Am Verfallen: die Wagenremise

17.01.1946: Es folgt dann die furchtbarste Fahrt meines Lebens. (Leni)

Leni schreibt an die Mutter der verstorbenen Gärtnerin. Dies ist nach allem, was ich bisher gefunden habe, der einzige Brief, der die Ereignisse des 1.5.45 im Detail schildert. Letzten Sonntag waren mein Vater (“das Baby”), meine Mutter und ich unterwegs auf Lenis Spuren und kamen auch an dem Gut vorbei, an dem der Beschuss stattfand. Über den Beschuss selbst konnten wir bisher nichts herausfinden (wer weiß etwas über Tieffliegerangriffe in Mecklenburg am 1.5.45?), wohl aber über das Gut. Herrenhaus und Wagenremise stehen noch, vom Pferdestall wissen wir, wo er stand. Wenn das Gutstor sich an der Straße befand (was ich annehme), betrug der Weg von dort zur Wagenremise etwa 80 Meter.

R., den 17.I.46

Sehr geehrte Frau G.!

Heute früh erhiehlt ich Ihren Brief vom 2.I. und will versuchen Ihnen nochmal genau zu schildern, was sich seiner Zeit an dem unglücklichen I. Mai zutrug. Am 30. April hatten wir unser Gut verlassen und befanden uns am I. Mai abends vor einem Gut W., als die Tiefflieger kamen. Wir verließen alle die Wagen und suchten Deckung in Gebäuden, Gräben, Häuserwänden u.s.w. Ihre Tocher [die Gärtnerin] blieb mit der Litauerin Paulina [einer weiteren Angestellten] zusammen und ich stand mit meinen drei ältesten Kindern in einem Pferdestall und hatte das Baby im Kinderwagen allein auf dem Treck zurücklassen müssen. Die Kinder weinten sehr und waren furchtbar ängstlich. Die Tiefflieger flogen nach einiger Zeit fort, sodaß wir uns aus der Deckung wagten.

Am Verfallen: die Wagenremise

Am Verfallen: die Wagenremise

Ich wollte mit den Kindern zum Treck zurückgehen um zu sehen, was aus dem Baby geworden war und traf am Gutstor mit Ihrer Tochter zusammen. In demselben Moment kamen die Flieger zurück, und Ihre Tochter meinte, wir könnten am Tor stehen bleiben und unter dem Baum und an der Mauer Schutz suchen. Wir saßen alle zusammen geduckt beieinander und wenige Minuten später waren wir alle verwundet. Ihre Tochter brach lautlos zusammen und ich schleppte meine beiden schwer verletzten Kinder unter eine Wagenremise, während mein einer Junge noch gehen konnte. Es war alles so fürchterlich, daß Worte diese schrecklichen Augenblicke nicht widergeben können. Ihre Tochter wurde ebenfalls auf meine Veranlassung hin zur Wagenremise gebracht und wir wurden dort von den im Quartier liegenden Militärärzten verbunden u. anschießend alle ins Haus gebracht. Ihre Tochter hatte eine Kopfverwundung, rechte Seite, ebenfalls das rechte Handgelenk. Ob sie mehr Verwundungen am Körper hatte, kann ich nicht sagen, die Militärärzte hielten sie für so schwer verwundet, daß sie sagten, daß sie höchstens noch eine Stunde leben würden. Sie hat die Besinnung solange ich bei ihr war nicht wieder bekommen. Mein drittes Kind, welches ich beim Angriff im Arm hatte, bekam einen Lungen-, Kopf- und Handschuß, und die Ärzte trieben mich zur Eile, wenn ich das Kind retten wollte, sofort nach Schwerin zu fahren. Ich bekam einen Wagen zur Verfügung gestellt und wollte Ihre Tochter mitnehmen, aber die Ärzte sagten nochmal, daß es hoffnungslos sei. Somit fuhr ich mit meinen dreien im Militärwagen Richtung Schwerin und ließ das Baby zurück, in der Annahme es in einigen Stunden oder am nächsten Tag holen zu können. Es folgt dann die furchtbarste Fahrt meines Lebens. Die Straßen verstopft, brennende Wagen auf der Straße und in Gräben, stockfinstere Nacht, keiner durfte mit Licht fahren, wegen der dauernden Flieger und im Wagen auch alles dunkel, neben mir das sterbende und stöhnende Kind, dem ich nicht die geringste Hilfestellung geben konnte, da mein rechter Arm durch die Verwundung vollkommen unbeweglich und sehr schmerzhaft war. Mein Kind starb, ohne daß ich es sehen noch ihm helfen konnte und der Wagen hatte eine Panne, sodaß wir die ganze Nacht auf der Chaussee lagen. Erst am nächsten Morgen trafen wir in Schwerin ein und dann zog nach einer Stunde der Amerikaner ein und der Russe kam bis Muess, ca 7 km vor Schwerin.  Das tote Kind durfte nicht mit in den Krankenwagen und blieb allein im Auto liegen und erst nach 8 Tagen gelang es mir, den kleinen Jungen schließlich wieder zu finden und zu beerdigen. Aber glauben Sie nicht, daß ich das Grab je wieder finden werde, denn es waren solche Massenbeerdigungen in den Tagen, und alles ging so drüber und drunter wovon sich niemand eine Vorstellung machen kann, der es nicht miterlebt hat. Ich nehme an, daß es ähnlich auf dem Gut war. Ich habe mit allen Mitteln versucht, dorthin zurück zu kommen, um nach Ihrer Tochter zu sehen und mein Baby zu holen, bekam von den Amerikanern auch sogleich die Erlaubnis, aber es gelang mir nicht durchzukommen, andererseits wollte ich meine beiden anderen verwundeten Kinder nicht allein im Krankenhaus lassen.

Der Brief bricht hier ab, es ist auch offenbar nur eine Kladde für den endgültigen Brief. Die russische Linie muss sich wirklich unmittelbar hinter Leni befunden haben. Die Distanz von Schwerin zum zurückgelassenen Sohn dürfte rund 20 km betragen haben. So wenig, und doch unmöglich, durchzukommen – es ist kaum vorstellbar. Auch nicht fassen kann ich, dass das Gutshaus am Verfallen ist, obwohl es noch vor 20 Jahren in einem guten Zustand gewesen sein muss. Und am allerwenigsten kann ich fassen, dass es trotzdem noch Menschen gibt, die nichts aus der Geschichte gelernt haben. Wenn man durch ein Fenster des Gutshauses guckt, sieht man das hier:

Manche lernen nie dazu

Manche lernen nie dazu

2 Gedanken zu „17.01.1946: Es folgt dann die furchtbarste Fahrt meines Lebens. (Leni)“

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