kesh verschleppt wurde.

Zum Überfall. Du scheinst selbst nicht so genau zu wissen, warum du ihn begangen hast (außer wegen des Geldes, natürlich). War es einfach nur die Möglichkeit, die sich dir offenbarte?

Ich werde oft gefragt, ob ich es fürs Geld getan habe und die Leute sind oft überrascht, wenn ich das verneine. Ich habe es wegen der Herausforderung getan – könnte ich vor bewaffneten Wärtern so einen Überfall begehen, natürlich so, dass keiner verletzt würde? Außerdem wollte ich eine Comicladenkette eröffnen!

Hat Tom dir wirklich nie vergeben? (Nicht, dass man ihm das übelnehmen könnte!) Glaubst du, dass er dein Buch gelesen hat?

Oh, ich vergebe Tom. Ich hoffe nur, dass er mir auch vergeben wird, nach all dem Scheiß, den ich ihm angetan habe.

Ich mag die Art, wie du deine Familie aus dem Buch rauslässt. Aber ich hätte gern etwas über deine Frau gewusst. Ist sie genauso stur wie du oder ist sie einfach die entspannteste Person der Welt?

Ja, meine Frau sollte man nicht zum Narren halten. Ich musste das auf die harte Tour lernen! Sie ist ein großartiger Mensch und meine beste Freundin. Ich bin sehr froh, sie als Partnerin zu haben.

Wie ist dein Leben im heutigen Nordirland? Bist du zufrieden mit der jetzigen Lage?

Die Lage im Norden von Irland ist nicht großartig anders, trotz all der Propaganda in den Medien. Politische Gefangene werden noch immer ohne Gerichtsverhandlung interniert und gefoltert. Ich habe Glück. Als Schriftsteller kann ich mit der Kraft meines Stiftes protestieren.

Als ich das Buch gelesen habe, hatte ich nicht den Eindruck, dass du irgendetwas in deiner Vergangenheit bereust. Hab ich recht? (Ich meine, immerhin taugt der Überfall für eine gute Geschichte!)

Im Laufe des Lebens bereuen wir alle mal etwas. Ich habe den Überfall nicht bereut, außer, dass er in Amerika stattfand. Ich bereue das, weil Amerika immer gut zu mir war und ich Amerika immer geliebt habe. Meine Kinder sind Amerikaner. Ich wünschte, der Überfall hätte in England stattgefunden. Wenigstens hätte das Geld den Briten gehört. Der einzige Trost ist, dass das Geld bei der Lloyds of London versichert war. Also mussten wegen einer lustigen Laune des Schicksals die Briten das Versicherungsgeld bezahlen!

Findest du, dass man immer für die eigene Überzeugung kämpfen sollte, egal, was passiert?

Ich kann nicht für andere Menschen sprechen, weil jede Situation anders ist, aber ich wurde so erzogen, dass man immer für das kämpfen sollte, woran man glaubt und niemals Angst vor Widerstand haben sollte. Besser im Kampf für die Freiheit sterben, als als Sklave leben zu müssen. Deswegen wird Irland eines Tages frei von England sein, egal, wie lange es dauert.

Gibt es etwas, das du deinen deutschen Lesern sagen möchtest?

Ja, ich möchte meinen Lesern in Deutschland danken. Sie haben meine Karl-Kane-Bücher freundlich aufgenommen. Und jetzt endlich werden meine Memoiren in Deutschland veröffentlicht. Das ist ein besonderer Anlass für mich, auf den ich stolz bin. Das Warten hat sich gelohnt. Ich habe wunderbare und sehr nette Leute getroffen, als ich durch Deutschland gereist bin, und werde sie jetzt hoffentlich alle mit „True Crime“ wiedersehen.

* Das macht er jetzt tatsächlich.

** Sam hat mir bestätigt, dass er „a ‚du‘ person“ ist.

Und hier kommt Eure Frage: Muss man stur sein, um Folter zu überleben?

Fünf dieser Bücher werden sich bald auf den Weg zu Euch machen

Fünf dieser Bücher werden sich bald auf den Weg zu Euch machen

Die Beiträge der Blogtour findet Ihr hier:

6.2.: Buchvorstellung

Jacqueline von www.linejasmin.blogspot.de

 7.2.: Bloody Sunday – 30.1.1972

Mel von www.melbuecherwurm.blogspot.de

8.2.: Interview mit Sam Millar

Gesa von www.gesakram.de

 9.2.: Der Überfall

Simone von www.monesleseinsel.blogspot.de

 10.2.: Gefängnis Long Kesh / Hungerstreik

Claudia von www.blog.claudis-gedankenwelt.de

11.2.: Gewinnerbekanntgabe bei allen teilnehmenden Bloggern im Laufe des Tages

Ausgelost wird unter allen kommentierenden Bewerbern und Bewerberinnen.

