“Ad hoc visualisieren”: Interview mit Malte von Tiesenhausen

Malte! Ein Buch mit lauter bunten Bildchen, die einem das Erstellen von lauter bunten Bildchen erklären. Das ist so cool!

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Aber bleiben wir sachlich. Du verdienst dein Geld damit, dass du die Dinge malst, die andere gerade erklären oder erzählen oder sonstwie von sich geben. Du weißt vorher nicht, was sie sagen werden, du malst einfach so rum. So, wie man sich in einer Vorlesung Notizen macht, nur in bunt. Richtig?
Oder doch anders? Wie anstrengend ist das? [Für den Zuschauer ist es, um man von mir auf andere zu schließen, oft interessanter als das Gesagte.]

Ich finde das überhaupt nicht anstrengend. Eigentlich ist das aktives Zuhören mit einem Add-On, dem Zeichnen. Also zu einem Drittel zuhören und den roten Faden finden, das Gehörte mit bekannten Bildern verknüpfen – das ist das nächste Drittel – und dieses Bild dann aufzeichnen, das ist das letzte Drittel. Das Bild unterstützt die Kommunikation.

Die Eckpfeilerdrittel

Die Eckpfeilerdrittel

Hast du beim Ad-hoc-Visualisieren schon mal so richtig den Faden verloren? Oder irgendwas total falsch verstanden?

Nur einmal war ich thematisch ziemlich „lost“, das war eine monoton vorgetragene Power-Point-Präsentation mit Kolonnen von statistischen Ergebnissen aus verschiedenen Ländern. Ich habe dann Teile der Kolonnen und die entsprechenden Länderflaggen aufgemalt.
Üblicherweise funktioniert es aber sehr gut, visuell zu folgen. Der große Vorteil an der Technik des Graphic Recording ist, dass man die Zuhörer zu „Mittätern“ macht: die Visuals dienen im hohen Maße der Unterstützung von Erinnerung und Kommunikation. Sollte ich also tatsächlich mal einige Details nicht vollständig verstehen, kann ich dennoch mit Bildern Erinnerungsstützen schaffen, die von den Teilnehmern der Veranstaltung dann kognitiv ergänzt werden.
Und wenn das Thema sehr komplex ist, setze ich mich im Vorfeld mit den Veranstaltern zusammen, das hilft enorm.

Experten (das sind die Blumen) sind in ihren Themen verwurzelt, brauchen aber Hilfe, um sich gegenseitig zu befruchten.

Experten (das sind die Blumen) sind in ihren Themen verwurzelt, brauchen aber Hilfe von außen (von den Bienen), um sich gegenseitig zu befruchten.

Du erntest bei deinen „Auftritten“ (wie nennt man das?) sicher meistens Bewunderung und Lob. Oder nicht? Gabs auch schon Niedermacher?

Nein. Es gibt öfter Skepsis im Vorfeld. Aber im Zweifelsfall finden alle gut, was ich mache!

Leute, die gut zeichnen können, behaupten oft, dass es eigentlich niemanden gibt, der nicht zeichnen kann. Du scheinst das auch so zu sehen. Und ja, natürlich kann man sich vieles aneignen, aber den einen fällt es eben leichter als den anderen. Warum sollen die anderen, denen es nicht leicht fällt, sich dann trotzdem mit dem Stift abmühen?

Siehe Seite 50. :) Man muss ja nicht gleich Rockstar werden. Jeder kann sich alles aneignen und alle haben das Zeichnen als Kinder jahrelang geübt. Keiner startet bei Null. Kinder vereinfachen die Dinge, die sie zeichnen. Erst im Alter von 9 bis 12 Jahren wächst das Bedürfnis, die Realität darzustellen, gleichzeitig ist man in dem Alter aber sehr kritikanfällig und so geben viele das Zeichnen auf.
Talent kann aber auch Entwicklung verhindern, weil man dann nicht übt. Ohne Talent wiederum fängt man gar nicht erst an. Wichtig ist, dass man Freude am Zeichnen hat, dann lässt es sich wie ein Handwerk erlernen.

Fies! Das ist gar nicht Seite 50!

Fies! Das ist gar nicht Seite 50!

Das Buch vermittelt den Eindruck, als hättest du die ganze Zeit Spaß beim Arbeiten. Ist das so?

Ja. Spätestens, wenn es losgeht, macht es Spaß.

Ich gehe davon aus, dass du ein gutes visuelles Gedächtnis hast. Ich weiß aber auch, dass du dir Zitate und Texte gut merken kannst. Hast du da eine bestimmte Merktechnik?

Ich merke mir die Dinge, die mich interessieren und baue mir visuelle Eselsbrücken. Bilder, Metaphern und Symbole sitzen direkt an den neuronalen Knotenpunkten und lassen sich leichter abrufen, wenn man sie braucht.

Wäre je ein anderer Beruf als „was mit Stift“ für dich infrage gekommen?

Ich habe schon immer gern gezeichnet. Das als Beruf zu machen habe ich mich aber nicht wirklich getraut, also habe ich Grafik-Design studiert. Am Ende habe ich mir ein Freisemester genommen und ganz viel gezeichnet, das war für mich der Moment, an dem ich wusste: „Genau das willst du machen!“
Ich habe auch viel in Bands gesungen, ich stehe gern auf der Bühne. Das habe ich jetzt prima kombiniert, indem ich auf der Bühne stehe und zeichne.

Malte von Tiesenhausen, Visualisierungsbiene

Malte von Tiesenhausen, Visualisierungsbiene

Warum hast du das Buch geschrieben? Möchtest du allen erklären, wie einfach das ist, und dir damit deinen eigenen Arbeitsplatz streitig machen? Und – ist es wirklich so einfach, wie du es darstellst?

Das Thema gibt genug für alle her. Mein letztes Buch ist schon lange her, seitdem habe ich viel gelernt – außerdem gibt dieses Buch die Antwort auf die ständige Frage „Was genau machst du eigentlich?“. Und es ist die perfekte Ergänzung zum Buch von meinem Partner bei Visual Facilitators, Mathias Weitbrecht, das die Theorie und Haltung hinter dem Beruf darstellt.

Zu guter Letzt: Was findest du selber an deinem Buch das Beste?

Dass ich es anderen in die Hand drücken kann! Außerdem ist es das aktuelle Résumé meines Schaffens.

Danke, Malte!

Übrigens kann man bei den Visual Facilitators auch einen Newsletter abonnieren. Was aber noch viel cooler ist: Sie bieten Trainings an.