  • Teilnahme am Gewinnspiel ab 18 Jahren oder mit Erlaubnis des/der Erziehungs-/Sorgeberechtigten
  • BewerberInnen erklären sich im Gewinnfall bereit, öffentlich genannt zu werden(Gewinnerpost) und dass ihre Adresse dem Verlag zwecks Gewinnversands übermittelt wird.
  • Keine Barauszahlung der Gewinne möglich
  • Keine Haftung für den Postversand
  • Versand der Gewinne innerhalb Deutschland – Österreich – Schweiz

15 Gedanken zu „“True Crime”: Interview mit Sam Millar“

  1. Hallo,
    Ja ich denke sturheit bzw reiner Wille zum Überleben gehört dazu
    Liebe Grüße
    Ute

  2. Tolles Interview!

    Ich weiß nicht, ob stur das richtige Wort ist, das ist für mich so negativ. Ich denke, man braucht eine große innere Stärke und Festigkeit. Man muss sich seiner selbst und der eigenen Überzeugung sehr sehr sicher sein, dann kann einen vielleicht auch sonst keiner abbringen.
    Ich halte mich auch für einen recht “sturen” Menschen, aber bei Schmerzen und Folter würde ich sicher ganz schnell einknicken, fürchte ich!

    Daher finde ich es großartig, wenn solche Geschichten geschrieben werden, damit so etwas in Zukunft nicht mehr, oder wenigstens weniger, vorkommen kann!

  3. Auf jeden Fall scheint Sturheit zu helfen, nicht durchzudrehen.

    Sehr interessantes Interview, übrigens! :-)

  4. Huhu,

    Sehr tolles Interview :)
    Stur klingt in meinen Augen nicht ganz richtig. Sicher brauch man Sturheit um zu überleben. Aber noch mehr brauch man den Willen zu überleben. Innere Stärke und auch Selbstbewusstsein.

    Lg Susi Aly

  5. Hallo und guten Tag,

    hm, ich habe Sturheit macht noch wenig Sinn, wenn man gefoltert wird.

    Ich denke , eher man braucht einfach einen starken Willen und ein überaus gutes Durchhaltevermögen…das man das alles seelisch gut überstehen kann…

    LG..Karin..

  6. Hallo Gesa,
    Glückwunsch zu dem tollen Interview.
    Also, es ist ein bisschen schwierig für mich diese Frage zu beantworten. Ich kann auch sehr stur sein, aber bin wenig schmerzresistent. Andererseits ist Folter so eine Extremsituation, dass niemand vorher weiß, wie er reagieren würde. Wie andere schon schrieben, ist ein starker Überlebenswille wohl sehr hilfreich.
    Viele Grüße,
    Mel-anie

  7. Hallo,

    also man braucht auf jeden Fall Willensstärke und dies zu überleben. Das heißt für mich nicht unbedingt das man stur ist.

    LG
    SaBine

  8. Hey Gesa!

    Was für ein Interview! Ich hatte zwischendurch richtig Gänsehaut und Tränen in den Augen! Sehr sehr klasse!!
    Deine Frage … ich glaube, die gehört zu dieser Art Fragen, auf die es kein richtig und kein falsch gibt, sofern man nicht selst dabei war und/oder es erlebt hat.
    Muss man stur sein, um Folter zu überleben? Muss man überhaupt Folter erleben? Ich denke nicht. Und ich denke, dass das auch weniger miit Sturheit, als mit einem starken Überlebenswillen zu tun. Man erträgt die Folter, aber nicht weil man stur ist, sondern weil man in der Lage ist seinen freien Willen, seinen Überlebenswillen und wahrscheinlich auch ein Stück von sich selbst abzuspalten, sodass sie unter dr Folter nicht verloren gehen.
    Allerdings sind das alles nur Mutmaßungen. Ich hab keine Ahnung, ob mein Wille für so etwas Grausam stark genug wäre, deswegen hat der Autor meinen größten Respekt.

    LG
    Tilly

  9. … das kann wohl nur jemand beantworten, der Folter erlebt hat.

    LG
    Barbara

    PS: Ein schönes Interview, danke dafür!

  10. Hmmm – ob das Wort stur hier der richtige Begriff ist? Vor allem benötigt man den starken Willen, um zu überleben, man muss wissen, für was man alles überstehen will (Familie, Freunde,…).

    LG,
    Heidi, die Cappuccino-Mama

  11. Stur? Nein. Aber unglaublich stark. Und optimistisch, mit dem schieren Überleben als Ziel des fiesen Weges.
    Was für ein gruseliges Thema. Und leider so entsetzlich real. :-/

    Das Buch würde ich trotzdem gern gewinnen. Deine Rezension hat mich ganz kribbelig drauf gemacht!

  12. Ich glaube, wichtiger als Sturheit ist ein wirklich guter Grund nicht aufzugeben. Das kann eine Überzeugung sein oder eine Person, wahrscheilich auch was anderes.

  13. Hallo Gesa,
    fantastisches Interview. Vielen herzlichen Dank. Als Leser bekommt man einen tollen Eindruck von Sam Millar und ich bin jetzt noch gespannter auf das Buch.
    Ich persönlich denke, dass es auf die Art der Folter ankommt, ob man stur sein muss.
    Generell ist Sturheit, an großer Wille, viel Kraft und ein Lichtblick am Ende sehr wichtig. Gerade bei der Folter, von der hier die Rede ist. Aber wenn Frauen von Männern oder andersrum oder eigentlich auch egal wer von wem gefoltert wird – und das zum sexuellen Vergnügen, dann könnte ich mir vorstellen, dass ein Draufeingehen auch hilfreich sein könnte um den anderen zu verwirren und um den Verstand zu bringen. Aber normalerweise wird man es wahrscheinlich nur schlimmer machen, wenn man irgendwie anders reagiert als erwartet.
    Herzliche Grüße, Verena.

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